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Aus meinem Jugendland

Isolde Kurz: Aus meinem Jugendland - Kapitel 14
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus meinem Jugendland
authorIsolde Kurz
year1918
firstpub1918
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart/Berlin
titleAus meinem Jugendland
pages264
created20151108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein französischer Revolutionär. Jugendeseleien

Zu Ende der sechziger Jahre verkehrte bei uns ein Franzose, Dr. Edouard Vaillant, der als späterer Minister der Kommune bestimmt war, in der Geschichte seines Vaterlandes eine Rolle zu spielen. Daß ich diesen Mann kannte, hat mir den Geist der großen französischen Revolution näher gebracht als alle Geschichtsstudien: der starre doktrinäre Robespierre und der tiefglühende, unheimliche Saint Just schienen in seiner Person beisammen, aber in veredelter Ausgabe. 1867 war er zum erstenmal nach Tübingen gekommen, um seine in Paris betriebenen medizinischen Studien, denen technische vorangegangen waren, zu vervollständigen, und hatte sich mit einer Empfehlung Ludwig Pfaus, der ihn von Paris her kannte, bei uns eingeführt. Er war damals siebenundzwanzig Jahre alt und hatte bereits promoviert. Schon Vaillants Äußeres bezeichnete den ganzen Menschen: mittelgroße, hagere Gestalt, bleiches Gesicht mit buschigem, schwarzem Haar, Züge, die bis zur Verzerrung unharmonisch waren, und dunkle, flackernde Augen, in denen der Fanatismus brannte. Im Betragen jedoch gewinnend durch Bescheidenheit, seine Erziehung und persönliches Wohlwollen. Keine Spur von gallischer Eitelkeit, aber auch nichts von der vielgerühmten Grazie seiner Landsleute. Das Sprechen leidenschaftlich, aber abstrakt und farblos. Ich ging ja noch in Kinderschuhen, als Vaillant unser Haus zum erstenmal betrat, aber auch für Kinderaugen war diese Erscheinung völlig durchsichtig, und ich glaube nicht, daß sein späteres Leben an dem Bild, das ich von ihm bewahre, viel geändert hat. Aus dem Städtchen Vierzon im Departement Cher gebürtig und selber 157 jener besitzenden Bourgeoisie, die er so sehr haßte, entstammend, widmete Vaillant von früher Jugend seine Kräfte und Mittel der Sache des Proletariats. Er gehörte der Blanquistischen Richtung an und hatte schon im Jahre 1864 in London die erste Internationale mitbegründen helfen. Vom Staatssozialismus, der nach Reformen strebt, wollte er nichts wissen; sein A und O war der soziale Umsturz. Die Revolution von 1793 hatte nach ihm ihr Werk nur halb getan: sie sollte durch das Proletariat erneuert und mit Niederhaltung der bevorrechteten Klassen zum republikanischen Sozialstaat durchgeführt werden. Der Proletarier war für ihn der einzig wahre Mensch; ich besitze noch ein Jugendbild von ihm, worauf er selbst in der Arbeiterbluse dargestellt ist. Auch die ausgebreiteten Kenntnisse, die er sich erwarb – er trieb neben seinem Fach noch deutsche Philosophie, besonders Hegel, und sozialwirtschaftliche Studien –, hatten vor allem den Zweck, der Partei zu dienen.

Meine Mutter nahm bei ihrer Hinneigung zu französischem Wesen und ihrem feurigen Glauben an die drei magischen Formeln der Revolution den stillen, ernsten Vaillant mit großer Herzlichkeit auf, und dieser verbrachte manche Stunde in unserem Hause. Zumeist in Gesellschaft seines Gesinnungs- und Studiengenossen, des geistig strebsamen, charaktervollen Artur Mülberger, der zum eisernen Bestand unseres kleinen Kreises mitgehörte. Es war ein äußerlich und innerlich sehr ungleiches Freundespaar. Dem blonden, seelenruhigen Schwaben war der Sozialismus eine wissenschaftliche Aufgabe, der heißblütige Franzose, zu jedem Äußersten bereit, wartete nur auf den Augenblick zur Tat. Mein Vater, dem sein Amt und die literarische Arbeit ohnehin wenig Zeit für Geselligkeit ließen, schätzte in dem französischen Hausfreund die Reinheit und geradezu katonische Ehrenhaftigkeit des Charakters, aber innere Berührungspunkte hatte er keine mit ihm. Denn es gebrach Vaillant bei völliger Abwesenheit der Phantasie 158 an jeder Spur einer künstlerischen Ader, die Welt des Schönen war ihm verschlossen, er sah alle Dinge durch die Brille seiner radikalen Dogmatik an. Überhaupt hing ein Schleier zwischen ihm und dem Leben. Einmal begegnete er auf der Straße meinem Vater, als dieser gerade zu seinem herzkranken Jüngsten heimging, und schüttelte ihm erfreut die Hand mit der Mitteilung, daß er unmittelbar von einem Pockenkranken komme . . .

Für Deutschland hegte Vaillant damals eine Bewunderung ähnlich der des Tacitus für unsere Voreltern. Die Einfachheit des äußeren Lebens hatte es dem Bedürfnislosen angetan. Daß die Geselligkeit sich zumeist in der freien Natur abspielte, gab ihm einen Schmack Rousseauscher Ursprünglichkeit. Aber Jugendfreuden kannte er nicht. Auch auf den Ausflügen blieb er immer ernst und gemessen. Er philosophierte mit meiner Mutter oder spielte aus Gefälligkeit mit meinen jüngeren Brüdern, doch er lachte nie. Einmal traf ihn bei solcher Gelegenheit im Schwarzwaldbad Imnau der Balken einer Drehschaukel so schwer an die Stirn, daß er ohnmächtig wurde und mit vielen Nadeln genäht werden mußte. Da war der Röteste aller Jakobiner voller Zartheit nur bemüht, meiner Mutter und mir den Anblick der Wunde zu entziehen. Ganz besonders sagte ihm der freie und unschuldige Verkehr der Geschlechter zu. Daß ein junges Mädchen ohne schützende Korridortür in einem Hause wohnen konnte, dessen Unterstock ein die halbe Nacht hindurch belebtes Studentencafé war, setzte ihn in das größte Erstaunen. Er sprach mit bitterem Schmerz von der sittlichen Verkommenheit des Empire, und auch über die Rasseeigenschaften seiner Landsleute äußerte er sich ganz unumwunden. Ich erinnere mich, wie er einmal von ihrer sinnlich-grausamen Anlage sagte, der Gallier habe statt des Blutes Vitriol in den Adern.

Die große Verehrung, die er für meine Eltern empfand, gab ihm sogar den Wunsch ein, sich der Familie noch näher 159 zu verbinden, denn er übertrug mit der Zeit sein Freundschaftsgefühl für die Mutter auch auf die heranwachsende Tochter. Aber dem Kinde war seine düstere Einseitigkeit zu fremd und unheimlich, auch hatte er bei aller Vorliebe für das deutsche Leben nicht begriffen, daß in Deutschland der Weg ins Herz der Tochter nicht über die Eltern geht. Seine humorlose Überzeugungstreue, die ganz barocke Formen annehmen konnte, gab steten Anlaß zu einem kleinen scherzhaften Kriege. So erheiterte er mich einmal durch den Rat, nicht auf dem Pferd sondern lieber auf dem Esel zu reiten, weil das Pferd das Aristokratentier sei. Aber er hielt es meiner Jugend zugute, daß ich für seine Theorien nicht zu gewinnen war, und versicherte, ich sei dennoch très révolutionnaire, weil er sah, wie mich das Spießbürgertum meiner freien Erziehung wegen aufs Korn genommen hatte. Révolutionnaire war in seinem Munde das höchste Lob. Er hetzte das arme Wort zu Tode, indem er es auf alle möglichen und unmöglichen Dinge anwandte, daher wurde es für uns Jüngere ein Neckwort, und sein Ringen mit der deutschen Sprache nannte ich la grammaire révolutionnaire. Er beherrschte das Deutsche vollkommen, nur Artikel und Aussprache blieben ihm unerringbar. Meinen so leichten Vornamen lernte er niemals sprechen, sondern nannte mich immer auf altfranzösisch: Mademoiselle Yseult.

Im folgenden Jahre kam auch seine Mutter nach Tübingen und schloß einen Freundschaftsbund mit der meinigen trotz der Grundverschiedenheit der Lebensauffassungen, die beiden nicht ins Bewußtsein trat. Die treffliche Dame wurzelte mit all ihren Neigungen und Gewohnheiten in dem wohlhabenden Bourgeoistum, dem der Sohn den Untergang geschworen hatte. Aber aus vergötternder Mutterliebe zwang sie sich so zu denken wie er dachte und alles zu bewundern, was ihm gefiel. Auch dem einfachen Tübinger Leben suchte die an alle Verfeinerungen gewöhnte Frau Geschmack abzugewinnen, so fern 160 ihrem wahren Wesen die Rousseauschen Ideale standen. Mir brachte sie die größte Herzlichkeit entgegen und wollte mich gleich ganz unter ihre Fittiche nehmen. Bei der Abreise drang sie in meine Eltern, mich ihr zur Ausbildung nach Frankreich mitzugeben. Mein Vater sprach aber ein ganz entschiedenes Nein, weil ich mit meinen vierzehn Jahren viel zu jung sei, um in so fremde Verhältnisse einzutreten. Meine Mutter vertröstete sie auf ein späteres Jahr. Und während der Sohn sich mit Mülberger nach Wien begab um weiter zu studieren, wurde der Verkehr durch den Briefwechsel der beiden Mütter aufrechterhalten.

Im Spätjahr 1869 kam Vaillant zum zweitenmal nach Tübingen. Er war voller Hoffnung auf das Netz der revolutionären Propaganda, das ganz Frankreich durchzog, und prophezeite den nahen Umsturz. Damals gab es in Württemberg noch keine eigentliche Arbeiterbewegung, aber der Sozialismus lag doch schon in der Luft. Ein kleiner Kreis von Studierenden schloß sich um Vaillant zusammen; man hielt den »Volksstaat«, wollte die soziale Frage lösen und sang in den feuchteren Abendstunden die Marseillaise oder den Girondistenchor. Es dauerte bei den meisten nicht lange, denn die deutsche Sozialdemokratie hatte damals noch nicht so viel Geist, Talent und Bildung in sich aufgesogen, daß es feineren oder vielseitigeren Naturen leicht auf die Dauer dabei wohl sein konnte. Aber einen mittelbaren Einfluß auf die spätere Gestaltung der Partei hat Vaillants Tübinger Aufenthalt doch ausgeübt, da infolge persönlicher Beziehungen, die letzten Endes auf ihn zurückgehen, Albert Dulk der Vorkämpfer der sozialistischen Gedanken in Württemberg wurde. Seine Tochter Anna lernte nämlich in dem Tübinger Kreise einen jungen österreichischen Sozialisten aus dem besseren Arbeiterstand kennen, der in den Wiener Hochverratsprozeß von Oberwinder und Genossen verwickelt gewesen, und verlobte sich heimlich mit ihm. Ich kann sie noch sehen, wie sie eines 161 Tages mit ihren wallenden Locken und schwärmerischen Blauaugen vor mich trat, in jeder Hand eine brennende Kerze, vielleicht um mich besser zu erleuchten, und mir ihres Herzens Will' und Meinung kundtat. Sie begann auch alsbald mit ihrer höheren Bildung an dem jungen Mann zu modeln und zu schleifen und hatte das bewegliche Wiener Blut schnell so weit, daß sie ihn ihrem Vater zuführen konnte. Dieser sträubte sich gewaltig, sowohl gegen die Heirat wie gegen die Partei, aber der künftige Schwiegersohn überschüttete ihn mit sozialistischer Literatur, und unter ihren endlosen Redekämpfen ereignete sich der seltsame Fall, daß die beiden Streiter sich gegenseitig bekehrten: der junge mäßigte seine Anschauungen und zog sich mehr von der Bewegung zurück, der alte trat ihr mit dem ganzen Feuer seiner Natur bei und wurde der Paulus der neuen Gemeinde, der er bis an sein Lebensende durch alle Nöte, Anfechtungen und Verfolgungen treu blieb. An einer Blockhütte im Schurwald bei Eßlingen, wo er in seinen letzten Lebensjahren wochenlang tiefeinsam zu hausen pflegte, hat ihm die dankbare Partei sein Denkmal errichtet.

In dem kleinen Tübinger Kreise wurden jetzt an Stelle der bisherigen humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon, Marx, Lassalle und Bebel erörtert. Als es einmal bei einer solchen Sitzung ganz besonders jakobinisch zuging, fragte ich: Werden in dem neuen Sozialstaat auch Frauen hingerichtet, wenn sie anderer Meinung sind? Worauf die deutsche Jugend einstimmig antwortete: Die Frauen werden stets verehrt, sie mögen denken, wie sie wollen. Vaillant dagegen erklärte mit unerschütterlichem Ernst: Freilich müssen Frauen hingerichtet werden; sie sind von allen Gegnern die gefährlichsten, – was die mitanwesende Hedwig Wilhelmi zu stürmischem Beifall hinriß, weil er unser Geschlecht doch höher zu stellen scheine als die andern. Man fühlte ihm an, daß er imstande war, blutigen Ernst zu machen.

162 – – – Inzwischen wurde trotz der Weltkatastrophe, die ich täglich mit Feuerzungen ankündigen hörte, weiter getanzt und Schlittschuh gelaufen und das Recht der Jugend auf Gedankenlosigkeit ausgenützt. Den Ballstaat sandte Lili oder vielmehr ihre Mutter fix und fertig aus dem geschmackvolleren Mainz. Da kamen in großen Pappschachteln Dinge, die in Tübingen nicht zu haben waren: ein rosa Tarlatankleid von solch hauchartiger Leichtigkeit, daß erst sechs Spinnwebröcke übereinander den gewünschten Farbenton ergaben, der davon die durchsichtigste Zartheit erhielt; dazu ein voller Rosenkranz für die Haare. Ein andermal war es ein Kleid aus weißen Tarlatanwolken mit schmalem grünem Atlasband durchzogen nebst einem Schilfzweig und Wasserrosen. Diese Herrlichkeiten konnten nur eine Nacht leben und kosteten so gut wie gar nichts. An den Ansprüchen des 20. Jahrhunderts gemessen wären sie bescheiden bis zur Armseligkeit, sie kleideten aber jugendliche Gestalten feenhaft, und wenn man am Abend angezogen dastand, lief die ganze Nachbarschaft zusammen, um das Wunder anzustaunen. Für minder feierliche Anlässe trug man weiße Mullkleider mit Falbeln oder den so gern gesehenen blumigen Jakonett, der gleichfalls der Jugend reizend stand. Der Schnitt war der heutigen Mode sehr ähnlich, indem man den Umfang der nunmehr verewigten Krinoline durch Weite des Rockes und Fülle der Falten ersetzte.

Man muß das Leben in einer kleinen Universitätsstadt kennen, um zu verstehen, unter welchen Himmelszeichen dort ein junges Mädchen heranwuchs und was solche Festlichkeiten für sie bedeuteten. Keine Prinzessin kann mehr verwöhnt werden. Tübingen besaß gegen tausend Studenten, lauter junge Leute in der Lebenszeit, für die das andere Geschlecht die größte Rolle spielt. Und all die in der kleinen Stadt zusammengesperrten Jugendgefühle hatten sich auf wenige Dutzend junger Mädchen zu verteilen, unter denen sich wieder eine kleine Zahl Auserwählter befand. Diese lebten wie junge 163 Göttinnen in einem beständigen Gewölke zu ihnen aufsteigender Weihrauchdüfte: Blumensendungen, Serenaden, geschriebene Huldigungen in Vers und Prosa bildeten das Semester hindurch eine lange Kette und wiederholten sich im nächsten von anderer Hand. Es brauchte entweder einen sehr festen oder einen ganz alltäglichen Kopf, um nicht ein wenig aus dem Gleichgewicht zu kommen, oder Brüder, die durch ihre Spottlust die Eitelkeit niederhielten. Neben den wenigen befreundeten Gesichtern, die man immer gern wiederfand, drängte sich auf jedem Ball ein Haufe neuer Erscheinungen heran, die oft gar nicht mehr als einzelne, sondern nur als Zahl wirkten. Die leichten weißen oder rosa Ballschühchen waren meist schon zertanzt, bevor der Kotillon begann, daß man zu dem mitgebrachten Ersatzpaar greifen mußte. So berauschend solche Ballabende waren, darin aufgehen wie andere Mädchen konnte ich nicht. Ich war ja stets die Jüngste, da meine Jahre mir eigentlich den Ballbesuch noch gar nicht gestattet hätten. Gleichwohl war immer einer in mir, der ganz gelassen zusah und die Sache als bloßes Schauspiel betrachtete. Und mein Vater, der niemals mitging, aber alles richtig sah, brachte die Gedanken dieses einen in Worte, indem er warnenden Freunden sagte: Laßt sie, je früher sie die Torheiten mitmacht, je eher wird sie damit fertig sein. Er behielt recht, denn als ich in das eigentliche ballfähige Alter trat, lag die ganze süße Jugendeselei schon hinter mir.

Von irgendeinen. Zukunftsplan war keine Rede. Oft wurde ich von Bekannten gefragt, warum ich nicht zur Bühne ginge, wohin mich äußere Anlagen zu weisen schienen. Es war dies mein liebster, heimlichster Traum. Aber alle Hilfsmittel fehlten; ich hatte noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, ein besseres Theater zu sehen als die Tübinger Sommerschmiere. Und die ängstlichen Abmahnungen welterfahrener Freunde fielen meinem Vater schwer aufs Herz, der wohl wußte, daß ich nicht die hürnene Haut besaß, die 164 stichfest macht im Ränkespiel des Künstlerlebens. Eines Tages fand mich Edgar, wie ich auf den Rat einer theaterkundigen Freundin bemüht war, mich zunächst im deutlichen Sprechen zu üben, und da er glaubte, ich gedächte mit so übertriebener Lautbildung vor die Zuschauer zu treten, überschüttete er mich nach seiner Art mit Spott und Tadel und war durch keine Erklärung von seinem Irrtum abzubringen. Unter seinen fortgesetzten Angriffen, die teils dem besagten Mißverständnis, teils seinen wunderlichen Launen entsprangen und gegen die mir niemand beistand, verlor ich allmählich Lust und Mut. So fand ich bei der eigenen Hilflosigkeit und der zersplitternden Vielfältigkeit unseres Daseins nicht einmal mehr den rechten Willen, geschweige einen Weg, die ersten Schritte zu tun. Zwischen Tanz und Eislauf hielten mich die Übersetzungen für den »Ausländischen Novellenschatz« beschäftigt, die mir die beiden Herausgeber, mein Vater und Paul Heyse, anvertraut hatten. Da ich schon vom zwölften Jahr an für den Druck übersetzte, war meine Feder sehr geübt, und das Nadelgeld, das daraus floß, entlastete meine Eltern von allen Sonderausgaben für die Tochter. Als mein Vater sah, daß er mir auch kleine schonende Kürzungen und Übergänge, die gelegentlich an den Texten nötig wurden, getrost überlassen konnte, war er sehr zufrieden mit mir. Durch Heyses Vermittlung erhielt ich nun auch einen zweibändigen italienischen Roman zum Verdeutschen und Zusammenziehen, die prächtigen »Erinnerungen eines Achtzigjährigen« von Ippolito Nievo. Ich kam aber nur sehr langsam vorwärts, da ich noch lange keinen eigenen Raum hatte und im gemeinsamen Familienzimmer schreiben mußte, wo auch die Besuche empfangen wurden und wo ich häufig zwischen dem Gespräch und der Arbeit geteilt saß. – Meine größte Schwierigkeit aber war und blieb das Verhältnis zu der abgöttisch geliebten Mutter. Ihre damaligen Lebensanschauungen, ganz aus der Theorie geboren, schwebten 165 ja so hoch über der Erde, daß sie die Bedingungen unseres Planeten übersahen: sie vertrugen sich weder mit dem natürlichen Gefühl eines heranreifenden Mädchens noch mit deren Stellung zur Außenwelt. Sie darauf hinweisen, hieß den Zwiespalt verschärfen, denn ihre Kämpferseele fand, daß man nicht frühe genug für seine Überzeugungen streiten und leiden könne, und bedachte dabei nicht, daß es ja vielfach gar nicht die meinigen waren.

So hatte ich glücklich das sechzehnte Jahr erreicht. Aber das große, außerordentliche, jenes unfaßbare »Es« wollte nicht kommen. Es blieb nichts übrig, als in Phantasie und Dichtung nach dem Stoffe zu suchen, den das eigene Leben nicht zu bieten hatte. Auch für andere gab es in der Enge des Daseins keine rechte Grenze zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Als mir einmal eine bildhübsche Altersgenossin geheimnisvoll anvertraute, daß ihr bei der Parade in Stuttgart ihr Lieblingsdichter Theodor Körner erschienen und ihr zu Pferde bis an die Haustür gefolgt sei, hütete ich mich wohl zu erwidern, es werde eben ein Offizier der Garnison dem Sängerhelden ähnlich sehen, sondern ließ die Sache dahingestellt, da ich ja doch täglich auch auf ein Wunder wartete. Sollten denn nicht um der Sechzehnjährigen willen, wenn sie gar so niedlich sind, die Längstverstorbenen aus den Gräbern steigen? Was mich betrifft; so suchte ich mir meine Schwärmereien natürlich unter den Griechen. Es war ja das Schöne, daß gar kein Bücherstaub auf ihren Häuptern lag, weil Mama uns von klein auf gewöhnt hatte, mit ihnen wie mit Lebendigen zu verkehren. Man ging in ihre Welt, wie man in ein anderes Stockwerk tritt; so konnte man sie auch nach einer Ballnacht gleich wieder finden. Mit der Zeitrechnung ließ ich mich ohnehin nicht ein. Alles Vergangene war mir noch vorhanden und nur wie zufällig abwesend. Wenn ich des Nachts im Bette noch mit dem Nachhall der Tanzmusik in den Ohren ein Kapitel im Plutarch las, so war das keine Literatur, 166 sondern ein Wiedersehen mit alten Freunden. Vor allem schien es mir, als hätte ich den Alkibiades persönlich gekannt. Denn je weniger das Auge im damaligen Schwabenland durch Glanz und Grazie der Persönlichkeit verwöhnt wurde, desto größeren Wert gewannen diese Eigenschaften. Die Haltung und das Lächeln, womit in Platons Gastmahl der bändergeschmückte Alkibiades in Begleitung der Flötenspielerin über die Schwelle tritt, standen mir so deutlich vor Augen, daß ich Jahre später vor der antiken Grippe des auf den Ampelos gestützten Dionysos in den Uffizien zu Florenz beinahe ausgerufen hätte: Das ist er ja! Genau so angeheitert und mit so genialer Leichtfertigkeit sah ich den Athener über jene Schwelle treten. Wenn ich nun von dieser Gestalt sprach, geschah es mit einem Ausdruck allerpersönlichsten Wohlgefallens, wodurch ich treue Freundesherzen, die mit dem Alkibiades keine Ähnlichkeit hatten, sehr vor den Kopf stieß. Einer von ihnen gestand mir noch nach vielen Jahren, daß er eine Zeitlang bitter eifersüchtig auf den schönen Athener gewesen sei. Der Sinn für die äußere Erscheinung war in meiner damaligen Umwelt sehr wenig entwickelt. Über die Schönheit menschlicher Körperformen herrschte die größte Unsicherheit; es fiel mir später in Italien sehr auf, wie genau das südliche Volk darüber Bescheid weiß. Auch wurde nur die weibliche Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und nahezu für unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem Stolz geübt. Was Wunder, daß ich, die von den Griechen herkam, den Wert der Schönheit noch übertrieb und Adel der Erscheinung für das Allerwesentlichste ansah, für das Gefäß und Siegel der Vollkommenheit! 167

 

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