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Aus'm heiligen Landl

Rudolf Greinz: Aus'm heiligen Landl - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus'm heiligen Landl
authorRudolf Greinz
year1909
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleAus'm heiligen Landl
pages331
created20120901
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Pfannenstiel.

Auf der Hörhager Alm in den Zillergründen versieht im Sommer schon seit Menschengedenken der Nocker Klaus das Amt eines Melkers.

Der Klaus ist ein alter, verschlagener und fauler Kerl. Zu seinem besonderen Sport gehört es, die »Hearrischen« anzulügen und recht »für an Narren z' halten«. Seine Opfer sind die Neulinge in den Bergen. Die hat er durch seine langjährige Praxis gleich heraus. Er riecht sie ordentlich von weitem.

Gewöhnlich fragen solche Fremde den Klaus nach den Namen von einzelnen Bergspitzen in der Runde. Wie die Berge der Umgebung heißen, das ist dem alten Melker gleichgültig. Er hat sich nie darum gekümmert und weiß es daher auch nicht. Jedoch ist er auf solche Fragen niemals die Antwort schuldig geblieben. Er besitzt eine große Erfindungsgabe für die abenteuerlichsten Bergnamen.

An einem schönen Vormittag im Sommer kam ein älteres dickes Ehepaar, das sich in Mayrhofen aufhielt, nach der Hörhager Alm gekeucht.

Der Klaus hockte auf der niederen Bank vor der Almhütte und rauchte und faulenzte wie gewöhnlich. Er war keine sonderlich anziehende Erscheinung. Eine mittelgroße, behäbige und vierschrötige Gestalt. 94 Das Gesicht über und über mit grauen Bartstoppeln bedeckt, so daß er aussah wie ein gereizter Igel. Auf dem grauen Schädel trug er ein verwildertes Hütl mit einer zerzausten Spielhahnfeder. Er war in Hemdärmeln und steckte in ganz zerlumpten Hosen.

Der dicke Herr und die dicke Dame waren nun unmittelbar vor die Sennhütte gekommen.

»Sieh mal, Männe, dort sitzt ein Mann!« machte die dicke Dame ihren Gatten aufmerksam.

»Richtig! Das scheint ein Senner zu sein!« erwiderte der fremde Herr und wischte sich sein erhitztes Gesicht mit dem Taschentuch. Der Klaus tat, als ob er nichts höre und sehe, und rauchte ruhig weiter.

»He! Sie da! Sind Sie ein Senner?« rief ihn der dicke Herr an.

»Joa!« sagte der Klaus faul und blieb ruhig hocken.

»Ist das überhaupt 'ne Alm?« fragte die dicke Dame.

»Joa!« antwortete der Klaus und rauchte weiter.

»Da kann man ja eine Erfrischung von Ihnen bekommen?« meinte der Herr.

»Ha?« frug der Klaus.

»Ein Glas Milch kann man wohl haben?« fragte die Dame.

»Joa!« sagte der Klaus breit und rührte sich nicht von seinem Fleck.

»Dann bringen Sie uns mal zwei Gläser! Aber flink!« befahl der dicke Herr.

95 Der Klaus erhob sich gemächlich von seiner Bank, klopfte umständlich sein Pfeifl aus und ging in die Hütte. Über eine Weile kam er wieder. In jeder Hand hielt er eine kleine Schüssel Milch und reichte sie den Fremden.

»Da kann man doch nicht draus trinken!« meinte die Dame. »Haben Sie kein Glas?«

»Naa!« Der Klaus stellte die Schüsseln auf die Bank. Die beiden Fremden behalfen sich, so gut es ging.

»Schlafen Sie auch da drinnen?« erkundigte sich die dicke Dame und deutete mit dem Kopf gegen die Tür. Von innen kam ein Geruch von saurer Milch und Käse.

»Joa!« nickte der Klaus.

»Sie sind wohl ganz allein hier oben? Fürchten Sie sich da nicht?« fragte die Dame weiter.

»Naa!« erwiderte der Klaus.

»Sieh mal, Männe, dort drüben den entzückenden Berg! Ganz weiß ist er an der Spitze!« rief die dicke Dame lebhaft.

»Ist das 'n Gletscher?« fragte der Fremde.

»Joa!«

»Wie heißt der?« erkundigte sich der Herr.

»Dös is der krumpe Schellunter.« erklärte der Klaus mit der größten Seelenruhe.

»Ach, wie köstlich! Ein reizender Name!« bewunderte die Dame.

»Und der Berg dort im Hintergrund, wie heißt der?« frug der dicke Herr weiter.

96 »Dös is das Teuxelshörndl!« Der Klaus rauchte phlegmatisch weiter und schaute gar nicht in die Richtung der Berge.

»Hier über uns ist auch noch ein Gipfel! Sieh mal, Männe, was ist doch das für ein entzückender Berg! Wie der stolz auf uns herunterblickt! Wie majestätisch!« Die Dame war ganz aufgeregt vor lauter Bewunderung.

»Da kann's doch gar nicht weit hinauf sein?« meinte der Herr. »Wie weit geht man denn da?«

»Vier Stund'!« sagte der Klaus und spuckte vor sich hin.

»Nicht weiter? Du, Frau, da wollen wir mal 'nauf! Was?« sagte der dicke Herr.

»Ach ja! Da gehn wir 'nauf!« rief seine Gattin begeistert.

»Wie heißt er denn eigentlich?« frug der Fremde.

»Der hoaßt der Pfannenstiel!« sagte der Klaus langsam.

»Pfannenstiel? Sie haben aber sonderbare Namen für Ihre Berge in Tirol da!« bemerkte der dicke Herr kritisch.

»Warum heißt der Berg eigentlich Pfannenstiel?« erkundigte sich die Dame.

»Was woaß denn i! Vielleicht weil er an Pfannenstiel gleich siecht!« sagte der Klaus und stellte sich noch breitspuriger unter die Hüttentür.

»Das find' ich aber gar nicht!« bemerkte der Herr.

»I aa nit!« gab ihm der Klaus recht.

97 »Also wollen wir mal nach dem Pfannenstiel, Alte, was?« rief der Herr heiter. »Können Sie uns da hinaufführen?« fragte er den Klaus.

»Sell kann i schon!« sagte der ruhig.

»Es ist doch nicht gefährlich?« erkundigte sich die Dame.

»Naa! Da is gar nix dahinter!« meinte der Klaus, klopfte sein Pfeifl aus und begab sich in die Hütte. Dann kam er wieder heraus und hatte ein dickes Seil und einen Bergstock in der Hand. »I wär' g'richtet!« meinte er.

»Was bekommen Sie als Führerlohn?« erkundigte sich der Herr vorsichtig.

»O mei! Dös is nit hoaklig!« erwiderte der Klaus. »I verlang' nix. I bin ja koa Führer nit. Was Ös halt gearn hergebt's!«

»Na, wir werden Sie schon entschädigen!« meinte der dicke Herr mit einem gewissen Wohlwollen.

Die drei machten sich auf den Weg. Der Klaus führte die Fremden über eine steile, schlüpfrige Almwiese. Der Herr und die Dame wären mehrmals beinahe ausgeglitten.

Dann kamen sie zu einer Steinmoräne. Hier galt es von Stein zu Stein zu hüpfen. Die beiden dicken Fremden keuchten hinter dem Klaus drein, der frisch und leicht vorwärts schritt.

»Sind wir noch nicht bald droben?« erkundigte sich die Dame. »Das ist ja ein entsetzlicher Weg!«

98 »A drei Stund' werd'n ma schon no brauch'n!« gab der Klaus Auskunft.

»Aber doch nicht in diesem Geröll?« fragte der Herr.

»Dös is no nix!« Der Klaus spie verächtlich aus. »Da kimmt's schon no schiacher!« meinte er ruhig.

»Noch schlimmer?« Die Dame blickte ängstlich nach oben. Von der Spitze war nichts mehr zu sehen. So weit die Blicke reichten, Felsen und Steine.

»Da kann man ja nicht hinauf!« meinte die Dame verzagt.

»Zu was hätt' i denn 's Soal mit?« sagte der Klaus trocken und ging weiter.

»Wir werden angeseilt? Ist das gefährlich?« frug der Herr, mühsam nach Atem ringend.

»'s Soal? Naa!«

»Nein, der Weg?« sagte der Herr.

»Weg is da herob'n überhaupt koaner!« erwiderte der Klaus kurz angebunden.

»Sagen Sie mal, müssen wir auch Kamine passieren?« fragte der dicke Herr dann wieder.

»Wenn's aufi kommen wollt's, schon!« war die Antwort.

»Ist das gefährlich?« forschte die Dame.

»Wenn oans derscheibt, schon!«

»Was ist das, derscheibt?«

»Abikugeln und sich 's G'nack brechen!« belehrte der Klaus mit einem zufriedenen Grinsen in seinem Igelgesicht.

99 »Ja, fällt denn da wer herunter?« fragte der Herr.

»O, genua!« gab der Klaus Auskunft. »Erst ferchten is oaner derschieb'n!«

»Aber wenn man ordentlich angeseilt ist, kann einem doch nichts geschehen!« sagte der dicke Herr zuversichtlich.

»Naa! Zelm nit. Wann nit alle auf oamal abikugeln!«

»Geschieht denn das?« fragte die dicke Dame ängstlich.

»Ei wohl, dös g'schiecht schon! Es is nit amal so lang her, da is glei a halb's Dutzend auf oamal derschieb'n!«

»Menschen?« frug die Dame.

»Freilich. Ordentliche, ausg'lernte Bergkraxler sein's g'wesen!« erzählte der Klaus.

»Schrecklich! Und die haben sich verletzt?« fragte die Dame.

»Hin sein's g'wesen! Maustot!« berichtete der Klaus mit großer Ruhe.

»Alle sechs?« frug der Herr.

»Joa, alle!«

»Und keinen konnte man retten?« die Dame.

»Naa! Koan' oanzig'n! Gar nimmer g'sech'n hat man sie!«

»Was? Nicht gefunden? Nicht einmal die Leichen?« erkundigte sich der Herr, entschieden sehr unangenehm berührt.

100 »Naa! Gar nix!«

Eine Weile stiegen sie wieder schweigsam aufwärts. Dann brach der Herr abermals das Schweigen. »Daß der Berg so gefährlich ist, hätte ich mir nicht gedacht!« meinte er.

»Ich auch nicht. Er sah so beruhigend aus von unten!« bestätigte die dicke Dame.

»Dös is a hoamtückisches Luader!« rief der Klaus. »Dös werdet's iatz bald sech'n, wenn ma zu die ersten Klüft' kommen!«

»Klüfte? Da müssen wir drüber springen?« frug der Fremde.

»Joa. I soal' Enk an. Aber fein acht geben müaßt's und nit daneben hupfen. Sinscht sein ma alle drei hin!«

»Sind die Klüfte breit?« fragte der Herr angelegentlich.

»'s tuat si schon! Nit gar a so!«

»Wie breit beiläufig?« frug die Dame.

»O mei! Die erste epper a zwoa Meter!«

»Zwei Meter! Und die anderen?«

»Dö? Dö sein schon schiacher. Und tiaf! Teuxl no amal eini, dö sein höllisch tiaf!« Der Klaus spie ganz ehrfurchtsvoll aus.

»Da kommt man wohl nicht mehr leicht heraus, wenn man hineinfällt? Wie?« erkundigte sich die Dame sehr ängstlich.

»Außerkommen? Koa Spur nit! Nit amal 101 die Leichen find't man mehr! So tiaf sein dö Klüft'!«

»Sind die sechs Touristen, die abstürzten, auch in eine solche Kluft gefallen?« frug der Herr.

»Dö sein in die Höllenkluft g'fallen!«

»Ja, weiß man denn das so genau? Warum bringt man sie dann nicht herauf?« fragte die Dame.

»Dö Kluft is viel z' tiaf drunten. Da kimmt koa Mensch nit zua!«

»Kann man die Leichen sehen von oben?« frug der dicke Herr mit einem geheimen Schauder.

»Naa! Sech'n kann man sie nit. Aber wenn der Oberwind geaht, nachher riacht man sie!«

»Was? Riechen? Entsetzlich!« rief der Herr.

»I hab's meiner Seel selber g'rochen vor a etliche Tag'!« beteuerte der Klaus. »Und g'stunken haben's. A drei, vier Tag' hat's mir no alles im Magen umadum gedrahnt!«

»Brrr!« machte der Herr und schüttelte sich. »Und über die Kluft müssen wir auch drüber?«

»Joa. Und i moan' völlig, die Nas'n kriag'n ma heut' voll. 's geaht der Oberwind!«

Die Dame war ganz blaß geworden. »Männe, da geh ich nicht hinauf!« erklärte sie fest.

»Nicht? Ja – ich glaube völlig, du hast recht. Wir kehren gescheiter um!« meinte der dicke Herr zögernd.

»Ja, wenn's nit ganz schwindelfrei seid's, nachher is's g'scheiter, Ös geaht's gar nit aufi!« warnte der 102 Klaus. I glaub' amal, i derheb' Enk nit, wenn's ins Purzeln kommt's!«

»Der Mann hat recht, Männe! Kehren wir um!« bat die Dame.

»Ja, kehren wir um!« sagte nun der Herr entschieden.

Der Klaus kratzte sich bedenklich an seinem grauen Schädel und sah die beiden listig an. »Sakra! Sakra! Jatz hab' i mir a schiane Supp'n einbrockt!« sagte er dann. »Wir hätten 's do riskier'n sollen!«

»Den Pfannenstiel besteigen und herunterpurzeln? Nee!« erklärte der dicke Herr energisch.

»Joa. Aber wenn's nit aberpurzelt wärt's, nachher hätt' i a Trinkgeld kriagt!« meinte der Klaus ernsthaft.

»Das kriegen Sie schon auch so!« beruhigte ihn die dicke Dame gutmütig.

»Ah wohl?« frug der Klaus mißtrauisch.

»Natürlich! Schon deshalb, weil Sie uns uneigennützig vor den Gefahren gewarnt haben!« lobte ihn der Herr.

Der Abstieg zur Alm ging beträchtlich geschwinder als der Aufstieg. Der Klaus erhielt ein nobles Trinkgeld, das er schmunzelnd in seinen schmierigen Geldbeutel tat.

Die beiden »Hearrischen« wirklich auf einen Berggipfel zu führen, war ihm von allem Anfang an nicht im Schlaf eingefallen.

103 Drunten im Tal erzählten die Herrschaften von den Gefahren des Pfannenstiels, denen sie glücklich entronnen waren. Da erfuhren sie es selbstverständlich, daß sie dem Nocker Klaus, dem alten Haderlumpen, auf den Leim gegangen waren. 104

 

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