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Aus'm heiligen Landl

Rudolf Greinz: Aus'm heiligen Landl - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus'm heiligen Landl
authorRudolf Greinz
year1909
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleAus'm heiligen Landl
pages331
created20120901
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Notleine.

Ein heißer Sommertag. Der Schnellzug der Südbahn fuhr soeben in die Station Steinach am Brenner.

Eine Minute Aufenthalt. Knapp vor Abfahrt des Zuges stürzte mit großen Schritten atemlos und keuchend ein hagerer, knochiger Bauer auf den Perron.

»Wia! Laßt's mi aa mit!« schnaufte er. Der Kondukteur schob ihn zur nächsten Coupétür hinein. Ein Pfiff der Lokomotive, und dahin ging es wieder.

Der Brosler Much stand im Korridor eines eleganten Durchgangswagens der zweiten Klasse.

Der Much war ein Fünfziger und hauste auf einem abgelegenen Einödhöfel im Pflerschtal drinnen. Mit der Bahn war er in seinem ganzen Leben höchstens drei- oder viermal gefahren. Diesmal hatte er wegen einem Holzhandel in Steinach zu tun gehabt.

Sonderlich kultiviert sah der Brosler Much nicht aus. Seit mindestens vier Wochen war er nicht mehr rasiert.

In dem Korridor befanden sich zahlreiche Reisende. Sie sahen zu den Fenstern hinaus und musterten den Ankömmling gerade nicht mit freundlichen Blicken.

Der Much lüpfte mit einem »Grüaß Gott!« sein 38 Hüatl, bekam aber keine Antwort. Er schob sich ungeschickt durch die Reisenden durch und ging ins nächste Abteil. Dort ließ er sich behaglich auf dem gepolsterten Sitz nieder, streckte beide Beine von sich und machte erleichtert: »Jatz wol!«

»Sie, das ist ein Damencoupé!« ließ sich eine ältere Dame indigniert vernehmen.

»Ha?« fragte der Much und drehte sich verwundert nach ihr um.

»Ein Damencoupé ist das!«

»Ah wol!« meinte der Much interessiert und starrte die ältere Dame verständnislos an.

»Sie sollen schauen, daß Sie hinauskommen!« erklärte ihm eine jüngere Dame. »Da nebenan, da können die Männer sitzen.«

»Ah so!« fing der Much an zu begreifen. »Da is's lei für die Weiberleut'!« Er erhob sich steif und torkelte ins nächste Abteil. Dort saßen am Fenster zwei Herren hinter ihren Zeitungen vergraben. Der Much setzte sich knapp neben die Tür.

»Fahrkarten bitte!« Auf einmal war der Kondukteur da und hielt dem Much die Hand hin.

»I han koa Kart'n nit!« erklärte dieser.

»Dann müssen Sie Straf' zahlen!« sagte der Kondukteur barsch.

»Was muaß i?«

»Straf' zahlen!«

»Du kannst mi gearn hab'n!« erklärte der Much 39 energisch. »Du hast mir ja koa Zeit nit lassen, a Kart'n z'kaafen! Naa, einerg'schmissen in Wagen hast mi! I zahl' koa Straf' nit!«

»Wohin fahren Sie?« fragte der Kondukteur.

»Auf Pflersch eini!«

»Also dann Karte nach Gossensaß!«

»Naa! Iwill auf Pflersch! Hörst nit!« protestierte der Much.

»Sie müssen bis Gossensaß fahren! Der Eilzug hält nicht in Pflersch!« erklärte ihm der Kondukteur ungeduldig.

»Der Zug halt't nit in Pflersch?« Der Much war einen Augenblick ganz sprachlos. »Ja warum hast denn du mir dös nit glei g'sagt?« schrie er erbost.

»Da wird nix aufbegehrt, sondern gezahlt!« fuhr ihn der Kondukteur an.

»Was kostet's nachher?« frug der Much etwas eingeschüchtert und zog umständlich einen schmierigen ledernen Geldbeutel heraus.

»Drei Kronen siebzig mit der Nachzahlung!«

»Was? Bist narrisch?« Der Much war empört aufgesprungen.

»Also vorwärts mit'm Geld! Ich hab' keine Zeit!« drängte der Kondukteur.

»I will z'erst mei Kart'n hab'n! Nachher kriagst 's Geld!« erklärte der Much obstinat, steckte den Beutel wieder ein und setzte sich behaglich auf seinen Sitz zurück. Der Kondukteur entfernte sich schimpfend.

40 Dem Much begann es auf dem weichen Sitz zu passen. »Teufel, schian is's decht da, verfluacht nobel!« bemerkte er anerkennend und spie gemächlich vor sich hin auf den Boden.

Der eine Herr in der Fensterecke zuckte nervös zusammen. »Das Spucken ist verboten!« sagte er und deutete nach einer Aufschrift, die im Coupé angebracht war. Nach seiner Aussprache war der Fremde ein Berliner.

Der Much kratzte sich verlegen am Schädel, zog eine kurze Stummelpfeife aus seiner Lodenjoppe und zündete sie an. Es war noch ein Rest unausgerauchten Tabaks drinnen. Der Much tat ein paar kräftige Züge. Der Berliner hustete.

»Was für'n Teufelszeug rauchen Sie denn, Mann?« frug er entsetzt.

»An Roller!« grinste der Much.

»Hören Sie auf! Das riecht ja eklich! Übrigens ist dies auch'n Nichtrauchercoupé!«

»Da därf i alsdann nit raachen da herinnen?« erkundigte sich der Much.

»Nee!«

Der Much steckte seine Pfeife geduldig wieder ein. Inzwischen kam der Kondukteur mit der Fahrkarte. Der Much zahlte stöhnend den Betrag. Dann sah er sich offenbar erleichtert und mit lebhafter Neugierde weiter in dem Coupé um.

Er fand da allerhand zu bewundern. Schließlich 41 blieben seine Blicke an dem roten Griff der Notleine und dem damit verbundenen Apparat haften.

»Was is denn dös da?« frug er.

»Die Notleine!« antwortete ihm nun der andere Herr, ein stämmiger Bayer.

»Was?« frug der Much noch einmal.

»Die Notleine!« erklärte ihm der Bayer. »Da kann man ziehen dran, wenn man was braucht!«

»Wia ziach'n?« frug der Much interessiert und wollte gleich einen Versuch machen.

»Lassen Sie das mal sein, guter Mann!« hielt ihn der Herr aus Berlin zurück.

Der Much setzte sich wieder, schaute aber unverwandt nach der Notleine. »Wia muaß man denn da ziach'n dran?« fragte er nach einer Weile stummer Betrachtung den Bayern.

»Ganz einfach! Du ziehst dran wie an einem Strick. Dann pfeift vorn die Lokomotiv', und der Zug bleibt steh'n!« erklärte ihm dieser.

»Ah wol, steh'n bleib'n?« Der Much sperrte Maul und Augen auf. »Und nachher, was g'schiecht nachher?« fragte er.

»Nachher kommt der Kondukteur nachschau'n, was d' willst!« belehrte ihn der Bayer.

»Der Sakra, der verfluachte!« Der Much grinste boshaft. »Dös hat der mir nit sagen können, der Bahneler, der malefizische! Da brauch' i ja lei da dran z' ziach'n, bald i aussteigen will in Pflersch! Aft halt't ja der Zug!«

42 »Natürlich!« bestärkte ihn der Bayer. »Brauchst nur z' ziehen, dann haltet der Zug.«

Der Berliner warf dem Bayern einen mißbilligenden Blick zu. Er hielt es aber offenbar für nicht der Mühe wert, sich in das Gespräch einzumischen, und vergrub sich völlig hinter seiner Zeitung.

»Steht dös da droben gedruckt, daß i ziach'n kann, wann i mag?« erkundigte sich der Much nach einer Pause.

»Freilich! Kannst nit lesen?« erwiderte ihm der Herr aus Bayern.

»Naa. Dös is lateinisch! Dös kann i nit lesen!« erklärte der Much.

Am Brenner verabschiedete sich der Bayer vom Brosler Much und stieg aus. Der Much setzte sich nun dem Berliner gegenüber und sah eifrig zum Fenster hinaus.

Als man in Schelleberg war und das malerisch zu Füßen liegende Gossensaß sah, wurde der Much ganz aufgeregt. Er erhob sich und hielt sich mit der einen Hand an dem Gepäcksnetz fest, das über seinem Reisegefährten war. Als der Zug kurz darauf in einen Tunnel fuhr, wäre der Much bei einem Haar dem Berliner auf den Schoß gefallen.

»Setzen Sie sich doch! Sie haben ja noch lange Zeit!« meinte der ärgerlich.

»Naa! I bin iatz glei dahoam!« erklärte der Much.

43 »Unsinn! Der Zug macht 'ne große Kurve und kommt dann erst nach Gossensaß!«

»I steig' in Pflersch ab!« Der Much sah lauernd zum Fenster hinaus und griff schon an die Notleine.

»Sie werden doch nicht wirklich die Notleine ziehen!«

»Freili! Sinscht kimm i ja nit außi.«

»Aber das dürfen Sie doch nicht! Das ist ja verboten!«

Der Much hörte gar nicht auf ihn. Der Zug fuhr in den letzten langen Tunnel ein, der vor der Haltestelle Pflersch mündet. Der Much stand unbeweglich still und hielt die Hand griffbereit. Im Coupé war es nahezu dunkel. Dem Berliner ward ungemütlich.

»So setzen Sie sich!« rief er. »Sie werden noch auf mich fallen!«

»I gib schon Obacht!« knurrte der Much.

»Hören Sie, Mann, Sie dürfen nicht ziehen! Das ist strenge untersagt!«

»Dös glaab i nit! Wann's da heroben druckt steht, aft därf i's aa tuan!«

»Nein! Da ist nur gedruckt, daß Sie im Falle äußerster Notwendigkeit ziehen dürfen!«

»Siehst es!« triumphierte der Much. »Jatz sagst es ja selber! Dös wird do a Notwendigkeit sein, wenn i aussteigen will!«

»Nee! Das ist noch lange keine!« Es wurde immer lichter im Tunnel. Schon konnte man draußen den weißen Rauch erkennen. Der Much nahm seinen 44 Rucksack und Steck'n und wollte jetzt die Notleine ziehen. Der Berliner hielt ihn am Arm fest.

»So nehmen Sie doch Vernunft an!«

»Laßt mi aus oder nit, herrischer Tropf, verfluachter?!« Der Much riß sich los. »Z'erst hast mi nit raach'n und ausspeib'n lassen! Und iatzt lassest mi wieder nit ziach'n da!«

»Sie werden eingesperrt!« Der Berliner stellte sich vor dem Fenster auf und wollte den Much fortdrängen.

Der Much wurde wütend. »Jatz hab' i's aber satt!« schrie er. »Du damischer Zapfen! Geaht's di epper was an!« Damit gab er dem Berliner einen kräftigen Stoß vor den Bauch, daß dieser wie betäubt in eine Ecke fiel, und riß dann aus Leibeskräften an der Notleine.

Schrille Pfiffe. Ächzen der Bremsen und Knirschen der Räder. Ein schütternder Ruck. Der Zug stand still.

Man hatte gerade die Haltestelle Pflersch passiert. Draußen aufgeregte Stimmen. Ängstliche Rufe der Passagiere.

Der Kondukteur, gefolgt vom Zugführer und Kontrollor, der heute zufällig den Zug begleitete, stürzte in den Waggon, wo der Much bereits ganz ruhig am Korridor stand und wartete, bis ihm aufgemacht würde.

Der Kondukteur schob den Much beiseite und stürzte in das Abteil, wo der Berliner ganz rot und verstört saß.

45 »Wer hat die Notleine gezogen?« herrschte ihn der Kondukteur an. »Sie haben die Notleine gezogen!«

»Ich . . .« Der Berliner ist so empört, daß er vorerst kein weiteres Wort herausbringt und nach Luft schnappen muß.

Der ganze Korridor ist dicht gedrängt von Reisenden.

»Warum haben Sie die Notleine gezogen?« brüllt nun der Kontrollor seinerseits den Berliner an.

»Das wird Ihnen teuer zu stehen kommen!« schreit der Zugführer auf ihn ein.

»Wenn nicht ein Fall äußerster Notwendigkeit –« ergänzt der Kontrollor. »Warum haben Sie die Notleine gezogen? Herr! Wollen Sie uns jetzt gefälligst bald antworten!«

»Ich hab' keene Notleine gezogen!« bringt der Berliner endlich wütend heraus. »So 'ne Roheit!«

»Sie, Herr! Mäßigen Sie sich!« schreit der Kontrollor auf ihn ein, aus dessen dickem Gesicht die Augen vor lauter Aufregung und Ingrimm unheimlich hervorquellen.

»I möcht' amal außi!« ließ sich nun die Stimme des Much am Korridor vernehmen.

»Der Mann da –« rief der Berliner schwer atmend und deutete auf den Much.

»Was ist's mit dem da? Ein Raubanfall?« Der Zugführer packte den Much beim Kragen. Die Reisenden auf dem Korridor zogen sich scheu zurück.

»Laßt mi aus oder nit!« Der Much wurde fuchsteufelswild und gab dem Zugführer einen Schupfer, daß er fast der Länge nach auf den Boden gestürzt wäre.

46 Nun wollten sich mehrere Herren unter den Reisenden auf den Much stürzen, der nach allen Seiten kräftige Püffe austeilte.

»Ruhe, meine Herrschaften!« legte sich der Kontrollor ins Mittel. »Das ist ein harmloser Bauer. Der begeht keinen Raubanfall!« Dann wandte er sich abermals an den Berliner: »Nun frage ich Sie zum letzten Mal, warum haben Sie die Notleine gezogen! Glauben Sie, daß Sie uns hier zum besten halten können! Herr! Sie werden für die Folgen aufzukommen haben!«

»Ich habe ja nicht –« Der Berliner spuckt ordentlich vor Wut.

»I hab' anzogen!« erklärt da der Much vollkommen ruhig.

»Warum?« schreit ihn der Zugführer an.

»Weil i außi möcht'!«

»Das gibt's nicht!« brüllt der Kontrollor.

»Z'wegn was laßt's es denn nacher aufidruck'n, daß man ziach'n soll!«

»Das steht nicht droben!« der Kontrollor.

»Freili steht's droben!« der Much.

»Haben Sie dem Mann gesagt, daß er die Notleine ziehen soll?« herrschte der Kontrollor den Berliner an.

»Diese Zumutung verbitt' ich mir!« rief der Berliner empört. »Ich verlange das Beschwerdebuch! Unerhört!«

»Der Hearr hat mi schon abg'wehrt!« versicherte der Much. »Aber es hat ihm nix g'nutzt!«

47 »'nen Stoß vor'n Bauch hab' ich bekommen dafür!« berichtete der Berliner zornig.

»Sie werden arretiert werden!« herrschte der Zugführer den Much an.

»Oha!« machte der Much. »I steig' iatz aus, und Ös müaßt's mi außi lassen! Der Hearr, der am Brenner ausg'stiegen is, hat mir's ganz genau erklärt, daß i grad' z' ziach'n brauch', wenn i in Pflersch aussteigen will!«

»Wer war der Herr?« erkundigte sich der Kontrollor.

»A recht a feiner, kommoder Hearr!« erklärte der Much.

»Ein Spaßvogel!« sagte der Berliner grimmig.

»Namen?«

»Weeß ick nich!«

»I woaß es aa nit!« sagte der Much und drängte sich plötzlich ganz unvermutet durch den Korridor. Er hatte bemerkt, daß die Waggontür nun offen stand. Im Nu war er draußen.

Kondukteur, Zugführer und Kontrollor stürzten ihm aufgeregt nach und hielten ihn mit Gewalt zurück.

Der Bahnwärter in Pflersch kannte den Much zufällig. Nach einem eiligen Hin und Wider, währenddessen der Kontrollor verzweifelt konstatierte, daß man schon über zehn Minuten Verspätung habe, wurde der Much gegen Angabe seines Namens und Wohnortes entlassen.

48 Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, nicht ohne daß dem Much von seiten des begleitenden Bahnpersonals noch ein paar kräftige Flüche nachflogen.

Das kränkte den Brosler Much jedoch nicht im geringsten. Er lüpfte sein Hüatl und winkte dem Zug freundlich grinsend nach. Als er, während der Zug gerade ins Rollen kam, den Berliner an seinem Coupéfenster erblickte, der ihn finster anstarrte, da schrie der Much mitten in das Schnauben der Lokomotive und das Rasseln der Wagen hinein, so laut er konnte, gegen den Berliner: »Nix für unguat, Hearr!« . . .

Die Geschichte hatte noch ein kleines Nachspiel am Sterzinger Bezirksgericht, wohin der Brosler Much über Anzeige der Bahnverwaltung vorgeladen wurde.

Die Verhandlung endete jedoch mit seiner Freisprechung, da ihm kein Beweis erbracht werden konnte, daß er sich irgendwie des Strafbaren seines Vorgehens bewußt gewesen wäre. Den eigentlich Schuldigen hat man natürlich nicht erwischt. 49

 

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