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Aus'm heiligen Landl

Rudolf Greinz: Aus'm heiligen Landl - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus'm heiligen Landl
authorRudolf Greinz
year1909
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleAus'm heiligen Landl
pages331
created20120901
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Wurzgartner.

Der Herr Amtsrichter Friedrich Wilhelm Schüttke war das erste Mal in Tirol. Sein Arzt hatte es ihm dringend geraten. Er müsse mal 'rein ins Gebirge. Immer diese Nordsee. Das bekomme ihm gar nicht!

Und er spürte es auch, daß die Seeluft ihm gar nicht zusagte. So oft er von seinem Urlaub heimkehrte, fühlte er sich kränker denn je. Dann hatte er den Harz versucht und endlich das Riesengebirge.

Aber nichts wollte ihm gut tun. Der Herr Amtsrichter schrumpfte immer mehr zusammen, wurde kleiner und dünner und machte einen immer unansehnlichern Eindruck.

Recht ansehnlich war er wohl von Natur aus nicht. Ein kleines, semmelblondes Männchen, mit rötlichem Schnurrbart, der nach aufwärts gestrichen war und steif und schneidig in die Höhe stand. Das spärliche Haar trug der Herr Amtsrichter gescheitelt. Die hellen, wässerigen Augen sahen durch den goldenen Zwicker scharf und herausfordernd auf seine Mitmenschen.

Überhaupt, für das Scharfe, Draufgeherische war der Herr Amtsrichter Friedrich Wilhelm Schüttke sehr eingenommen. Er wollte offenbar durch Schneidigkeit das ersetzen, was ihm die Natur versagt hatte. 304 Er wollte Eindruck machen bei seinen Mitmenschen um jeden Preis.

Seit einigen Wochen trieb sich der Herr Amtsrichter in Tirol herum. Er bereiste Nordtirol und kam auch nach Südtirol. Aber nirgends konnte er die Ruhe und Erholung finden, die er so notwendig gebraucht hätte. Überall war es ihm zu lärmend; und kam er einmal in ein kleines, ruhiges Nest, so fühlte er sich gräßlich vereinsamt und konnte vor lauter Langweile zu keiner Erholung kommen.

Es war bereits Mitte August. Friedrich Wilhelm Schüttke war durch sein ruheloses Herumwandern so heruntergekommen, daß er um eine Verlängerung seines Urlaubs eingeben mußte.

Bozen und Meran hatte er vor einigen Tagen abgetan und hatte sich über die dortige Sommerhitze weidlich geärgert.

»Da kann doch 'n anständiger Mann nich mal ordentlich pusten!« schimpfte er zu dem Hotelier, der ihn teilnehmend anhörte. »Dat is doch überhaupt 'ne Schweinerei! Da sollte man doch die Leute warnen, daß sie hier ja nich 'rinfallen. Das is ja keene Luft mehr, die man hier zu atmen kriegt!«

In diesen und ähnlichen Tonarten ging's weiter. Der teilnehmende Wirt in Meran hatte ihm schließlich das Vintschgau empfohlen. Sulden oder Trafoi. Das seien die geeignetsten Orte für ihn. Dort würde er sicher die gesuchte Erholung finden.

Friedrich Wilhelm Schüttke saß nun ganz gemütlich in einem Coupé dritter Klasse der 305 Vintschgaubahn und wartete mit scheinbarer Seelenruhe auf die Abfahrt des Zuges. Auf das semmelblonde Haar hatte er eine graue Reisemütze gestülpt, den Zwicker etwas weiter nach vorne gerückt und die dünnen Arme unternehmend in die Seite gestemmt. So saß er gerade und unnatürlich steif da und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Kurz vor Abfahrt des Zuges stiegen drei stämmige Bauernburschen in das Coupé, wo der Herr Amtsrichter Platz genommen hatte. Es waren kräftige, kerngesunde Gestalten. Der Amtsrichter betrachtete sie kritisch, aber nicht unfreundlich.

Die glattrasierten runden Gesichter, die gesunde rote Farbe derselben und vor allem der gute Humor der drei Burschen schienen ihm zu imponieren. Die hatten Lebenskraft! Darum beneidete er sie.

Als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, wurden die drei Burschen immer lustiger und lärmender. Sie erzählten einander Geschichten, über die sie dann jedesmal in wieherndes Gelächter ausbrachen. Der Amtsrichter verstand natürlich kein Wort davon, so angestrengt er auch hinhorchte. Die mußten hottentottisch oder hindustanisch sprechen, so unverständlich klang ihm der grobe, breite Dialekt der Burschen.

Über eine Weile fing einer davon, der Schmölzer Hansl, zu pfeifen an. Der Amtsrichter zuckte nervös mit den Augen und setzte sich noch strammer zurecht. Das Pfeifen, sogar das der Lokomotive, machte ihn schauderhaft nervös.

Die drei Burschen hatten bei ihrem Eintritt ins 306 Coupé höflich gegrüßt, dann aber gar keine Notiz mehr von dem Fremden genommen. So bemerkten sie auch nicht, daß dieser immer unruhiger wurde.

Später, als die drei zu singen anfingen, riß er nervös das Fenster auf und beugte sich hinaus, um weniger davon zu hören. Es war allerdings kein musikalischer Genuß. Und Friedrich Wilhelm Schüttke besaß zum Unglück ein äußerst fein entwickeltes musikalisches Gehör. Jeder Mißton konnte ihn in Raserei versetzen.

Die drei Burschen sangen nun jeder nach seiner Art. Der eine setzte zu hoch ein, der andere zu tief. Dazu das Rasseln des Bahnzuges. Dem Herrn Amtsrichter riß es förmlich an allen Nerven. Wenn die nur aufhören möchten! Aber die Burschen berauschten sich förmlich an ihrem eigenen Gesang und stimmten ein Lied um das andere an.

Als der Zug in der Station Naturns Halt machte und die Burschen in ihren musikalischen Darbietungen eine Pause eintreten ließen, konnte der Amtsrichter nicht mehr an sich halten und redete die Burschen an.

»Verzeihung, meine Herrn!« sagte er mit seiner lauten, schnarrenden Stimme. »Dürfte ich Sie ersuchen, mit Ihrem Gesang etwas inne zu halten?«

Der Geiger Sepp und der Obervintler Tonl hatten ihre Köpfe zum Fenster hinausgestreckt und hörten gar nicht, daß der Fremde sie ansprach. Nur der Schmölzer Hansl, der Jüngste und Unerfahrenste von den dreien, machte ein verlegenes Gesicht und zupfte seinen Nachbar, den Geiger Sepp, energisch beim Jangger.

307 »Du, der will eppas!« sagte er und schaute verlegen auf den Fremden. Er hatte offenbar kein Wort von dem verstanden, was der Amtsrichter sagte. Aber das laute Geschnarr der Sprache hatte Eindruck auf ihn gemacht.

»Wer?« fragte der Geiger Sepp und drehte sich halb um.

»Der Herr ent'n!« antwortete der Schmölzer Hansl.

Nun war der Amtsrichter näher gekommen.

»Ich bin nervös!« schnarrte er. »Meine Nerven vertragen absolut nischt. Keenen Lärm, keen Singen, keen Spektakel! Verstehen Sie?« Es klang jedenfalls viel schärfer, als es gemeint war. Denn Friedrich Wilhelm Schüttke war im Grunde ein friedliebender und herzensguter Mensch. Nur in Pose setzen wollte er sich. Das war er von seinem Amt her so gewöhnt, bis es ihm schließlich zur zweiten Natur geworden war.

Der Obervintler Tonl und der Schmölzer Hansl verstanden beide nicht recht, was der Fremde eigentlich von ihnen wolle. Sie kamen nicht viel mit »Hearrischen« in Berührung, sondern lebten in ihrem Heimatsdörfl ganz abgeschieden von dem Fremdenverkehr. Aber der Geiger Sepp, der kam schon mehr unter die »Hearrischen«. Der konnte besser umgehen mit ihnen und sich verständigen. Der führte auch jetzt die ganze Unterredung mit dem 308 Amtsrichter, während der Hansl und der Tonl still auf ihren Bänken saßen und zuhorchten.

Der Geiger Sepp war der schneidigste Bua weit im Umkreis. Mit dem bandelte so leicht keiner an. Aber er war auch gutmütig und nur grob, wenn er gereizt wurde. Ein großer sehniger Kerl. Um mehr als einen Kopf überragte er das blonde Männchen, das da vor ihm stand und ihn anschnauzte.

Es kam dem Sepp »g'spaßig« vor, wo der kleine Mann die Schneid' und vor allem die Kraft hernahm, so zu schreien. Dem hätte er ja mit einem Ruck den Hals umgedreht, dachte er bei sich.

Nun schaute er den Amtsrichter scharf an. Dann meinte er gutmütig: »Wir lassen uns von dö Hearrischen nix verbiaten!«

»Ich verbiete ooch nich! Ich ersuche man bloß!« schnarrte der Amtsrichter in einem höflich sein sollenden Ton.

»Ah so! Nachher is's eppas anders!« meinte der Sepp. »Nachher woll'n wir nimmer singen! Geltet's Buab'n?« frug er seine Kameraden. Die nickten nur und schauten abwechselnd auf den Sepp und dann auf den Amtsrichter.

»Sehr verbunden! Sehr dankbar!« Der Amtsrichter rückte leicht seine Reisemütze.

»Da is nix z' danken!« sagte der Sepp und schielte den Fremden von der Seite an. »Mir scheint, Sie sein nit ganz g'sund, weil Sie so bloach sein?«

»Bloach?« Der Amtsrichter sprach das Wort 309 langsam und scharf akzentuiert aus. »Bloach? Was ist das für'n Wort?«

»Weiß!« sagte der Geiger Sepper. »Weiß hoaßt's, wia Sie sein im G'sicht.«

»Warum sagen Sie ›bloach‹?« frug der Amtsrichter weiter. Er hatte eine merkwürdige Art, Fragen zu stellen. Wenn er eine Frage an jemand richtete, so pflegte er den Betreffenden scharf ins Auge zu fassen und sich mit dem Oberkörper steif nach vorwärts zu beugen. Das geschah stets mit einem jähen Ruck.

Der Obervintler Tonl und der Schmölzer Hansl, die breitspurig nebeneinander saßen, stießen sich gegenseitig an und grinsten dem Fremden ins Gesicht. Der Geiger Sepp sah belustig auf ihn herunter.

»Bloach sagt man halt bei uns so, weil's der Brauch is!« lachte er.

»So! Wo sind Sie her?« fragte der Amtsrichter.

»I? Von Tschengels!«

»Tschengels? Wo ist das?«

»Bei Schlanders!« lachte der Geiger Sepp.

»Müssen Sie da aussteigen?« examinierte Schüttke weiter.

»Joa!« lachte der Sepp belustigt. Diese Art und Weise des Ausfragens machte ihm riesigen Spaß. Nun wandte sich der Amtsrichter mit einem jähen Ruck von dem Sepp ab und redete den Schmölzer Hansl an.

»Steigen Sie auch in Schlanders aus?« frug er.

»Naa!« Der Hansl hatte sich jetzt an die 310 Aussprache des Fremden etwas gewöhnt und fing an, ihn besser zu verstehen. »Warum nicht?«

»Ha?«

»Warum du nit in Schlanders aussteigst?« übersetzte der Geiger Sepp.

»Weil i in Morter dahoam bin!« grinste der Hansl.

»Was sagt der Mann?« forschte der Amtsrichter, sich wieder mit einem jähen Ruck gegen den Sepp wendend.

»Er steigt in Morter aus!« berichtete der Sepp.

»Morter . . . Morter!« Der Amtsrichter zog seinen Fahrplan aus der Tasche und sah nach. »Morter! Jibt es nich!« entschied er.

»Ah wol!« lachte der Geiger Sepp. »Er muaß in Goldrain aussteig'n und nachher z' Fuaß nach Morter giahn!«

»Wie lange gehen Sie nach Morter?« wandte sich Schüttke plötzlich an den Obervintler Tonl.

»I geah' nit nach Morter!« brummte der.

»Der g'hört nach Latsch!« erklärte der Sepp.

»Wieso kennen Sie einander? Stehen Sie in irgendeinem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander?« fragte der Amtsrichter weiter und sah forschend und herausfordernd von dem einen zum andern.

»Wir kömmen oftamal z'sammen in Schlanders und tuan lumpen!« lachte der Geiger Sepp.

»Lumpen? Heißt schlemmen, unsolide sein?« fragte der Fremde streng.

311 »Wird schon so hoaßen!« meinte der Sepp. »Tuan Sie nia lumpen?«

»Ich? Nee! Bin zu nervös!« erklärte der Amtsrichter.

»Was is aft dös?« wunderte sich der Obervintler Tonl.

»Krank! Kranksein!« sagte der Amtsrichter.

»I hab' mir's glei denkt, daß Sie krank sein!« sagte der Geiger Sepp.

»Ja. Sehr krank. Gehe zur Erholung nach Trafoi!« erzählte er.

»Da is's schon schian!« lobte der Geiger Sepp. »Und die Luft a so scharf!«

»Kümmere mich jar nischt um die Luft. Will nur mal Ruhe haben!« sagte der Amtsrichter.

»Ja, da sollten's aber wo hin giahn, wo nit a so viel Fremde sein!« belehrte ihn der Sepp. »In Trafoi sein viel Touristen. Da is's alleweil a bissel lebendig!«

»So! Viele Fremde? Touristen? Machen Spektakel!« sagte der Amtsrichter ärgerlich.

»Ruhig is's alleweil no am meisten auf a Alm!« meinte der Geiger Sepp. »Da hört und siecht man gar nix! I bin amal alleweil am liabsten auf der Alm!«

»Alm? Ist Alpe, nich wahr? Ja. Sehr schön! Aber nischt für mich. Jar nischt. Keen Komfort, keene Bequemlichkeit, nischt, jar nischt!«

312 »Aber a guate Milch!« meinte der Geiger Sepp.

»Milch? Nischt für mich. Darf ich nich trinken. Arzt strenge untersagt!«

»Was hab'n nachher Sie für an Dokter?« frug der Sepp verwundert. »Bei uns, der Wurzgartner in St. Martin droben, der hoaßt an jeden z'erst amal Milch trinken!«

»Muß ein netter Doktor sein!« lachte der Amtsrichter. »Milch für Nerven verordnen!«

»Dös is a ausgezeichneter Mann!« sagte nun der Sepp ganz empört. »Der hat Ihnen schon Leut' herg'stellt, für dö koa Dokter mehr an halbeten Kreuzer hergeben hätt', und dö iatz pumperlg'sund umadum stackeln! Heuer im Langes is dem da –« der Sepp deutete auf den Schmölzer Hansl, »sei Muatter zum Sterben g'wesen. Sie hab'n den Latscher und den Schlanderser Dokter g'holt, und koaner hat was machen können! Und nachher sein sie zum Wurzgartner gangen, und der hat sie in drei Wochen herg'stellt! Gelt, Hansl?«

Der Schmölzer Hansl nickte ein paarmal bestätigend mit dem Kopf.

»So! Wie heißt der Mann?« Die Erzählung des Geiger Sepp hatte offenbar Eindruck auf den Amtsrichter gemacht.

»Wurzgartner!«

»So! Dr. Wurzgartner!« notierte der Amtsrichter. »Wohnt?«

313 »Dös is koa Dokter nit! Lei a Bauerndokter. Dö sein bei uns oft g'scheuter wia die g'studierten.« erklärte der Sepp.

»So! Also so 'ne Art Naturarzt? Wohnt?«

»In St. Martin droben! Da müassen's in Latsch aussteig'n –«

»Latsch? Da steigen Sie aus?« wandte er sich wieder jäh und unvermittelt an den Obervintler Tonl.

»Joa.«

»Von Latsch aus is's no a drei Stund' auf'n Berg aufi!« erklärte der Geiger Sepp weiter.

»Was? Drei Stunden bergaufwärts? Immer aufwärts?« fragte der Amtsrichter entsetzt. »Das tu' ich nich! Den Mann kann ich mir ja 'runter holen lassen!«

»Der geaht Enk nit aber!« grinste der Obervintler Tonl.

»Nich 'runter, meinen Sie? Na, wollen mal seh'n! Ich steige ooch in Latsch aus!« entschied sich Schüttke. »Ist denn da irgendwo ein respektables Hotel, wo man wohnen kann?« erkundigte er sich.

»Ah wol! G'nuag sein da! Beim Oberwirt is's recht guat!« lobte der Sepp.

»So? Na, man auf nach Latsch!« scherzte der Amtsrichter. »Den Naturarzt Wurzen – wie heißt er doch?«

»Wurzgartner!« sagte der Schmölzer Hansl. »Der is durch's ganze Vintschgau aus bekannt wia's schlechte Geld.«

314 »So! Na, wollen mal sehen!« sagte der Amtsrichter.

In Latsch stieg er richtig mit dem Obervintler Tonl aus, der ihn auch ins Gasthaus geleiten und ihm sein Gepäck dorthin tragen mußte.

Dem Amtsrichter paßte es in Latsch natürlich ebensowenig wie in den andern Orten, wo er gewesen war. Aber daran trugen lediglich seine Nerven schuld. Die quälten ihn und machten ihn ruhelos.

Der Amtsrichter hatte sich in Latsch noch genau nach dem Wunderdoktor in St. Martin erkundigt. Er hatte über ihn nur eine Stimme des Lobes gehört. Es wäre schier erstaunlich, welche Kuren der Wurzgartner ausführe. Für alles wisse er Rat und Hilfe. Alle Übel könne der heilen. Nur müsse man möglichst unauffällig zu ihm gehen; denn die Ärzte seien ihm aufsässig und hätten ihn schon öfters angezeigt. Erst vor kurzem wieder habe er eine Arreststrafe absitzen müssen in Schlanders droben.

Der Wurzgartner hatte dem Amtsrichter, als dieser zu ihm schickte, er möge nach Latsch kommen, sagen lassen, er pfeife dem Fremden was! Wenn der ihn brauche, dann solle er nur zu ihm aufikraxeln! Er renne keinem nach, und einem »Hearrischen« erst recht nicht!

So war dem Amtsrichter nichts anderes übrig geblieben, als den schweren Gang nach St. Martin am Berg selber anzutreten.

Am Weg hinauf glaubte er einige Male sterben zu müssen. So anstrengend war es. Steil, fast 315 pfeilgerade führte der Weg den Berg hinan. Die Sonne stach und brannte sengend auf den Wanderer, der langsam und schwer keuchend hinter dem Obervintler Tonl dahinschlich.

Den Obervintler Tonl hatte sich der Amtsrichter Friedrich Wilhelm Schüttke mitgenommen. Aus zwei Gründen. Erstens als Führer und zweitens als Hilfe, falls ihm etwas Menschliches passieren würde auf dem Weg; denn der Amtsrichter glaubte nicht, daß er St. Martin noch lebendig würde erreichen können.

Das war aber auch kein Weg mehr. Das war die Hölle! Hin und hin kein Schatten. Und steinige Felsplatten lagen stellenweise, über die der Amtsrichter kriechen mußte. Kein Wunder, daß hier nicht einmal ein Maultier gehen konnte.

Der Amtsrichter hätte so gerne eines in Latsch drunten zum Hinaufreiten gemietet. Nun war er aber froh, daß er keines bekommen hatte. Auf diesem Schweineweg wäre er zehnmal von dem Tier heruntergepurzelt!

Endlich war er droben in St. Martin angelangt. Gute vier Stunden hatten er und der Tonl gebraucht. Im Wirtshaus machten die beiden Rast. Der Amtsrichter bestellte sich eine Limonade, die er zu seinem Entsetzen nicht bekommen konnte.

St. Martin am Berg ist ein kleiner Weiler. Eigentlich ein Wallfahrtsort. Außer der Kirche, dem Widum, dem Wirtshaus und noch ein paar Bauernhöfen gibt es da droben nichts. Alle Lebensmittel 316 müssen im Ruckkorb vom Tal heraufgeschleppt werden. Auf Fremdenverkehr sind die Leute gar nicht eingerichtet. Es geschieht selten, daß sich einmal ein Tourist da hinauf verirrt.

Der Hof des Wurzgartner liegt noch ein gutes Stück von der Kirche entfernt. Ein alter dunkelbrauner Holzbau. Schon ziemlich baufällig.

Der Wurzgartner hat nicht viel, was er sein eigen nennt. Aber er und seine Schwester, die Mena, kommen ganz gut durch. Ein paar Ackerlen und ein paar Goas, das ist sein ganzer Besitztum. Dabei ist der Wurzgartner sehr zufrieden und fühlt sich hoch da droben wie ein König.

Das Gütl des Wurzgartner sah dem Amtsrichter nicht gerade Vertrauen erweckend aus. Aber noch weniger der Wurzgartner selber, der in schmutzig weißen Hemdärmeln in der düstern Bauernstube auf der Ofenbank ausgestreckt lag und behaglich aus seiner kurzen Stummelpfeife qualmte.

Schüttke sah sich in der Stube etwas unbehaglich um. Die Stube war so niedrig, daß ein großer Mann mit dem Kopf schier an die Decke stoßen mußte. Vier winzige Fensterlein mit halbblinden Scheiben ließen das Licht nur spärlich herein. Die Fenster waren hermetisch verschlossen. Die Luft in der Stube war dumpf, stickig und so rauchig, daß man die einzelnen Gegenstände nur wie in einem Nebel sehen konnte.

Es gab allerdings wenig zu sehen in der braungetäfelten Stub'n beim Wurzgartner. Eine lange 317 Holzbank lief längs den Wänden herum. In einer Ecke stand ein großer viereckiger Holztisch; darüber befand sich ein grobgeschnitztes altes Kruzifix. Rechts und links davon bunte Farbendrucke von der Muttergottes und dem heiligen Josef mit dem Christuskinde. Einen beträchtlichen Teil der Stub'n nahm zudem der umfangreiche gemauerte Ofen ein.

Der Wurzgartner hatte sich beim Eintritt des Fremden nicht erhoben. Er lag noch immer behaglich auf der Ofenbank und hatte seinen alten grünschwarzen Filzhut fest in die Stirn hereingedrückt.

Der Wurzgartner war ein guter Fünfziger. Ein großer hagerer Mensch. Der lange, dunkle Bart, der verwildert bis fast zur Brust reichte, war schon leicht ergraut. Die ungepflegten Haare, die ihm wirr ums Gesicht fielen, verliehen dem schmalen, knochigen Antlitz einen unheimlichen Ausdruck.

Der Obervintler Tonl war draußen in der Kuchl bei der Mena geblieben; und der Amtsrichter war allein in die Stub'n zum Wurzgartner gegangen.

Der Wurzgartner hatte seinen Schädel nur ganz leicht und ohne das geringste Zeichen einer Verwunderung über den unerwarteten Besuch auf die andere Seite gedreht.

»Guten Tag!« grüßte der Amtsrichter und sah sich in der Stube um.

»Grüaß Gott!« sagte der Wurzgartner laut und kräftig, ohne sich zu rühren.

»Sind Sie der Wurzgartner?« schnarrte der Amtsrichter und stellte sich stramm vor ihm auf.

318 »Joa!« entgegnete der Wurzgartner.

»Sie sollen ja so 'n Wunderdoktor sein?« frug der Amtsrichter weiter.

»I?« machte der Wurzgartner scheinheilig.

»Jawoll! Tun Sie man nich so! Sie soll'n ja weit und breit bekannt sein wegen Ihrer Kuren?« forschte der Amtsrichter in seinem schneidigsten Ton.

»Joa! I hab' schon an etlene Küah' kurirt. Und Rösser und Facken sein mir aa no nia nit hin g'worden!« berichtete der Wurzgartner mit Würde und qualmte ruhig weiter.

Der Geruch des stinkenden ordinären Tabaks ging dem Amtsrichter auf die Nerven. Er hüstelte nervös und stellte sich nun in einiger Entfernung von dem Wurzgartner auf, damit er den Rauch nicht so unmittelbar in die Nase bekam.

»Ich hörte, Sie kurieren auch Menschen?« sagte er dann und sah den ruhig daliegenden Mann scharf an.

Der Wurzgartner würdigte den Fremden keines Blickes. In großer Seelenruhe lag er rauchend da und starrte durch das gegenüberliegende kleine Fensterl.

»Joa. A diabet amal schon!« gab er zu.

»Was kurieren Sie da?« schnarrte der Amtsrichter.

»Ha?«

»Welche Krankheiten heilen Sie?«

319 »Alles halt, was fahlt!« sagte der Wurzgartner ruhig.

»Alles? Auch Nervenleidende?«

»Alles!«

»Wie machen Sie das?«

»I leg' halt a Pflaster auf!« meinte der Wurzgartner und schob die Pfeife von einem in den andern Mundwinkel. Dann spie er bedächtig und ohne sich zu erheben auf den Stubenboden. Der Amtsrichter wich entsetzt und angeekelt noch weiter zurück.

»Was? Sie legen auf Nerven ein Pflaster auf?« frug er ganz empört.

»Joa!« meinte der Wurzgartner ruhig.

»Mensch! Das können Sie doch gar nich!«

»I kann alles!« erwiderte der Wurzgartner selbstbewußt.

»Kurieren Sie ooch Beinbrüche?« inquirierte der Amtsrichter weiter.

»I? Freilich!«

»Wie machen Sie das?«

»I leg' halt a Pflaster auf!« sagte der Wurzgartner ruhig.

»Was? Auch auf ein jebrochenes Bein?«

»Freilich!«

»Und wenn jemand nun 'ne Entzündung hat, sagen wir 'ne Lungenentzündung, legen Sie da ooch 'n Pflaster drauf?«

»Joa. A Topfenpflaster!« Jetzt endlich erhob sich der Bauerndokter und setzte sich aufrecht auf die Ofenbank. Dann klopfte er langsam und bedächtig 320 die Pfeife aus und sah mit seinen dunklen, tiefliegenden Augen verschmitzt lächelnd auf den Amtsrichter. »Z'weg'n was frag'n 's denn? Woll'n 's mi vielleicht angeb'n?« meinte er.

»Nee!« sagte der Amtsrichter. »Ich interessiere mich nur. Bin eigens den Berg zu Ihnen 'rauf geklettert, um Sie mal zu begucken!«

»Nachher setzen's Ihnen nieder, daß Sie mi besser söch'n!« sagte der Wurzgartner und zündete sich eine frische Pfeife an.

»Mit Medizinen kurieren Sie wohl nich?« fragte der Amtsrichter nach einer kleineren Pause, nachdem er in einer Ecke Platz genommen hatte. Er wollte die Sache mit dem Wurzgartner besonders schlau anfangen und redete daher nur so herum, damit der andere nicht erraten sollte, was er eigentlich von ihm wolle.

»Ah wol!« machte der Wurzgartner.

»So? Wie kurieren Sie dann Nerven?«

»Nerven? Was is dös?« fragte der Wurzgartner ruhig.

»Was? Das kennen Sie nich mal?« verwunderte sich der Amtsrichter. »Und legen ein Pflaster drauf!«

»Nerven! Dös kennt man bei uns nit!«

»Nich! Na, dann gratulier' ich! Dann sind Sie glückliche Leute, die nich mal Nerven kennen!«

»Was is dös?« forschte der Wurzgartner interessiert.

»Nu, sehen Sie mal mich an. Ich bin nervös!« sagte der Amtsrichter.

321 Der Wurzgartner war aufgestanden und zu dem Fremden hingetreten. Nun sah er ihm mit einem langen, durchdringenden Blick in die Augen und streichelte währenddessen mit der groben knochigen Arbeitshand über seinen langen Bart. »Hm!« machte er dann bedächtig.

»Na! Haben Sie was entdeckt?« fragte der Amtsrichter, auf den der lange prüfende Blick des Wurzgartners Eindruck gemacht hatte.

»Joa! I moan' schon!«

»So? Was denn?«

»Jatz müassen Sie amerst mi frag'n lass'n!« sagte der Wurzgartner und setzte sich knapp neben den Fremden.

»Sie, guter Mann, das Dings da geben Sie weg, bitte! Das stinkt zu entsetzlich!« Nervös rückte Schüttke von dem Wurzgartner fort.

»Ah, dö Pfeif'n da!« Der Wurzgartner lachte gutmütig, stand auf und legte die Pfeife auf den Tisch.

Dann setzte er sich wieder knapp neben den Fremden, dem diese Nachbarschaft entschieden unangenehm war. Der Wurzgartner hatte nämlich an seinem alten, abgetragenen Gewand verschiedene Düfte, die an den Stall gemahnten und an den Mist, den er am Rücken aufs Feld zu tragen pflegte.

»Alsdann,« begann der Wurzgartner sein Verhör, »wo fahlt's?«

322 »Überall! Überall in den Nerven!« klagte der Amtsrichter.

»Hab'n Sie weah?« fragte der Wurzgartner.

»Schmerzen? Na und ob! Fürchterliche Schmerzen. Kann nich schlafen vor Schmerzen! Da im Arm zum Beispiel. Da krabbelt und krabbelt es unaufhörlich. Und wenn es da zu krabbeln aufjehört hat, denn kommt es in die rechte Schulter und denn kommt es im Rücken und denn in die Beene! Und denn krieg' ich's Fieber!« berichtete Friedrich Wilhelm Schüttke kläglich.

»G'spür'n Sie 's iatz aa?«

»Natürlich. Nu ist es in der linken Schulter!«

Der Wurzgartner betastete mit seiner groben Faust den schmalen Rücken seines Patienten und packte ihn dann fest an der linken Schulter.

»Auh! Was machen Sie denn da! Sie sind wol toll jeworden?« Der Amtsrichter war ganz empört.

»Hat's weah tan?« lachte der Wurzgartner.

»Natürlich! Ich bin doch keen Klotz!«

»Und schlafen können's wenig?« forschte der Wurzgartner.

»Ganze Nächte lang keen Aug' kann ich schließen!«

»Was hab'n nachher Sie für a Beschäftigung?«

»Ich bin Amtsrichter!« Schüttke warf sich ordentlich in die Brust dabei.

»Sie! Dös tuat Ihnen nit guat, dös steife Dahocken. Da verrenken 's Ihnen no amal 's G'nack!« meinte der Wurzgartner. »Sie hab'n also a hockende 323 Beschäftigung!« fuhr er über eine Weile fort, nachdem er angestrengt nachgedacht hatte.

»Ja.«

»Aha! Davon kömmen dö Nerven!« sagte der Bauerndokter mit einem listigen Seitenblick auf seinen Patienten.

»Nee! Sie irren! Ich leide nich an Verdauungsstörungen. Ich habe Schmerzen in den Nerven. Ich bekomme noch eine Nervenentzündung, wenn das so weiter jeht. Ich werde noch jelähmt werden!« jammerte der Amtsrichter kläglich.

»Tuan's Ihnen lei trösten! Ihnen werd' i schon herstellen!« versicherte ihm der Wurzgartner.

»Sie jetrauen sich also meine Behandlung zu übernehmen?« verwunderte sich der Amtsrichter.

»Ah wol!« lachte der Wurzgartner und zeigte seine Zähne, die noch tadellos weiß und gesund waren.

»Was verordnen Sie da?« frug Schüttke schon wieder in seinen schnarrendsten Tönen.

»Nix! I gib Ihnen a Flaschl Medizin mit.«

»So! Und die besteht?«

»Sell geaht Ihnen nix an!« entgegnete der Wurzgartner grob. »Sie hab'n 's einfach einz'nehmen, und bald's fertig is, nachher kömmen's wieder!«

»Wiederkommen! Da zu Ihnen 'raufkommen?« entsetzte sich der Amtsrichter.

»Was denn?« lachte der Wurzgartner. »I geah' nit abi!«

324 Dann erhob er sich und schritt langsam durch die kleine Stube auf eine Tür zu, die in eine enge, dunkle Kammer führte.

Es dauerte geraume Zeit, bis der Wurzgartner wieder in die Stube kam. Er hatte eine größere Medizinflasche in der Hand, die er gegen das Fenster hielt. Der Inhalt sah klar und hell aus, wie frisches Brunnenwasser. Der Wurzgartner schüttelte die Mixtur tüchtig, ehe er sie dem Amtsrichter hinhielt.

»So! A zwoa Tag' reicht's schon!« meinte er gutmütig. »Alle zwoa Stund' an Eßlöffel voll nehmen. Und nachher kömmen's wieder!«

»Was? Ich soll in zwei Tagen schon wieder diesen Schweineweg 'raufklettern?« empörte sich der Amtsrichter. »Können Sie mir das Zeugs da nich zuschicken?«

»Naa! I muaß Ihnen söchen! Damit i 's beurteilen kann, wia viel's schon g'wirkt hat!«

»Aber das Bergsteigen bekommt mir so schlecht!« wandte der Amtsrichter ein.

»Jatz schon no! Dös glab' i schon!« gab der Wurzgartner ihm recht. »Aber dös wird alles besser, wenn Sie amal a Flaschen von dem Trankl da im Leib hab'n!«

»So! Glauben Sie?« sagte der Amtsrichter zweifelnd. »Und Diät? Habe ich keine zu beobachten?«

»Diät?«

»Ja. Ich meine Essen und Trinken –«

»Essen und trinken können's alles, was Ihnen schmeckt!« sagte der Wurzgartner.

325 »So? Sonderbar. Mein Arzt verordnete strengste Diät. Strengste Diät!« betonte er nochmals scharf.

»Dös tua i nit! Außer wenn amal a Kuah z'gach g'fressen hat. Nachher laß i sie fasten!«

»Na, ich bin schließlich keine Kuh, juter Mann!« sagte der Amtsrichter herablassend.

Er trennte sich endlich von dem Wurzgartner im besten Einvernehmen. Der Obervintler Tonl mußte ihm die Medizinflasche behutsam hinuntertragen nach Latsch.

In zwei Tagen hatte der Amtsrichter die Flasche geleert. Mit Schaudern betrachtete er von unten den steilen Berg, den er nun wieder zu dem Wurzgartner hinaufkraxeln sollte. Er verspürte zwar noch nicht viel Besserung nach dieser einen Flasche Medizin, aber er war gerecht genug, einzusehen, daß eine Flasche schließlich nicht genügte, um einen schwerkranken Menschen, wie er es war, herzustellen.

Viel Vertrauen hatte er ja nicht zu der Sache, redete er sich selbst ein; aber er wollte eben kein Mittel unversucht lassen. Er sagte sich selbst, daß, wenn er jetzt die Fahnenflucht ergriffe und seine Kur bei dem Wurzgartner nicht fortsetzte, ihn das später bitter reuen würde.

So keuchte er denn zum zweitenmal den Berg nach St. Martin hinan. Diesmal hatte er den Obervintler Tonl nicht mitbekommen. Der mußte daheim bleiben und am Feld arbeiten. Der Amtsrichter ging 326 daher seinen Weg allein. Allerdings stöhnend und keuchend. Aber es ging doch schon etwas besser mit dem Steigen. Eine ganze halbe Stunde kam er in St. Martin früher an als das erstemal.

Der Wurzgartner war sehr zufrieden mit seinem Patienten. Er füllte ihm die mitgebrachte Flasche wieder mit der Medizin und hieß ihn in zwei Tagen wiederkommen.

Das ging ungefähr zehn Tage lang so fort. Der Amtsrichter fühlte sich nun tatsächlich schon kräftiger und konnte sogar wieder eine Nacht hindurch ungestört schlafen.

Im Laufe der zweiten Woche riet der Wurzgartner seinem Patienten, mehr Medizin zu nehmen und jeden Tag zu ihm zu kommen. Der Amtsrichter sah den Zweck seines täglichen Bergkraxelns zwar nicht ein, dachte sich aber, daß der Wurzgartner wohl auch hauptsächlich mit Sympathiemitteln kuriere und ihn deshalb täglich zu sehen wünsche.

Die Kur dauerte schon drei Wochen hindurch, und mit dem Amtsrichter ging es immer besser. Er hatte jetzt eine ganz frische Hautfarbe bekommen. Sogar schon tüchtig abgebrannt war er. Und Hunger und Schlaf hatte er auch. Das Krabbeln spürte er fast nicht mehr. Nur vormittags noch pflegte es sich öfters einzustellen. Da hatte er mehr Zeit zum Nachdenken. Denn gleich nach Tisch mußte er hinaufwandern nach St. Martin.

Am Sonntag der dritten Woche saß der Herr Amtsrichter mutterseelenallein in der Wirtsstube beim 327 Oberwirt in Latsch. Er war todmüde. Die Augen wollten ihm schon zufallen vor Schlaf. Vor einer halben Stunde erst war er von St. Martin zurückgekehrt. Nun wartete er auf sein Nachtmahl, das ihm die Kellnerin bringen sollte.

Die Fenster der Wirtsstube standen offen. Draußen im Garten waren Bauern und junge Burschen, die sich lebhaft unterhielten. Heute genierte der Lärm den Herrn Amtsrichter gar nicht besonders. Er schloß nicht einmal die Fenster, obwohl es gerade unter denselben recht lebhaft herging.

Da war ein Tisch mit lauter Burschen. Die schrien und lachten. Jedes Wort konnte man in die stille Stube hereinhören.

Auf einmal horchte der Amtsrichter auf. Er hörte deutlich, wie die Burschen draußen seinen Namen nannten und sich über ihn lustig machten.

Dann erzählte einer, zum großen Gaudium der andern, wie der Amtsrichter verruckt sei. »Alle Tag' rennt der schon seit etlene Wochen auf St. Martin aufi zum Wurzgartner und holt si sei Trankl. Und wißt's, was ihm der Wurzgartner gibt?«

»Naa!« gröhlten die Burschen vergnügt zurück.

»An g'wasserten Enzian mit an Stückl Zucker drein! Die Mena hat's der Tragerin erzählt, und dö hat's mir g'sagt! Und dös sauft er, der g'stobne Zoch

Lautes, schallendes Gelächter der Burschen. Der 328 Amtsrichter war empört. Er kochte förmlich vor Wut. Erstens darüber, daß diese jungen Leute es wagten, über ihn zu spotten. Und zweitens über die unerhört freche Verleumdung des Wurzgartner. Denn daß die Erzählung der Burschen auf Wahrheit beruhen könnte, fiel ihm nicht im Traum ein. Er hatte doch die staunenswerte Wirkung der Wundermedizin an sich selber zur Genüge erfahren.

Als der Amtsrichter Tags darauf wieder nach St. Martin kraxelte, versäumte er es nicht, dem Wurzgartner den Vorfall vom letzten Abend zu erzählen.

»Sie könnten mir aber nu wirklich mal das Rezept geben!« schloß er seine Mitteilung. »Daheim will ich mir das Zeugs dann machen lassen. Es bekommt mir tatsächlich nich schlecht. Und dann kann ich's den frechen Kerls da unten vor die Nase reiben!«

Der Wurzgartner stand in seiner niedern Stub'n und rauchte wie gewöhnlich eifrig drauf los. »Was hab'n dö Sakra g'sagt, daß i Ihnen gib'?« fragte er lachend und strich sich seinen langen Bart.

»Jewässerten Enzian und een Stück Zucker drin!« sagte der Amtsrichter empört.

»Nachher hab'n Sie ja dös Rezept, wenn Sie 's brauchen!« lachte der Wurzgartner lustig.

»Was? Sie wollen doch nich sagen, daß Sie tatsächlich –«

»Joa! Dö Buab'n drunten hab'n nit g'log'n! Es is wahr!« sagte der Wurzgartner und pflanzte sich breitspurig vor dem Amtsrichter auf.

329 »Aber dat is ja 'ne unerhörte Jemeinheit!« Der Amtsrichter war ganz empört in die Höhe gesprungen und warf sich wieder stramm in Positur.

»Nit a so steif! Nit a so steif!« mahnte der Wurzgartner gutmütig. »Sie brechen Ihnen no 's G'nack ab!«

»Jemeinheit!« schrie der Amtsrichter.

»Warum denn?« frug nun der Wurzgartner unschuldig. »'s hat Ihnen do guat getan dö Kur. Und mit was i Ihnen kuriert hab', dös is mei Sach'! Dös geht Ihnen an Schmarrn an!«

»Sie wollen mir nur das Rezept nich jeben! Ich kenne Sie schon! Da drauf fallen wir nich 'rein, juter Mann!« schrie der Amtsrichter. »Sie wollen mich zwingen wieder zu kommen, damit Sie mehr Jeld bekommen! Den Schwindel kennen wir!« rief der Amtsrichter erbost . . .

Friedrich Wilhelm Schüttke blieb bei seiner Meinung. Er glaubte es einfach nicht, daß der Wurzgartner ihn mit gewässertem Enzian und Zucker kuriert hatte. Alle Beteuerungen des Wurzgartner halfen nichts. Der Amtsrichter schied im tiefen Groll von seinem bäuerlichen Arzt . . .

Zu Hause erzählte er von der Wunderkur, die er durchgemacht hatte.

»Dat muß man nu dem Manne lassen!« meinte er. »Verstanden hat der seine Sache! Ich bin janz jesund bei ihm jeworden. Janz 'n andrer Kerl! Aber 'n schlauer Fuchs is er ooch! Wollte mir absolut das Rezept nich 'rausjeben! Behauptete, es sei 'n jewässerter Enzianschnaps mit Zucker jewesen! Als ob ich das nich sofort jemerkt hätte! Und als ob so was überhaupt jeholfen hätte! Lächerlich! So'n Mumpitz! So'n fauler Zauber! Dat gloobt doch unsereens nich! Der Mann wollte eben, ich solle wiederkommen! So'n Ausbeuter, so'n jemeiner!«

 


 

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