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Aus'm heiligen Landl

Rudolf Greinz: Aus'm heiligen Landl - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus'm heiligen Landl
authorRudolf Greinz
year1909
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleAus'm heiligen Landl
pages331
created20120901
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Viertel Tiroler Adler.

Mein Freund Franz Lauterbacher ist ein ganz guter Kerl. Aber eine schwache Seite hat er. Wenn im Sommer der Fremdenzug in unsere Berge flutet, dann geht er mit einem Mordsgrant herum.

Kein Wunder. Erstens ist er Postbeamter. Da hat er vom frühen Morgen bis zum späten Abend Schalterdienst, muß höflich und liebenswürdig sein und auf alle möglichen unnötigen Fragen der Fremden Rede und Antwort stehen. Das macht ihn schauderhaft nervös. Und zweitens behauptet er, daß während der Fremdenzeit der einheimische Gast im Wirtshaus das Stiefkind sei. Das ist für einen Junggesellen schließlich eine Lebensangelegenheit.

Es war einmal im August. Mein Freund Lauterbacher und ich hatten uns zum Mittagessen beim »Bären« etwas verspätet. Natürlich waren die guten Speisen schon alle dahin.

Lauterbacher schnitt das grantigste Gesicht, das ihm zu Gebote stand. Wir saßen in der Veranda, die hinaus auf den großen schattigen Garten führte. Dort wimmelte es von fremden Gästen. Die Kellnerinnen hatten alle Hände voll zu tun und flogen nur so hin und her. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis wir bedient wurden.

Plötzlich zupfte mich nach der glücklich vollzogenen 254 Abfütterung mein Freund am Ärmel. Ich hatte flüchtig bemerkt, daß er sich in den letzten Minuten intensiv mit der Speisekarte beschäftigte, während ich eine Zeitung las. »Da schau' her!« grinste er boshaft und hielt mir die Speisekarte hin.

»Was?« fragte ich erstaunt. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Auf der Speisekarte stand in einer Rubrik deutlich zu lesen: »Ein Viertel Tiroler Adler mit Knödel. 1 Krone 80 Heller.«

»Ja. Lies nur! Es ist schon richtig!« lachte er lustig.

»Wer hat denn den Unsinn hing'schrieben?« fragte ich.

»I natürlich!« meinte er befriedigt. Sogar die Schrift hatte er täuschend nachgemacht.

»Du wirst sehen, daß so a gehobener Fremder drauf einifallt!« sagte Lauterbacher vergnügt. »Gehobener Fremder«, das war ein Lieblingsausdruck von ihm, den er von der Hebung des Fremdenverkehrs ableitete.

Während wir sprachen, kamen drei fremde Touristen in die Veranda, hängten mit viel Geräusch und Umständlichkeit drei riesige Rucksäcke, Eispickel und Lodenmäntel an den Kleiderrechen und nahmen an einem Tisch unweit von uns Platz. Lauterbacher schnitt sein grantigstes Gesicht. Ich bemerkte aber, daß er heimlich gar nicht so unfreundlich zu den Ankömmlingen hinüberschielte.

Die Kellnerin holte sich von unserm Tisch die Speisekarte und trug sie zu den Herren.

255 »Na, lassen Sie mir man erst en bisken verpusten!« sagte ein kleinerer untersetzter Herr und fächelte sich mit seinem Taschentuch den krebsroten Kopf.

»Jeben Sie man her!« befahl ein großer starker Mann in herrischem Ton und nahm der Kathl die Karte aus der Hand.

»Zu trinken?« fragte die Kellnerin. Es wurde Rotwein bestellt. Als die Kathl sich entfernt hatte, um den Wein zu holen, beratschlagten die Fremden eifrig, was sie essen sollten.

»Donnerwetter! Hört mal an!« sagte der große starke Herr mit der gebieterischen Stimme. »Hier steht ein Viertel Tiroler Adler mit Knödel. Det werde ick mir bestellen!«

»Tiroler Adler mit Knödel? Jibt es denn das?« fragte der dritte Herr, ein hageres Kerlchen, zweifelnd.

»Nu natürlich jibt's es! Wenn es da man 'rinnen steht!« erklärte der Große herablassend.

»Habe ick noch nie jejessen!« Der kleine Dicke schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Jloob' ick ooch!« entrüstete sich der große Herr. »Hast ja zum ersten Mal mit der Neese in die Berje 'rinjeschnuppert! Da jibt es noch sehr viel, mein Junge, das du erst mal kennen lernen mußt!«

»Na, na, tu man nur nich so dicke!« meinte der dritte Herr gutmütig. »Du bist ooch zum ersten Mal in Tirol!«

»Bin ick ooch! Dat bestreit' ick jar nich. Aber ick jetraue mir janz alleene durchzukommen, mein Junge. Ick jetraue mir Land und Leute und Sitten 256 und Jebräuche kennen zu lernen, Jungens. Dat könnt ihr mir jlooben!« sagte der starke Herr prahlerisch.

Franz Lauterbacher trat mir auf den Fuß. Seine Nase, die sich wie ein Kolben in seinem Gesicht ausnahm, glühte dunkelrot vor Bosheit und Tücke. Die Kellnerin kam mittlerweile mit dem Wein.

»Haben die Herren schon ausg'sucht?« fragte sie.

»Jawoll!« Der große Herr hielt noch immer die Speisekarte in der Hand und wandte sich jetzt zur Kathl. »Bringen Sie mir mal die Kiste da: Tiroler Adler mit Knödel!«

»Was?« fragte die Kathl.

»Nu das Ding da! Ein Viertel Tiroler Adler!« sagte der große Herr, langsam Wort für Wort betonend.

»Schmeckt es schön?« fragte der kleine Dicke.

»Wohl so 'ne Art Nationaljericht?« erkundigte sich der Dritte.

»Dös hab'n wir nit!« sagte die Kathl kurz, die nur halb hingehört hatte. Draußen im Garten wurde ungeduldig nach ihr gerufen und geklopft.

»Det haben Se nich?« Der große Herr runzelte die Stirn. »Zu wat schreiben Sie es dann uff die Karte?«

»Ja, ja!« rief die Kathl in den Garten hinaus. »I kimm glei'!« Und im Fortlaufen rief sie den Fremden noch zu: »Sie müass'n Ihnen halt eppes anders aussuach'n!«

»Nee, so 'ne Jemeinheit!« schimpfte der große Herr.

257 »Es wird eben alle sein!« meinte der dritte Herr achselzuckend.

»Alle? Dann muß es durchjestrichen sein!« empörte sich der Große.

»Ach laß' man jut sein!« beschwichtigte ihn der Dicke. »Essen wir eben wat andres!«

»Ick laß' mir so 'ne Wirtschaft nich bieten!« rief der Große mit erhobener Stimme. »Wat uff die Karte steht, muß uff den Tisch jebracht werden! Verstehst du mir!«

Nun war die Gelegenheit für meinen Freund Lauterbacher gekommen, sich in das Gespräch zu mischen. »Der Herr hat ganz recht!« wandte er sich an den Großen. »Man soll sich nix g'fallen lassen!«

»Nich wahr?« Der Große nickte meinem Freund wohlwollend zu. »Ick werde mal den Wirt rufen lassen!«

»Das nutzt Ihnen nix!« sagte Lauterbacher sehr freundlich. Dann fügte er geheimnisvoll hinzu: »Die Leut' da wollen das Essen nur nit hergeben!«

»So? Meinen Sie?« sagte der Große interessiert. Alle drei Herren am Nebentisch kehrten sich nun gegen uns und hörten erwartungsvoll auf Lauterbacher.

»I mein' nit nur, sondern i weiß es!« erklärte mein Freund mit Bestimmtheit.

»So? Und warum, wenn ich bitten darf!« fragte der Große weiter.

»Ja, aus dem einfachen Grund, weil das eigentlich nur eine Speise für Einheimische ist!« erklärte Lauterbacher.

258 »Ja, warum steht das nu uff der Karte?« fragte der kleine Dicke.

»Is das 'ne jute Speise?« erkundigte sich der Dritte.

»Und ob!« Mein Freund schnalzte mit der Zunge. »Das muß man gegessen haben! So was gibt's nur bei uns in Tirol herinnen!«

»So! Na, hab' ick nu mal wieder recht behalten?« freute sich der Große.

»Na ja! Wat nützt mir dat, wenn ick es doch nich bekommen kann!« sagte der Dicke.

»Sollste kriejen, mein Sohn!« tröstete ihn der Große und klopfte ihn wohlwollend auf die Schulter. »Warum sollen wir das nu nich kriejen, wat jut is!«

»Ick bestelle ooch en Viertel mit Knödel!« erklärte der Dritte.

»Also dreimal Tiroler Adler!« rief der große starke Herr.

Lauterbacher war ganz Wonne. Freundlich und gefällig erteilte er den Fremden Auskunft auf alle Fragen und schilderte ihnen mit großer Glaubwürdigkeit die Feinheit und den Geschmack des ersehnten Gerichtes. Auch verriet er ihnen, daß er selbst vor einer halben Stunde davon gegessen habe. Der Adler sei heute besonders saftig und zart geraten wie selten.

Als die Kellnerin wieder an den Tisch zurückkam, bestellte der Große: »Dreimal Tiroler Adler mit Knödel!«

Die Kathl riß die Augen auf. Die mußten wohl 259 »g'stoben« sein, dachte sie. Laut aber sagte sie: »Dös gibt's nit! Dös hab'n wir nit!«

»Machen Sie mir man jar nischt weiß!« sagte der Große strenge. »Wat uff der Karte steht, det haben Se ooch!«

»Naa! G'wiß nit!« versicherte die Kathl und schaute verwundert von dem einen zum andern.

»Det haben Se, sage ick!« fuhr der Große mit erhobener Stimme fort.

»Kommen Se man her, mein Kind,« meinte der kleine Dicke. »Wie heißen Sie?«

»Kathl.«

»Also, Kathl, können Sie lesen?«

»Ja.«

»Na, dann lesen Se mal!« Triumphierend hielt er ihr die Speisekarte hin und fuchtelte ihr damit vor den Augen herum.

Kathl warf einen flüchtigen Blick auf die Karte und meinte dann: »I werd' amal in die Kuchl fragen geah'n!« Damit verschwand sie eilig.

»Sehen Sie!« triumphierte mein Freund. »Jetzt kriegen Sie's!«

»Wir sind Ihnen sehr verbunden!« verbeugte sich der Große dankbar.

Die Kathl brachte bald darauf eine eingemachte Henne in einer Schüssel und Knödel als Beilage. Mißtrauisch musterten die drei Fremden das Gericht.

»Soll dat 'n Tiroler Adler sein?« frug der große Herr.

260 »Ja!« sagte die Kathl.

»Dat is en janz jemeines Huhn!« brach der Große empört los.

»Naa, naa, dös is a Adler!« beharrte die Kellnerin.

»Nee, en Huhn is es!« Der Große.

»Sie wollen uns belämmern!« Der Dicke.

»Wir fallen Ihnen nich 'rin!« Der dritte Herr.

»Weg damit!« brüllte der Große.

Der Lärm lockte aus dem Garten neugierige Zuhörer herbei. Die Kathl war über und über blutrot im Gesicht und dem Weinen nahe.

»Jestehen Sie! Sie wollten uns betrügen!« schrie der Große.

»Naa, naa, g'wiß nit! Aber wir hab'n koan' Adler nit, und da hat mir die Köchin die Henn' mitgeben!« sagte die Kathl weinend.

»Doch! Sie haben den Adler!« rief der große Herr.

»Naa, g'wiß nit!«

»Doch!« bemerkte der dritte Herr.

»Bringen Sie 'n! Uff der Stelle!« brüllte der große Herr mit seiner mächtigen Stimme.

Die Kathl verschwand, so schnell sie konnte, mit der Henne.

»Du, geh'n wir jetzt g'scheuter!« stieß mich mein Freund Lauterbacher leise an. Der Auflauf im Garten hatte bewirkt, daß der Wirt herbeigeeilt kam. Mein Freund und ich mischten uns während des Folgenden unauffällig unter die Neugierigen, um von dort aus zur richtigen Zeit entwischen zu können.

261 Der Wirt suchte die Fremden zu begütigen. Aber das half nicht das Geringste.

»Wat is 'n dat für 'n Land! Dat sind ja russische Zustände!« schimpfte der Große.

»'ne unerhörte Jemeinheit!« . . . . »'ne infame Protektionswirtschaft!« sekundirten die beiden andern.

»Aber meine Herren . . .« Der Wirt.

»Schweigen Sie!« herrschte der Große ihn an.

»Ich muß bitten!« unterbrach ihn der Wirt.

»Nischt haben Sie zu bitten! Sie haben zu jeben, wat uff der Karte steht!« schrie der Große wütend.

»Wir wollen einen Tiroler Adler mit Knödel!« rief der kleine Dicke erbost.

»Meine Herren, wenn Sie sich hier nicht anständig benehmen wollen, dann muß ich Sie ersuchen, sofort das Lokal zu verlassen!« rief der Wirt.

»Wat?« brüllte ihn nun der dritte Herr an. »Keen' Tiroler Adler mit Knödel kriejen und obendruff noch 'rausjeschmissen werden! Donnerwetter noch mal!« Dabei hieb der dritte Herr wütend auf den Tisch hinein, daß die Gläser klirrten.

Der Wirt schien zu überlegen, ob er es mit dem Irrenhaus Entsprungenen oder mit etwas gar sehr Angeheiterten zu tun habe. Er schien endlich der letzteren Meinung zu sein und erklärte scharf: »Wenn die Herren vielleicht g'scheuter ihren Rausch ausschlafen wollten, als hier Krawall und dumme Witze zu machen!«

»Wat? Krawall und Witze!« brüllte der Große, der im Gesicht ganz blaurot vor Wut geworden war.

262 »Ick will Sie schon man bewitzeln! Schutzmann! Wo ist 'n Schutzmann!« hörten wir ihn noch rufen. Dann verschwanden wir.

Es war besser so. Später soll es wegen dem Viertel Tiroler Adler mit Knödel noch zu einer regelrechten Prügelei gekommen sein. Der Wirt und der Hausknecht beförderten schließlich die drei wütenden Touristen unter Beihilfe einiger mitfühlender Gäste ins Freie. Die Sache soll auch noch ein gerichtliches Nachspiel gehabt haben, wobei die Speisekarte mit dem Viertel Tiroler Adler als Korpusdelikti eine wichtige Rolle spielte.

Der eigentliche Übeltäter ist jedoch bis auf den heutigen Tag nicht aufgekommen. Mein Freund freut sich noch immer wie ein Schneehase, so oft er an die Geschichte denkt. 263

 

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