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Aus'm heiligen Landl

Rudolf Greinz: Aus'm heiligen Landl - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus'm heiligen Landl
authorRudolf Greinz
year1909
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleAus'm heiligen Landl
pages331
created20120901
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Pecher Hias.

Mit Pech hatte es der Hias einen beträchtlichen Teil seines Lebens zu tun gehabt. Er war nämlich Pechsammler und Wurzengraber von Profession. Das Pech verarbeitete er zu allerlei heilsamen Pflastern für die verschiedensten menschlichen Gebresten. Aus den Wurzen braute er Trankeln für Vieh und Leut' oder brannte kräftigen Schnaps daraus.

So hatte er es nicht nur zu einem gewissen Ansehen, sondern auch zu kleinen Ersparnissen gebracht. Im Laufe der Jahre hatte er sich sogar ein kleines Gütel am Wald droben erhaust, in dem er wirtschaftete, sein Pech auskochte und aus seinen Wurzen klingende Münze schlug.

Der Hias wäre also im Grunde genommen ein beneidenswerter Mensch gewesen, wenn er nicht zuletzt das Weiberleutische und den Heiratssinn bekommen hätte.

Als »a lediger Fetz'n« hatte der Pecher Hias schon ein halbes Jahrhundert am Buckel, als ihn plötzlich der Rappel packte und er es allein nicht mehr aushielt. Wenn's der Goas zu wohl ist, heißt es im Volksmund, dann kratzt sie sich . . . und wenn's einem alten Junggesellen zu gut geht, dann heiratet er.

6 Der Hias hatte eine ältere Dirn geheiratet, die auch schon tüchtig in den Vierzigern war, die Kordl vom Weyraterbauern.

Schon äußerlich war es das ungleichste Paar, das sich denken ließ. Der Hias ein bärenstarker, baumlanger Mensch, die Kordl ein winziges, dürres, spitziges Frauenzimmer und dabei eine Bisgurn, wie sie im Buch steht. Mit seiner Heirat hatte daher der Hias entschieden das allergrößte Pech gehabt.

Mit der Kordl war einmal gar nicht auszukommen. Der Hias hatte daheim die wahre Hölle. Von den Zärtlichkeiten der Kordl trug er nur allzuoft die deutlichsten Spuren an seinem Leib. Denn so nichtig und klein die Kordl war, so flink war sie, ihrer stärkeren Ehehälfte was an den Schädel zu schmeißen. Das Geschirr und überhaupt alles, was zum beweglichen Besitztum des Hias gehörte, flog nur so in seiner Behausung, seitdem er glücklicher Ehemann war.

Der Pecher Hias war selbst sein bester Kunde geworden. Er ging die meiste Zeit mit einem verpflasterten Gesicht oder Kopf herum. Daß der Hias bei seinem Schaden für den Spott nicht zu sorgen brauchte, ist selbstverständlich. Es mußte ja die Lachlust herausfordern, daß ein solcher Bärenlackel sich eines derartigen »Fürggele« von Weibsbild nicht erwehren konnte.

Der Kordl gegenüber war jedoch der Pecher Hias 7 ohnmächtig. Er behauptete immer, sie habe ein G'schau wie der helliachte Tuifl, so daß einem ganz angst und bang davor würde! Solle es nur einmal wer anderer versuchen, der Kordl den Widerpart zu bieten!

Schließlich und endlich aber, als der Hias schon mehr als ein volles Jahr seiner ehelichen Freuden hinter sich hatte, wurde ihm die Sache doch zu dick. Er überlegte noch eine Zeitlang und faßte dann einen großen Entschluß. Der hochwürdige Herr Kurat müßte ihm helfen, dachte sich der Hias, und so machte er sich denn eines schönen Nachmittags auf den Weg in den Widum.

Der Herr Kurat Martin Strobl, ein ziemlich wohlgenährter behaglicher Sechziger, ging gerade in seinem Stüberl auf und ab und las eifrig im Brevier, als laut an die Tür geklopft wurde.

»Herein!« rief der Kurat etwas ungeduldig über die Störung. Der Pecher Hias erschien im Türrahmen und schob seine lange knochige Figur langsam hindurch.

»Grüaß Gott!« sagte der Hias und nahm den Hut ab. »Is 's derlabt

»Kimm lei einer, Hias!« lud ihn der Kurat ein. »Was hast nachher du für Schmerzen?« fragte er, indem er sich auf sein Sofa niederließ.

»Mei'! Allerhand Schmerzen hab' i!« gab der Hias zur Antwort und fuhr sich unwillkürlich mit der Hand ins Gesicht, wo er nicht weniger als drei ziemlich umfangreiche Pechpflaster aufgepappt hatte.

8 »Hast mit die Katzen g'rauft?« fragte der Kurat lächelnd.

»Naa! Sell nit! Aber mit der Kordl!« erwiderte der Hias zögernd.

»Setz' di amal nieder und erzähl' mir, was di druckt!« lud ihn der Kurat ein.

Der Hias setzte sich vorsichtig auf den Rand eines Stuhles und meinte. »Da is nit viel zum erzählen! Miar g'schaffen halt nit!«

»Wer g'schafft nit?« frug der Kurat.

»Ja, die Kordl und i!«

»Ah so? Du und dei Weib. I hab' schon so was läuten g'hört. Ös seid's ja erst a Jahr verheirat't. Da könnt's do auskommen mitanand!« Der Kurat nahm eine Prise und sah sich den Hias etwas forschend an.

»I kömmet schon aus!« meinte der Hias und kratzte sich bedenklich am Kopf. »Aber sie is grad' so viel a beas' Weibets!«

»Ah! Gar so arg wird's do nit sein!« tröstete der Hochwürdige. »Wenn zwoa Menschen z'sammheirat'n, nachher g'schaffen's schon öfter nit! Dös kimmt die meiste Zeit vor!«

»Ah woll die meiste Zeit?« frug der Hias und starrte den Kuraten ganz blöd an.

»Woll, woll! Dös vergeaht nachher scho wieder!« tröstete ihn der Kurat. »Der Eh'stand is halt a Wehstand!«

»Ah so!« Der Pecher Hias war eine Zeitlang ganz stad. Dann begann er plötzlich wieder. »Ja, 9 warum habt's denn Ös mir dös nit früher g'sagt?«

»Was?« fragte der Kurat verwundert.

»Daß die meisten Eh'leut' nit g'schaffen!«

»Dös wirst woll do selber oft g'nua g'söch'n hab'n!« gab der Kurat zurück. »Gar so jung bist ja nimmer g'wesen, wia d' g'heirat't hast. Und die Kordl aa nit!«

»Naa, jung sein miar grad' nimmer g'wesen!« bestätigte der Hias. »Aber dös hättet's Ös mir sagen müass'n! Dös hab' i nit g'wüßt!«

»Ja, wia kimmst denn du mir für, Hias!« rief der Hochwürdige ganz erzürnt. »Du bist do koa Fatschenkind mehr g'wesen! Du hast do bei uns im Dorf da g'lebt! Hätt'st deine Aug'n auftan! Wia viel kömmen denn da aus mitanander? Schau dir den Forcherbauern an! Der sauft umanand und geaht hoam und prügelt sei Weib!«

»Ja, ja! Der Forcher! Dös is oaner. Der hat's Regiment in der Hand!« grinste der Hias ganz selig.

»Und bei dir hat's die Kordl! Dös is der ganze Unterschied! Du hast's ja früher kennt, die Kordl!«

»Amearst is sie nit a so g'wesen! Zelm hat s' mir freili' schian tan! Aber iatz!« Der Hias seufzte schwer auf.

»Muaßt halt Geduld hab'n mit ihr! Nachher wird's schon giah'n!« redete ihm der Kurat zu.

10 »Geduld hab' i schon. Aber es geaht do nit!« meinte der Hias.

»Laß di in koan' Streit damit ein! Alloan kann's nit streiten!« belehrte ihn der Hochwürdige.

»Ah woll! Dö streit't schon alloan!« versicherte der Hias.

»Aber wenn d' ihr koa Antwort gibst!«

»Nachher haut's mir a paar eini, daß i ihr gern oane gib!«

»Ja, warum bleibst denn stiahn?«

»Ja, weil i muaß! Sie hat schon a Scheit, daß s' mi derroacht!« meinte der Hias ganz wehmütig.

»Woaßt was, Hias, was i tat, wann i du waar?«

»Naa!«

»I hauet die Kordl amal tüchtig durch! Vielleicht kriagt s' auf dö Weis' eher an Respekt vor deiner!«

»Sell tua i nit! Da waar' i ja 's Leben nimmer sicher dabei!« wehrte sich der Hias energisch.

»Also fürcht'st di vor der Kordl?« lachte der Kurat.

»Ös tat's Enk schon aa fürchten, wenn's Ös an meiner Stell' waart's!« rief der Hias überzeugt. »Dös is ja ärger wia d' Höll', so a Leb'n!«

»Naa, naa! Die Höll' is schon no ärger!« erklärte der Kurat bestimmt.

»Dös is nit möglich! I kömmet liaber in d' Höll'!« versicherte der Hias energisch.

11 »A so därfst nit daherred'n, Hias!« verwies ihn der Kurat. »Dös sein gottlose Reden! Du muaßt alle deine Leiden unserm Hearrn aufopfern und bedenken, wia viel er für di g'litten hat!«

»I lasset mi' gern kreuzigen, wann i nachher an Fried' hätt'!« meinte der Hias eigensinnig.

»I hab' dir's schon amal g'sagt, dös sein lästerliche Reden!« sagte nun der Kurat aufgebracht. »Unser Hearr hat viel meahr g'litten als wia du! Und du sollst froh sein, daß d' für ihn was leiden därfst!«

»Was? Froh sein aa no!« fuhr jetzt der Hias ganz wild in die Höhe. »Unser Hearr war nia verheirat't! Und mit der Kordl schon gar nit!«

»Jatz sei nur nit a so wild, Hias, und tua mir nit a so schiach daherred'n!« begütigte ihn der Kurat. »I begreif's ja, daß dir amal der Geduldsfaden ausgeaht! Aber dei Leiden därfst du desweg'n nit mit'm Leiden Christi vergleichen! Jatz muaßt di halt do in Geduld drein ergeb'n in dei Schicksal! Verheirat't is verheirat't. Da kann man nix mach'n!«

»Nix mach'n kann man!« rief der Hias noch immer wild. »Freili' kann man was mach'n! I dergib mi nit drein! I hab's satt! I gib's z'ruck!« schrie er.

»Was gibst z'ruck?« fragte der Kurat verständnislos und nahm eine kräftige Prise.

12 »Die Kordl natürlich!«

»Die Kordl is do koa Kuah, dö man z'ruckgeb'n kann, wenn's eing'handelt is! I hab' dir schon amal g'sagt: Verheirat't bleibt verheirat't . . . und da kann man nix mach'n!« sprach der Hochwürdige ernst.

»Dös gibt's nit!« schrie der Hias. »I bin betrog'n word'n! Ös hättet's mir sagen sollen, daß die Leut', bald s' verheirat't sein, nimmer g'schaffen! Nachher hätt' i nit g'heirat't!«

»Also waar' i iatz auf oamal die Schuld?« fragte der Kurat lachend.

»Ja, dös seid's!« bestätigte der Hias. Ös habt's uns z'sammgeb'n, Ös müaßt's uns aa wieder ausanander geb'n!«

»Mir scheint, Hias, du bist verruckt! Du muaßt dei Kreuz schon weiter trag'n! Da hilft nix!«

»I bin nit verruckt, und i trag's nit weiter!« schrie der Hias aus Leibeskräften und sprang von seinem Sessel auf. »I hab's satt! Ös habt's mir so schian daherg'redt von der Heiligkeit der Ehe! Dös is gar nit wahr! Dös kann nit heilig sein, wenn s' mi halb derschlagt! Ös habt's mi betrog'n! Und i gib s' z'ruck!«

»Jatz is's g'nua!« rief nun der Kurat, dem die Geduld riß, empört und stand vom Sofa auf. »Jatz schaust, daß d' bei der Tür außi kimmst! Auf der Stell', sag' i! Die Kordl hat ganz recht, wenn sie so an gottlosen Menschen, wia du oaner bist, ordentlich durchkarbatscht!«

13 »Was? Recht hat sie aa no?« schrie der Hias erbost.

»Außi, sag' i!« rief der Kurat.

»I geah schon!« erwiderte der Hias. »Aber i gib s' z'ruck!« Damit war er bei der Tür draußen.

Der hochwürdige Herr Kurat durchmaß noch geraume Zeit aufgeregt mit langen Schritten sein Stüberl. Dann stopfte er sich zur Beruhigung eine Pfeife und qualmte seinen Ärger in dichten blauen Wolken in die Luft.

So ein ungehobelter Lackl wie der Pecher Hias war ihm doch lange nicht mehr untergekommen, dachte sich der Hochwürdige. Den wollte er sich bei der nächsten günstigen Gelegenheit aber noch einmal ordentlich ausleihen, den Hias . . .


Seit der denkwürdigen Unterredung des Pecher Hias mit dem Herrn Kuraten waren ungefähr drei Wochen verstrichen. Eine Gelegenheit aber, den Hias herunterzukanzeln, hatte der Hochwürdige seitdem nicht gefunden; denn der Hias ging dem geistlichen Herrn mit einer derartigen Sorgfalt aus dem Wege, wie der Teufel dem Weihwasser.

Mit der Zeit hatte der Kurat auf die Szene im Widum auch wieder nahezu vergessen. Der Hias hatte allerdings desto weniger darauf vergessen. Das sollte der Kurat in einer unbedingt etwas eigentümlichen Weise erfahren.

Auf einmal schellte es mitten in der Nacht an der Widumglocke so gellend und unaufhörlich, als wenn 14 ein paar Verrückte vor der Haustür draußen wären oder mindestens plötzlich das ganze Dorf in den letzten Zügen läge.

Der Kurat glaubte auch gar nichts anderes, als daß unvermutet ein schwerer Krankheitsfall ausgekommen sei, am Ende gar wer verunglückt wäre. Er sprang daher selbst eilig aus dem Bett, warf seinen Talar über und schickte sich an, die Haustüre zu öffnen.

Schon auf der Stiege hörte er, durch das fortwährende Schellen der Hausglocke kaum übertönt, einen wahren Mordsspektakel. Eine kreischende und schimpfende Weiberstimme in allen nur denkbaren Tonhöhen. Inzwischen war auch die Widumhäuserin wach geworden und kam ängstlich, was los sei, mit einem Licht in den Flur herunter.

Die Haustüre wurde aufgesperrt. Was sich nun da den Augen des hochwürdigen Herrn Kuraten darbot, das hatte er allerdings in seiner ganzen geistlichen Praxis bisher noch nicht erlebt.

Vor der Tür, sorgfältig an die Mauer gelehnt wie ein zerbrechliches Ding, stand ein großer Ruckkorb. Aus dem Ruckkorb aber guckte der Kopf der Kordl, des Weibes vom Pecher Hias, heraus, die wie eine Besessene aufbegehrte, kreischte und schrie.

Die Kordl war in ihre Bett-Tuchent mit einem starken Strick fest eingeschnürt und so als Paket in den Ruckkorb gestopft, daß sie sich nicht mehr rühren 15 konnte. Nur ihr Mundwerk war in vollster wütender Tätigkeit.

Der Pecher Hias war schon ziemlich weit vom Widum entfernt, wo er sein böses Weib abgeladen hatte. Indem er seine Schritte eilig weiter lenkte, rief er noch laut zurück: »So K'rat, da habt's es Ös wieder dös z'nichte Raffelscheit! Ös habt's mir's geb'n! Jatz könnt's Ös damit leb'n! Guate Nacht!« . . .

Nachdem sich der Pecher Hias so auf seine Art Ruhe verschafft hatte, war er auch nicht mehr zu bewegen, das Zusammenleben mit der Kordl wieder aufzunehmen. Er wurde natürlich vom Gericht verurteilt, für den Unterhalt der Kordl zu zahlen. Das tat der Hias mit Vergnügen.

Auch eine kleine Arreststrafe mußte er wegen jener nächtlichen Paketlieferung der Kordl zum Herrn Kuraten absitzen. Das war ihm aber auch nur ein Vergnügen, und er meinte treuherzig zum Herrn Gerichtsadjunkt, auf ein paar Wochen mehr oder weniger ginge es ihm schließlich gar nicht zusammen. Habe er es ein Jahr mit der Kordl ausgehalten, so sei ihm dös bissel Kotterle lei a kloane Summerfrisch'n!

Am meisten beunruhigt hat die ganze Geschichte den hochwürdigen Herrn Kuraten Martin Strobl. Er konnte geraume Zeit die geheime Sorge nicht los werden, daß ihm in einer schönen Nacht 16 irgendein anderes räudiges Schäflein seiner Seelsorge neuerdings einen vollgepackten Ruckkorb vor der Widumtüre ablade.

Eine Zeit hindurch wurde der arme geistliche Herr sogar von einem und demselben schweren Traum geplagt, daß plötzlich das ganze Dorf ihm alle Weiber, die er im Laufe der vielen Jahre getraut hatte, wieder zurückbrachte. Aber das war nur ein Traum; und der hochwürdige Herr fand sich schließlich auch mit der Tatsache ab, daß der Hias wieder allein auf seinem Gütel hauste und stets mit einem seelenvergnügten Gesicht ohne jedes Pechpflaster zu sehen war. 17

 

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