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Aus'm heiligen Landl

Rudolf Greinz: Aus'm heiligen Landl - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus'm heiligen Landl
authorRudolf Greinz
year1909
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleAus'm heiligen Landl
pages331
created20120901
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Krat.

Schon seit mehr als dreißig Jahren hauste der Hochwürdige Herr Martin Tschöll als Kurat, Lokalkaplan und Pfarrprovisor in seiner weltfernen Tiroler Berggemeinde. Er war mit ihr so eng verwachsen wie der Grund und Boden mit den Bauernhäusern, die darauf gebaut sind.

Bei den Leuten hieß er kurzweg der Krat. Er verlangte sich auch keinen andern Titel. Und sie sagten alle du zu ihm, wie auch er mit einem jeden seiner Seelsorgekinder auf dem Duzfuß stand.

Der Krat war schon ein tüchtiger Siebziger, mittelgroß und ziemlich hager. Zum Fettwerden ist auch keine sonderliche Gelegenheit in solch einer armen Tiroler Berggemeinde.

Seit Jahren trägt er den gleichen schäbigen Talar, der ihm nur bis zu den Knien reicht und schon in allen Farben schillert. Das Fuchsige ist jedoch die Hauptfarbe. Es ist vielleicht gut, daß der Krat nie von seiner Gemeinde und deren nächsten Umgebung fortkommt. Denn sonst könnte er am Ende mit seinem an allen Ecken und Enden zerflickten und zerfransten G'wand gar noch Anstände haben.

Um Welt und Politik hat sich der Krat nie 228 gekümmert. Auch die Theologie hat er stets nur praktisch betrieben, indem er nach Kräften seine Bauern zu einem ordentlichen Lebenswandel anzuhalten bestrebt war.

In seiner gemütlichen Stub'n steht ein alter schäbiger Diwan. Der Krat sitzt nur selten darauf. Meist benützt er einen womöglich noch verbrauchteren alten Lehnstuhl. Auf dem Diwan hat er jedoch einige dicke theologische Folianten der Reihe nach an der Rücklehne aufgestellt. Für diese scheint demnach hauptsächlich das Möbel vorhanden zu sein.

Unter den Büchern befindet sich ein größeres Werk über Pastoraltheologie, auf das der Krat mit besonderm Stolz hinzuweisen pflegt. »Dös Buach hat mi volle zwanzig Gulden kostet und no viar Gulden extra für'n Buachbinder!« pflegt er zu erzählen. Diese Daten sind nebst dem Namen des Besitzers auch genau auf dem Titelblatt vermerkt. Sonst sieht das Werk aber so neu aus, daß man wohl annehmen darf, der Krat sei nie über den Titel hinausgekommen.

In der letzten Zeit, schon seit bald zwei Jahren, war der Krat nie recht besonders beisammen. Das Fußwerk ließ aus, »'s verflixte G'stell«, wie der Krat selber es bezeichnete. Er hatte schon ein paarmal an das Konsistorium nach Brixen eingegeben, man möge ihm einen Kooperator zur Aushilfe schicken; denn mit seiner Gicht habe es nun schon bald gar kein richtiges Herschauen mehr. Das Konsistorium hatte aber taube Ohren und ließ den alten 229 weltverschlagenen Kraten Eingaben machen, bis ihm endlich die Geduld riß.

Als er von Brixen auf alle seine Eingaben keinen Kooperator bekam, setzte sich der Krat Martin Tschöll eines Tages hin, nahm einen besonders großen Bogen und schrieb dem Fürstbischof persönlich einen Brief. Und zwar einen kotzengroben Brief, der keine Spur von demütiger Unterwerfung und schuldigem Gehorsam enthielt.

Der Krat war ganz erleichtert, als er das Schreiben abgeschickt hatte. Nun wußten es die in Brixen einmal gehörig!

Seitdem waren mehrere Wochen vergangen, ohne daß er von Brixen eine Antwort erhalten hatte. Die schienen ihn überhaupt gar nicht mehr zu beachten. Auch wenn er grob wurde. Und heute hatte es den alten Kraten besonders. Er saß in seinem Lehnstuhl und hatte die schmerzenden Hax'n in eine Decke gehüllt.

Draußen war ein schwüler heißer Sommertag. Wahrscheinlich gibt's wieder a Wetter ab, dachte sich der Krat. Wenn ein Gewitter im Anzug war, dann konnte ihn die Gicht mörderisch »turmantern«.

Im Hausflur wurde heftig geläutet. Bald darauf öffnete die Häuserin die Stubentür und ließ einen stattlichen geistlichen Herrn eintreten.

Es mochte ein höherer Fünfziger sein. Der elegante Talar umschloß eine mächtige Leibesfülle. Das 230 Gesicht des Ankömmlings war rot und aufgedunsen, aber sonst ganz gutmütig.

»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte der Eintretende würdevoll.

»In Ewigkeit, Amen!« erwiderte der Krat und sah seinen Besucher neugierig an.

»Heiß ist's heute!« seufzte der andere.

»I g'spür' nit viel da herinnen!« meinte der Krat. »Sie entschuldigen schon, daß i nit aufsteh'. Aber heut' hat's den Sakra g'seh'n mit meinem Gehwerk. Nehmen's do Platz!« lud er den Ankömmling ein.

Dieser ließ sich schnaufend nieder. »Ich komme nämlich von Brixen und bin der Kanonikus Schwöllsattel!« stellte sich der Besucher vor.

»Ah, der Schwöllsattel sein Sie! Dös g'freut mi!« sagte der Krat. »I hab Ihnen schon g'lesen im geistlichen Schematismus.«

»Ich mache im Auftrag von Fürstbischöflichen Gnaden gerade eine kleine Visitationsreise –« fuhr der Kanonikus fort. »Und da – hm – da meinten Fürstbischöfliche Gnaden, weil ich gerade in der Nähe wäre, so solle ich einmal bei Ihnen nachsehen, wie es stünde. Hm. Ja. So.«

Eine kleine Pause entstand. Der Kanonikus räusperte sich. Der Krat saß freundlich lächelnd in seinem Lehnstuhl, ohne ein Wort zu sagen.

»So, so, nachschaug'n sollen's amal bei mir?« meinte er dann über eine kleine Weile. »Ja, da gibt's nit viel nachz'schaug'n. Sechen's wol, wia's mir geaht. A Hilf' tät' i halt brauch'n, an Kooperator!«

231 »Hm. Ja. So –« räusperte sich der Kanonikus neuerdings. »Sie haben da an Fürstbischöfliche Gnaden einen Brief geschrieben . . .«

»Ja. Vor a etlene Woch'n schon. Aber i hab' no koa Antwort kriagt drauf!« meinte der Krat freundlich.

»Sie werden auch keine bekommen!« sagte der Kanonikus mit Nachdruck. »Jener Brief war in einem Ton gehalten, den ich – hm – ja – geradezu für impertinent grob und ungehörig erklären muß!« Der Herr Kanonikus lehnte sich in seinem Sessel zurück und blickte voll Entrüstung auf den Übeltäter.

»Ja, ja. A bissele grob wird er schon g'wesen sein der Briaf!« pflichtete der Krat gutmütig bei. »Wissen's, es geaht halt amal an jeden Schaf die Geduld aus!«

»Der Brief war nicht nur ein wenig, er war sogar sehr grob!« entrüstete sich der Kanonikus. »Sie haben wohl ganz vergessen, lieber Amtsbruder, welchen Grad der Ehrfurcht und des Gehorsams Sie Seiner Fürstbischöflichen Gnaden schulden!«

»Naa, i hab' nix vergessen. Aber die Geduld is mir ausgangen. I hab' mir denkt, richtest im Guaten nix, nachher vielleicht richtest mit der Grobheit mehr aus. Und mir scheint, da hab' i aa mehr ausg'richtet.« Der Krat blinzelte den geistlichen Würdenträger aus seinen Äuglein listig an.

»Bilden Sie sich nur das nicht ein, Herr Amtsbruder!« verwahrte sich dieser. »Ich bin nicht 232 gekommen, Ihren Wunsch zu erfüllen, sondern lediglich Ihren Fall zu konstatieren.«

»Also nachher konstatiarn's!« sagte der Krat ruhig, indem er sich nach vorwärts beugte und dem Kanonikus lustig ins Gesicht schaute.

Die Häuserin hatte inzwischen einen Wein gebracht. Der Herr Kanonikus Schwöllsattel, der sehr durstig war, leerte hastig zwei Gläser nacheinander. Dann meinte er: »Ich konstatiere, daß Sie den Umständen entsprechend gut beisammen sind. Die Gemeinde ist ja übrigens klein und Ihre Seelsorge auf eine ganz geringe Tätigkeit beschränkt.«

»Moanen Sie mit der Seelsorg' das Dörfl oder die Gemeinde?« erkundigte sich der Krat.

»Die Gemeinde natürlich.«

»So? Nachher hab'n Sie koan' blau'n Dunst von der ganzen Sach'!« sagte der Krat und schlug mit seiner rechten Hand, die schon leicht zittrig war, kräftig auf den Tisch. »Wissen Sie, wia weit der letzte Hof, der zur Gemeinde no dazua g'hört, entfernt is? Fünf Stund'! Und glauben Sie wirklich, daß i dö fünf Stund' no giahn kann?«

»Von Ihrem Standpunkt aus mögen Sie ja – hm – ja nicht so ganz unrecht haben, lieber Amtsbruder. Aber – ja – hm – ja – Sie müssen eben doch bedenken, daß Sie sich in erster Linie demütig den Bestimmungen Ihrer Vorgesetzten zu fügen haben!«

»Hören's mir auf!« rief der Krat nun ganz obstinat. »Ös in der Stadt habt's ja gar koa 233 Verständnis nit für unseroans! Was wißt's denn ös von a Seelsorg' da in die Berg' herin. Ös habt's es bequem. Ös tuat's oanfach von der Kanzlei aus die Seel'n regiar'n!«

»Ich muß Sie doch bitten, lieber Amtsbruder!« rief der Kanonikus, der im Gesicht womöglich noch röter geworden war.

In diesem Augenblick ließ sich der schrille Ton der Hausglocke vernehmen. Der Kanonikus fuhr nervös zusammen. Der Krat sagte nur kurz »Oha!« Dabei horchte er gespannt zur Türe hin, in welcher gleich darauf ein jüngerer Knecht erschien.

»Was gibt's denn?« fragte der Krat.

»Der Bauer schickt mi!« berichtete der vierschrötige Mensch langsam. »Es is ihm wieder amal soviel lötz

»Hat er halt wieder amal viel z'viel g'soffen!^ meinte der Krat.

»Joa. Sell weard er schon hab'n!« bestätigte der Knecht. »Aber heunt is ihm schon ganz extra lötz dem Bauer.«

»Hat er halt ganz extra viel g'soffen!« sagte der Krat.

»Joa. Sell weard er schon hab'n!« bestätigte der Knecht.

»Was will er denn nachher der Klumsenbauer?«

»Beichten möcht' er der Klumsenbauer.«

»Sonst nix?«

»Naa. Sonst nix.«

234 »Geah' nur derweil in die Kuchl zur Häuserin und laß' dir an Kaffee geben!«

Der Knecht trollte sich mit einem »Vergelt's Gott!« wieder zur Türe hinaus.

»Also der Klumsenbauer möcht' beichten. Was sagen's iatz da dazua?« wandte sich der Krat an den Herrn Kanonikus.

»Sie werden ihm eben die Beichte abnehmen.«

»Moanen's? Wissen's übrigens, wo der Klumsenbauer is?«

»Ist er weit von hier?«

»Nit amal gar a so. So a guate drei Stund' im Berg droben. Aber der Weg is halt recht miserabel. Ja, der Klumsenbauer dös is a Damischer. Der hat nämlich 's Delirium, weil er sauft wia a Loch. Und wenn ihn dös Delirium wieder amal recht beim G'nack hat, nachher will er beicht'n und dös g'schwind. Da steigen ihm nachher die Grausbirn vor'm Tuifl auf. Aber sonst alleweil frisch weiter g'soffen und g'fluacht und g'spielt. Wia oft i schon den Weg zu dem Klumsenbauer aufi g'macht hab', dös is gar nimmer zum zählen. A etliche mal aa ganz umsonst. Da hat er si' derweil wieder erholt g'habt und nix mehr wissen wollen vom Beicht'n, weil's ihm eh' schon wieder besser geah'!«

»Und Sie haben jedesmal dem Rufe dieses Trunkenboldes Folge geleistet?« fragte der Kanonikus.

»Ja, natürlich. Was denn sonst?« erwiderte der 235 Krat ganz ernst. »Dös is ja mei Pflicht und Schuldigkeit. Wenn der Klumsenbauer beicht'n will und nit in der Verfassung is, daß er zu mir kommt, nachher muaß i eben zu ihm kommen!«

»Es wird doch heute ebensowenig was Ernstliches sein!« meinte der Kanonikus.

»Hoffentlich nit. Aber wer kann's wissen. Der Klumsenbauer will amal beicht'n. 's kann aa sein, daß's mit ihm wirklich amal z' End' geaht.«

»Ja, was soll man da tun?« frug der Kanonikus unruhig.

»Da is iatz leicht g'holfen!« meinte der Krat. »Gott sei Lob und Dank, daß Sie grad' zuafällig da sein, Herr Kanonikus! Daß i heut' nit zum Klumsenbauer kann, dös werden's wohl einseh'n. I kimm kaum von mei'm Stuahl bis zur Tür.«

»Ja, da soll ich zum Klumsenbauer hinauf?« frug der dicke Kanonikus entsetzt.

»Es wird wol nit viel anders übrig bleiben. Denn wenn a Kranker nach den Tröstungen der Religion verlangt, so dürfen sie ihm nit verweigert werden. Ob's iatz der Klumsenbauer is oder a anderer.«

»Aber der Mensch hat ja 's Delirium!« wandte der Kanonikus ein.

»Is dös vielleicht koa Krankheit?« frug der Krat ruhig.

»Das schon. Aber nachdem Sie mir sagen. daß der Bauer Sie schon so und so oft wegen nichts und wieder nichts bemüht habe . . .«

236 »Deswegen kann's dösmal halt do was Ernstlich's sein. Der Klumsenbauer will beicht'n, weil er si bei sei'm Delirium, dös a Krankheit is wia a andre Krankheit aa, vor den ewigen Strafen fürchtet. Dös is schon a gewisser Grad der Reue. Die Tröstungen der Religion dürfen ihm nit versagt werden. Also . . .«

»Aber da hört sich doch Verschiedenes auf . . .«

»Da hört si gar nix auf. Dös is halt a Stückl Seelsorg' auf die Berg'.«

»Sie meinen, ich soll wirklich bei dieser Hitze . . . und ein Wetter steht auch noch am Himmel . . .« Der Herr Kanonikus sah ängstlich zum Fenster hinaus. Am Horizont ballten sich drohende schwarze Wetterwolken zusammen.

»I moan' schon –« erwiderte der Krat. »Außer Sie wollen die Verantwortung dafür übernehmen, wenn heut' dem Klumsenbauer wirklich was passiert. Dös kann man beim Delirium nia wissen.«

Der Kanonikus kämpfte mit sich selber. Was blieb ihm schließlich anderes übrig, als den schweren Gang anzutreten. Er konnte sich doch nicht vor seinem Untergebenen, dem einfachen Bergpfarrerl, blamieren, indem er eine geistliche Pflicht ablehnte.

Und wenn dem Klumsenbauer tatsächlich was zustieß und die Sache publik wurde, daß er sich geweigert hatte, einem Schwerkranken, vielleicht Sterbenden die Tröstungen der Religion zu spenden, so konnte das für ihn nur sehr unangenehme Folgen haben. Das konnte seiner ganzen Karriere schaden, 237 namentlich wenn zuletzt gar die verdammten liberalen Zeitungen den Fall aufgreifen würden . . .

Der Herr Kanonikus machte sich daher unter der Führung des Knechtes vom Klumsenbauer auf den Weg.

Es war eine schauderhafte Kletterei. Dem dicken Kanonikus rann der Schweiß aus allen Poren. Dabei bekam er es bei dem kerzengeraden Aufwärtskraxeln mit seinem alten Asthma zu tun. Er meinte, jetzt und jetzt müsse ihn der Schlag treffen.

Außerdem schritt der Knecht, der den Weg natürlich gewohnt war, so rasch aus, daß ihn der Kanonikus mehrmals ersuchen mußte, um Gotteswillen nicht gar so verrückt zu rennen.

Das Gewitter kam immer näher.

Als der Kanonikus sich gerade mitten auf dem Weg befand, brach es los. Donner, Blitz, Hagel, alles durcheinander. Keine Gelegenheit irgendwo unterzustehen. Öde steinige Berghalde ringsum.

Der Herr Kanonikus verfluchte innerlich den Tag, der ihn in dieses Bergnest zu dem alten Kraten geführt hatte. Er nahm sich vor, in Zukunft immer für die Beistellung von Hilfsgeistlichen zu plädieren, wo dies nur möglich war. Denn sonst passierte ihm oder einem der andern Herren in Brixen wieder so was Ähnliches.

Das war ja ganz unerhört. Zuerst in der Sonne gebraten. Und jetzt bis auf die Haut durchnäßt. Keinen trockenen Faden spürte der Kanonikus in dem Hagelwetter mehr am ganzen Leib. Davon konnte 238 er ja den Tod haben oder wenigstens eine lebenslängliche Gicht. Der verflixte Klumsenbauer! Daß der justament heute wieder sein Delirium bekommen mußte! . . .

Mehr tot als lebendig kam der Kanonikus auf dem Klumsenhof hoch droben am Berg an. Das Wetter hatte sich inzwischen gerade verzogen. Die glühende Sonne brach sich neuerdings durch die Wolken Bahn.

Vor dem Einödhof saß auf der Bank ein älterer Bauer und puchelte gemütlich aus seiner kurzen Stummelpfeife.

»Wo ist denn der Schwerkranke?« frug ihn der Kanonikus.

»Wear?«

»Der Klumsenbauer?«

»Dös bin schon i!«

»Wer? Sie?« rief der Kanonikus empört. »Aber Sie sind ja gar nicht krank!«

»Naa!« erwiderte der Klumsenbauer. »Jatz is mir schon wieder besser. Aber mir is höllisch lötz g'wesen!«

»Und da treiben Sie einen bei diesem Wetter herauf, weil Sie angeblich beim Sterben sind und beichten wollen! Das ist einfach unerhört!« rief der Kanonikus ganz wütend.

»Ha?« machte der Klumsenbauer, als ob er nicht recht verstehen würde.

»Ein alter Saufbold sind Sie!« empörte sich der Kanonikus.

239 »Da hast recht!« gab der Klumsenbauer zu. »Saufen tua i viel z' viel! Heunt' hat's mi schiach g'habt. I hab' schon glaubt, iatz geaht's dahin. Bist du vielleicht der neue Kumprater?« erkundigte er sich interessiert.

»Nein. Ich bin ein Kanonikus aus Brixen.«

»Jatz wol. Gar aus Brixen. Drum bist gar soviel a scharfer Hearr.«

»Wollen Sie also beichten?« frug der Kanonikus, der sich nun wieder erinnerte, zu welchem Zweck er eigentlich diesen schauderhaften Weg gemacht hatte.

»Naa. Dös is nimmer notwendig!« erwiderte der Klumsenbauer. »Und du wärst mir viel zu z'wider zum Beicht'n. Da is der Krat a anders Feiner!« . . .

Der Herr Kanonikus Schwöllsattel aus Brixen hielt sich nicht länger auf dem Klumsenhof auf, als er unbedingt nötig hatte, um sich zu verschnaufen. Einen Schnaps, den ihm der Klumsenbauer antrug, wies er mit Entrüstung zurück. Als er halbwegs wieder auf die Beine konnte, machte er sich auf den Rückweg.

Hinunter ging es zwar bedeutend schneller, aber deswegen nicht mit weniger Beschwerden. Sein Wanst machte dem Kanonikus bei dem steil abfallenden Bergsteigen genug zu schaffen. Während der letzten Wegstunde kam er auch noch unter einen ganz gehörigen Platzregen, so daß er bei einbrechender Dunkelheit nun erst recht durchnäßt und in der kläglichsten Verfassung im Widum drunten anlangte.

240 Der alte Krat mußte bei seinem Anblick laut auflachen. »Ihnen hat's aber schian derwischt dös Wetter!« meinte er. »Sie schaug'n ja aus wia a getaufte Maus!«

»Sie haben leicht lachen! So ein Wetter und so ein Pech!« schimpfte der Kanonikus wütend. »Und dem Kerl, dem Klumsenbauer fehlt ja gar nichts mehr!«

»Ah wol nix mehr? Dös is recht!«

»Sie sitzen ganz behaglich in Ihrer Stube, während unsereins solche Strapazen auszustehen hat!«

»O mei'! Dös is nit gar a so arg!« meinte der Krat. »Jatz mittelt im Sommer! Aber im Winter erst! Da sollten's amal den Weg zum Klumsenbauer aufi mach'n! Wenn's schneibt und stürmt, daß man völlig seine eigenen Händ' nimmer g'siecht. Und wenn man nia woaß, ob nit so a Teuxelslawin' daherkimmt. Da können's reden von Strapazen, aber nit iatz von wegen dem a bissel unter's Wetter kommen!« Der Krat trommelte mit den Fingern gemütlich auf der Lehne seines Stuhles. »Aber umziach'n müassen's Ihnen iatz glei. I hab' schon no an alten Talar im Kasten hängen. Der tuat's für die Not. Und die Häuserin soll iatz g'schwind an Glühwein mach'n. Der derwärmt Ihnen.« . . .

Es dauerte kaum zwei Wochen, da hatte der Hochwürdige Herr Martin Tschöll seinen Kooperator. Der Kanonikus Schwöllsattel hatte aber noch drei Wochen länger an einem Mordsschnupfen zu leiden. Das erfuhr der Krat so unter der Hand.

241 »Ja, ja, dö Stadtlinger!« meint er, wenn er auf die Geschichte zu sprechen kommt. »Aushalten tuan sie schon rein gar nix. Wenn den Schwöllsattel nit 's Wetter derwischt hätt', könnt' i mir mein' Kooprater denken. Aber derwischt hat's 'n schiach!« lacht er. Dabei kommt ein fast boshafter Ausdruck von Schadenfreude in sein sonst gutmütiges faltiges Gesicht. »Und der Klumsenbauer is gar nit amal das räudigste Schaf von meiner ganzen Gmoan. Wenn der nit so viel g'soffen hätt', bis er 's Delirium kriagt hat, nachher hätten dö Hearrn in Brixen no alleweil koa Einsehen nit g'habt. Und so hab' i eigentlich dem Klumsenbauer und sei'm Delirium den neuch'n Herrn Kooprater z' verdanken. Ja, ja, unser Herrgott bediant si oft merkwürdiger Werkzeuge, um eine hohe Obrigkeit zu erleuchten. Schau, schau, dös hätt' i mir nit im Traum einfallen lassen, daß der Klumsenbauer no amal a ganzes Konsistorium umstimmt!« 242

 

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