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Aus'm heiligen Landl

Rudolf Greinz: Aus'm heiligen Landl - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus'm heiligen Landl
authorRudolf Greinz
year1909
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleAus'm heiligen Landl
pages331
created20120901
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als ich Fremdenführer machte.

Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich Fremdenführer gemacht. Aber ich tu's gewiß nicht wieder.

Wir waren schon alte Bekannte, Familie Repke und ich. Das heißt, Herr und Frau Repke, deren Tochter Käthe und meine Wenigkeit. Fünf Jahre hatte ich Repkes nicht mehr gesehen. Damals war Käthe noch ein kleines Ding in kurzen Röckchen und mit fliegenden Zöpfen. Aber fünf Jahre machen aus einem Kind ein junges Mädchen.

Und was für ein bildsauberes Mädel diese Käthe geworden war! Donnerwetter! Ich freute mich noch einmal so herzlich, die alten Bekannten in Tirol wiederzusehen, da sie nun eine so reizende Tochter hatten.

Bis spät in die Nacht hinein saßen wir beisammen und zechten. Ich und Herr Repke nämlich zechten. Die Damen nippten nur an den Gläsern und lachten über die Geschichten und Späße, die ich ihnen zum Besten gab.

Als wir so recht gemütlich beisammen saßen und ich gerade einen G'spaß erzählte, der sich auf einer Alm abgespielt haben sollte, wobei ich diese Alm in recht verführerischen Farben schilderte, meinte Fräulein 182 Käthe: »Du Papa, so 'ne Alpe muß was Herrliches sein! So was möchte ich mal furchtbar jerne sehen!«

»Aber das können wir ja mal machen, Kind. Da is ja jar nich viel dabei. Da wollen wir mal 'nauf!« Der Vater ging gleich mit Feuereifer auf den Wunsch der Tochter ein.

»Is denn hier irjendwo in der Umjebung 'ne Alpe?« erkundigte sich Frau Repke mit freundlichem Lächeln.

»Aber ja!« erwiderte ich. »Grad' g'nug! Die Lazumsalm ist gar nit so weit weg von da!«

Wenn ich nur das nicht getan hätte! Nun ging's los. Ein wahres Raketenfeuer von Fragen. Ob ich schon mal auf dieser Alpe jewesen sei? Ob ich den Weg noch finden würde? Wie weit es sei? Ob ich nich mal mit ihnen kommen möchte? Es wäre jottvoll, wenn wir da zusammen 'nauf könnten! usw.

Da hatte ich mir ja eine nette Suppe eingebrockt! Ich war wohl schon wiederholt in früheren Jahren auf der Lazumsalm gewesen; aber seit einiger Zeit machte sich bei mir infolge zunehmender Korpulenz eine gewisse Bequemlichkeit bemerkbar.

Alles Steigen, und besonders Steigen in der Sonnenhitze war mir in der Seele hinein zuwider. Ich suchte daher nach den verschiedensten Ausflüchten, schützte Mangel an Zeit vor. Ich müsse unbedingt morgen wieder nach Hause reisen.

»Ach was! Det jibt es nich!« meinte Herr Repke und gab mir einen so freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, daß ich beinahe aufgeschrien hätte.

183 Herr Repke war ein Koloß von einem Menschen. Groß und dick. Er überragte mich beinahe um Haupteslänge. Er sah ziemlich aufgedunsen und asthmatisch aus. Auch die beiden Damen machten nicht den Eindruck, daß sie einer so großen Tour, wie es die Partie auf die Lazumsalm immerhin war, gewachsen sein würden.

Das konnte eine nette Geschichte für mich werden! Aber es gab kein Entrinnen mehr. Gleich am nächsten Morgen wollten sie aufbrechen, damit ich keine Zeit verlieren sollte. Einen oder zwei Tage könnte ich ihnen zulieb doch noch opfern.

Den Ausschlag gab schließlich Fräulein Käthe. Die schaute mich mit ihren sanften Rehaugen so vorwurfsvoll bittend an, daß ich gerne Ja und Amen sagte.

In aller Frühe ging's los. Die Familie Repke entpuppten sich alle drei als sehr rüstige Fußgänger. Das hätte ich gar nicht geglaubt. Wie die Wieseln rannten sie den steilen Berg hinauf. Ich konnte endlich nicht mehr mit. Die Sonne brannte entsetzlich. Der Angstschweiß brach mir aus allen Poren.

Zum Überfluß hatte ich mich noch mit dem Rucksack des Fräulein Käthe beladen. Und der war verflucht schwer. Offenbar hatten Papa und Mama Repke der Tochter ihre ganzen Habseligkeiten aufgehalst. Ich konstatierte nur, unter meiner Last keuchend, daß der Rucksack des Herrn Repke ganz schlank und dünn aussah, während der der Tochter vollgepfropft war.

184 Das war eine Gemeinheit, ein zartes Geschöpf mit einem solchen Gewicht zu belasten! Oder hatte Herr Repke darauf gerechnet, daß ich den Rucksack für die Tochter tragen würde? Dann war die Gemeinheit noch größer! Das nennt man einen Menschen ausnützen! Ich kochte innerlich vor Wut.

Das trug absolut nicht dazu bei, mein körperliches Wohlbefinden zu fördern. Der Rucksack drückte mich wie eine Zentnerlast. Die Hitze wurde mit der Zeit geradezu entsetzlich. Alles Blut schoß mir in den Kopf. Nur mühsam rang ich nach Atem.

Himmel, Herrgott, Sakrament, wenn ich doch nicht zugesagt hätte! Einzig wegen der schönen Augen des Mädels. Und von der hatte ich jetzt gar nichts. Die war mir immer ein großes Stück voraus, sang und lachte und war übermütig.

Diese Repkes schienen von der Hitze und der Anstrengung nichts zu merken. Nicht ein einziges Mal machten sie Rast. Rücksichtslos! Ich konnte doch nicht eingestehen, daß ich müde sei. Das wäre eine nette Blamage gewesen! Wie wäre ich denn da vor dem Fräulein Käthe dagestanden! Ausgelacht hätte sie mich noch obendrein. Nein, das konnte ich unmöglich eingestehen. Aber ausruhen mußte ich mich. Es ging wirklich nicht mehr länger. Sonst konnte mich noch der Hitzschlag treffen!

Da kam mir ein rettender Gedanke. Ich blieb stehen, hielt die linke Hand schützend vor die Augen und starrte angelegentlich hinüber zu der andern Bergseite.

Große, mächtige Felsblöcke lagerten in der steil 185 abfallenden Moräne. Hoch oben hoben sich die spitzen Zacken einer Bergkette hell und klar von dem dunkeln Blau des Firmamentes ab.

Es dauerte nicht lange, bis Herr Repke bemerkte, daß ich stehen geblieben war. »Was sehen Sie?« rief er mir höchst interessiert zu.

»Gemsen!« schrie ich zurück.

»Jemsen? Nich möglich! Luischen, Käthe, hört mal! Dort jibt's Jemsen!« rief er den beiden Damen aufgeregt zu. Im Nu war er samt seinem ungeheuren Bergstock zu mir heruntergeklettert. Ich hätte ihm eine derartige Elastizität nicht zugetraut.

»Wo? Wo?« frugen die Damen neugierig, die auch zurückgekommen waren.

»Da drüben! Sehen Sie's nit? Ganz zu oberst unter der großen Felswand!« zeigte ich hinüber.

»Wo? Wo?« fragte Mama Repke.

»Ich sehe nischt!« sagte Fräulein Käthe enttäuscht.

»Ich schon. Da drüben! Jans richtig. 'ne mächtige Jemse! Schönes Tier!« meinte Herr Repke und sah angelegentlich durch seinen Feldstecher.

»Laß' mich auch sehen, Papa!« bat die Tochter.

Nun bewunderten sie lange Zeit hindurch die Gemse und entdeckten gleich mehrere dazu. Die List war geglückt. Was die Einbildung alles vermag. Sie hielten kleine Felsblöcke für Gemsen. Und ich konnte mich einstweilen in größter Gemütlichkeit ausruhen.

Von nun ab wandte ich diesen Trick mehrmals 186 an. So oft ich mich auszuruhen wünschte, sah ich Gemsen und machte dabei die merkwürdige Entdeckung, daß Papa und Mama Repke sowie deren Tochter Käthe immer mehr Gemsen sahen als ich.

»Das ist aber 'ne jemsenreiche Jegend!« meinte Herr Repke hoch befriedigt, als wir beinahe am Ziel angelangt waren.

Jedes Martyrium hat schließlich ein Ende. So auch dieser Weg in der brennenden Sonnenglut mit der ungewohnten Last am Buckel. Seitdem ich die Gemsen entdeckt hatte, hielten sich Repkes immer in meiner Nähe. Wir tauschten unsere Ansichten über Hochwild im allgemeinen und Gemsen im besondern aus. Es war ganz angenehm.

Schließlich waren wir auf der Lazumsalm angelangt. Dort hauste schon seit vielen Jahren im Sommer der gleiche Senner. Der Siebenförcher Wast. Ein berühmter Mann. Berühmt durch seine Derbheit und Grobheit. Ein halber Waldmensch.

Selten sieht er da droben einen Fremden. Und wenn er einmal einen sieht, so trachtet er ihn durch Grobheit baldmöglichst wieder aus seiner Hütt'n hinauszuekeln. Holzknechte kommen viele auf die Alm. Aber das sind ebenso halbe Waldmenschen wie der Wast einer ist. Die machen ihm nichts. »Da hat man nit a so a G'schear als wia mit dö Stadtlinger!« meinte er.

Der Siebenförcher Wast stand schon in seiner 187 ganzen Größe und Breite vor dem Eingang der Hütte. Unbeweglich wie ein Felsblock. Mit gespreizten Beinen. Er rührte sich nicht und sah uns mit keinem Blick an.

Das schmutzige grauweiße Hemd, das deutliche Spuren seiner engen Beziehungen zu den Kühen und Kälbern aufwies, trug er vorn geöffnet, so daß die stark behaarte Brust sichtbar wurde, die den Eindruck des Halbwilden noch verstärkte. Der graue struppige Bart und das Haar umrahmten das Gesicht des Wast wie eine Mähne und verliehen ihm ein etwas unheimliches Aussehen. Die bodenscheuen, schwärzlich grünen Hosen starrten förmlich vor Schmutz.

»'ne herrliche Erscheinung!« begeisterte sich Herr Repke. Ich hatte jedoch den Eindruck, daß er das mehr aus Verlegenheit als aus Überzeugung sagte.

Wir viere umstanden den Siebenförcher Wast, der nicht die geringste Notiz von uns nahm. Nicht einmal unsern Gruß geruhte er zu bemerken. Wie ein König in seinem Reich stand er da, patzig, die Hände in den Hosentaschen und in die Luft starrend.

»Kennst mi nimmer, Wast?« versuchte ich eine Annäherung.

Der Senner schaute mich mit einem verächtlichen Seitenblick flüchtig an, schüttelte würdevoll den Kopf und brummte mürrisch: »Naa!«

»I bin schon a paarmal dag'wesen!« versuchte ich die Bekanntschaft zu erneuern.

»Isch schon möglich!« brummte er, ohne einen von uns anzusehen oder auch nur im geringsten seine 188 Stellung zu verändern. Seine Haltung war entschieden feindselig. Das schien aber Herrn Repke ungemein zu imponieren.

»Ein interessanter Mann!« sagte er laut. »Guck mal an, Luischen, die originellen Schuhe, die er trägt!« Dabei machte er seine Frau auf die groben, unförmlichen »Knoschpen« des Senners aufmerksam.

Der Siebenförcher Wast rührte sich nicht. Mir wurde es schon ungemütlich. Dem Wast war es zuzutrauen, daß er uns überhaupt nicht einmal in die Almhütte hineinließ.

»Wir hab'n an damischen Hunger!« begann ich wieder. »Könnten wir nit a bissel a Milch hab'n?«

»Joa. Dös könnt's von mir aus schon hab'n!« erwiderte der Wast mit einer geradezu majestätischen Herablassung. Gott sei Dank! Der Bann war gebrochen!

»Und können wir och 'n bischen in die Hütte 'rein?« bat Frau Repke.

»Ha?« frug der Wast plötzlich ganz laut und unwirsch.

»Eini giah'n möchten's!« verdeutschte ich.

»Geaht's halt eini!« brummte er unfreundlich. Dann bequemte er sich ein wenig zur Seite zu stehen und darauf langsam und bedächtig in die Hütte zu treten, um uns dort vier große Milchschüsseln vorzusetzen.

»Kriegen wir keine Tassen nich?« erkundigte sich Fräulein Käthe schüchtern.

189 »Ha?« schrie der Wast wieder und musterte das Mädchen scharf und mißtrauisch.

Ich erklärte den Damen, daß eine Tasse auf der Alm zu den dort nicht vorhandenen Luxusartikeln gehöre, und daß man die Milch aus den Schüsseln oder mit den Löffeln trinken müsse. Dabei langte ich nach den großen Holzlöffeln, die hinter mir an der Wand in einem Riemen steckten und alles eher als sauber und einladend aussahen.

»Ich glaube, der Mann spült sie überhaupt nie ab!« flüsterte Käthe ihrer Mama zu.

»Brrr!« machte Herr Repke unvorsichtig. Der Wast schien es zum Glück nicht gehört zu haben. Sonst wären wir sicher auf der Stelle hinausgeflogen.

»Könnten wir 'ne Butterbemme haben?« erkundigte sich Frau Repke.

»Wia moanst?« sagte der Wast scharf.

»'ne Butterbemme!« Frau Repke sprach es ganz langsam und deutlich aus.

»Isch dös a Walsche?« fragte mich der Wast und deutete mit dem Finger auf Frau Repke, daß diese ganz erschrocken zurückfuhr. Der Wast wäre ihr beinahe an ihre Nase angestoßen.

»Der Mann ist aber unsauber!« flüsterte sie mir später zu, als der Wast auf einen Augenblick die Hütte verlassen hatte. »Ich glaube, er wäscht sich nich einmal!«

»Er riecht nach dem Stall, Mama! Die janze Nase habe ich davon vollbekommen!« kicherte Fräulein Käthe.

190 Im allgemeinen gefiel es Repkes ausgezeichnet da droben. Sie beschlossen, auf der Alm zu übernachten. Hier in der »schönen Luft« müsse sich's herrlich schlafen, meinten sie.

»Hören sie mal an, juter Mann, können wir 'n Nachtlager kriegen?« erkundigte sich Herr Repke.

Der Wast runzelte die Stirn, stemmte die sehnigen, braunbehaarten Arme in die Seite, betrachtete erst Herrn, dann Frau und schließlich Fräulein Repke eine Weile aufmerksam und sagte dann zu mir gewendet: »Was sein iatz dös für ihre?«

»Halt Fremde!« sagte ich.

»Dös kenn' i schon!« brummte er mürrisch.

»Nachtigen möchten sie da!« erklärte ich ihm.

»Sie sollen eini giah'n aufs Heu!« Damit wandte er uns unfreundlich den Rücken zu.

»Jroßartig!« rief Herr Repke begeistert. »Am Heu schlafen! Jottvoll! Was, Luischen! Is das 'n Leben! Mal janz Naturmensch sein! Prachtvoll!«

Herr Repke konnte sich gar nicht mehr fassen vor Freude. Er rieb sich begeistert Hände und Knie und strahlte über und über vor Aufregung und freudiger Erwartung. Auch die beiden Damen teilten, wenn auch nicht mit der gleichen Begeisterung, so doch ehrlich seine Freude. Auf dem Heu zu schlafen erschien ihnen offenbar als der Gipfelpunkt des Genusses.

Als es zu dunkeln begann, schickte uns der Wast, ohne viel Umstände zu machen, ins Heu. Er zündete eine riesige, ganz vom Rauch geschwärzte Stallaterne 191 an und ging voraus in den Stall. Wir andern folgten willig, ohne Widerrede. Herr Repke konnte es schon gar nicht mehr erwarten, bis er im Heu schlafen würde.

Der Wast führte uns durch den dunklen Stall. Ein dumpfes Muhen der Kühe, die wir aus ihrer Ruhe störten, wurde hörbar. Das trübe Licht der Laterne genügte kaum, daß wir unsern Weg finden konnten. Ein ganz schmaler Durchgang führte durch die Reihen der Kühe. Der Boden war sehr schlüpfrig. Da hieß es aufpassen, daß man nicht ausglitt.

Patsch! Da war auch schon die Bescherung! Frau Repke war ausgerutscht und lag nun im Schmutz, mit dem Gesicht auf einer Kuh. Erschreckt durch den jähen Fall auf seinen Körper erhob sich das Tier. Vor Angst getraute sich Frau Repke nicht zu rühren. Sie wimmerte nur leise, während Fräulein Käthe laut jammerte und Herr Repke zu raisonnieren anfing.

»Tuifl no amal eini!« schimpfte der Wast. »Macht's mirs Viech wild, aft schmeiß' i enk alle mitanand außi beim Loch!«

Ich bemühte mich mit aller Kraft, Frau Repke wieder auf die Beine zu bringen.

»Hast du dich wehe jetan, Luischen?« frug der Gatte.

»Ach Jotte och, Max, meine schöne Bluse!« fing Frau Repke zu weinen an.

192 »Das ist 'ne Schweinewirtschaft!« schimpfte Herr Repke. »'ne janz jemeine halsbrecherische Bude!«

Der Wast verstand zum Glück kein Wort davon. Sonst hätte es sicher noch ein größeres Malheur abgesetzt. »Jatz schaut's, daß 's aufi kemmt's ins Heu!« drängte er. »'s Viech isch schon ganz wild!«

»Ich muß mich doch erst waschen, Max!« jammerte Frau Repke.

»Ja natürlich! Selbstredend! Baden mußt du dir! So 'ne Schweinerei!« schimpfte Herr Repke.

»Was will sie iatz no?« frug der Wast.

»Owaschen möcht' sie si halt!« verdolmetschte ich.

»Sie soll si mit a Ströb oputzen. Dös tuat's aa!« sagte der Wast gleichgültig.

»Was meinte der Mann?« erkundigte sich Herr Repke. Als ich es ihm erklärt hatte, wurde er natürlich noch wütender. »So 'n Skandal! So 'ne Wirtschaft!« begehrte er auf. »'n Bad will ich haben oder heißes Wasser!«

Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um den Wast zu bewegen, daß er ein Wasser für Frau Repke brachte.

Als diese endlich glücklich gereinigt war, marschierten wir alle im Gänsemarsch, diesmal viel vorsichtiger, hinter dem Siebenförcher Wast drein. Wir erreichten auch ohne Unfall das Ende des Stalles. Dort war eine Leiter angebracht. Da mußten wir hinaufkraxeln. Ich voran. Hinter mir die beiden Damen. Zum Schluß Herr Repke.

193 »Acht geben!« rief mir der Wast zu. »A Spross'n fahlt!« Dann verließ er uns.

Es war gut, daß er mich gewarnt hatte. Sonst wäre am Ende wieder eine Katastrophe eingetreten. Ich half den beiden Damen, so gut ich konnte, über die fehlende Leitersprosse hinweg. Dann krochen wir auf allen Vieren hinein auf den Heuboden.

»Da ist es ja jreulich dunkel! Da kann man sich ja die Oogen 'rausgucken!« meinte Herr Repke und entzündete ein Wachskerzchen.

»Löscht aus oder nit!« ertönte da aus der Dunkelheit eine tiefe Stimme.

»'s Heu in Brand stecken!«

»Na erlauben Sie man, wenn ick nischt sehe!« brauste Herr Repke auf.

Ich kroch zu ihm hin und blies geschwind das Lichtchen aus. »Es sind Holzknecht' da!« flüsterte ich. »Die Leute verstehen keinen Spaß mit dem Licht! Sie sind im Stand und hauen uns alle durch!«

»'ne wahre Räuberhöhle!« stöhnte Frau Repke.

»Da müssen wir jemeinsam mit den Männern schlafen?« frug Fräulein Käthe ängstlich.

»Das macht nix. Die können Sie doch nit seh'n!« tröstete ich sie.

Die Damen waren offenbar zu müde und abgespannt, um sich über die Anwesenheit fremder Männer am Heuboden noch länger aufzuregen. Wir hatten uns bald ein Lager zurecht gerichtet. Zuerst kam ich. Neben mir Herr Repke, dann seine Frau und zuletzt die Tochter.

194 Ich war froh, daß ich nun meine müden Knochen behaglich ausstrecken konnte. Auch Herr Repke schien sich allmählich wieder zu beruhigen und fing an, den Duft des Heues zu loben. Ich ließ ihn reden und beachtete ihn gar nicht. Der Geruch des Heues hat für mich jedesmal etwas Berauschendes. Fester, traumloser Schlaf überkam mich.

Plötzlich fühlte ich mich heftig am Arm gerüttelt. Ich richtete mich erschreckt auf.

Herr Repke beugte sich über mich und flüsterte mir halblaut in entsetztem Tone zu: »Hören Sie mal, ein Bär jeht um der Hütte 'rum!«

»Ah was! Da gibt's keine Bären!« sagte ich und legte mich wieder zurecht.

Von der andern Seite des Heubodens ertönte dumpf und regelmäßig lautes Schnarchen.

Es dauerte nicht lange, da rüttelte Herr Repke mich neuerdings aus meinem Schlummer. »Er jeht 'rum!« sagte er mit Überzeugung.

»Ah was!«

»Er jeht 'rum! Wenn der man 'rinkommt!«

»Halt's Maul!« ließ sich eine schläfrige Stimme von der andern Seite her vernehmen.

»Was meint der jute Mann?« fragte Herr Repke.

»Ah, der hat nur im Schlaf aufg'redet!« sagte ich und versuchte wieder einzuschlafen. Aber ich sollte keine Ruhe finden. Herr Repke hatte die feste Überzeugung, daß ein Bär die Gegend unsicher mache.

195 »Hören Sie an! Det Jebrumme!« meinte er entsetzt.

»Das ist ja nur ein Holzknecht, der schnarcht!« suchte ich ihn zu beruhigen.

»Nee! So wat machen Sie mir nich vor! So wat Unheimliches! Nee! Dat is'n Bär! Verlassen Sie sich druf!« behauptete er steif und fest.

»Halt's Maul!« kam es wieder schläfrig von der andern Seite.

»Hat der Mann wieder im Traum jesprochen?«

»Ja natürlich!« sagte ich.

Zum Glück fängt im Sommer der Tag zeitig an. Es war wirklich eine Qual für mich, schlafen zu wollen und immer wieder geweckt zu werden. Die Holzknechte erhoben sich mit Tagesanbruch.

»Wollen wir uns och auf die Beene machen?« frug Herr Repke.

Ich hätte viel lieber noch geschlafen, sah aber ein, daß ich doch keine Ruhe finden würde.

Herr Repke weckte Frau und Tochter. »Man uf, Kinder! Heller Tag ist es!«

Die Damen rieben sich die Augen und blinzelten verwundert in das Tageslicht, das sich durch die Ritzen und Spalten des Daches hereinstahl. Ich taumelte schlaftrunken vorwärts, der Richtung zu, wo man durch eine enge Öffnung zur Leiter gelangte, die hinunter in den Stall führte.

Ich vergaß ganz auf die fehlende Sprosse an der Leiter und stieg ahnungslos hinab. Plumps, da lag ich auch schon auf einem Haufen Streu.

196 »Sind Sie man drunten?« frug Herr Repke.

»Ja.«

Da lag er auch schon neben mir. Glücklicherweise neben und nicht auf mir.

»Dö Weiberleut' sollen d' Augen aufthian! Sinscht geaht wieder dö Rearerei an!« schimpfte der Siebenförcher Wast hinauf, der schon im Stall bei dem Vieh beschäftigt war.

»Wat? Sie wollen grob werden?« Herrn Repke schwoll die Zornesader. Er brauchte offenbar einen Blitzableiter für den ausgestandenen Schrecken.

»Macht's enk außi beim Loch!« forderte uns der Wast auf und langte nach einer Mistgabel, die er in der Nähe stecken hatte.

»'ne jefährliche Drohung stoßen Sie aus? 'ne Waffe nehmen Sie? Na, warten Sie! Ich erstatte die Anzeige! Gleich heute noch!« schrie Herr Repke.

»Aber Max!« bat seine Frau ängstlich.

»Ich bitte dich, Papa!« sagte Käthe. »Der Mann sieht so böse aus! Der jibt uns jewiß kein Frühstück mehr!«

Der Wast sah auch unheimlich aus mit seiner drohend vorgehaltenen Mistgabel. »Außi mit enk! Ös macht's mir no 's Viech hin!« schrie er.

Ich zog Herrn Repke im Verein mit seiner Frau und Tochter dem Ausgang zu. Sonst wäre es sicher noch zu einer Schlägerei zwischen den beiden gekommen. Herr Repke wollte nicht weichen.

197 »Wat? Drohen tun Se? Na, warten Se!« brüllte er.

»Außi, ös Sakra, ös verdammten!« schimpfte der Wast und kam uns Schritt für Schritt mit der vorgehaltenen Mistgabel nach.

Wir waren froh, daß wir mit heiler Haut das Freie erreichten. Mich erwischte der Senner mit einem Zinken der Mistgabel noch flüchtig bei der Hose. Glücklicherweise war es eine Lederhose. Sonst hätte ich einen ordentlichen »Schrenz« davongetragen. So nahm ich als Andenken nur eine tiefe Furche in dem ohnedies schon abgeschabten Leder mit mir.

Herr Repke konnte nur mit Mühe davon abgehalten werden, daß er nicht wieder umkehrte und mit dem wilden Siebenförcher Wast neuerdings anbandelte. Sein Gemüt besänftigte sich erst, als wir nach etwa einer Stunde beim Abstieg von der Alm ein recht behagliches Fleckerl mit schöner Aussicht erreichten.

Dort wurde Rast gehalten und in der glänzenden Morgensonne aus dem Inhalt des Rucksackes, den ich natürlich auch beim Abstieg für Fräulein Käthe trug, gefrühstückt.

Da der Sack dadurch bedeutend erleichtert wurde und auch die frühe Sonne noch nicht brannte, sah ich und mit mir Familie Repke keine Gemsen mehr.

Herr Repke war von der Almpartie trotz der erlebten Unannehmlichkeiten ziemlich befriedigt. In 198 der Erinnerung verklärt sich eben so manches. Mit dem Siebenförcher Wast und dessen Manieren konnte er sich freilich nicht befreunden und meinte: »Nee, aber wat Kultur anbelangt, sind se man weit zurück in den Tiroler Berjen! Der Mann uf der Alm dort is ja janz wild! Der könnte ebensojut in Innerafrika leben! Na, keen Wunder nich, wenn nachts noch Bären um der Hütte 'rumjeh'n!« 199

 

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