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Aus'm heiligen Landl

Rudolf Greinz: Aus'm heiligen Landl - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAus'm heiligen Landl
authorRudolf Greinz
year1909
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleAus'm heiligen Landl
pages331
created20120901
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die eing'stellte Heirat.

Fang' einer nur was mit den Weiberleuten an! Da sitzt er dann bald in der richtigen Zwickmühl' drinnen. Wenn die Mannderleut' älter werden, dann werden sie gewöhnlich auch narrischer. Und wenn sie in jüngeren Jahren gescheit genug waren, um nicht zu heiraten, dann tun sie's später um so sicherer und sitzen um so mehr hinein in die Patsch'n.

Der Steinhuber Tonl, ein kleineres Bäuerl in der Gerlos, war ein Vierziger geworden und hatte sich immer noch vor der Heiraterei erwehrt. Endlich schlug auch für ihn die Stunde.

Schon über ein Jahr war er mit der Hibler Kathrin, einer Dirn, die auch bereits hoch in den Dreißigern war, gegangen. Schließlich hatte er ihr das Heiraten versprochen. Eigentlich ohne Überlegung. Einmal so in einem halben Rausch. Aber versprechen macht halten; und die Hibler Kathrin war nicht diejenige, die so leicht wieder lugg ließ.

Den Tonl begann das Versprechen langsam zu reuen. Er zog herum mit dem Heiraten, als wenn es sich um einen ganz dünnen Strudelteig handeln würde, den er auszuwalken hätte.

105 So verging wieder völlig ein Jahr. Gegen Ende dieses Jahres hatte sich der Steinhuber Tonl gar eine neue Braut aufgegabelt. Sie war sogar etwas jünger als die Kathrin. Mit dem Heiraten wurde es jetzt auch rasch Ernst. Offenbar verstand die Vefi vom Suitnerbauern es noch viel besser, das heiße Eisen zu schmieden, als die Kathrin.

Der Tonl und die Vefi wurden tatsächlich von der Kanzel als Brautpaar aufgeboten. Da hatten sie aber beide ihre Rechnung ohne die Kathrin gemacht.

Die vom Tonl schnöde verlassene und erbitterte Dirn rannte schnurstracks nach Zell aufs Bezirksgericht und ließ dem Tonl wegen gebrochenen Eheversprechens seine beabsichtigte Heirat einstellen.

Nun waren sie beide, der Tonl und die Kathrin, an einem schönen Vormittag im Juni vor den Herrn Bezirksgerichts-Adjunkten zu einem Vergleich vorgeladen.

Gesetzlich konnte ja die Kathrin die Heirat des Tonl nicht länger verhindern, bis daß ihr der ungetreue Bräutigam allen nachweisbaren Schaden vergütet hatte. Aber Aufsehen hatte deswegen die eing'stellte Heirat in Gerlos doch genug gemacht.

Der Tonl, den Zettel der Vorladung sorgfältig in seiner Brusttasche geborgen haltend, stieg pünktlich ein paar Minuten vor 10 Uhr Vormittag die düstere Steintreppe hinauf, die zu den Amtslokalitäten des k. k. Bezirksgerichtes führte. Er trug sein Feiertagsg'wand, in dem er womöglich noch vierschrötiger herauskam als in der Werktagsjopp'n.

106 Am Korridor, von dem aus die Türen in die Amtszimmer führten, waren an der Wand ein paar Bänke angebracht, damit die auf ihren Vorruf wartenden Parteien darauf Platz nehmen konnten.

Die Hibler Kathrin war schon da und saß steif auf einer Bank an der Stiegenmauer, mitunter an ihrer Seidenschürze zupfend oder ihren Zillertaler Hut zurechtrückend. Die beiden sahen sich einen Augenblick lang feindselig an. Dann kehrte ihr der Tonl den Rücken und lehnte sich an eine gegenüberliegende Mauer.

Nach einer Weile trat der Herr Kanzlist aus einem Amtszimmer und forderte die beiden auf: »Ös könnt's iatz schon einer kömmen!«

Die Kathrin hatte sich schnell erhoben und wollte zur Tür hinein; jedoch der Tonl kam ihr zuvor und drängte sie noch im Türrahmen zurück.

»I bin z'erst da g'wesen!« ereiferte sich die Kathrin wütend und vergaß dabei ganz, daß sie sich schon in Gegenwart des gestrengen Herrn Adjunkten befand.

»Grüaß Gott, Herr Adjunkt!« sagte der Tonl verlegen und drehte seinen Hut krampfhaft in beiden Händen.

»Anton Steinhuber,« begann der Adjunkt, »ich hab' dich vorladen lassen, weil die hier anwesende Katharina Hibler, der du ein Eheversprechen gegeben hast –«

»I han ihr koa Versprechen nit geben!« fiel ihm der Tonl ins Wort.

107 »Woll! Sell hast!« rief die Kathrin aufgeregt. »Woaßt nimmer, af Hippach sein mer g'wesen, du und i, und zelm hast g'sagt, du wirst mi heiraten!«

»Dös is derstunken und derlogen!« wehrte sich der Tonl.

»Da wird nit g'stritten!« ermahnte nun der Herr Adjunkt zur Ruhe. »Wenn's streiten wollt's, dann geht's vor die Tür außi! Verstanden!«

»I streit' ja nit!« brummte der Tonl kleinlaut.

»Also hast du der Kathrin 's Heiraten versprochen?« fragte der Adjunkt.

»Naa! I han nix versprochen!«

»Dös is a Lug!« schrie die Kathrin wütend.

»Die Kathrin hat dir deine Heirat mit der Genovefa Suitner einstellen lassen, weil du dich noch nicht mit ihr abg'funden hast!« fuhr der Adjunkt fort.

»I han mi mit nix abz'finden! I han ihr nix versprochen!« leugnete der Tonl.

»Jetzt schau', Tonl, auf die Weis' kommen wir zu kein' End'! Sei du jetzt g'scheit und tu' dich vergleichen!« redete ihm der Adjunkt gut zu.

»I brauch' mi nit zu vergleichen!« meinte der Tonl obstinat.

»Ah so? Moanst vielleicht, i schenk' dir dös neuche G'wand, was i dir beim Schneider in Stumm han machen lassen? Dös muaßt mir zahlen!« bestand die Kathrin auf ihrem Recht.

108 »Wieviel hat das kostet?« fragte der Adjunkt.

»Der Stoff alloan acht Gulden, und 's Machen sechs Gulden!«

»Macht vierzehn Gulden!« notierte der Adjunkt.

»I zahl' nix!« beharrte der Tonl.

»Und nachher sein mer amal af Innsbruck g'wesen, er und i! Dös han i aa alles zahlt!« fuhr die Kathrin fort.

»In Jenbach hat sie a Gollasch gessen und zwoa Bier trunken! Dös han i zahlt!« berichtigte der Tonl.

»O du Loder, du ausg'schamter!«

»Pst! Ruhe! Hier wird nit g'schimpft!« gebot der Herr Adjunkt.

»Und dös seidene Fürtach, dös sie heut' anhat, han i ihr kaft af Innsbruck oben!« meinte der Tonl weiter. »Dös hat aa seine vier Gulden kost't!«

»Und i han dir sechs Pfoat'n machen lassen!« ereiferte sich die Kathrin.

»Hör' mir du mit dö Pfoat'n auf!« rief der Tonl. »Dö derreißen ja schon!«

»I mein', es wär' am besten, ihr tätet's euch vergleichen!« redete ihnen der Herr Adjunkt zu.

»I vergleich' mi nit!« erklärte der Tonl.

»I aa nit!« rief die Kathl. »Z'erst muaß er mir alles bis auf an Kreuzer zahlen! Nachher klag' i'n erst no wegen'n Kropf!«

»Wegen was?« fragte der Adjunkt.

»Wegen'n Kropf!« wiederholte die Kathrin.

109 Der Adjunkt sah den Tonl ganz verständnislos an.

»Sie hat halt an Kropf g'habt!« bestätigte der Tonl.

»Ja. Und der Tonl hat mir z'erst 's Heiraten verhoaßen. Aft hat er g'sagt, er mag mi nimmer, weil i an Kropf han. Sinscht tat' er mi schon heiraten. Aft bin i af Rabenstoan gangen zum Schindler Wast, der mir'n wegkuriert hat. Über a halb's Jahr hat's dauert, dö G'schicht, und af a zwanzig Gulden is's aa kömmen all's mitnander!« berichtete die Kathrin.

»Und dös soll dir der Tonl zurückerstatten?« frug der Adjunkt.

»Ja. Sinscht verklag' i'n!« erklärte die Dirn.

»I verstatt' nix z'ruck!« meinte der Tonl ganz ruhig.

»Aber schau', Kathrin,« sagte der Adjunkt, »den Kropf hättest dir wohl auch ohne den Tonl wegkurieren lassen. A Kropf is doch nix Schön's für a Madel! Und bei der Arbeit muß er dich ja auch scheniert haben!«

»Mi hat er nix scheniert nit! I war'n schon g'wöhnt!« behauptete die Kathrin.

»Aber schön is's doch nit, einen Kropf zu haben! Den hättest du dir sicher wegkurieren lassen!« redete der Adjunkt zum guten.

»I nit! Mir hat er ganz guat g'fallen!« beharrte die Dirn. »I han's lei wegen dem Tonl tan. Und drum verklag' i'n aa!«

110 »Also, du hörst, was die Kathrin sagt!« wandte sich der Adjunkt wieder an den Tonl. »Willst zahlen?«

»Naa!«

»Aft klag' i'n!« rief die Kathrin.

»Dann klagt sie dich, und du mußt ihr die Entschädigung bezahlen und die G'richtskosten extra!« belehrte ihn der Adjunkt.

»Muaß i?« Der Tonl kratzte sich bedenklich am Kopf. »Sakra! Sakra!« stieß er hervor.

Eine längere Pause entstand. »Nun?« fragte endlich der Herr Adjunkt.

»I setz' den Fall –« begann der Tonl langsam, »i tat die Kathrin da heiraten, müaßt i ihr nachher aa a Entschädigung zahlen?«

»Dann nicht!« sagte der Adjunkt.

»Und i setz' den Fall –« fuhr der Tonl fort, »i tat sie heiraten und i müaßet ihr dö Entschädigung nit zahlen, müaßet i ihr aft'n nix nit z'ruckgeben?«

»Nein!«

»Nix nit zahlen, was sie mir geben hat?«

»Nein!«

»Sie hat also auf gar nix nit Anspruch, wann i sie heiraten tat? Aa auf koa Geld wegen'n Kropf nit?«

»Nein! Jeder Anspruch verschwindet mit der Einlösung des Eheversprechens.«

Der Tonl riß beide Augen weit auf, zog ein paarmal die Nase kritisch in die Höhe und fragte:

»Wißt's dös g'wiß, Herr Adjunkt?«

»Ja, natürlich!«

111 »Ganz g'wiß?« fragte der Tonl dringend.

»Aber natürlich!« rief der Adjunkt ungeduldig.

»Aft heirat' i die Kathrin, und zahlen tua i nix!« erklärte der Tonl und schlug dabei mit wuchtiger Faust kräftig auf den Schreibtisch des Herrn Adjunkten, daß die Akten nur so davonflogen und das Tintengeschirr beinahe umgefallen wäre.

»Oha! Du Rammel! Kannst nit obacht geben!« schrie ihn der Adjunkt an.

Der Tonl meinte: »Nix für unguat!« und war gleich darauf bei der Tür draußen. Die Kathrin hinter ihm drein . . .

Die denkwürdige Gerichtsverhandlung hatte aber ein noch denkwürdigeres Nachspiel.

Der Tonl löste seinen Verspruch mit der Suitner Vefi und ließ sich mit der Kathrin als Bräutigam aufbieten.

Nun machte die Vefi das gleiche, was vorher die Kathrin getan hatte. Sie ließ dem Tonl auch am Zeller Bezirksgericht wegen gebrochenen Eheversprechens das Heiraten einstellen.

Es kam neuerdings zu einer Verhandlung vor dem Adjunkten. Der Tonl war inzwischen durch die gemachten Erfahrungen schon schlauer geworden. Auch die Vefi hatte verschiedene materielle Ansprüche an ihn zu stellen. Der Tonl erklärte, zahlen wolle er nix, aber er heirate die Suitner Vefi.

Natürlich hatte es der Herr Adjunkt sofort los, wo hinaus der Tonl wolle. Da hätte ihm eben wieder die Kathrin das Heiraten eingestellt, und so 112 wäre es weiter gegangen; denn zu einer Nachgiebigkeit war keine der beiden Dirnen zu bewegen. Leichter hätte man einem Stier das Jodeln gelernt.

Der Adjunkt verwies daher die beiden Heiratskandidatinnen auf den Prozeßweg gegen den Steinhuber Tonl.

Betreten hat diesen Weg aber weder die Hibler Kathrin noch die Suitner Vefi. Vor den Advokatenkosten hatten sie alle beide eine höllische Scheu.

So schlief die ganze Angelegenheit wieder ein. Der Steinhuber Tonl ist bis zum heutigen Tag ledig. Wehe ihm aber, wenn er es wagt, sich am End' gar mit einer dritten aufbieten zu lassen! Dann kommen ihm die Suitner Vefi und die Hibler Kathrin zusammen aufs G'nack.

Der Tonl denkt aber gar nicht mehr daran, zu heiraten. Er freut sich des ungestörten Besitzes der ihm von seinen zwei Bräuten spendierten Geschenke und erzählt es jedem, der es hören will, daß er halt doch schlauer gewesen sei als zwei Weiberleut' mitsammen.

Auch der Herr Adjunkt ist von der Schlauheit des Steinhuber Tonl felsenfest überzeugt. Er hat ihn sogar im Verdacht, daß er schon bei der ersten Verhandlung das Kommende einigermaßen voraus berechnet habe. 113

 

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