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Aus guter Familie

Gabriele Reuter: Aus guter Familie - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleAus guter Familie
publisher
printrunAchtzehnte Auflage
editorS. Fischer, Verlag, Berlin
year1908
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid8535aa33
wgs9110
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IV.

Sommerferien auf dem Lande ... Schwebt nicht ein Duft von Rosen und Erdbeeren vorüber? Schäumende Milch, frisch aus dem Kuhstall! – Körbe voll schwarzer und gelb-rot glänzender Kirschen! – Kuchen, halb so groß wie der Tisch, mit einer dicken Butter- und Zuckerkruste – Honigscheiben, die vor neugierigen Augen dem Bienenstock entnommen werden ... Und Sonne – Sonne – Sonne!!

Fahrten durch die Felder, denen der kräftige Geruch des reifenden Kornes entströmt, durch Wälder, wo kleine braune Rehe eilig und furchtsam hinter fernen Baumstämmen hervoräugen. Auf offenem Ponywägelchen Vettern und Cousinen zusammengerüttelt und geschüttelt und überströmt von des Himmels unverhofft niederrauschendem Gewitterregen. Triefende Haarschöpfe und verdorbene Sommerhüte und selige, fröhliche, glühende, junge Gesichter!

Und liebes, heimliches Beieinanderhocken auf kleinen Ecksofas im Schatten altertümlich geschnitzter Schränke, so brüderlich und schwesterlich – und doch nicht ganz Bruder und Schwester ...

Das fanatische Krokettspielen auf dem großen Platz vor dem Hause – oft noch eine Revanche-Partie im Stockfinstern, bei der mangelhaften Beleuchtung einer Stalllaterne, die von den galanten Vettern von Reifen zu Reifen getragen wird.

Das Tanzen zu der Begleitung einer gepfiffenen Polka durch den weiten, leeren Festsaal mit den Familienbildern aus der Empire- und Biedermannszeit. – Onkels und Tanten als wunderlich geputzte Kinder, welche Kaninchen und weiße Tauben in den Händen halten und von den Wänden herab dem Tollen einer neuen Jugend feierlich lächelnd zuschauen.

Und vor allem die große Mittagstafel, bei der zuletzt von Onkel August ein Gesetz erlassen werden mußte: »Hier wird gegessen, nicht gelacht.«

Aber dann hätte man den Vettern und Cousinen auch verbieten müssen, zu sprechen, zu blicken, sich zu bewegen. Was war denn nur fortwährend so unsäglich komisch?

Agathes und Martins gemeinsames Schwärmen? und die nüchternen Bemerkungen, welche Cousine Mimi dazwischen warf? Die zierlichen Redewendungen der Kadetten, der Söhne von Onkel August Bär, oder die unnatürlich tiefe, pathetische Stimme, in der Agathes Bruder sich seit kurzem gefiel?

Man mußte eben lachen über alles und über gar nichts – den ganzen Tag lachen, bis man fast vom Stuhle fiel, bis die Mädchen mit thränenüberströmten Wangen und den seltsamsten Lachseufzern gegeneinander taumelten und die großen Jungen vor Vergnügen brüllten, sich auf die Schenkel schlugen und wie vom Veitstanz ergriffen in der Stube herumsprangen.

Das zweck- und ziellose Herumjagen in dem schönen Park, das lichttrunkene Träumen im Baumschatten zur Zeit der heißen Mittagsstunden – die weisen Gespräche, das ernsthafte und eifrige Streiten über alle Weltfragen, von denen man nichts verstand! Aber war das thöricht! Ach, war das alles gesund und gut und schön! Jugend, Leben, Kraft- und Frohsinns-Ueberfülle.

Agathe schrieb einmal einen langen Brief an Eugenie, in dem sie eine glühende Schilderung von den köstlichen Ferien in Bornau bei Onkel August Bär entwarf. Martins Name kam fast in jedem Satze vor, aber doch nur in den harmlosesten Beziehungen.

Daß der unausstehliche, komische Junge Agathe ein Strähnchen grüner Wolle, das sie notwendig zu ihrer Stickerei brauchte, gestohlen hatte, schrieb sie nicht. Auch schwieg sie von der furchtbaren Aufregung, in die er Agathchen versetzte, wenn er in Gegenwart der ehrwürdigsten Tanten, der moquantesten Onkels, von Mama und Großmama das Wollensträhnchen mit frecher Gelassenheit aus der Brusttasche seiner grauen Sommerjacke hervorzog, es um seine Finger wickelte, es verräterisch hin- und herschlenkerte, und Agathes Verlegenheit und Zorn aufs Höchste steigerte, indem er das Andenken – allerdings mit entsprechenden Vorsichtsmaßregeln, er ging nämlich dazu in die Fensternische – an sein Herz und seine Lippen drückte. Und niemals hätte sie sich entschließen können, Eugenie zu erzählen, daß der kühne Bursche einmal, als sie beide allein im Zimmer waren, neben dem Stuhl, auf dem sie saß, niederkniete und sagte, er wolle hier liegen bleiben, bis sie ihm einen Kuß geben würde, und es kümmere ihn gar nicht, wenn jemand hereinkäme und es sähe – wenn sie sich so lange zieren wollte, wäre es eben ihre Schuld!

Agathe hatte ihn darauf von sich gestoßen, war aufgesprungen und fortgelaufen, die Treppe hinunter. Sie hörte Martin hinter sich, drei Stufen auf einmal überspringend und floh durch das eiserne Gitterthor, das sie kräftig zuwarf. So jagten sie sich eine Viertelstunde lang um die Linde durch den Hof und um die Ställe herum, bis die Mittagsglocke läutete. Er hatte sie nicht gefangen, niemals war sie so leichtfüßig gewesen. Vielleicht hatte Martin auch ihren ehrlichen Schrecken gesehen und sie gar nicht einholen wollen.

Während Agathe glühend und außer Atem ihre aufgelösten Zöpfe wieder flocht und feststeckte, fühlte sie sich sehr tugendhaft und erhaben. Sie war doch eigentlich etwas ganz Anderes als Eugenie, die sich in einer dunklen Stube einem Kommis aufs Knie setzte. Sie wollte auch immer streng und abweisend bleiben – bis – ja bis Er kommen würde, der Herrlichste von allen! Visionen weißer Schleierwolken und brennender Altarkerzen schwebten durch ihre Phantasie.

Oder tot – still – im schwarzen Sarge mit der Myrthenkrone über der reinen Stirn – ach wie traurig – o wie schön! Agathe liefen bei dem Gedanken gleich die stets bereiten Thränen aus den Augen.

Mit einem herzlichen Mitleid gegen den armen Vetter erschien die junge Spröde zu spät bei Tisch. Martin füllte sich eben den Teller voll Makkaronipudding, aß tapfer drauf los und sah sie gar nicht an. Agathe war ein wenig enttäuscht. Die edle Strenge bekam eine Beimischung von Piquiertheit.

Martin betrug sich in den nächsten Tagen nicht wie ein unglücklich Liebender, auch nicht zudringlich, sondern flegelhaft, grob und ungezogen. Dann brachte er ihr zum Kirchgang am nächsten Sonntag eine von den sonderbaren braunen Calicanthus-Blüten, die es nur noch in dem altmodischen Garten von Bornau gab. Er wußte, daß Agathe ihren starken, schweren Würzduft besonders liebte. Die beiden waren nun wieder gute Freunde. Er machte aber keinen Versuch mehr, Agathe zu küssen. Das grüne Wollsträhnchen kam seit der Zeit nicht wieder zum Vorschein.

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