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Aus guter Familie

Gabriele Reuter: Aus guter Familie - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleAus guter Familie
publisher
printrunAchtzehnte Auflage
editorS. Fischer, Verlag, Berlin
year1908
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid8535aa33
wgs9110
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XII.

Der Regierungsrat Heidling hörte von allen Seiten, daß seine Tochter sich durchaus eine Erholung gönnen müsse. Er selbst hatte nichts dergleichen bemerkt, sie war ja doch nicht krank und that ihre Pflicht. Aber da der Hausarzt es auch meinte, so sollte natürlich etwas geschehen. Ihm würde ein wenig Zerstreuung auch wohlthätig sein. Er vermißte seine arme Frau mit jedem Tage mehr. Agathe gab sich ja alle Mühe – aber die Frau konnte ihm so ein junges Mädchen ja doch nicht ersetzen. Seine Gewohnheiten waren trostlos gestört.

So reiste er denn mit Agathe nach der Schweiz.

Auf dem Wege besuchten sie Woszenskis für ein paar Stunden. Sie lagen noch, immer in hartem Kampf mit der Tücke, der Häßlichkeit und Dummheit ihrer lebenden und toten Umgebung. Noch immer hinderten boshafte, mit seltsamen Gebrechen des Leibes und Geistes Behaftete Köchinnen Frau von Woszenski am Arbeiten. Noch immer wurden auf dem Kunstmarkt lachende Neger und gut frisierte Jäger mehr begehrt als nackende Anachoreten und ekstatische Nonnen. Noch immer war es ein Leiden, daß Michel nichts essen mochte. Der Blödsinn seiner früheren Gymnasiallehrer wurde aber noch übertroffen von dem Stumpfsinn der Akademieprofessoren, unter denen er jetzt studierte. Noch immer hatte Herr von Woszenski die barocksten Pläne und Einfälle, und noch immer fehlt es ihm an Stimmung zu ihrer Ausführung.

Sein langer Bart und das wirre Haar waren ergraut, die Adlernase trat noch schärfer hervor, die blauen Augen sahen aus tiefen Höhlen schwermütig in die närrische Welt. Mehr als je glich er seinen von wunderlichen Visionen heimgesuchten Anachoreten.

Als Agathe auf dem mit einem verschossenen persischen Teppich bedeckten Divan saß, ihre Blicke über die buntbemalten, steifen Kirchenheiligen, die dunklen Radierungen an den Wänden und die gelben Einbände französischer Romane auf den geschnitzten Stühlen glitten, als sie den scharfen des Terpentin und der ägyptischen Cigaretten in der Wohnung spürte, war es ihr zu Mut, als kehre sie aus einer sehr langen, öden und gehaltlosen Verbannungszeit in ihre Heimat zurück.

Aber es war Thorheit, sich dem hinzugeben. Sie mußte noch an demselben Abend wieder Abschied nehmen. Und sie konnte so tiefe Empfindungen, wie sie sie einst in diesem Hause durchlebt, jetzt kaum noch in der Erinnerung vertragen.

Sie hörte, daß Adrian Lutz sich verheiratet habe mit ihrer alten Pensionsgefährtin Klotilde, der Tochter des Berliner Schriftstellers. Die Ehe war nicht glücklich, – man sprach bereits von Scheidung. In Agathe regte sich Verachtung und Widerwillen der wohlerzogenen Bürgerstochter gegen das Unsichere, Schweifende solcher Künstlerexistenzen. Eine geschiedene Frau – hätte es so geendet, wenn sie die Seine geworden wäre?

Als Maler habe Lutz bei weitem nicht erreicht, was er einst versprochen. Seine Schülerin, Fräulein von Henning, habe ihn förmlich überholt. »Das heißt – von Geist und Grazie hat die Person ja keinen Schimmer,« sagte Frau von Woszenski. »Aber die Energie! Damit macht sie mehr, als hätte sie Talent! Stellt in Paris im Salon aus ...«

»Nun, Talent hat sie doch auch,« meinte Woszenski gütig.

»Ach, mein Mann nimmt's mit den Damen nicht so genau,« rief Mariechen und lachte scharf und laut.

Agathe bemerkte wohl, daß ihrem Vater die Art von Woszenskis nicht sympathisch war. Wie sollte sie auch.

Sie fragte, was aus dem Bilde geworden sei, an dem Herr von Woszenski damals arbeitete – die Ekstase der Novize. Ob er es verkauft habe.

»Ach, verkauft! Ich arbeite noch daran.«

Er blickte über die Brille nachdenklich auf Agathe.

»Warum habe ich Sie nur damals nicht als Modell genommen?«

Er brachte eine Farbenskizze zu dem neuen Entwurf. Es war im Laufe der Zeit ein völlig anderes Bild geworden.

Statt des himmlischen Sonnensturmwindes, der die üppige rot und goldene Pracht des Hochaltars wirbelnd bewegte und in dem Tausende von Engelsköpfen die niedergesunkene Gottesbraut selig-toll umflatterten, glitt nun ein leichenhaftes, blaues Mondlicht durch den Säulengang eines Klosters. In dem stillen Geisterschein schwebte ein bleiches Kind mit einer Dornenkrone zu ihr hernieder. Die Nonne war nicht mehr das rosige Geschöpf, welches den kleinen Erlöser in ihren Armen empfing und mit unschuldig strahlendem Lächeln an ihr Herz drückte. Im Starrkrampf lag sie am Boden, die Arme steif ausgestreckt, als sei sie ans Kreuz geschlagen – die roten Wundenmale an der blassen Stirn und den wächsernen Händen.

»Man versucht eben auf mancherlei Weise auszudrücken, was man meint,« sagte Woszenski leise: »Mit den Jahren verändern sich dabei die Ideeen.«

Er seufzte tief und stellte die Leinwand, die Agathe schweigend und lange betrachtet hatte, beiseite.

»Mein Freund Hamlet« nannte Lutz einmal den grüblerischen Künstler. Und der Tag, an dem sie Lutz zum ersten Male gesehen, stand wieder vor Agathe. Zwischen damals und heute lag ihr Leben. Und nun nichts mehr? Ein langsames Erstarren in Kälte und Entsagung?

Sie blickte nieder auf ihre wächsernen Hände, und fast meinte sie, das blutige Stigma müsse dort sichtbar werden ...

Was ihr für wunderliche, sinnlose Gedanken bisweilen kamen ...

* * *

Acht Tage später saß Agathe auf der Veranda einer Schweizer-Pension und sah über Geranien- und Nelkentöpfe nach den hohen Bergen. Vom schwindenden Abendlicht wurden sie in braunviolette Tinten getaucht und standen mit ihren gewaltigen Linien gegen den südlich warmen blauen Himmel.

Gott – war das schön! – Auf alle ernsten, tiefen Menschen wirkt die große Natur beruhigend, erhebend, heilend. Sol mußte denn auch Agathe beruhigt, erhoben, geheilt werden. Es war das letzte Mittel. Es mußte helfen!

War es umsonst – dann – Ja dann? –

Sie wollte nicht daran denken, an die schreckliche Angst, die immer in ihrer Nähe lauerte, bereit, über sie herzustürzen ...

Nur die Nächte ...

Durch die lange Zeit des Wachens am Krankenlager ihrer Mutter hatte sie das ruhige Schlafen verlernt. Zwar nach den weiten Spaziergängen mit Vater sank sie, trunken von der Gebirgsluft, übermüdet in ihre Kissen und verlor sofort das Bewußtsein. Doch nach kurzem fuhr sie mit jähem Schrecken empor – es war, als hätte sie einen Schlag empfangen. – Etwas Furchtbares war geschehen ...! Sie konnte sich nicht besinnen, was es gewesen ... Der Schweiß rieselte an ihr nieder, das Herz klopfte ihr ... O Gott, was war es denn nur?

Jemand war im Zimmer – dicht in ihrer Nähe! – Es sollte ihr etwas Böses geschehen – sie fühlte es deutlich.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in die Dunkelheit.

Sie mußte sich gewaltig zusammennehmen, daß sie nicht laut aufschrie in Furcht und Grauen.

Dann redete sie sich Vernunft ein. Ihr Vater war ja nebenan. Sie horchte, es drang kein Laut zu ihr. Papa schlief ganz friedlich.

Diebe ...? In dem fremden Hotel. Es konnte ja sein – es war sogar wahrscheinlich.

Wieder horchte sie angestrengt.

Aber vorige Nacht hatte sie dasselbe durchgemacht und die vorige auch. Einbildung – alles war nur Einbildung.

Kaum legte sie sich auf ihrem Lager zurecht – da war es auch schon wieder ... Das Fremde – Geisterhafte – Unbegreifliche ... Was konnte es nur sein?

»O Gott, lieber, lieber Gott, hilf mir doch,« betete sie schaudernd und kroch mit dem Kopf unter die Decke. »O Gott, lieber Gott, laß mich endlich wieder einschlafen!

– Aber kein Gedanke an Schlafen. Und sie lag und lauschte auf das harte Plätschern des Springbrunnens vor ihrem Fenster.

Er hatte eine Sprache – aber sie verstand sie nicht. Er sang einen Rhythmus – sie mußte ihn doch endlich heraushören ... Vergebens. Immer das gleiche harte Plätschern. Wenn es doch einmal enden wollte – nur für eine Sekunde ... Es war ihr, als läge sie dort im Brunnen und das Wasser plätscherte auf ihre Stirn – immerfort – wie weh es that.

– – Heut Mittag – der Herr ihr gegenüber an der Table d'hôte ... Sonderbar sah er sie an ... Wenn er ihr auf einem einsamen Spazierwege begegnete.

Und der Schiffer, der sie übergefahren, hatte sie auch mit dem Blick verfolgt. Er war eigentlich ein schöner Kerl ...

Mein Gott, mein Gott – was ergriff sie denn?

War sie so tief gesunken, sich mit einem Schifferknecht zu beschäftigen?

Strafte Gott sie für ihr Abfallen vom Glauben, indem er sie der Gewalt des Teufels überließ? Wenn es nun doch eine Hölle gab? Ewige Verdammnis – ewige ... Ewiges Bewußtsein seiner Qual ... Schon fühlte sie ihre Schrecken in dieser Verlassenheit – diesem Ekel an sich selbst.

– Adrian ... Adrian Lutz ... Ja, den allein hatte sie geliebt. O du Einziger, Schöner – Süßer ...

Nein – es war ja gar nicht Adrian, an den sie eben dachte – es war Raikendorf. Und Raikendorf auch nicht ... Martin – Martin Greffinger! Damals in Bornau hatte er sie doch lieb gehabt! Hätte sie ihm den Kuß gegeben, um den er sie bat ... Sich dann mit ihm verlobt! So viele Mädchen verloben sich mit Schülern ... Martin hätte sie mit sich hinausgenommen in sein fremdes, abenteuerliches Leben ... Sie hätten für eine große Sache gekämpft, und sie wären selbst groß und frei und stark dabei geworden. O ja – sie hätte schon eine ganz tüchtige Sozialistin abgegeben!

Wie konnte sie nur von seiner warmen, schönen jungen Liebe damals so ungerührt bleiben?

– – Wenn Adrian sie verführt hätte – wie die Daniel?

O mein Gott!

Sie richtete sich auf und zündete Licht an. Die endlose Nacht war nicht zu ertragen! Mit bloßen Füßen lief sie zum Fenster, lehnte sich hinaus und atmete die frische, düftegetränkte Bergluft.

Wie müde – wie müde ...

In der Morgendämmerung schlief sie zuweilen noch ein.

Unglücklicherweise hatte Papa die Leidenschaft der frühen Ausflüge. So wurde sie oft nach einer halben Stunde schon wieder geweckt. Und sie wagte ihm nicht zu sagen, daß sie schlecht schlief. Es würde ihm die Sommerfrische verdorben haben.

Der Beginn des Tages war ja auch köstlich. Aber um zehn Uhr befand sich das Mädchen schon in einem Zustand von Abspannung und nervöser Unruhe, der nur durch eine krampfhafte Anstrengung aller Selbstbeherrschung verborgen werden konnte.

Es war auch so schwül. Früh brannte und stach die Sonne in das weite, schattenlose, von den hohen Felsengebirgen umschlossene Thal. Abends entluden sich schwere Gewitter. Sie kühlten die Luft kaum. Nur ein feuchter Dampf quoll von den Matten, aus den Obstgärten, schwebte über dem wilden rauschenden Bergwasser, das den Ort durchströmte, und der warme Dunst senkte sich ermattend auf die nach Erquickung schmachtenden Menschen nieder.

Dabei verging dem Regierungsrat die Lust, weitere Partieen zu unternehmen. Man saß auf der Veranda oder unter einer Edelkastanie des Hotelgärtchens – Agathe mit ihrer Handarbeit, Papa mit einer Cigarre und der Zeitung – so ziemlich, wie man daheim im Harmoniegarten auch gesessen hatte.

War das Gewitter schon gegen Mittag eingetreten, so schlenderte man um die Zeit des Sonnenunterganges zum See hinaus.

Sie hatten eine Gerichtsratsfamilie mit einer ältlichen Tochter zum Umgang gefunden – so blieb man hübsch in dem gewohnten Geleise der Unterhaltung.

Agathe fragte sich zuweilen, warum sie eigentlich nach der Schweiz gereist waren.

Sie sah die Felsenberge an in ihrer stummen, gewaltigen Größe – sie starrte in das eilig brausende Gewässer – sie betrachtete die Kastanien und Nußbäume, die thaufunkelnden Farne – die Granaten in den Gärten – die ganze schon südlich sie anmutende Vegetation – und an alle that sie die gleiche Frage. Die Felsen schwiegen in steinerner Ruhe, das Wasser brauste hinab zum See – die Granaten blühten, und die Bäume reiften ihre Früchte. Sie gaben Agathe keine Antwort. Und die aufdringliche Schönheit, die üppige Pracht dieser Natur ermüdete, beleidigte, empörte sie.

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