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Aus guter Familie

Gabriele Reuter: Aus guter Familie - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleAus guter Familie
publisher
printrunAchtzehnte Auflage
editorS. Fischer, Verlag, Berlin
year1908
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid8535aa33
wgs9110
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IX.

Da hatte sie neulich ein wundervolles Buch in Papas Bibliothek aufgestöbert. Bei der großen Herbstreinigung war es entdeckt. Nachdem sie, in Staub und Zug vor dem Bücherschrank knieend, ein Kapitel gelesen, konnte sie sich nicht wieder trennen, nahm es mit in ihre Schlafstube und las alle Abend im Bett – denn es wurde im Zimmer nicht geheizt – und auch nach Tisch, wenn Mama schlief.

Sie hätte geglaubt, es wäre für Frauen einfach unverständlich. Zu ihrem größten Erstaunen konnte sie dem Verfasser ganz gut folgen – sie brauchte nur aufzumerken und am Tage bei ihren Beschäftigungen das Gelesene in ihrem Kopfe sinnend zu bewegen.

Wie es sie aufrüttelte von dem geistigen Halbschlaf, dem mißmutigen Hindämmern, daß sie sich die Augen rieb, sich auf feste Füße stellte und wißbegierig um sich blickte.

Einer weiten Weltreise war es in seiner Wirkung zu vergleichen – einer Weltreise mit erhabenen Rückblicken in ungeheure Vergangenheiten und Fernsichten auf eine von Entwickelungskräften erfüllte Zukunft – mit Vergessen des Ich und erstaunlicher Erkenntnis des eigenen Werdens durch zahllose Ahnenreihen – mit Entdeckung neuer Verwandtschaften ... mit Gewitterstürmen und brechenden Masten – mit Verlieren des Reisegepäcks und der Erwerbung ungeahnter Reichtümer.

Daß solch ein Buch existierte, und sie hatte es nicht gewußt! In dem Glasschrank stand es, unbeachtet – sie hatte beim Abstäuben seinen Titel wer weiß wie oft gesehen:

Höckels »Natürliche Schöpfungsgeschichte.«

Und ihr Vater hatte nicht vor Freude geschrieen, als er es las – wie seltsam!

– Immer nur die Witze über unsere Abstammung von den Affen, die eine Zeit lang Mode waren, bis man ihrer überdrüssig wurde und man in guter Gesellschaft nicht mehr davon redete.

Agathe erinnerte sich auch, vom Domprediger gehört zu haben, daß die Gelehrten längst über Darwins und Häckels Standpunkt zur Tagesordnung übergegangen seien.

Wie mochte es sich damit verhalten?

Agathe konnte es nicht glauben.

Von einer so großartigen neuen Welt-Anschauung kehrt man nicht einfach zu der langweiligen Tagesordnung zurück.

Ach, Männer, die sich hier vertiefen – die weiter forschen und grübeln durften – die Glücklichen! Die Glücklichen! Denen brauchte freilich die dumme Liebe nur etwas Nebensächliches zu sein! Am Ende fand auch sie in den neuen Gedanken ihren Frieden. Sie sah doch nun, daß es so sein mußte – daß die Natur unerhört grausam war, daß Millionen Keime fortwährend untergingen, damit die andern Raum bekämen, sich zu entwickeln. So war sie eben auch einer von den schwächlichen, unnützen Keimen – was war da weiter? Daß es eine solche Verschwendung gab, hatte sie allerdings vorher auch schon gewußt. Aber sie bezog das nie auf sich, sie hatte immer für sich selbst einen Platz außerhalb der Natur gesucht und mit einem Gotte gehadert, der Wunder thun konnte und nur keins ihr zu Liebe thun wollte!

Versinken in diesem vielgestaltigen, unermeßlich reichen All! Ganz still werden – ganz still. Und doch wieder lebendig! Wie war die Natur ihr interessant geworden. Wie konnte man sich von den widerwärtigen Menschen erholen bei den Käfern und Blumen und den fabelhaften Rädertierchen. Und dann wieder die unglaublichen Beziehungen zu den Menschenwesen. Von allem mußte sie noch viel, viel mehr erfahren.

Als Weihnachten kam, freute sie sich endlich einmal wieder auf das neue Jahr.

In der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« fand Agathe auf der letzten Seite ein Verzeichnis von Büchern, die empfohlen wurden, falls man sich auf naturwissenschaftlichem Gebiet weiterbilden wollte. Von Häckel selbst empfohlen – von diesem herrlichen Manne!

Sie schrieb sich eine Menge von den Namen auf. – Hätte sie nur noch ihr Toilettengeld gehabt, wie früher! Es war eine alberne Gutmütigkeit gewesen, darauf zu verzichten, im ersten Schrecken über die notwendigen Einschränkungen, die die Eltern sich auferlegen mußten. Jetzt bat sie nur um Geld, wenn eine Anschaffung durchaus nicht mehr umgangen werden konnte.

So wählte sie lange, ehe sie zwei oder drei der Bücher auf ihrem Weihnachtswunschzettel setzte. Welche mochten die interessantesten sein? Welche zu kennen die notwendigsten? Eigentlich war's ein Lotteriespiel. Nun – auf jeden Fall würde sie sich zum Geburtstag wieder ein Buch wünschen und dann immer so weiter. Sie war schon so alt, sie mußte sich wahrhaftig eilen, um nur noch einen Teil des gewaltigen Wissensschatzes sich zu eigen zu machen!

Das hätte sie nicht haben können – dazu hätte sie nicht Zeit gefunden, wenn sie verheiratet gewesen wäre. Endlich schien es doch zu etwas gut, daß sie alte Jungfer geworden war!

– Ob Papa, ihr wohl die drei Bücher schenken würde? Oder nur zwei? Er war so entsetzlich erstaunt gewesen, als sie ihm ihren Wunschzettel überreichte.

»Du willst ja gewaltig hoch hinaus,« hatte er lächelnd gesagt. »Was willst Du Dir denn für unverständliches Zeug in Dein kleines Köpfchen packen?«

»Ach Papa – ich muß mich ein bißchen bilden!«

»Nun ja – dagegen bin ich durchaus nicht.«

»Die natürliche Schöpfungsgeschichte habe ich ganz gut verstanden.«

»So – die hast Du also gelesen? Das war recht überflüssig. Ein andermal fragst Du mich, ehe Du Dir etwas aus meinem Bücherschrank holst. Verstanden? Junge Mädchen fassen dergleichen Werke oft ganz falsch auf.«

»Das Buch mit den schrecklichen Illustrationen?« fragte Frau Heidling. »Aber Agathe, so etwas möchte ich doch nicht lesen.«

»Mama, es ist wirklich sehr interessant. – Und wenn – wenn man nicht heiratet, muß man doch irgend etwas haben, was einem Spaß macht.«

Agathe schämte sich über die kindische Art, in der sie von einer Frage redete, die wahrhaftig schwer und ernst genug war. Aber sie konnte nichts dafür – es kam ihr geziert vor, zu sprechen, wie es ihr eigentlich ums Herz war.

»Na – wir wollen einmal sehen,« sagte der Regierungsrat.

Sie fiel ihrem Vater um den Hals und küßte ihn stürmisch.

»Du Wirbelwind,« bemerkte er zärtlich, ihr die Wangen klopfend. »Und das nennt sich alte Jungfer!«

Agathe hatte die schönsten Erwartungen. Nein – so grausam – so grausam konnten die Eltern nicht sein ... sie würden ihr schon den Wunsch erfüllen!

– – Auf ihrem Weihnachtstisch fand sie ein reizendes Jabot aus rosa Krepp – sie hatte es einmal in einem Schaufenster bewundert – und einen Prachtband mit bunten Bildern: die Flora von Mitteldeutschland, zum Gebrauch für unsere Töchter, – daneben eine geschnitzte Blumenpresse.

»Siehst Du, liebes Kind,« sagte ihr Vater freundlich, »hier habe ich ein sehr hübsches Werk gefunden, das besser für Dich paßt, als die Bücher, die Du da aufgeschrieben hast. Ich blätterte in den Sachen – sie wollten mir gar nicht für mein Töchterchen gefallen. Hier findest Du eine Anweisung, wie man Blumen trocknet – daraus fabriziert Ihr ja jetzt allerliebste Lichtschirme! Das wird Dir auch Spaß machen!«

Agathe sah stumm vor sich nieder. Sie mußte an den Herwegh denken, den man ihr einst gegen die fromme Minne eingetauscht ... Wiederholte sich denn jedes Ereignis immer aufs neue in ihrem Leben? Und würde sich's nach zehn Jahren ebenso wiederholen?

Entwickelten sich denn alle Wesen in dieser Welt zu höheren Daseinsformen und nur sie und ihresgleichen blieben davon ausgeschlossen? Sie war »das junge Mädchen« – und mußte es bleiben, bis man sie welk und vertrocknet, mit grauen Haaren und eingeschrumpftem Hirn in den Sarg legte –?

Wußte denn keiner, daß es grausam war, eine Blume, die nach Entfaltung strebte, durch ein seidenes Band zu umschnüren, damit sie Knospe bleiben sollte. Wußte keiner, daß sie dann im Innern des Kelches verrottete und faulte?

– – Jedesmal, wenn Agathe durch ihres Vaters Zimmer ging und ihr Blick den Bücherschrank streifte, der nun verschlossen war, stieg heißer Zorn gegen ihren Vater in ihr auf.

Er wußte ja nicht, was er that, dachte sie, um ihn gegen sich selbst zu verteidigen.

Täglich nahm er sie in den Arm und küßte sie, des Morgens und des Abends – aber was sie ihr Leben lang empfunden und durchgerungen, davon ahnte er nichts. Wie zart und geübt, wie gütig und geschickt hätte die Hand sein müssen, der es gelungen wäre, die dunklen Instinkte, die gährenden Gewalten, die in verschwiegenem Kampf sie zerwühlten, bis in die Form des Wortes herauszulocken.

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