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Aus guter Familie

Gabriele Reuter: Aus guter Familie - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleAus guter Familie
publisher
printrunAchtzehnte Auflage
editorS. Fischer, Verlag, Berlin
year1908
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
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wgs9110
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VI.

Heidlings feierten ein schönes Fest. Der alten Küchendorte wurde der Preis für fünfundzwanzigjährige treue Dienstleistung bei einer Herrschaft und für tadellosen sittlichen Wandel verliehen.

Alle Mitglieder der Familie hatten sich versammelt, die treue Magd zu ehren. Sie bildeten einen Kreis um Dorte, als der Regierungsrat ihr im Allerhöchsten Auftrage die Bibel und das silberne Kreuz, das die Kaiserin zu diesem Zwecke gestiftet hatte, überreichte. Er verlas mit lauter, feierlicher Stimme das amtliche Begleitschreiben.

Frau Heidling und Agathe trockneten sich die Augen – wenigen Herrschaften konnte man heutzutage nachsagen, daß ein Dienstbote so lange bei ihnen ausgehalten habe.

Die übrigen Mädchen des Hauses, die sich bescheiden und neugierig in der Thüröffnung drängten, sollten sich ein Beispiel an der Jubilarin nehmen.

Der Regierungsrat ergriff die Gelegenheit, einige warme Worte von dem Segen, der die Pflichterfüllung kröne und tiefere innere Befriedigung gewähre, als die heutzutage überhand nehmende Genußsucht, in die Feier zu verflechten.

Die Mädchen weinten vor Rührung: der Herr Regierungsrat redete auch zu schön!

Dann wurde Dorte an den Geschenktisch geführt. Ihre in unzähligen Fältchen fast versteckten Maulwurfsaugen blinzelten, geblendet vom Funkeln der fünfundzwanzig Lichter, die eine in der Mitte prangende Torte umgaben.

Mit undeutlichem Brummen, das ihre Zufriedenheit ausdrücken sollte, betastete Dorte das von der Rätin gestiftete Cachemirkleid – ein Portemonnaie mit Goldstücken gefüllt – hundert Mark! und die Gaben, die Fräulein Agathe, die jungen Heidlings und Onkel Gustav beigesteuert hatten.

Der kleine Wolf, ein stämmiges Bürschchen, hielt in seinen dicken Pfötchen einen Karton mit einem weißseidenen Tuch. Er sollte es der Jubilarin überreichen. Aber weil das bunte Bild auf dem Deckel ihm gefiel, wollte er es nicht hergeben, rannte damit fort und brüllte fürchterlich, als seine Mutter ihn einfing und es ihm abnahm. So wurde die feierliche Stimmung gestört. Doch war es die einzige Gelegenheit, bei der ein Lächeln, wie ein blasser Wintersonnenstrahl durch graues, trockenes Baumgezweig, sich mühsam durch die Runzeln von Dortes verdrießlichem alten Gesicht arbeitete.

»Ne aber! Das Wölfchen!« sagte sie voll andächtiger Bewunderung, bröckelte ein Stückchen von der selbstgebackenen Festtorte und schob es in das weitgeöffnete Mäulchen, das sich, mitten im vollen Schreien, getröstet über der Süßigkeit schloß.

»Dorte – Du sollst doch nicht ...!« mahnte Frau Eugenie.

»Heute darf Dorte alles, was sie will – sogar unserm Jungen den Magen verderben!« rief Lieutenant Heidling gut gelaunt, und die Hausmädchen kicherten.

Sie mußten sich auch die Geschenke ansehen – Line von Kommerzienrats und Rike von Professors oben und Lieutenants Sophie – vielleicht hatte es doch einen guten Einfluß auf die leichtsinnige, wanderlustige, faule Bande, dachte die Rätin.

Das pommersche Dorfkind Wiesing war schon längst nicht mehr bei Heidlings. Mitten im Vierteljahr hatte man sie fortschicken und sich mit einer diebischen Aufwartefrau behelfen müssen. Und das Mädchen machte anfangs einen so netten Eindruck.

Mittags aß Dorte am Tische ihrer Herrschaft. Das graue Zöpfchen ihres Haares zu winzigem Knötchen gedreht, ein bescheidenes Filettuch über den spärlichen Scheiteln, im schwarzen Abendmahlskleide, auf der Brust das silberne Ehrenkreuz – so saß sie still und steif auf ihrem bekränzten Stuhl. Eine fremdartige Gestalt in dem Kreise der vornehmen Bürgerfamilie, der sie ein Vierteljahrhundert gedient hatte – ihr die Nahrung bereitend – in Winterskälte und Sommersglut am Herde, wenn sie noch schliefen, und mit dem Geschirr klappernd, wenn sie schon die Ruhe suchten – einen Tag wie alle Tage – fünfundzwanzig Jahre lang.

War es ihr nun eine hohe Ehre, daß sie einmal – nur einmal an dem Tische sitzen durfte, für den sie so lange gesorgt hatte?

Wer von der Familie, die ein Vierteljahrhundert mit ihr in demselben Hause gewohnt, unter demselben Dache geschlafen, hatte eine bestimmte und klare Vorstellung, was hinter diesen kleinen, trüben, rotgeränderten Augen für Gedanken und Gefühle wohnten? Sie klopften ihr die Schulter, sie drückten ihr die von Gichtknoten gekrümmte Hand, sie sagten ihr freundliche Worte der Anerkennung – eine Fremde war und blieb die alte Küchendorte ihnen doch. Und das Gespräch stockte, weil man durch ihre ungewohnte Anwesenheit am Tische sich geniert fühlte.

Als man auf ihr Wohl mit den Weingläsern angestoßen und sie ein Stück Torte auf ihrem Teller in Empfang genommen hatte, stand sie auf und begab sich trotz aller Proteste in ihre Küche zurück.

Dort fand Agathe sie später, das amtliche Schreiben vor sich ausgebreitet, die Brille auf der Nase, mühselig Wort für Wort des verschnörkelten Kanzleistiles entziffernd.

Dafür hatte sie nun gelebt.

Das Abendmahlskleid war bereits wieder abgelegt, das Kreuz zu dem Gesangbuch in die Truhe versenkt, und Dorte streifte sich die Aermel von den braunen Knochenarmen und goß kochendes Wasser in die Schüsseln, um abzuwaschen.

»Aber Dorte, laß das heute doch dem Hausmädchen!«

»Die wird gerade fertig,« knurrte die Alte. »Alle Minuten vor der Thür und aufpassen, ob ihr Mannsbild nicht dasteht. Gehn Sie man rein, Fräulein.«

Agathe hätte ihr gern etwas gesagt von Hochachtung oder Bewunderung. Aber es wollte ihr nichts über die Lippen. Eine Ahnung, als habe man das verschrumpfte alte Geschöpf mit diesem Amtsschreiben, der Bibel, dem Ehrenkreuz auf irgend eine Weise, die ihr doch nicht klar war, um des Daseins besten Teil betrogen, hinderte sie zu reden, wie sie es gewünscht hätte.

* * *

Aus Agathes Tagebuch.

– – Nur einmal in sich selbst hineinschauen ... Da stürzen gleich die Wasser der Trübsal, die an den schwachen Stellen meines Herzens lecken und wühlen, über alle vom Verstand aufgeschütteten Dämme. Hilfloses Ringen – die Angst eines Ertrinkenden. Und dabei Gardinenkanten häkeln und Deckchen sticken. Wieviel Deckchen habe ich eigentlich schon in meinem Leben gestickt?

– – Kein großes Leiden, das erhebt und läutert ... Ich weiß schon – fleischlich. Qualvoll, qualvoll – aber gemein – niedrig.

– Langsames Verhungern einer Königin, die nicht zu betteln gelernt hat!

Ja – das klingt schön ...

Aber – –

Warum stehlt ihr nicht, wenn ihr hungert, armes Pack? Man besingt die Sieger, nicht die Besiegten! – Man besingt Messalinen ...

* * *

Ein dunkelblauer See ... hoch, hoch in den Alpen. Ganz einsam. Kahles, graues Gestein – und Schneegipfel. Und Abend müßte es sein – Rosen auf das tiefe Blau gestreut – Rosen der niedergehenden Sonne.

Leise – langsam – allmählich ... Wie das Wasser, von den Lichtstrahlen des Tages durchwärmt, an den Gliedern emporquillt – bis zum Herzen – und die Augen schließen ... Der Boden schwindet ...

Wenn die Fische leicht und stumm ihre Flossen über meine Stirn streifen werden ... Wenn lange schleimige Wasserpflanzen aus meinen Augenhöhlen wachsen ... wenn das Feuchte dort unten tief im Dunklen mein Fleisch durchsickert und zerstört – ob ich dann immer noch Schmerz fühlen werde?

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