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Aus guter Familie

Gabriele Reuter: Aus guter Familie - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleAus guter Familie
publisher
printrunAchtzehnte Auflage
editorS. Fischer, Verlag, Berlin
year1908
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid8535aa33
wgs9110
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II.

Der Kreis von Agathes Freundinnen hatte sich im letzten Jahre recht gelichtet. Dem kleinen Schwarzköpfchen, das sich so gern von Onkeln und Vettern küssen ließ, hatte sie als Fee der Jugend den Myrtenkranz gereicht. Auf Lotte Wimpfens Polterabend stellte sie den Frieden des Hauses dar, und Kläre Dürnheim begrüßte sie beim Scheiden von der Mädchenzeit als Genius des Glückes. Und jedesmal hatte sie sich bei diesen Festen himmlisch amüsiert. Das galt als Ehrenpunkt unter den jungen Damen – gerade auf einem Polterabend ... man hätte ja sonst denken können ... Nein – es wäre geradezu feige gewesen, sich auf den Polterabenden der Freundinnen nicht himmlisch zu amüsieren.

Später verkehrte Agathe nicht mehr allzu gern mit den Verheirateten. Fast ging es ihr da, wie einst in der Pension unter den erfahreneren Genossinnen: kaum waren ein paar von den jungen Frauen beieinander, so steckten sie die Köpfe zusammen, flüsterten eifrig, lachten und hatten endlose Geheimnisse, die Agathe um alles in der Welt nicht erfahren durfte. Denn sie war ein junges Mädchen.

Lisbeth Wendhagen freilich, die ruhte nicht und sagte so lange: Pfui – Ihr seid scheußlich! bis sie alles wußte, worauf sie neugierig war. Mit ihrem sommersprossigen, spitzigen Altjungferngesichtchen und ihren prüden kleinen Ausrufen war sie die Vertraute in den meisten jungen Haushalten. Es machte den Herren großen Spaß, sie zu necken und zu hänseln. Man ließ sich geflissentlich vor ihr gehn in zweideutigen Scherzen und übermütigen Zärtlichkeiten. Lisbeths entzückte Empörung war zu komisch.

Aber Agathe flößte den Pärchen unbehagliche Scheu ein. Ihr Mund konnte so herbe und verächtlich zucken, ihre Augen waren so traurig. Und sie war so fromm!

Da hieß es: »Schäm' Dich doch vor Agathe!« Dann ging der junge Ehemann ins Nebenzimmer und rief von dort: »Schatzi, komm schnell mal rein!«

Schatzi huschte fort.

Agathe saß allein, blätterte in einem Album und hörte ersticktes Gekicher und das Geräusch zahlloser Küsse.

Es war wirklich besser, mit strebsamen älteren Mädchen zu verkehren.

Sie wurde aufgefordert, an einem italienischen Kursus teilzunehmen und lernte auch eine Weile fleißig die Sprache, obschon sie bei der zunehmenden Kränklichkeit ihrer Eltern keine Aussicht hatte, jemals nach Italien zu kommen.

Auch nahm sie unaufhörlich Musikunterricht. Aber warum sie das that, war ihr noch weniger klar. Bei ihrer nervösen Befangenheit würde sie es niemals bis zum Vorspielen bringen. Und singen konnte sie schon gar nicht mehr. Seit ihrer Krankheit klang ihre Stimme zum Erbarmen dünn und zitterig. Wollte sie es trotzdem versuchen, so überwältigte sie jedesmal eine Traurigkeit, gegen die kein Ankämpfen mehr möglich war. Sie fürchtete sich förmlich vor den alten lieben Melodieen, aus denen die Geisterstimmen so vieler gestorbener und begrabener Hoffnungen ihr entgegenklangen.

Agathes Lehrerin veranstaltete zuweilen musikalische Abende. Sie verband dabei den doppelten Zweck, mit ihren Schülerinnen ein Examen abzuhalten und sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entledigen.

Auch Agathe wurde schon eine Woche zuvor auf das Dringendste von Fräulein Kriebler gebeten, ihr die Ehre zu schenken.

Es war ein heißer Sommerabend, kurz vor Beginn der großen Ferien.

Alle drei Fenster des möblierten Zimmers mit Schlafkabinett, welches die Klavierlehrerin in einem Hinterhause bei einem Gerichtsschreiber bewohnte, waren weit geöffnet. Dennoch schlug Agathe, als sie aus der Küche der Frau Gerichtsschreiberin in den mit Damen gefüllten Raum trat, eine Luft entgegen, die von dem Geruch von Braten, Käse und Heringssalat durchzogen war. Niemand ließ sich von der Hitze anfechten. Die Stimmen surrten fröhlich durcheinander.

Kleine Backfische in hellen Kleidern, die später singen sollten, saßen vorläufig zusammengedrängt in Fräulein Krieblers Schlafkämmerchen auf dem von einem Reiseshawl bedeckten Bett. Sie machten unter sich Bemerkungen von unehrerbietig jugendlichem Witz über das Buffet, das auf dem Waschtisch arrangiert war.

Das Wohnzimmer wurde von Fräulein Krieblers Kolleginnen und Gönnerinnen eingenommen. Außer Agathe war noch eine ältere Schülerin da, die sich seit zehn Jahren ausbildete, anfangs für die Bühne, dann als Konzertsängerin. Es ging auch das Gerücht, sie sei einmal irgendwo öffentlich aufgetreten.

Für Fräulein Kriebler waren die Musikabende ein Ereignis – eine höchst aufregende Sache. Sie hatte ihre kleinen Zimmer dazu gänzlich umräumen müssen. Die gestickten Decken, mit denen sie Tische und Stühle, die bunten Papierblumen, mit denen sie die Wände geschmückt hatte, überall, wo Photographieen, Bücherbretter, Staubtuchkörbchen und gemalte Sprüche ein Plätzchen freiließen, fanden ungeteilte Bewunderung.

Zwei heiße, rote Flecken auf den spitzen Backenknochen des kränklichen, von ruheloser Leidenschaft verzehrten Gesichtes, lief sie unaufhörlich vom Klavier in die Schlafkammer, flüsterte den jungen Kindern Ermahnungen ins Ohr, ordnete ihre Noten, fragte, ob ihre Gäste vielleicht jetzt schon Thee haben möchten, sie dächte, es wäre besser, wenn er erst später käme – aber wenn sie wollten, dann hätte sie ihre beiden Petroleumkocher bereitgestellt ...

Eine dicke, bucklige Lehrerin mit kurzgeschnittenen Haaren hatte schon ein paarmal gefragt, warum sich Fräulein Kriebler nur den Umstand mache? Sie riet jetzt, da sie doch alle beisammen wären, das Konzert nur zu beginnen.

Fräulein Kriebler warf noch einen hilflosen Blick auf eine Dame in Seide, die gerade aufgerichtet im Sofa saß und mit kalten Dorschaugen den zum Instrument getriebenen blonden und braunen seufzenden und sich schämenden Kindern folgte. Sie hatte die meisten der jungen Mädchen unter ihrer mütterlichen Leitung und war daher eine schreckliche und einflußreiche Persönlichkeit in dem Kreise.

Die zitternden, vor Erregung klammen Finger der Lehrerin schlugen an. Dünne, liebe Stimmchen begannen ausdruckslos und ängstlich vor dieser Runde strenger Richterinnen zu ertönen und zu singen von Liebe und Lenz und der seligen Gewalt heimlicher Gluten ...

Kaum war das geendet, da rauschten und flatterten die hellen Kleidchen eilig, eilig in die enge Schlafkammer. Und wie vorhin Seufzen und Kichern der Furcht, so nun Seufzen und Kichern der Erleichterung. Es war entsetzlich gewesen! Ach wie gut, daß es vorbei war! Und Erna stahl ein Schinkenbrötchen vom Buffet. Nein, aber – so unverschämt zu sein!

Linchen verschwand hinter der Garderoben-Gardine, die sich infolgedessen unförmig blähte, und aus der ab und zu ihre nackten Arme herausgriffen, bis sie in schief angezogenem Zerlinenkostüm wiedererschien.

Sie sollte mit der Dame, die sich für die Bühne ausbildete, das Duett aus Figaros Hochzeit singen.

Ja – Fräulein Kriebler verstand ihre Gäste zu überraschen.

Sie hatte der losen Gräfin wie dem loseren Kammerkätzchen förmlich so etwas wie Koketterie beizubringen versucht. Man applaudierte natürlich so viel man nur konnte.

Nachdem noch ein paar Klaviervorträge stattgefunden hatten, wurde das Buffet freigegeben. Aus den beiden Petroleumkochern brodelte das Theewasser. Fräulein Kriebler schenkte unaufhörlich ein. Sie schrie der Schar der Backfische, die ihr beim Servieren halfen, ihre Befehle zu. Eine laute Fröhlichkeit griff um sich. Die kleinen Fräuleins im Schlafgemach hörte man kaum noch, seit sie bei den Schinkenbrötchen und dem Flammerie saßen. Jetzt begannen die Lehrerinnen sich zu amüsieren. Sie hatten sich nicht umsonst mit ihren besten Kleidern und weißen Spitzen herausgeputzt – sie wollten nun auch ihr Vergnügen haben! Die rauhen tiefen und die scharfen kräftigen Organe der energischen, älteren Mädchen tönten in lebhaften Unterhaltungen durcheinander. Fräulein Kriebler lief zwischen ihren Gästen umher, nötigte zum Zulangen und schrie mit ihrer hohen, leidenschaftlichen Stimme: »Nehmen Sie fürlieb – a gipsy tea! Sie müssen sich selbst bedienen. Meine Lakaien sind auf Urlaub! Ein Löffel fehlt? Es waren doch genug Löffel da! Spülen Sie mal einen Löffel ab, Linchen – ein junges Mädchen muß schnell bei der Hand sein! Nein – entschuldigen Sie nur, Fräulein Heidling – a gipsy tea

Die bucklige Lehrerin mit den kurzen, krausen Haaren erzählte, von Asthma pfeifend, die launigsten Geschichten. Ein sehr kurzsichtiges Mädchen ließ vor Lachen den Kneifer in die Majonaise-Sauce fallen. Endlich forderte eine blasse Person mit einer kolossalen Nase und demütigen Augen, die jedermann um Verzeihung für diese Nase zu bitten schienen, die allgemeine Aufmerksamkeit. Sie hatte den Plan, an ihrem gemeinsamen Wohnsitz ein Heim für alleinstehende, invalid gewordene Mädchen zu gründen. Mit vereinten Kräften. Was sagten die Damen dazu?

Lebhafter, stimmenreicher Beifall folgte. Als hätte sie eine neue, herrliche Lustbarkeit vorgeschlagen, so drängte man sich, um Aufrufe zu erlassen und zu verbreiten, Lotterieen zu veranstalten, reiche Kaufleute um Beiträge anzugehen, den Magistrat um Ueberlassung eines Baugrundes anzugehen. Lauter Dinge, die den von ihrer Hände und ihres Kopfes Arbeit lebenden Mädchen nur neue Lasten auflegten. Aber ihre Tage bestanden doch schon in einem so unaufhörlichen, eiligen Jagen um den Lebensunterhalt, daß es nicht darauf ankam, noch mehr Lauferei und Hetzerei auf sich zu nehmen. Es galt ja ein gemeinsames Interesse, zu jeder einzelnen Vorteil.

– Warum sind nur alle so lustig, dachte Agathe, sie haben doch gar keinen Grund dazu.

Für den Braten und die süßen Speisen, die ihnen vorgesetzt wurden, mußte Fräulein Kriebler mit ihrer nervösen Hast viele Male die ganze Stadt durchtraben und mindestens fünfzehn Stunden geben. Das wußten sie alle. Aber sie wußten auch, daß es Fräulein Krieblers Stolz war – ein nicht unwesentlicher Teil ihrer Menschenwürde, die Kolleginnen einige Mal im Jahr bei sich zu bewirten. Jede von ihnen hielt auf diese Sitte. Und sie ließen es sich behaglich schmecken, während sie von dem Mädchenheim redeten, das ihnen eine Aussicht auf eine gesicherte Zukunft eröffnete. Die Zukunft, die sie sich im besten Falle mit ihrer energischen Arbeit bei Tage und die halbe Nacht hindurch, mit allem ängstlichen Sorgen und Sparen schaffen konnten – eine Stube mit einem Ofen in einem öffentlichen Stift, wo sie ihre paar Andenken um sich sammeln und darauf rechnen konnten, daß ein Fremdes ihnen eine Suppe brachte, falls sie krank wurden – denn dafür sollte ja die Stube sein: um, ohne jemand zu stören, einsam die letzten Arbeitstage hinzubringen und dann zu sterben.

Ihre Heiterkeit war ein wenig laut und gewaltsam. Alle die Damen sprachen mit einer gewissen Aufdringlichkeit von ihrer inneren Befriedigung, von ihren segensreichen Berufspflichten, von den Beschwerden der Ehe und der Schönheit ihres freien Mädchenlebens.

Schönheit – ach Du lieber, gütiger Gott – wo war denn da wohl ein Fünkchen Schönheit zu finden? Wie geheimnisvolle Schuld, die andere Geschlechter ihnen aufgebürdet, mußten die armen Geschöpfe ihre körperlichen Gebrechen, den anmutbaren Frauenleib mit sich schleppen.

Agathe versuchte vergebens, sich zum Mitleid zu zwingen. Ihre tiefsten Instinkte empörten sich – ihre zärtlich geschonte Seele wand und krümmte sich vor Entsetzen, unter diese Schar gezählt zu werden. Und man rechnete sie schon beinahe dazu ... Sie durfte sich doch nicht zu den halbwüchsigen Kindern in die Kammer setzen wollen?

Interesse und Begeisterung für das Frauenheim? – Es schauderte ihr davor, wie vor beginnender Verwesung.

... Geschenke für die Lotterie – ja, die versprach sie zu liefern, und Lose würde sie gern nehmen.

Sie stand auf, denn sie ertrug es nicht länger – es kam ihr vor, als überschleiche sie die Ansteckung von Häßlichkeit und Alter in dieser harten, glücklosen Heiterkeit.

Fräulein Kriebler zeigte sich empfindlich über ihren frühen Abschied.

»Wir sind doch so gemütlich beisammen! Freilich – viel kann ich ja nicht bieten. A gipsy tea

* * *

Agathe hatte darauf gerechnet, sich der verwachsenen Lehrerin anzuschließen, die in ihrer Nähe wohnte. Sie fühlte ein leichtes Bangen, weil sie sich des Abends niemals allein auf der Straße befand. Doch war es noch fast hell, und ganze Ströme von Menschen bewegten sich auf dem Pflaster. Handwerker, Ladenmädchen, Arbeiter, Bürgerfamilien mit Kindern kehrten aus den Biergärten, wo sie bei Militärmusik in Hitze und Cigarrenqualm den Sommer genossen hatten, nach Haus zurück. –Sommer ...

War es zu glauben, daß irgendwo auf der Welt, gar nicht so fern von hier, weite Felder blaßgoldenen Kornes in schweren, langen Wogen, vom duftenden Abendwinde durchstrichen, der Ernte entgegenreiften? Daß der Sommer heut, zu dieser Stunde, in vogelstillen Wäldern den reinen Würzgeruch des Harzes aus dunklen Fichten sog – und durch das hohe Gras der Obstgärten schreitend, ihre Früchte mit Saft und Fülle formte.

Auf den Bänken der Pferdebahnwagen lag der Staub, wie auf den Röcken und Stiefeln der Männer, der Frauen. Er bedeckte ihren kläglichen Putz – ihr Haar, das glanzlos durch ihn geworden war. Und auf den Gesichtern der Kinder zog er graue Schattenstreifen. Schläfrig, mit Scheltworten überhäuft, wurden sie an der Hand der Eltern vorwärtsgezogen, der schwülen Nacht in der widrigen Luft ihrer ungesunden Heimstätte entgegen.

Sommer ...

Warum tauchte er die ganze Natur in Gold und Grün und reifende Fülle und machte nur die Menschen müde, weinerlich oder zänkisch?

War es, weil sie allein sich Kinder Gottes nennen durften und geprüft – gequält – geläutert werden mußten?

Mit vor Traurigkeit ausdruckslosen Augen sah Agathe in das Gewimmel des Volkes, das sich schweißdünstend und schwerfällig an ihr vorüberdrängte. Sie war durstig, ihre Lippen waren trocken und zersprungen. Sie träumte von Wasser, das unter Farnkräutern hell über glatte Kiesel sprang.

Aber die vielen, vielen Menschen hinderten sie, dorthin zu gelangen. Sie war eine von ihnen – nur ein Glied dieser Menge – der Staub des Abends lag auch auf ihr, der Schweiß dunstete auch aus ihren Poren.

Und sie war sehr milde ... Die kleinen Backfische hatten gekichert, die tüchtigen Lehrerinnen waren lustig gewesen – die frechen, angemalten Mädchen, die mit ihren bunten Kleidern das Trottoir einnahmen, lachten laut ...

Warum konnte sie allein sich nicht freuen? Niemals wieder? Warum sah sie überall mehr als andere, die doch klüger waren und schärfer und die Welt besser kannten, die etwas leisteten – die ungeheure Armseligkeit und Abscheulichkeit dieses ganzen Gesellschaftslebens, und trug das heimliche Wissen wie einen Stein auf der Brust? – Warum hörte sie immerfort vor ihren Ohren ganz aus der Ferne melodische Lust und klingendes Glück? – –

Das war wieder krankhaft. Und sie wollte nicht krank sein. Sie wollte gesund sein. Mit aller Gewalt wollte sie gesund sein! Was es auch kosten mochte – einmal nur sich an des Lebens Tisch setzen und frisch und fröhlich genießen, was sie nur erraffen konnte ... War sie denn dazu gar nicht mehr im stande?

Vor Agathe gingen zwei Frauen die Straße entlang. Die eine von ihnen trug ein graues Kleid, ein Reisehütchen und eine Handtasche. Unter dem Hut sah Agathe einen kleinen Knoten rotbraunen Haares. Die andere hielt sich schlecht und ging mit nachlässig schleifenden Schritten.

»Nein, nein,« sagte die kleine zierliche Reisende, »jede Frau kann einen Mann in sich verliebt machen, sobald er nicht gerade eine andere große Liebe hat.«

»Das scheint mir doch gewagt ... Damit behaupten Sie ja, daß jedes Mädchen heiraten könnte?«

»Das kann sie auch – wenn sie ihren ganzen Willen auf das eine Ziel setzt. Natürlich darf sie nicht ...«

Die beiden bogen um die Ecke und Agathe sah sie nicht mehr.

Sie hatte nun auf einen daherkommenden Pferdebahnwagen zu achten, in dem sie die letzte Hälfte ihres Weges zurücklegen wollte. Als sie eingestiegen war, machte ein Herr ihr Platz neben sich. Sie erkannte Raikendorf.

»Mein gnädiges Fräulein, so ganz allein in dieser späten Stunde?«

Raikendorf reichte ihr die Hand mit einem zärtlich zögernden Druck. Da Agathe diese seine Art, Damen die Hand zu geben, seit ungefähr sieben Jahren an ihm kannte, machte sie ihr natürlich nicht den geringsten Eindruck mehr.

Jetzt hatte sie Raikendorf lange nicht gesehen. Er war in einer benachbarten kleinen Stadt Landrat. Aber sie freute sich jedesmal, ihm zu begegnen, wenn sie ihn auch im Grunde verachtete. Er verstand es, sie zum Widerspruch zu reizen, sie wurde immer lebhaft und bekam rote Backen, wenn sie mit ihm zusammenkam.

»Ach,« sagte sie vertraulich zu ihm, »ich bin sehr schlechter Laune – ganz melancholisch! Ich war in einem Thee mit alten Jungfern.«

»Schrecklich!« rief er schaudernd. »Wie kam denn das? Da gehören Sie doch nicht hin!«

»Es waren alles sehr vorzügliche Mädchen,« seufzte Agathe. »Nein – es ist schlecht von mir, daß ich so über sie rede.«

»Ach seien Sie nicht zu gewissenhaft.«

Beide sprachen halblaut, damit ihre Umgebung sie nicht beaufsichtige.

»Nein, wirklich – ich müßte doch Interesse dafür haben, daß sie versuchen, unser Geschlecht weiterzubringen. Es ist oberflächlich und egoistisch von mir – aber – ich kann es nicht erklären, was mich so abstößt. Sehen Sie – zum Beispiel: wenn man harmlos sagt: ich habe Veilchen gerne – da heißt es unfehlbar: Ja, würden die Frauen ihre Intelligenz mehr zusammennehmen, dann könnten sie Veilchen-Kulturen gründen, die würden guten Ertrag geben. Macht man die Bemerkung: das Bild dort hängt schief an der Wand, muß man hören: Das kommt davon, daß kein System in der weiblichen Erziehung ist. Haben wir erst Gymnasien, so wird kein Bild in der Welt mehr schief hängen ...«

Raikendorf lachte.

»Ach, mein gnädiges Fräulein – bei uns Männern ist es auch nicht viel anders. Jeder reitet eben sein Steckenpferd – und schließlich – wohl dem, der eins hat. Aber in allem Ernst – gehen Sie nur da nicht wieder hin! Zu der Gesellschaft, die man frequentiert, wird man schließlich auch gezählt.«

»Ich gehöre doch dazu!«

»Unsinn! Pardon ... Sehen Sie mich einmal an. Na – Fältchen sehe ich vorläufig noch nicht – kein einziges ...!«

»Was haben Sie da für wundervolle Rosen!«

»Nicht wahr? Frau von Thielen hat sie mir gepflückt – ich war heute Nachmittag draußen auf dem Werder, in ihrem Garten. Jetzt wollen wir einmal eine heraussuchen für Sie? Eine, die Ihnen ähnlich sieht? Was?«

Seine grünlichen Augen waren nur klein und nicht besonders hübsch, aber sie konnten sehr freundlich blicken. Und er hatte so etwas einfach Natürliches beim Sprechen.

Er wählte eine schöne, zarte Theerose, gab sie ihr schweigend, und sie nahm die auserlesene Blume mit einem flüchtigen »O danke sehr.«

Ihre Wangen röteten sich leicht vor Vergnügen.

»Sie werden mir doch gestatten, Sie nach Haus zu begleiten?«

»Ja, sehr gern! Ich fürchte mich des Abends allein auf der Straße.«

»Es ist auch unangenehm für eine Dame.«

»Wir sollten nicht so unselbständig erzogen werden.«

»Aha – die Gymnasien ...? – Sie sehen doch, daß Sie zu rechter Zeit einen Beschützer gefunden haben.«

»Ja – das war aber nur Zufall.«

»Alles Gute in der Welt ist Zufall.«

»So müssen Sie nicht reden.«

»Was wollen Sie – ich möchte auch gern an eine höhere Fügung glauben – aber ich sehe sie zu selten walten. Sie sind fromm – ich finde das sehr schön! Ich könnte Sie mir gar nicht anders denken, mit Ihrem sanften Gesichtchen! – Hier müssen wir aussteigen. So – geben Sie mir die Hand. Vorsichtig!«

Sie waren schon ein Weilchen die letzten Passagiere gewesen und hatten ungestört plaudern können.

»Wollen Sie nicht meinen Arm nehmen?« fragte der Landrat. Agathe zögerte eine Sekunde – es war eigentlich, nicht üblich ... Sie hatte so große Lust ...

»Man geht besser in Schritt und Tritt,« sagte er überredend, und sie folgte ihm. Er drückte ihren Arm leicht an sich, sie fühlte seinen warmen kräftigen Körper und ging behaglich an seiner Seite. Es war ihr sehr wohl, ruhig und still fühlte sie sich.

»Fahren Sie heut Nacht noch nach Evershagen zurück?« fragte sie.

»Nein, ich bleibe in Mengs Hotel. Da habe ich ein ständiges Absteigequartier. Auf die Weise kann man die ländliche Einsamkeit schon ertragen.«

»Ich kann Sie mir gar nicht auf dem Lande vorstellen.«

»O jetzt im Sommer ist es hübsch da draußen. Viel Verkehr mit den Gütern. Und Wald in der Nähe. Ich habe mir einen Ponywagen angeschafft. Sie sollten mich wirklich einmal besuchen. Dann fahren wir mit den Ponys in den Wald. Was? Wollen Sie?«

»O ja – ich weiß nur nicht, ob Papa ...«

»Wenn ich dächte, daß Sie Lust hätten, würde ich an Ihre Eltern schreiben und mir das Vergnügen erbitten ... Vielleicht kämen Ihre Geschwister auch?«

»Eugenie will an die See und hat noch große Schneiderei,« sagte Agathe, es erhob sich in ihr der Wille, Eugenie von der Partie fernzuhalten.

... Jede Frau kann einen Mann in sich verliebt machen, sobald er nicht eine andere große Liebe hat ...

Und Raikendorf? Hatte er eine andere große Liebe? –

»Also – zu wann wollen wir Ihren Besuch verabreden?« fragte er.

»Bald,« antwortete Agathe schnell, »sonst kommt es gewiß nicht dazu.«

Unter dem Schein der Gaslaterne hob sie den Kopf und blickte Raikendorf in die Augen. Niemals hatte sie einen Mann auf diese Weise angesehen. Auch nicht Lutz.

Es wurde ihr ganz schwindelig vor Scham über sich selbst.

»Nun wollen wir den Himmel um Sonne bitten – Sie stehen besser mit ihm, thun Sie es für mich,« sagte Raikendorf, nachdem er ihren Blick gleichsam mit den Augen festgehalten hatte.

»Auf Wiedersehen!« Er drückte ihr die Hand. Und sie empfing das leichte Zeichen von augenblicklicher Zuneigung nicht gleichgültig wie sonst unzählige Male.

Als Raikendorf »Auf Wiedersehen« sprach, erschrak sie, wie über eine böse Vorbedeutung – es waren dieselben Worte, die sie zuletzt von Lutz gehört hatte.

Wollte der Herr, ihr Heiland, sie warnen?

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