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Aus guter Familie

Gabriele Reuter: Aus guter Familie - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleAus guter Familie
publisher
printrunAchtzehnte Auflage
editorS. Fischer, Verlag, Berlin
year1908
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid8535aa33
wgs9110
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XV.

In der Charwoche fuhr Agathe nach Bornau. Während sie ihr Billet löste, stand eine kleine Dame in diskreter schwarzer Toilette neben ihr und wartete, bis der Zugang zum Schalter frei wurde. Ein grauer Gazeschleier verhüllte ihr Gesicht, doch erkannte Agathe Fräulein Daniel.

Wohin mochte sie fahren? Wenn sie nun beide in dasselbe Coupé gerieten? Ob Lutz in der Nähe war?

Er hatte sie nicht begleitet!

Das heftigste Triumphgefühl durchdrang Agathe.

Die Daniel war viel vornehmer gekleidet, als sie selbst. Und Lutz legte so großen Wert auf diese Aeußerlichkeiten!

Agathe wurde vom Schaffner in ein schon fast gefülltes Damencoupé geschoben. Wo die Daniel einstieg, konnte sie nicht mehr beobachten. Sie war enttäuscht, als ihr die Sensation entging, mit der Schauspielerin zusammen zu fahren. Ihre Gedanken beschäftigten sich, eine Scene auszumalen, die zwischen ihnen hätte entstehen können, wenn die Daniel, allein mit ihr im Wagen, ihr vorgeworfen hätte, sie raube ihr Adrians Herz.

Es war schon später Nachmittag. Ehe man die Station erreichte, wo Agathe den Zug wechseln mußte, hielt die Lokomotive auf offenem Felde. Wartend, miteinander flüsternd, standen die Schaffner im Regen.

– Und das ist Frühling, dachte Agathe, die flach sich dehnende, braune, von blaßgrünen Feldstreifen durchzogene, nebelfeuchte Landschaft betrachtend, – das soll Frühling sein. –

Sie interessierte sich nicht besonders für die Ursachen ihres unvorhergesehenen Aufenthaltes. Irgendwie mußte die Sache schon in Ordnung gebracht werden und man ans Ziel kommen.

Pfeifen und langsames Weiterfahren – nach kurzer Zeit stand der Zug abermals, die Thüren wurden aufgerissen.

»Aussteigen!!«

Bahnbeamte, ein paar Schutzleute wiesen den Weg und gaben Antwort.

Das Gleis war nicht frei. Ein Zusammenstoß von Güterwagen hatte stattgefunden. Passagiere waren nicht verunglückt – nur ein Heizer tot. Dort – rechts lag die Unglücksstätte. Die zertrümmerten Wagen, wie im Todeskampfe sich gegeneinander bäumende Ungeheuer, hoch und schwarz in die graue Luft ragend. Rufen und Laufen von Menschen. Der Regen prasselte stärker. Die Menge drängte dem Bahnhofs-Gebäude entgegen. Zwischen zwei Beamten kam eine Frau geschwankt, das Gesicht in eine blaue Schürze gepreßt, das Haar durchnäßt, hin und her taumelnd in fassungslosem Weinen. Die Frau des verunglückten Heizers. Man blickte ihr in scheuem Mitleid nach.

Als die hohe, glasbedeckte Halle erreicht war, sonderte sich ein Teil der Menschen nach dem Ausgange ab. Die Zurückbleibenden, unter ihnen Agathe, strömten eine breite Treppe hinunter, um durch einen Tunnel den jenseitigen Bahnsteig und womöglich noch den Schnellzug erreichen zu können.

Junge Männer mit koketten Reisemützen und flatternden Havelocks eilten gewandt voraus, sich die besten Plätze zu sichern, Kofferträger schafften rufend und scheltend Platz für ihre Bürde. Die gelben Gepäckkarren rasselten, Kinder wurden an der Hand von Müttern und Vätern rücksichtslos weitergezerrt, alte Damen mit Schachteln und Schirmen trippelten und rannten keuchend vorwärts. Eile that not – man hatte sich sehr verspätet.

Agathe fiel ein kleiner Junge auf in einem hübschen Mäntelchen, der schon sekundenlang mit dem Strom in ihrer Nähe fortgeschoben wurde, wobei er sich furchtsam nach allen Seiten umsah. Und nun blieb er stehen, ein winziges Hindernis für die Vorwärtsdrängenden, das unsanft aus dem Wege gestoßen wurde. Er begann zu weinen. Agathe wendete sich zu ihm zurück.

»Kleiner, Du hast Dich wohl verloren?«

Er schluchzte aus und nickte mit dem Kopfe.

Was war zu thun? Man konnte doch das kleine Kind hier nicht allein lassen.

»Mit wem bist Du denn gekommen? Mit Deiner Mama?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wie heißt Du denn?«

»Didi.«

Agathe führte das Kind ins Restaurant und sah dabei durch die großen Fenster, wie draußen ihr Zug abfuhr. Sie wandte sich zu der Büffetdame, um zu fragen, was man thun könne. Augenscheinlich war das Kind in der Verwirrung vom anderen Perron herübergekommen. Ein Dienstmann sollte den Fund bei den Portiers und in den verschiedenen Wartesälen des weitläufigen Centralbahnhofes bekannt machen. Inzwischen behielt Agathe den Kleinen unter ihrer Obhut. Der nächste Zug für sie ging erst in einer Stunde.

Hier auf dieser Seite spürte man schon nichts mehr von dem Unglücksfall, der jenseits des Tunnels die Ordnung störte. Hier ging alles seinen einförmig ruhelosen Gang weiter.

Neue Züge rasselten donnernd in die gewaltige Halle – Läuten – Pfeifen. Neue Menschenströme drangen die Treppen hinab und in die Säle.

Agathe zog sich mit ihrem Schützling ins Damenzimmer zurück. Sie nahm ihm das nasse Mäntelchen ab und wickelte ihn in ihr Plaid, dann setzte sie sich neben das Kind auf das Sofa und fütterte es mit einer Tasse Schokolade. Ganz still und traulich war es hier. Der Kellner hatte eine Gasflamme angezündet und die Thür geschlossen.

– Ein Kind wie dieses – und von der Reise kommen ... Von Lutz abgeholt werden, in einem geschlossenen Wagen, an die Scheiben schlägt der Regen, in seinen Arm sich drücken, mit dem schläfrigen Kleinen auf dem Schoß ... Wie trugen denn Menschen nur solche Wonne? Sie wurde doch manchem zu teil. Aber mehr zu fühlen, als bei der Vorstellung, wie das sein könnte ... das war ja nicht möglich.

Agathe zog den kleinen Buben an sich – fest – fest, und küßte ihn auf die Stirn, auf das feine blonde Haar, auf die Augenbrauen.

Erschrocken ließ sie ihn los, als habe sie etwas Unrechtes gethan, weil die Thür aufgerissen wurde. Zwei Frauen kamen eilig herein. Agathe sah eine diskrete, schwarze Toilette – einen grauen Gazeschleier, von einem blassen, verschminkten Gesichtchen fortgeschoben – Didi sprang vom Sofa, aus dem Plaid und jauchzte ihnen entgegen:

»Mama! Meine Mama!«

»Da ist er, der Unglücksbube! wahrhaftig!« rief die Daniel. »Mein Schatz! O Du Schatzerl – haben wir Dich gesucht!«

Sie hob ihn auf und hielt ihn am Herzen – fest – fest. Küßte ihn auf die Stirn – auf das feine blonde Haar und auf die Augenbrauen.

Die Frau, die mit ihr kam, entschuldigte sich bei Agathe, sie habe das Kind nur einen Augenblick allein gelassen, gerade unter der großen Uhr, wo sie die Mama erwarteten, weil sie gern das Unglück sehen wollte – und der Schrecken, als das Kind verschwunden war!

Agathe hörte nichts.

Die Daniel – sie, eine Mutter!

Und Adrian Lutz?

Es wurde mit einem Mal hell und klar und eiskalt in ihr. Sie sah alles Vorhergegangene – sie wußte alles.

Die Schauspielerin wandte sich mit ausgestreckten Händen zu Agathe, um ihr zu danken. »Ich bin Ihnen sehr verpflichtet –«

Sie fand ihre Worte nicht weiter vor dem verletzenden Hochmut in Agathes Haltung.

»Sie sind lieb zu dem Kinde gewesen,« stammelte sie unsicher und erregt. »Es ist nun einmal ... Ich bin immer so in Angst um das Kind, weil ich nicht bei ihm sein kann ... Wenn ich einen Tag keine Nachricht habe, gebärde ich mich wie eine Unsinnige.«

Sie war ganz verweint und zerstört. Sie sah Agathes stumme, starre Abwehr schon nicht mehr. Sie band dem Kinde das Mäntelchen um, setzte ihm die runde Mütze auf. Die Frau, bei der das Kind in Pflege war, wollte ihr helfen, aber sie ließ es nicht zu.

Agathe folgte dem mütterlichen Thun der kleinen Soubrette mit den Blicken, wie sie sie oft auf der Bühne beobachtet hatte. Nicht anders. Alles Empfinden schien plötzlich in ihr ausgelöscht.

Der Kleine war bereit zum Gehen.

»Komm, Adrian, küß' der Dame die Hand und sag' Adieu!«

Agathe wich zurück. Aber es war ja gleich – alles war gleichgültig. Und sie bückte sich und berührte des Kindes Wange mit ihren kalten, erstarrten Lippen. Sie reichte auch der Daniel die Hand – ganz mechanisch.

Ueber das erregte Gesichtchen der Schauspielerin ging ein Ausdruck von Erschrecken. Unschlüssig stand sie vor Agathe.

»Ich glaube – kommen wir nicht aus derselben Stadt?«

»Wir sind uns wohl öfter begegnet,« antwortete Agathe.

Die Daniel wurde plötzlich sehr rot, ihr Mund begann zu zittern.

Auch Agathe errötete und sah zur Seite. Jetzt kam er plötzlich – der Schmerz.

»Fräulein – ich bitte Sie – verraten Sie mein armes Geheimnis nicht!«

Die Augen der beiden Mädchen blickten ineinander und strömten plötzlich über von Thränen – von einer unendlichen Traurigkeit. Sie verstanden sich in etwas Geheimnisvollem, in einem Leiden, für das es keinen Laut gab – das auch durch kein Wort hatte bezeichnet werden können und das weit hinausging über ihr eigenes Schicksal.

»Sie sind gut,« flüsterte die Daniel. »Es ist nicht meinetwegen. Nur er – es ist ihm so peinlich!«

Bitter und hastig sagte sie, indem sie die Hand auf des Kindes Kopf legte:

»Man begreift eben nicht, wie ein Vater solchen Buben verleugnen will. Alles lernt man vergeben – schließlich, wenn man immer fürchtet, alles zu verlieren.«

Agathe vermochte sich fast nicht mehr aufrecht zu halten. Fröstelnd empfand sie einen Rest von Bühnenroutine in der Art, wie die Daniel ihre Worte betonte.

Nur sich selbst nicht verraten – nicht dieser! Alle ihre Kräfte rangen mit dem Verlangen, das wie ein Schwindel sie überströmte, sich zu entblößen und in armseligem Jammer der, die ihn auch liebte, um den Hals zu fallen, zu schreien, zu verzweifeln.

Aber ruhig bleiben – Dame bleiben – das hatte Agathe lebenslang geübt – das wenigstens gelang ihr.

Mit ernster, mädchenhafter Würde antwortete sie der Schauspielerin:

»Ich könnte nicht vergeben, wo ich verachten müßte.«

»Verachten? Das verstehn Sie ja nicht. – Ach – er –! Er liebt mich ja nicht mehr. Aber er liebt auch die anderen nicht – keine – keine. Sie werden ihm eben alle so schnell zuwider. Und wenn ich sterbe und man öffnet mir das Herz – ich glaube, man findet seinen Namen da mit glühenden Buchstaben eingebrannt.«

»Gnädige Frau – regen sich doch nicht auf, das Kind fängt auch schon an zu weinen,« mahnte die Bürgersfrau, welche Didi an die Hand genommen hatte.

Die Daniel schluchzte auf, trocknete sich das Antlitz und zog den grauen Schleier vor.

»Warum denn auch darüber reden – es ist ja umsonst. Verzeihen Sie, daß ich Sie mit meinem Kummer belästigte. Nicht wahr – ich habe Ihr Versprechen?«

Agathe neigte den Kopf. Die Frauen verließen mit dem Kinde das Wartezimmer. Nach einigen Minuten kamen andere Leute herein, es läutete – man rief zum Einsteigen.

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