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Aus guter Familie

Gabriele Reuter: Aus guter Familie - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGabriele Reuter
titleAus guter Familie
publisher
printrunAchtzehnte Auflage
editorS. Fischer, Verlag, Berlin
year1908
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130925
projectid8535aa33
wgs9110
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XIV.

Heidlings hörten lange nichts von Martin Greffinger.

Nachdem der Regierungsrat es durch heftige Scenen und eindringliche Ermahnungsbriefe versucht hatte, ihn von seinen thörichten, verworrenen Plänen abzuhalten und er den väterlichen Warnungen nur einen hartnäckigen Widerstand entgegensetzte, verbot ihm der Onkel sein Haus. Man ließ ihn seiner Wege gehen, und die Verwandtschaft kümmerte sich nicht mehr um ihn. Denn er war mündig, elternlos und besaß ein kleines Vermögen, von dem er zur Not leben konnte. Freilich war bei seinen unglücklichen Grundsätzen und seiner Verspottung jeder Autorität nichts anderes anzunehmen, als daß er sein Geld auf irgend eine unsinnige Weise unter die Leute bringen und schließlich mit dem Bettelstab reumütig bei der Familie wieder anklopfen werde. Walter und der Regierungsrat sprachen oft von dieser Aussicht – mit Zorn, aber doch mit dem heimlichen Wunsch, den Triumph in nicht allzu ferner Zeit zu erleben.

Nicht einmal seinen Doktor hatte Martin gemacht. Jetzt redigierte er eine Zeitung, von der Agathe nur wußte, daß keine ihrer Bekannten sie las, und jedesmal, wenn jemand ihren Namen erwähnte, brachen alle in ein verächtliches Lachen aus. Sie mußte also wohl nichts wert sein.

Einmal kam ihr eine Nummer in die Hand, man hatte ihr in einem Laden etwas hineingewickelt. Es war schlechtes Papier, elender Druck – und dabei hieß das Blatt so lächerlich prahlerisch: Die Fackel. Agathe las darin – der Ton schien ihr unfein.

Wie schade, daß Martin so heruntergekommen war. Sie hatte großes Mitleid mit ihm.

Er war gewiß sehr verbittert und unglücklich. Sie hätte gern irgend welchen Einfluß auf ihn geübt, aber wie sollte sie das anstellen? Trotzdem er jetzt in M. wohnte, war er seit Eugenies Hochzeit gleichsam in eine andere, unterirdische Welt hinabgesunken, zu der Agathe nicht einmal den Zugang gefunden haben würde. Er war der einzige, mit dem sich ihre Gedanken außer mit Herrn von Lutz zuweilen beschäftigten. Sie konnte ihn nicht verdammen – was er auch that, sie fühlte ihm den Weg nach, der dorthin führte, wo es dunkel und schaurig war.

Als sie ihn einmal auf der Straße traf und er mit eiligem Gruß an ihr vorüber wollte, stand sie still, gab ihm die Hand und fragte schüchtern, wie es ihm ginge.

Ein freundlicher Schein kam in sein düsteres, hart gewordenes Antlitz. Er schüttelte ihr sehr herzlich die Hand und sah sich noch einmal nach ihr um. Etwas von der alten Kinderfreundschaft für ihn lebte plötzlich in ihr auf. Sie hütete die flüchtige Begegnung als ihr Geheimnis.

Papa und Mama waren verreist, sie wollten das Osterfest in Bornau zubringen. Agathe sollte erst die Wäsche fertig besorgen und ihnen dann folgen. Es hatte so viel geregnet, daß die Sachen nicht zur rechten Zeit trocken geworden waren, und Papa wollte sich von seiner Urlaubszeit nicht noch ein paar Tage rauben lassen. Der Arzt hatte die Erholung dringend für ihn gefordert.

Warum mußte er nur gerade jetzt so angegriffen sein? Gerade jetzt M. verlassen ... es wurde Agathe furchtbar schwer. Zuweilen sagte sie sich: die Reise konnte nun auch einmal eine Prüfung für Lutz werden – wenn sein Gefühl nicht eine kurze Trennung bestand, so war es weiß Gott wenig genug wert.

Aber man konnte nicht wissen ...

Von Stolz und Freudigkeit war nichts mehr in ihrer Liebe – der letzte Rest war von angstvollem Bangen verzehrt.

Sie hatte den ganzen Tag ordentlich gearbeitet, sich künstlich zu einem heftigen Thatendurst steigernd, und schickte nun die beiden Mädchen mit den Körben voll gelegter Wäsche zur Rolle.

Es war ein trüber Abend, feiner Regen ging nieder. Ungewöhnlich früh kam die Dämmerung geschlichen. Agathe hatte sich auf die Chaiselongue gelegt. Wie wenig sie jetzt leisten konnte – jammervoll.

Ein Klingeln schreckte sie aus leichtem Halbschlaf. Mit zitternden Knieen ging sie nach der Thür. Immer kam ihr gleich der wahnwitzige Gedanke: wenn das jetzt Lutz wäre!

Sie öffnete die Flurthür ein wenig.

»Ich bin's – Martin Greffinger,« sagte eine bekannte Stimme. »Bitte, laß mich einen Augenblick hinein, Agathe.«

Er schob die Thür auf und trat ein, während sie noch überlegte, ob sie das Verbot des Vaters ignorieren dürfe. Und dann verschloß er selbst die Thür und hängte die Sicherheitskette ein – das fiel ihr als sonderbar auf.

»Ich will Dich nicht lange stören,« sagte er etwas kurzatmig. »Deine Eltern sind verreist – sie werden nicht erfahren, daß ich hier war ... Ich wußte, daß die Mädchen vorhin fortgegangen sind. Ich will Dich nicht in Ungelegenheiten bringen.«

»Willst Du nicht hereinkommen?« fragte Agathe verlegen.

Er folgte ihr ins Wohnzimmer, aber als sie ihm einen Stuhl bieten wollte, sagte er hastig:

»Nein, laß nur – ich stehe auf dem Sprunge ... Ich wollte Dir nur Adieu sagen.«

»Willst Du verreisen?« fragte Agathe höflich.

»Ich bin ausgewiesen. Ja – polizeilich.«

»Martin – um Gotteswillen!«

Er lachte kurz auf. »Sie sind ja wie die Spürhunde hinter uns her – die feige Bande!«

Er ballte die Faust.

»Wenn ich mich nach zwölf Uhr noch hier blicken lasse, werde ich von Gendarmen über die Grenze geschafft. – Na hab' nur keine Angst, ich fahre mit dem nächsten Schnellzug nach der Schweiz. Dann seid Ihr mich los!«

Er lachte wieder, und Agathe sah ihn verwirrt, erschrocken und ratlos an.

Er beobachtete sie einen Augenblick schweigend.

»Du – ich habe eine Bitte an Dich. Hebe mir dies Paket auf – ich werde jedenfalls an der Grenze untersucht.«

»– Kannst ruhig sein,« fügte er mit humoristischem Ausdruck hinzu, »es sind nur Schriften. Wenn ich sie verbrenne, ist's immerhin ein Verlust für mich. Darum dacht' ich, Du könntest sie mir vielleicht nachschicken. Willst Du sie übrigens vorher lesen – dem steht nichts im Wege.«

Agathe schauderte wie vor etwas Unreinem zurück.

»Das möcht' ich nicht, Martin – bedenke doch ...«

»Es hat ja keine Gefahr! Bei der Tochter vom Regierungsrat Heidling wird keine Haussuchung gehalten – darauf kannst Du Dich verlassen ... Deine Eltern beaufsichtigen Deine Korrespondenz doch nicht?«

»Nein – aber ...«

»Neulich kam es mir vor, als wäre Mut in Dir ... Ja, das habe ich Dir hoch angerechnet – daß Du mir da auf der Straße die Hand gabst ... Na – interessiert es Dich nicht, zu wissen, warum ich mich eigentlich von Euch allen losgemacht habe?«

»Doch – es ist mir nur so etwas Fremdes, Aengstliches.«

»Ganz wie Du willst. Ich hatte das Bedürfnis, mich auf irgend eine Weise dankbar zu zeigen. Verstehst Du? Ich dachte: sie ist doch einen Versuch wert. – Siehst Du – da sind Geschichten drin, die Dich aufrütteln – das weiß ich – die Dich anders packen werden, als das blödsinnige Zeug, was Du sonst liest.«

»Ich möchte nicht ...«

»Also – Du bist doch feige!«

»Nein – aber ich finde es unrecht, sich gegen die gesetzliche Ordnung zu empören,« antwortete Agathe kalt. Es schwebte ihr vor, daß sie ihre Pflicht thun müsse, indem sie dieses Urteil über die Richtung ihres Vetters fällte.

Martin blickte sie an in dem grauen Dämmerlicht des trüben Frühlingsabends. Sein Gesicht war müde und abgearbeitet, Falten zogen sich über die Stirn, seine Augen hatten einen tiefen, gramvollen Ausdruck, aber der Kummer lag nur wie eine Staubschicht über einer still zehrenden Glut.

Er drückte das Paket Schriften mit dem Arm fester an sich.

»Agathe – mir thut's ja nichts, ob ich in der Schweiz bin oder hier. Aber es lassen sich arme Leute von ihrer Arbeit und ihrer Familie fortjagen, ins bittere Elend – um ihrer Ueberzeugung willen. Ja – zucke nur mit den Schultern! Ich habe im Dienste unserer Sache Frauen kennen gelernt, die täglich ihre Freiheit, ihre Existenz aufs Spiel setzten, um ihren Schwestern aus Not und Schande zu helfen. Das sind Frauen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben! Die ich hochachte! – Aber Du willst von ihnen ja nicht einmal hören ... Ihr kalten, armseligen Bougeois-Würmer – ich glaube, Ihr könntet nicht einmal ein Opfer bringen, wenn der Liebste es von Euch verlangte!«

»Martin ...«

»Ich danke Dir, daß Du mir gezeigt hast, was wir von Euresgleichen zu erwarten haben. Das soll mir eine Lehre sein. Leb' wohl.«

Agathe atmete schnell, ihr Antlitz brannte.

Greffinger war schon an der Thür, als sie die Hand ausstreckte und leise rief:

»Laß die Bücher hier.«

»Du willst? Du willst wirklich?«

»Ich will sie Dir nachschicken. Aber weiter nichts.«

»Agathe – das ist schön! Vergiß nicht ... ich bin Dein Freund ... Und lesen wirst Du sie schon. Steck' sie dann ins Feuer!«

Die Hand wurde ihr geschüttelt, daß sie ihr weh that. Die Thür schlug ins Schloß, und draußen verklangen Martin Greffingers kräftige Schritte, mit denen er in die Verbannung ging.

Agathe hielt das Bündel verbotener Bücher in den Händen und blickte beklommen auf sie nieder.

Dokumente einer Welt, aus der große, geheimnisvolle Stimmen zu ihr herübertönten – von Schicksalen redend, welche die Alltäglichkeit überragten – aus einer Welt, in der man mit so stolzem frohen Lachen Vaterland, Freunde, die sanfte, bequeme Gewohnheit ließ und Verachtung und Gefahr auf sich nahm ... Aus einer Welt, in der Frauen, die ihr täglich Brot verdienen mußten, allstündlich sich dem Hunger oder dem Gefängnis preisgaben, um den Genossen und der heiligen Sache zu dienen.

Wo geschah solches in ihrer – in der guten Gesellschaft? Wer war dessen fähig von allen – allen, die sie kannte?

Wie kam das Feuer über diese Menschen? Auf welche Weise wurden sie ergriffen? Wie mußte es sein, so thatbereit, so opferglücklich dazustehen und sich selbst zu geben in schauernder Lust – sich selbst in einen ungeheuren, furchtbaren Kampf zu werfen, dessen dumpfes Toben sie plötzliche um sich her ahnte.

Sie mußte davon erfahren – wissen – empfinden – alles, was sie erfassen konnte – was in dem Bereich ihrer Hände war ... Das Paket öffnen – sehen – sehen ... Unter diesem braunen Papier glühte eine Offenbarung.

Martin – der war stark und freudig – der war gerettet! Gab es hier Erlösung von der Gewalt, die heimlich an ihr sog und sog, daß das Blut ihr blaß und krank wurde, daß die Sehnen ihr erschlafften und die Nerven in schmerzlichem Zucken vibrierten, daß alles klare Denken in ihr zu einem dumpfen, fieberhaften, quälerischen Träumen wurde –?

Der Wunsch überwältigte sie bis zur Atemlosigkeit, ähnlich jenem, der sie einst als Kind heimlich in der Nacht zur Leiche der Mitschülerin getrieben hatte.

Wenn nur jetzt niemand sie störte – faßte es nicht wieder draußen an die Klingel Eugenie? Nein – es ging vorüber.

Gott sei Dank!

Wie unsinnig, Gott zu danken für etwas, das doch unrecht war ... Aber so froh ist sie lange nicht gewesen, als nun, da die Hefte und die losen Blätter im Schein der schnell entzündeten Lampe vor ihr liegen: Schwarze Hefte mit roter Schrift – rote mit schwarzen Buchstaben und seltsamen Sinnbildern geschmückt: eine Hand, die eine Fackel schwingt, ein Weib mit einer Freiheitsmütze und einem bloßen Schwert, ihr zu Füßen zerbrochene Kronen, gestürzte Kreuze, – ein Thron, durch dessen klaffende Fugen Schlangen und Würmer kriechen.

Sie las im Stehen.

Verse ... Gott – solche Dichter hatten die ...?

Ja, ja – tausendmal ja! Das war schön – wild, herrlich! –

* * *

Und wenn sie morgen, statt nach Bornau zu reisen, Martin, in die Schweiz folgte? – Ihr Vater bekam einen Brief: seine Tochter habe sich entschlossen, Sozialdemokratin zu werden und »der Sache« ihre Dienste zu widmen. Martin würde sie freudig als Genossin empfangen. Das war sicher. – Keine Liebe zwischen ihnen. Zwei Unglückliche, die dem Volke ihre gebrochenen Herzen weihten. Elend zu Elend. Das gehörte zusammen! Lutz würde dann wissen, was er verloren – sie suchen und niemals finden ... Vielleicht im Zuchthaus ... Vielleicht auf dem Schaffot. Dahin würde es kommen, Walter sagte es ja immer. Der Bruder zu ihrer Exekution beordert. Sie – ruhig, lächelnd, ohne Thränen. Gott! mein Gott!

– Aber sie konnte so stehend nicht weiter lesen. Der Rücken that ihr zu weh. Die Arme waren ihr wie gelähmt vom Hantieren mit den schweren Wäschestücken. – zwölf Tischtücher waren es allein gewesen.

Die Mädchen würden noch lange nicht wiederkommen, sie hatten drei Körbe mit, und außerdem fanden sie auf der Rolle immer Freundinnen, mit denen sie endlos schwatzten. Das kleine Vergnügen war ihnen zu gönnen. Dorte und Luise erschienen ihr plötzlich wie von einer heiligen Würde umleuchtet – sie waren geplagte Proletarierinnen.

Agathe legte sich behaglich auf die Chaiselongue und zog die Lampe näher. Da stand noch der Rest von dem Wein, den sie sich vorhin eingeschenkt hatte, und kleine Kuchen lagen auf einem Tellerchen. Sie war brennend durstig und aß und trank, während sie las und las – von dem Elend und dem Hunger und der Not des Volkes und ihrem Haß und dem Ringen nach Befreiung.

Die Leidenschaft, die aus den Blättern sprühte, stieg ihr zu Kopf und jagte ihr das matte Blut durch die Adern.

Einmal schrak sie jäh zusammen – sie glaubte, es überraschte sie jemand.

Die Mädchen kamen keuchend zurück, sie trieften vor Nässe, denn es regnete stark. Küchen-Dorte ging brummend in ihre Kammer. Aber Wiesing huschte noch einmal hinaus ins Dunkel, wo einer wartend in der Nähe der Hausthür stand und heftige Küsse das feuchte Mädchen wärmten. Agathe faßte die Hefte und nahm die Lampe, um das ihr anvertraute Gut in ihrem Zimmer zu verbergen. Sie kam an dem großen Stehspiegel vorüber. Wie sie aussah ... Sie stand still und hob die Lampe empor. Das Haar hatte sie zerwühlt, es hing ihr in losem, dicken Gelock um das heiße Gesicht, die Wangen schienen wie von der Sonne durchglüht, und ihre Augen strahlten in Begeisterung – sie war sich selbst überraschend in dieser ihr fremden, leuchtenden Schöne.

Sähe Lutz sie so!

Warum kam er nicht in dem Augenblick ... Ach ...! warum war das unmöglich!

Warum konnte sie nicht zu Martin?

Ein kurzer, schluchzender Schrei, und das Mädchen warf sich lang auf das kleine Sofa nieder – die Arme weit hinausgebreitet in dem hilflosen Begehren nach etwas, das sie an die Brust drücken konnte – nach der Empfängnis von Kraft, von dem befruchtenden Geistesodem, der im Frühlingssturm über die Erde strömt.

Rings um sie her standen die zierlichen, hellen Möbel still und ordentlich auf ihren Plätzen, der kleine Lampenschein glimmerte durch rosa Papierschleier auf den gläsernen und elfenbeinernen Nippsachen, den Photographien und Kotillonandenken. Und die ganze niedliche kleine Welt – ihre Welt sah sie verwundert an. – Die ausgebreiteten Arme sanken ihr nieder, ein wildes verzweifeltes Weinen beruhigte endlich den Krampf, der sie schüttelte.

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