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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
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8.

Den ganzen, stundenweiten Weg entlang zwischen dem Monte Piano zur Rechten, den Cadinspitzen links, bis an die Straße zum Misurinasee sprachen sie kein Wort, als hätten sie Angst zu beginnen. Und erst als sie auf der Chaussee standen und ihnen ein Zweispänner entgegengekommen war mit vier wohlbeleibten Damen, die neugierig nach der Geschlechtsgenossin im Bergsteigeranzug starrten, fanden sie die Sprache wieder.

Die vier Dicken im Wagen, denen man es ansah, daß sie auch bei nur hundert Meter Steigen schon ein Schlaganfall bedroht haben würde, wollten sich ausschütten vor Lachen über »das Weib in Hosen«, wie sich die älteste und fetteste auf dem Vordersitze ausdrückte.

Darüber ward Joachim wütend, und ehe es Klara hindern konnte, hatte er sich umgedreht und rief dem Wagen nach:

»Bitte, meine Damen, ›das Weib in Hosen‹ war auf der kleinen Zinne. Wollen Sie's nicht auch versuchen? Aber ziehen Sie unbedingt ein Ballkleid an und Lackschuhe!«

Die Damen machten ganz erschrockene Gesichter. Sie dachten, der wütende Mann könnte auf sie losstürzen. Doch Joachim ging der vorausgeeilten Klara nach. Sobald er sich umgedreht hatte, streckte ihm das jüngste dicke Frauenzimmer die Zunge heraus: »Bäh!«

Joachim ärgerte sich über sich selbst. Er fürchtete einen Vorwurf seiner Begleiterin. Doch Klara meinte nur:

»Ignorieren! Das ist das beste!«

Sie war rot vom Sonnenbrand, vom schnellen Marsch und jetzt röter noch in Scham über die Szene, die Joachim gemacht. Und nun, da die Unterhaltung wieder begonnen, war es ihr, als müsse sie ihm bedeuten, daß das Gespräch allgemein zu bleiben hätte. Darum erwähnte sie, wie eine Ermahnung, ihren Mann:

»Karl sagt immer, wenn sich jemand über meinen Anzug aufhält: ›Vergiß nicht, daß die meisten Menschen nur das begreifen, was sie immer sehen. Jedes Ungewohnte auf der Straße macht die Pferde scheu, warum nicht auch Menschen?‹«

Doch im stillen freute sie sich, daß er sie sofort verteidigt hatte. Sie schritten die steile Alpenstraße vom Misurinasee hinab durch das Val Popena bassa dem Ampezzotale zu.

Die Sonne glühte vom Himmel trotz der Spätnachmittagsstunde, und bei einem Holztroge, der ein Wässerlein einfing, machten sie halt, erfrischten sich das Gesicht mit dem kalten, klaren Wasser, säuberten den Anzug von Staub und Schmutz und schritten dann gestärkt und »menschlich gemacht«, wie Klara sagte, den Weg weiter.

Es kamen ihnen Spaziergänger entgegen, Gäste aus dem großen Hotel am Misurinasee, die Herren den Strohhut in der Hand, denn der Weg hinauf machte warm, die Damen in hellen Sommerkleidern, weißen Handschuhen und farbigen, seidenen Sonnenschirmen.

Erstaunt blickten sie dem Bergsteigerpaare nach, und Joachim war stolz auf seine Begleiterin, die kraftvollen Trittes elastisch hinschritt, als müßte es so sein. Er ärgerte sich nur, nicht auch einen Pickel zu haben, daß er noch mehr wie ein Hochtourist aussähe. Am liebsten hätte er ein Seil um die Schultern gehabt, als wäre er ein Führerloser.

Dann überholten sie Wagen, die am See gewesen waren und jetzt nach Schluderbach heimkehrten oder Landro oder weiter noch in die Sommerfrischen des Pustertales: Toblach, Innichen, Niederdorf.

Immer wendeten sich die Menschen um; man sah, wie sie ihre Meinungen austauschten, wo die Bergsteiger wohl herkämen. Die Dame erregte die größte Neugierde, denn daß die Hochtouren hier in den Dolomiten schwer waren, davon hatten sie alle gehört.

Jedesmal aber überlief Joachim ein Gefühl des Stolzes, als wäre er auf der kleinen Zinne gewesen, er mit ihr. Er träumte sich in eine Leistung als Hochtourist hinein, genau so, wie er, wenn er auf dem Genfer See ein paar Damen gerudert, aus der Pension, in der er wohnte, sich hineingesonnen hatte in den Gedanken: ohne ihn wären die jungen Mädchen untergegangen.

Jetzt tauchte die Croda rossa vor ihnen auf mit ihren rötlichen Wänden, die auf brüchigen, faulen, verwitterten Fels deuteten. Links zog sich eine Rinne vom Berg herab, breit in Geröllströme ausladend, darin lag Schnee. Und eine rote Bahn, wie eine vertrocknete Blutspur, in der Mitte auf dem Weiß, deutete den Weg an, den die losbröckelnden Blöcke und Steine verderbendrohend zu nehmen pflegten.

Endlich hatten sie den Talboden erreicht, mit ihm die Tiroler Grenze, denn sie waren bisher in Italien gewesen. Als das Hoheitszeichen Österreichs in Sicht kam, nahm Joachim lachend seinen Hut ab:

»Ich grüße dich, Land Tirol!«

Auch Klara verneigte sich tief. Dann blieb sie stehen und deutete links hinüber:

»Da, da sehen Sie nur: der Cristallo! Der Cristallo!«

Durch eine hohe Felsengasse, die brausend ein Bach durchfloß, erschien eine gewaltige Felsstufe über dem Geröll, und dann das bläulich schimmernde, zerklüftete, in langen Zungen niederlaufende Eis des Cristallogletschers. Hoch darüber türmten sich noch, durch Bänder in Stockwerke geteilt, durch Eisrinnen in einzelne Gipfel zerlegt, gewaltige, rote, beschneite Felsenmauern, über denen der blaue Himmel hereinschaute. Nun wuchs die Zivilisation. Die Nähe eines bewohnten Ortes zeigte sich an: ein paar Bänke im Wald, Kühe, die muhten und läuteten, eine Umzäunung, und da schimmerte auch schon das Hotel Schluderbach durch die dünner werdenden Stämme.

Auf den großen Veranden standen Tische gedeckt, saßen Leute, die sich beim Nahen der beiden Bergsteiger über die Brüstung lehnten. Die gingen unter den Veranden hin, über eine kleine, steinerne Treppe auf die vor dem Hotel zum Platze erweiterte, schöne Ampezzostraße, einst die strada di Alemagna, vom Herzen Tirols durch das Zauberland der Dolomiten, aus eisumpanzerten Hochgipfeln bis nach Venedig führend an die blaue Adria.

Vor dem Hotel standen ausgespannte Wagen, die Deichseln hochgeklappt oder lang ausgestreckt, als wollten sie die Fahrtrichtung angeben. An den Tischen vor dem Haus saßen Hotelgäste oder Durchreisende, die auf das Anspannen ihrer Wagen warteten. Die Kellnerinnen standen herum mit weißen Tüchern in der Hand, gaffend, zerstreut ihr Haar zurechtsteckend oder mit der Geldtasche am Gurte spielend. Ein paar Führer lehnten an der Wand. Drüben wartete die Post aus Cortina. Ampezzanerinnen saßen darin in ihrer eigenen Frisur, den Hut auf dem Kopf mit langen, schwarzen Bändern, weißen Puffärmeln und dunklem Rock.

Alles wandte den Kopf, als die Nagelschuhe der beiden auf den Steinplatten klapperten, und die Führer zogen freundlich den Hut:

»Grüß Gott!«

Der Wirt kam ihnen entgegen, erkundigte sich, ob es schön gewesen, wann die Herrschaften speisen wollten.

»Erst muß ich mich umziehen!« sagte Klara zu Joachim.

Er fragte:

»Wie lange Zeit brauchen Sie?«

»Eine halbe Stunde mindestens.«

Und sie fügte lächelnd hinzu:

»Wenn ich mich besonders schön mache ... dreiviertel Stunde.«

Da bat er:

»Machen Sie sich schön, bitte, bitte!«

Sie sagte, während sie die Treppe hinaufschritten:

»Ich will Ihnen nur etwas gestehen. Wenn ich von einer Tour zurückkomme und die Leute mich so gesehen haben, womöglich mit zerrissenen Sachen oder naß geworden, da ist es mein Ehrgeiz, dann zum Essen auch etwas Hübsches anzuziehen, daß die Menschen nicht denken sollen, ich verstehe mich als Stadtdame nicht zu kleiden. Nun passen Sie mal auf, ob Sie mich überhaupt wiedererkennen werden! Also frühestens in einer Stunde unten im Speisesaal.«

Damit verschwand sie in ihrem Zimmer, während Joachim eine Treppe höher stieg.

Er war sehr müde, warf seine Kleidungsstücke ab, leerte schnell zwei Glas Wasser und badete sich das glühende Gesicht. Dann legte er sich aufs Bett, nur um ein bißchen auszuruhen. Er wollte lieber die Augen gar nicht schließen. Doch nach ein paar Sekunden schon war er fest eingeschlafen.

Er erwachte erst durch lautes Pochen an seiner Tür und gewahrte erschrocken, daß die Dämmerung im Begriff war einzubrechen.

»Was ist denn los?«

»Frau Professor läßt fragen, ob der Herr Doktor noch nicht bald käme?«

Der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Er antwortete, er würde sofort erscheinen, und er beeilte sich so, daß er in der Tat nach ein paar Minuten fertig war. Ehe er ging, besah er sich noch im Spiegel. Nun wußte er auch, woher ihm noch immer das Gesicht derartig brannte: er sah aus wie ein gesottener Krebs, und vom hohen, weißen Kragen stach seine Hautfarbe um so mehr ab.

Unten im großen Speisesaal glühten schon die elekirischen Flammen. Lange Tafeln standen gedeckt, und als Joachim daran hinschritt, Klara suchend, wandten sich nach ihm die Köpfe.

Klara saß in der Ecke an einem Seitentischchen. Sie trug eine mattlila Seidenbluse mit weißem Gürtel, den ein goldenes Schloß zusammenhielt in Form eines stilisierten Schlangenpaares. Die Augen waren durch grünfunkelnde Smaragde dargestellt. Ein einfacher, flacher Strohhut mit weißem Bande saß auf dem schönen, kastanienbraunen, gelockten Haar, und nun, da sie wieder »Modedame« war, funkelten Ringe an den schlanken Fingern.

Joachim setzte sich. Sein Auge fiel auf das liebreizende, lächelnde Gesicht. Er achtete nicht auf die Kellnerin, die mit der Speisekarte gekommen war, sondern starrte die Frau ihm gegenüber an wie ein Wunder und sagte:

»Nein, es ist sonderbar!«

Klara lächelte, bedeutete ihm aber, daß neben ihm das Mädchen wartete. Er bestellte Forellen, die sie vorgeschlagen, und als sie gegangen war, fragte Klara mit glänzenden Augen, indem sie sich dazu etwas über den Tisch beugte:

»Was ist denn sonderbar?«

Er schlug, nachdem er die Serviette ausgebreitet, die Hände zusammen:

»Diese Veränderung!«

»Was für eine Veränderung denn?«

Er besah sie von oben bis unten. Sie aber meinte mit leichter Koketterie:

»Sie müssen mich nicht so ansehen. Wo soll ich denn bleiben?«

»Sie sind so schön!«

»Das dürfen Sie nicht sagen!«

»Warum nicht?«

»Nein, ich mag's nicht!«

»Wenn es nun aber so ist?«

»Erstens ist's nicht so und zweitens ....«

»Zweitens?«

»Kurzum, ich liebe das nicht.«

Aber sie machte kein erzürntes Gesicht. Er war von ihrem Anblick wie berauscht, als hätte er sie noch niemals gesehen. Ob es die plötzliche Umwandlung aus dem männlichen Sportgewande zur Dame war – er wußte es nicht. Er wußte nur, daß ihn zu dieser Frau etwas Unerklärliches zog, gegen das er nicht an konnte. Er fühlte sich glückselig, hier allein mit ihr zu sitzen. Er war stolz auf sie. Halb sah er, halb ahnte er, daß die Leute drüben an der Abend-Table d'hote sich mit ihr beschäftigten.

Und wieder blickte er sie an, ohne ein Wort zu sprechen, so daß sie fast verlegen fragte:

»Aber um Gottes willen, was haben Sie denn nur?«

Da kam die Kellnerin mit den Forellen und einem Champagnerkühler, in dessen Eisfüllung sich eine dickbauchige Sektflasche schwer bewegte. Das Mädchen beugte sich zu Klara:

»Der Herr Professor hat den Wein bestellt für heut abend zur Rückkehr von den Herrschaften. 's ist doch recht?«

Klara zögerte. Es erschien ihr, als könnte es von den andern drüben an den Nebentischen falsch gedeutet werden. Doch sie entschloß sich schnell. Nach jedem schwer errungenen Hochgipfel gönnte er seiner Frau im bequemen Hotel ein Glas Sekt als Belohnung für die Entbehrungen dort oben, wo er streng auf mäßigste Kost und Verbannung des Weines hielt.

Es war in seinem Sinne. Wenn sie ihn jetzt fragte, würde er gesagt haben: »Natürlich, du Närrchen.«

Dieses »Närrchen«, das ihr vor andern Menschen immer so schrecklich war. Darum sagte sie zu dem Mädchen:

»Stellen Sie hin. Es ist ganz richtig!«

Auf einen Stuhl, niedrig, daß es nicht so auffallen sollte vor den Menschen der Table d'hote, wurde der Wein zwischen die beiden gesetzt.

Klara konnte den Saal überblicken, während er, ihm den Rücken wendend, nur sie vor Augen hatte. Sie ganz allein. Und nun ward auch das Gespräch wieder anders wie heut nachmittag, wo sie allein gegangen, als könnte die Frau jetzt unbefangen mit der Gefahr spielen, hier vor allen Menschen. Hier hatte sie den Mut wiedergefunden, der ihr verlorengegangen war angesichts des Alleinseins mit ihm in der großen Einsamkeit. Sie scherzte, sie erinnerte ihn sogar an den Schreck, den ihnen die Partie oben an den Zinnen verursacht.

Die Zinnen! Nun waren sie wieder dabei. Und jetzt erzählte Klara davon. Der gewaltige Eindruck zitterte noch in ihr nach.

Er wollte Einzelheiten wissen. Die Stelle mußte sie ihm beschreiben im Zsigmondykamin, wo sie an dem eingeklemmten Block beinahe nicht mehr weiter gekonnt.

Klara gab ihre Eindrücke wieder und schloß damit: er müsse sich alles das selbst ansehen, er solle mitkommen. Darauf wollten sie trinken.

Doch Joachim schüttelte den Kopf:

»Nein, das ist Zukunftsmusik. Erst trinken wir auf die Besteigung der kleinen Zinne.«

Sie hob das Glas:

»Die kleine Zinne!«

Laut wiederholte er, daß die Leute am Nachbartisch herüberblickten:

»Die kleine Zinne!«

Dann fügte er leiser hinzu, während sie anstießen:

»Und die kleine Frau, die ihr den Fuß aufs stolze Haupt gesetzt.«

Die Kellnerin, die eben an der Table d'hote servierte, wurde von mehreren Leuten gefragt, wer die beiden wären. Sie gab flüsternd zur Antwort, den Herrn kenne sie nicht, die Dame wäre die Frau des Professors Hallbauer.

Geheimrat von Erxleben aus Charlottenburg, der mit vier oder fünf Töchtern – man wußte immer bei der Ähnlichkeit und Menge nicht wieviel – am Tisch saß, sagte sofort zu seinen Nachbarn:

»Ganz bekannter Name. Einer unserer ersten Chirurgen.«

Die Österreicher in der Nähe meinten:

»Ah, ah so!«

Zwei englische Damen, die immer Romane mit sich hatten und auch bei Tisch, wenn das Servieren lange dauerte, zu lesen begannen, blickten auf. Die eine fragte in ganz erträglichem Deutsch die Kellnerin, wo die Dame gewesen sei, sie hätten sie nämlich von einer Tour zurückkommen sehen.

»Auf den Zinnen«, sagte sie. Aber das genügte nicht. Die Engländerin, die, ohne je eine Hochtour gemacht zu haben, genau über die Schwierigkeit oder Gefahr aller Touren des Gebietes unterrichtet war, wollte wissen auf welcher. Die Kellnerin trat an den kleinen, runden Tisch, an dem die beiden glücklich gestimmten Menschen saßen und wendete sich an Klara:

»Gnä' Frau, bitt' schön, i bin gefragt worden, auf welcher Zinn' Sie gewesen sind!«

Klara machte eine abwehrende Bewegung, als wollte sie damit sagen: da ist doch nichts weiter dabei! Aber Joachim, dem die paar Glas Champagner noch mehr die Glut in den Kopf getrieben, wendete sein rotes Gesicht um und antwortete für sie:

»Kleine Zinne, kleine!« als ob er selbst mit gewesen wäre. Er hatte so laut gesprochen, daß man es drüben hörte und der Geheimrat seinen vier bis fünf Töchtern auseinandersetzte, was das bedeutete: so sah eine Dame aus, die auf der kleinen Zinne gewesen war.

Sie spürten es am kleinen Tisch. Klara war es peinlich. Joachim stachelte es zum Ehrgeiz. Und wieder gewann in ihm die Idee die Oberhand, noch verstärkt durch die Geister des Sektes: die Sache wäre gar nicht so schlimm. Was eine Frau vermochte, konnte ihm doch unmöglich versagt sein!

Er sprach jetzt davon, seine Freunde auf ihren nächsten Touren zu begleiten.

»Ist's wirklich wahr?« fragte Klara. Er legte beteuernd die Hand aufs Herz, ließ den weichen, schönen Bart durch die Finger gleiten, strich sich das Kinn und blickte sie an:

»Ich könnte es unten nicht aushalten.«

»Warum?«

»Ohne Sie? Ich dächte doch immerfort, es passierte Ihnen etwas.«

Auch ihr war Farbe auf die Wangen getreten, trotz Gletschersalbe, durch den Marsch in der Sonne, jetzt aber durch die Hitze im Saal und den Champagner.

Sie rümpfte die Nase, spielte mit dem Brot, blickte auf das Tischtuch nieder und meinte:

»Und wenn mir nun etwas passierte? Was käme es darauf an!«

Er antwortete traurig, vorwurfsvoll:

»Das sagen Sie?«

Sie stellte sich ein wenig an:

»Ach, was ist an mir gelegen!«

»Nein, so etwas dürfen Sie nicht sagen!«

»Pah, heute rot, morgen tot!«

«Bitte, seien Sie nicht so!«

Jetzt war in ihm mehr Ernst als in ihr. Sie aber spielte die kleine Komödie weiter:

»Ach, ich habe ja nichts zu verlieren. Kinder habe ich nicht ... also ....«

Joachim hätte fast gesagt: »Und Ihr Mann?« Doch ihm wollte das Wort nicht über die Lippen, und er machte eine andere Wendung daraus:

»So, und sonst nimmt wohl niemand Anteil an Ihnen?«

»Wer?«

»Nun, zum Beispiel ich!«

»Ach ....«

»Sie glauben mir's nicht?«

Er hatte mit verhaltener Leidenschaft gefragt. Sie blickte ihn eine Weile zweifelnd an, dann meinte sie plötzlich in einer skeptischen Art, die sie manchmal in gewissen Stimmungen haben konnte:

»Ach, seien Sie mir nicht böse, aber was weiß man denn eigentlich von andern Menschen. Man kennt sich selbst ja kaum! Das ist so furchtbar traurig!«

Joachim neigte den Kopf, und seine Antwort klang, als redete er gar nicht mit ihr, sondern für sich:

»Es gibt eines, das muß man fühlen, das ist, wenn ein Mann eine Frau liebhat, wenn er nur an sie denkt, wenn er krank, krank, krank, ja krank ist an ihr. Wenn er nicht mehr weiß, was er ohne sie anfangen soll. Wenn ... wenn ihr Bild ihn verfolgt immer und immer, überallhin. Ein solcher Mann würde sich dann das Leben ohne die Frau nicht mehr denken können. Es hätte keinen Wert mehr für ihn. Und darum müßte er auch bangen um das Leben dieser Frau. Verstehen Sie mich nun?«

Sie nickte. Aus ihrem Theaterspiel ward immer mehr Ernst. Sie fragte:

»Und wie soll diese Frau nun erkennen, daß ... daß es so ist?«

»Sie muß es fühlen.«

»Aber der Beweis?«

»Den gibt es nicht. Können Sie mir beweisen, daß der Tag heute schön war? Können Sie mir beweisen, daß ein Mensch einen andern liebt? Wissen Sie's oft selbst? Beide? Nein. Gefühl ist es nur. Ein Gefühl, das nicht täuscht, nicht täuschen darf, denn sonst, sonst ... nun komme ich darauf, was Sie gesagt haben – was bliebe uns sonst, was hätten wir davon, auf dieser Erde zu sein? Wäre es nicht besser sonst, ihr so schnell als möglich den Rücken zu kehren?«

Er blickte sie fragend an, doch sie gab keine Antwort, und er fuhr fort: »Was hält uns eigentlich hier fest? Wozu leben wir? Wozu arbeiten wir denn? Doch nicht zur Selbstbefriedigung allein, indem mir uns sagen: wir haben unser Brot verdient! Jeder, auch der an Gefühl und Geist Ärmste, verlangt mehr. Er will irgendein Wesen haben, irgend-, irgendeines, dem er sich anvertrauen kann, dem er Augenblicke der Schwachheit zeigen darf, die er sonst vor seinen lieben Nebenmenschen ängstlich verbirgt. Er sucht irgendeine Seele, die mit ihm schweigt und zittert, mit ihm weint und lacht. Und sehen Sie, da sollte ich .... Nein ... nein, so will ich nicht reden .... Hören Sie: Ich habe gesagt, einen Beweis gibt es nicht, man muß es fühlen. Nun Gefühl ist es doch gerade, das uns allen in dieser Sehnsucht innewohnt. Ein Gefühl wie in mir, als ich Ihnen sagte, ich wollte mit Ihnen hinauf in die Berge, nur weil ich es unten nicht ertragen könnte ohne Sie.«

Joachim hielt einen Augenblick inne. Sie hatte die Augen niedergeschlagen und spielte mit den Ringen an ihrer Hand, während er weitersprach:

»Bin ich nicht in Berlin fast täglich bei Ihnen gewesen? Bin ich Ihnen nicht hierher gefolgt? Habe ich Sie nicht, der ich früher den Gedanken, stundenweit zu gehen, mit Entsetzen aufgenommen haben würde, begleitet hoch hinauf in die Gebirgseinsamkeit? Und warum? Glauben Sie aus Spaß? Ich sagte, man muß es fühlen! Vielleicht ... vielleicht wäre hier der Beweis, nach dem Sie ängstlich fragten.«

Er stockte. Er hoffte, sie würde antworten. Sie rührte sich nicht. Da wurden sie durch die Kellnerin unterbrochen, die abräumen kam.

Als sie nun um sich blickten, sahen sie, daß die Tafeln drüben sich geleert hatten. Sie waren fast allein im Saal. Die Mädchen wischten die Tische ab, legten die Servietten fort, gingen hin und her. Hier war keine Aussprache mehr möglich, deshalb schlug Joachim vor:

»Wollen wir noch einen Augenblick hinaus?«

»Ja, die frische Luft wird guttun!«

Klara schauerte zusammen. Es war die Reaktion nach der Erhitzung. Sie bat Joachim, ihr schottisches Cape herunterzuholen oder ihren Wettermantel, was das Zimmermädchen gerade fände.

Als er wiederkam, traten sie hinaus vor das Hotel.

Es war Vollmond.

Der weiße Kalkboden der Straße warf den blassen Schein wie ein Spiegel zurück. Es war so hell, daß man hätte lesen können. Nur die Lärchenwälder hoben sich dunkel ab. Ihre Kronen schienen zusammenzuhängen durch abendlichen Dunst, den der Mondschein durchsichtig machte. Er zog wie Altweibersommer von einem Baum zum andern, feines Seidengespinst, aus dem hier und da in grellem Weiß Geröll vom Bachbett schimmerte, oder von einer Muhr, die, zwischen den Stämmen durchlaufend, die kleinen begraben, die großen umschlossen hatte.

Die Berge glänzten an den Stellen, wo das Licht sie traf, gleich riesigen Tuffsteinfelsen mit nachtdunklen Schlagschatten, weiß und schwarz gespenstisch nebeneinander gesetzt.

Am Himmel waren die Sterne verblaßt vor der milchigen Helle, die um das Nachtgestirn Lichtringe bog, in Entfernungszonen immer schwächer, bis am Horizont, den die wilden Umrisse der Berge durchschnitten, matte Gestirne zitterten und zuckten.

Die beiden gingen vor dem Hotel auf und nieder. Der schöne Abend hatte alles hinausgelockt. Auch die unempfindlichsten Naturen schienen von der Schönheit des Abends ergriffen. Es war ein stummer Korso.

Die vier bis fünf Töchter des Geheimrates von Erxleben schritten zusammen je zwei und zwei, die letzte mit dem Vater, wie ein Pensionatsspaziergang.

Statthaltereirat Dr. Lodinger ging neben dem Wiener Advokaten. Sie hatten die Nagelschuhe anbehalten, die nun klapperten auf den Steinplatten und schurrten auf der Straße. Als sie an Joachim und Klara vorbeikamen, verneigten sie sich, zögerten einen Augenblick, ob sie das Paar anreden sollten, entschlossen sich und fragten:

»War's schön auf der kleinen Zinne?«

Klara blieb stehen:

»Wundervoll!«

Der Grazer meinte: .

»Für eine Dame bleibt es doch immer etwas Außergewöhnliches! Wir haben Sie sehr, wirklich sehr bewundert!«

Klara freute sich. Joachim aber fürchtete, die beiden Herren könnten durch das Gespräch die andern Leute aufklären, daß er ja gar nicht dabei gewesen, und so den Nimbus zerstören, den er um sich gewoben fühlte. Er drängte weiter, und nachdem der Wiener noch gefragt, wann der Professor kommen würde, und erfahren: nun, da er noch nicht eingetroffen, wohl erst morgen, trennten sie sich.

»Die ganze Stimmung wird einem gestört durch diese dumme Rederei!« meinte Joachim ärgerlich, und als sie an das Ende des Hotelplatzes gekommen waren, gingen sie, wie auf stillschweigende Übereinkunft weiter, die Straße gen Landro zu, die schweigend in ihrem weißen Kalklichte sich vor ihnen streckte. An einer Ecke drehte sie das erstemal um, das zweitemal aber bogen sie in den tiefen Schatten, den die vorspringende Wand warf. Und weiter, immer weiter ging ihr Weg. Noch bei Tisch hatte sich Joachim, den die Glieder schmerzten, verschworen, nicht einen unnötigen Schritt heute mehr zu tun. Jetzt trieb er selbst dazu, weiter zu gehen:

»Hier verdeckt der dumme Rauchkofel die Aussicht auf den Cristallo. Ein Stück die Straße hinunter können wir ihn sehen.«

Klara nickte:

»Der Gletscher muß wundervoll sein im Mondschein!«

Sie sprachen nichts mehr. Man hörte nur ihre Tritte. Sie folgten immer weiter der Chaussee bis an den Dürrensee, der dalag wie ein erzener Spiegel, von den Wänden des Monte Piano begrenzt. In den unbewegten Wassern spiegelte sich ein wunderbares Alpenbild: der Monte Cristallo.

Sie wandten sich herum. Es war ihnen nach dem Blick auf dunklen Wald und die im Schatten liegende Straße wie eine Fata Morgana, hell im strahlendsten Mondenschein, herausgewachsen aus nächtigem Dunkel.

Sie rief gebannt:

»Der Cristallo!«

»Ah!« gab er zurück. Ihr Blick lief über den dunklen Untergrund der Talflächen hinan zum Berge, der sich im Dürrensee spiegelte.

Die ganze Gruppe lag vor ihnen, hoch, riesig aufgebaut mit all ihren Zacken, Türmen, Kegeln, Gipfeln. Der Monte Cristallo selbst, eine breite Mauer mit tiefen Einschnitten, zu dessen hohen Eispässen grauenvoll jähe Eisrinnen hinanliefen, in der Mitte dunkel besät von morschem Fels, der verwittert und abgebröckelt dort hinab seinen kürzesten Weg gesucht, auf dem er stündlich drohte, jeden in die Tiefe zu senden, der dort den verwegenen Aufstieg unternahm.

Die Absätze und Bänder waren mit Schnee bestäubt. Sie zogen sich, Bastionen und Wällen gleich, über den gewaltigen Gipfelaufbau. Die Blöcke, der Schutt dort oben, das Geröll, das in Milliarden Brocken vom Riesenquaderstein bis zum Sandkorn herumlag, schien aufgeschichtet, um hinabgestürzt zu werden auf den Angreifer. Wie das Tiroler Volk der Berge einst in den Freiheitskämpfen Steine an hohem Felsenhang gehäuft, um drunten im Engpaß die Feinde zu zerschmettern.

Ein Einschnitt tat sich in der Mitte der Gruppe auf, rechts vom Cristallo, links von einem überkühnen, scharfen, ungeheuren Kegel, dem Piz Popena, flankiert: der Cristallpaß. Die beiden Berge schienen ihn Zu hüten wie Riesenschildwachen. Darunter senkte sich, das Schönste der Gruppe, der Cristallogletscher herab, steil in Eiskaskaden, zerklüftet und nach unten gleich zu rasch gekühltem, grünlichem Glase zersprungen, zerborsten, zerkeilt, aufgelöst in ein ganzes Heer von Spalten.

Die Berge lagen in majestätischer Ruhe da, über ihnen trieben langsam Wolkenfetzen hin, leicht, weiß im Licht des Mondes, nur unten dunkel, wo sie kein Licht traf.

Eine Minute blieb eine Wolke am Cristallogipfel hängen, schlug sich um die Spitze gleich einem Schal, rollte sich auf, klammerte sich an wie mit letztem sehnsüchtigem Arm, kam endlich los, trieb davon.

Nun bewegte sich nichts mehr. Ruhig, vom weißen Licht des Mondes umflossen, lag die hehre Natur da. Alles schwieg in der Weite.

Jeder Menschenlaut schien zu stören. Die beiden standen noch immer da und starrten hinauf, bis Klara plötzlich zusammenfuhr, als in der großen Stille irgendwo an den Wänden ein Stein gefallen. Kurz und hart. Dann war wieder alles ruhig, und sie sagte sich umblickend, um das tiefe Dunkel der Schallen zu durchforschen:

»Ich ... ich habe Angst.«

Das Weib brach durch in ihr. Er lächelte und gab ihr den Arm. Mit eiligen Schritten gingen sie die Straße zurück, dem Hotel zu. Der Weg war länger, als sie gedacht. Sie schmiegte sich, Schutz suchend, an ihn, während sie unausgesetzt rechts und links von der Straße das schwarze Unterholz durchspähte.

Er fühlte ihren Arm. Er nahm ihre Hand. Er beugte sich nieder im Gehen und zog sie an die Lippen. Sie schien nicht darauf zu achten.

Nun kamen sie an die letzte Ecke. Dort lag noch nächtiges Dunkel. Dann aber beugte er sich kurz vor dem Licht nieder und zog ihre Hand an die Lippen.

Ein paar Sekunden blieben sie stehen. Sie rührte sich nicht. Und plötzlich senkte sich sein Mund auf den ihren. Sie ging vorwärts, zog ihn mit, immer schneller, als flüchtete sie vor ihm. Sie hatten sich losgelassen, und er konnte ihr kaum folgen. Erst als sie in den Mondschein traten, mäßigte sie ihren Schritt, so daß er sie einholte.

Er wollte irgendein Wort sagen, denn sie schien zu zürnen; doch ihm schien alles, worauf er gekommen wäre, lächerlich und banal.

Nun traten sie in den Lichtkreis des Hotels, und sie ging ganz langsam. Eine Menge Menschen war noch draußen, alle in Mänteln wohl eingepackt. Ein paar wandten sich herum, als das Paar auftauchte. Es schien Klara, als sähe man sie besonders an. Eine Dame drehte sich um. Der Name wurde von jemand leise genannt, laut genug, daß sie es in der großen Stille der Hochgebirgsmondnacht verstand.

Da wandte sie sich zu ihrem Begleiter, und ihre Stimme zitterte ein wenig bei den Worten, denen man es anhörte, daß sie nichts bedeuteten:

»Der Cristallo war doch wirklich schön.«

»Ja, von hier aus sieht man ihn ja nicht.«

»Nein, eben.«

»Ihnen ist nicht kalt?«

»Nein.«

»Aber Sie müssen doch nun müde sein, gnädige Frau!«

»Ja, ich gehe hinauf. Bitte, lassen Sie sich nicht stören. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, gnädige Frau.«

Er starrte ihr nach.

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