Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Freiherr von Ompteda >

Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
projectide72a60fc
Schließen

Navigation:

3.

Es ging über den Sattel; ein neues Bild erschien: ein Geröllhang mit zwei kleinen, seeartigen Tümpeln, in deren dunklem Metallspiegel Himmel und Wolken sich abzeichneten. Das andere drüben war in Dünste gehüllt.

Nun bogen sie rechts ab, immer über große Blöcke oder groben, grauen Vewitterungsschutt. Sie näherten sich mehr und mehr den furchtbaren Wänden der kleinen Zinne. Jetzt kamen sie ganz nahe heran, während es links neben ihnen tiefer und steiler über das Geröllfeld hinabging. Dicht an den Felsen schritten sie hin. Die rechte Hand konnte sie greifen. Joachim hielt sich daran, um sicherer zu gehen. Eine Stelle kam, wo sie über fast freihängende, kaum mehr als meterbreite Felsplatten mußten, und er zögerte ein wenig.

Klara wollte ihm die Hand bieten:

»Soll ich helfen?«

»O nein, danke.«

Er schämte sich ein wenig und ärgerte sich. Es war auch schnell vorbei. Aber nun kam ein steiler Schuttstrom, der sich um die Felsen wand. Jeder Schritt vorwärts brachte einen halben zurück. Alles rutschte, strömte, rann, glitt. Der ganze Boden schien in Bewegung. Sie bogen nach rechts ab, dem Geröll steil hinauffolgend zwischen den Felsen, in ihr Herz hinein.

Joachim war ganz außer Atem. Er mußte innehalten. Und es machte ihn nervös, daß die beiden andern ruhig weiter stiegen, rutschten, wateten, als wäre weiter nichts dabei. Aber sie gingen auch anders, vor allem der Professor. Der machte fast keine Steine los und half sich, indem er den Pickel wagerecht gegen die Felsen stemmte.

Wenn Joachim ging, fuhren Steinsalven, ganze Lawinen zu Tal. Und sobald er außer Atem stehenblieb, prasselte es noch eine ganze Weile nach.

Endlich kam er an eine Stelle, wo man zwischen zwei riesigen Mauern stand, zwischen denen der Schuttstrom sich herab ergoß. Da sah er an der linken Seite dicht an den Felsen Klara auf dem Geröll sitzen, den Rücken gegen die rote Wand gelehnt.

Der Professor stand neben ihr, hatte das Seil von der Schulter genommen und war dabei, es aufzuknüpfen.

Joachim blieb stehen, um Atem zu holen, während von seinen Tritten noch die Steine herabkollerten, zur Ruhe kamen und endlich nur noch Sandkörnchen an seinen Stiefeln rieselten wie abtropfendes Wasser.

»Ich bin doch etwas außer Atem!« rief Klara herab. Er wollte sich stark zeigen vor der Frau:

»Ich nicht sehr!«

Aber die drei Worte konnte er kaum herausbringen, so keuchte er noch. Der Professor rief Joachim zu mit seiner starken, dröhnenden Stimme:

»Das wäre aber keine Schande. Jeder muß erst in Training kommen. Ich auch. Die ersten Hochtouren jedes Jahr werden mir verflucht sauer, das kann ich dir nur sagen. Aber man geht sich bald ein!«

Dörstling stand bei dem Ehepaar. Er ließ wieder seine Blicke gleiten über Klaras im Bergkostüm doppelt schlanke Figur. Es war doch eine wundervolle Frau. Aber jetzt fehlte die Zeit zu Betrachtungen, denn schon rief ihr Mann:

»Kläre, das Seil!«

Sie erhob sich:

»Komme ich denn hier gleich ans Seil?«

Er zeigte zu den Wänden hinauf, die scheinbar lotrecht über ihnen gen Himmel ragten:

»Wir sind am Einstieg.«

Dann wandte er sich erklärend an seinen Freund, indem er das Seil um Klaras enge Taille legte, die ein breiter Gurt umschloß, um das Einschneiden zu verhindern:

»Jetzt paß auf. Sieh zu, wie man den Knoten macht. Du willst doch alles lernen ...«

Als darauf das Seil zweimal rechts und links mit dem freien, kurzen Ende verschnürt war, wickelte der große, starke Mann den Manilahanf um die Faust, hob mit einer einzigen Hand seine Frau hoch, daß sie am Knoten hing, und rief laut, daß die Felswand ein Echo gab:

»So, fallen kann meine Kläre nicht. Ich halte sie mit einer Hand. Und nun Verhaltungsmaßregeln für dich und Erklärung. Also, wir stehen hier zwischen der großen und der kleinen Zinne. Dort über den Sattel hinaus ist etwa Norden. Hier links, wo sich die Steilklamm in den Felsen hinaufzieht, ist der Anstieg zur großen Zinne. Rechts die Schroffen hinauf in die Wände ist der Weg zur kleinen Zinne. Du aber paß auf, daß du keine Steine abkriegst.«

In dem Augenblick knatterte, polterte, krachte es irgendwo. Sie blickten sich unwillkürlich um. Nichts war zu entdecken. Bald war wieder alles ruhig, und der Professor sagte erklärend:

»Steinfall!«

Klara schob sich das Seil zurecht:

»Steinfall und Lawinen sind mir unheimlich. Mein Mann nimmt's mehr als Naturerscheinung.«

Der Professor lächelte und riet Joachim, wenn er etwas sehen wolle, müsse er den Schutt hinuntersteigen, ein Stück von den Zinnen fort über das felsblockbesäte, grüne Weideland bis an den Absturz der Hänge in das Tal von Auronzo. Dort sollte er sich auf einen Stein setzen und mit dem Krimstecher, den er am Riemen um den Hals trug, soweit es möglich wäre, den Anstieg verfolgen. Wenn es ihm dann zu langweilig würde, könnte er ja zur Dreizinnenhütte zurückkehren und sie dort erwarten. Der Weg wäre nicht zu verfehlen.

Joachim fragte, wie lange die Tour dauern könnte. Der Professor meinte:

»Große Zinne etwa drei Stunden hinauf, zwei Stunden hinunter, eine halbe auf dem Gipfel. Sagen wir – es geht vielleicht schneller – in fünf Stunden könnten wir wieder hier stehen. Es können aber auch sechs daraus werden, denn es sind ja noch zwei andere Partien oben, die uns vielleicht aufhalten.«

Joachim seufzte. Da sagte Klara mit plötzlichem Entschluß:

»Wenn wir nun auf die kleine Zinne gingen?«

Der Professor blickte sie an:

»Hast du Mut, Kläre?«

Sie warf einen flüchtigen Blick zu Joachim, dann sagte sie lächelnd:

»Gewiß!«

»Aber es ist die erste Tour dies Jahr!«

»Desto besser!«

»Nun, die wäre allerdings ganz bedeutend kürzer.«

Joachims Gesicht erhellte sich:

»Dann warte ich.«

Er blickte sich um: die Nebel hatten sich fast zerteilt, und als er sich hintenüberbeugte und zwischen den furchtbaren Turmwänden der beiden Zinnen zum schmalen Himmelsausschnitt emporblickte, der sich ihm zeigte, sah er eine reine, matte Bläue.

Klara warf einen Blick auf Joachim Dörstling, der zu sagen schien: jetzt paß mal auf, was ich kann. Dann setzte sie sich und ließ sich von ihrem Mann die schweren Nagelschuhe ausziehen. Er vertauschte sie mit Kletterschuhen aus braunem Segeltuch mit weicher, dicker, nachgebender, an den Felsen sicherer haftender Hanfsohle. Nachdem er sie zugeschnürt, setzte er sich seitwärts, zog gleichfalls Kletterschuhe an, verbarg die Stiefel hinter ein paar großen Felsblocken, stellte die Pickel dazu, warf mit gleichmäßiger Handbewegung ein paar Meter Seil abwickelnd von seiner Schulter und hing sich den fast leeren Rucksack um, der nur die Trinkflasche, etwas Butterbrot und Klaras Schleier enthielt.

Dann drückte er dem Freund die Hand:

»Addio, aber nicht ungeduldig werden.«

Joachim hatte mit beklommenem Herzen die Vorbereitungen mit angesehen, die seine Freunde ihm in die furchtbaren Felsen entführen sollten. Wände, die zu erklettern er immer noch für unmöglich hielt. Und etwas gepreßt sagte er:

»Viel Glück!«

Klara legte die Stirn in Falten:

»Hals- und Beinbruch müssen Sie wünschen. Es ist wie bei der Jagd.«

Dann folgte sie ihrem Mann, der langsam, sicher voranging, ohne sich mehr umzusehen. Er war ernst geworden, wie es sich bei einer ernsten Unternehmung verstand, bei der ein Fehltritt, ein ausgelassener Griff unrettbar zwei Menschenleben kostete.

Joachim starrte ihnen nach, als hätte er auf ewig Abschied von ihnen genommen. Nun, wo er alles mit eigenen Augen sah, als der Professor den ersten Absatz erstieg, in der linken Hand das Seil, das eine Schlinge machte, nur mit der rechten leicht eine Sekunde anfassend, da fühlte er unwillkürlich an der spielenden Sicherheit, daß sein Freund hier zu Hause war in seinem ureigensten Gebiet.

Klara folgte ihrem Mann, der langsam über die Schroffen stieg und nur ab und zu einen Blick zurückwarf nach ihr, geschickt wie eine Katze, mit behandschuhten Händen, an denen nur die Fingerspitzen bloß waren, um sicherer zu fühlen, den grauen Fels anfassend.

Ein kleines Band, ein niedriges Wandl folgte dem anderen. Wo es zu hoch war, wurde ein Einschnitt, ein Riß, ein kleiner Kamin gesucht, um die nächsthöhere Stufe zu erreichen.

Joachim hielt den Atem an. Ihm schien es unmöglich,so etwas. Und diesen ersten Teil nannte der Professor nur »Schroffen«, dem maß er gar keine Bedeutung bei? Das Interessante wäre erst das Band, die eigentliche Kletterei dann die folgenden Kamine bis zur Kanzel, die entscheidende Stelle ganz oben an der Turmwand der Isigmondykamin. An soundso viel Abenden hatten sie es ihm doch erzählt ....

Joachim nahm sein Glas und entdeckte nun, wie von oben herunter über die Felskante lose das Seil hing, während Frau Hallbauer wartend stand, mit beiden Händen an den Felsen gelehnt. Jetzt bewegte sich das Seil, ward straff, und sie hob den Fuß, setzte an, schob sich hinauf, tastete rechts und links nach einem Griff, zog sich empor, duckte sich ganz zusammen und stand auf dem obersten Absatz.

Dort drehte sie sich herum, ganz frei stehend, daß Joachim unwillkürlich ängstlich die Zähne zusammenbiß. Vom Himmel zeichnete sich ihre wundervoll schlanke Figur einen Augenblick ab. Klara nahm ihr kleines Taschentuch, das im Gürtel steckte, und winkte in die nun schon von ihrem Standpunkt aus ansehnliche Tiefe, indem sie einen lauten, fröhlichen Juchzer ausstieß.

Joachim versuchte zu antworten; aber es ward etwas daraus wie ein Krähen: die Beklemmung schnürte ihm die Kehle zu.

Als er aufblickte, war nichts mehr zu sehen. Die Verkürzung war bei der gewaltigen Steilheit zu groß. So begann er denn vorsichtig die Geröllhalde hinabzusteigen. Plötzlich glitten ihm die Füße fort, und er setzte sich hart auf die Steine. Dazu schmerzten ihn die scharfen Platten, wenn sie im Rutschen seine Knöchel trafen, so daß er innehielt und sich den Schmerz verbiß.

Da krachte es hinter ihm: ein entsetzliches Poltern, das erst nach einer ganzen Weile zur Ruhe kam.

Er fuhr erschrocken herum. War etwas geschehen? Sein Blick fiel auf den Rastplatz, den er eben verlassen. Dort standen Stiefel, lagen Rucksäcke, teils von den beiden anderen Partien auf der großen Zinne, und dort der schlanke Pickel, das war der Klaras. Wie oft hatte sie ihm nicht in Berlin stolz die Eisaxt gezeigt.

Mit einem Male kam ihm der Gedanke: wenn sie nun nicht wiederkäme. Sie. An ihn dachte er nicht. Und er erschrak, als wäre schon wirklich etwas geschehen.

Und nun stürmte er, den Bergstock krampfhaft nach hinten als Bremse einstemmend, wie es ihn der Professor gelehrt, die Schutthalde hinab. Er mußte sie sehen. Es war ihm schrecklich, derart im Ungewissen zu schweben.

Währenddessen kletterte das Paar ruhig weiter.

Der Professor achtete nur auf den Weg vor sich. Er mußte die Stellen finden, wo Hand und Fuß anzusetzen hatten, wenn auch das von früheren Besteigungen herabgefegte Geröll sowie der feste Fels, von dem mehr oder weniger jede Partie lose Vorsprünge abgebrochen, Fingerzeige boten.

Klara jedoch blickte sich um. Einmal schaute sie hinüber zur großen Zinne, die sich zum Greifen nahe vor ihnen auftürmte in roten Wänden, auf denen sich scharf der Schatten abzeichnete, den die Gipfelgestalt der kleinen warf. Dann sah sie hinunter in den Schlund, dem sie eben entstiegen. Sie suchte den Rastplatz, suchte Joachims Gestalt. Er sollte sie erblicken, wie sie hier an den beinahe lotrechten Wänden klebte. Und als sie nun das Band betraten, das schräg aufwärts führte in beängstigender Schmalheit, kaum zwei Fuß breit, und die Wand, die gute, feste Griffe für die Hände geboten, sich mit einemmal ausbauchte, gerade dort, wo das Band ganz schmal ward, da hielt sie sich fest, sosehr sie konnte, bog sich etwas in den Knien und blickte zwischen den Füßen hindurch in die schaudervolle Tiefe. Von dort schimmerte das Geröll herauf und Schnee, der auf der Höhe des kleinen Passes zwischen den Zinnen noch lag, denn dorthin schien nur ganz kurz am Tage die Sonne.

Da wurde ihr, die sonst gänzlich schwindelfrei war, doch etwas beklommen ums Herz. Sie wand sich um den Felsbauch herum, und als die Stelle vorüber war, hielt sie einen Moment inne, und ihre Brust hob und senkte sich.

»Kläre, du kannst ganz ruhig sein, die Traverse ist gleich vorbei!« rief ihr Mann, der eben die letzte Stelle überwunden hatte, wo das Band fast ganz in der glatten Wand verlief. Sie wollte ihm zeigen, daß sie guter Dinge sei und rief, indem sie den Kopf etwas nach rechts drehte, damit der Schall hinuntergetragen würde, wo einer stand mit dem Fernglase, den Gang zwischen Tod und Leben beobachtend:

»Holdrio – jucha – jucha – ha – ha ...«

Ihre helle Stimme gab ein Echo zwischen den Felswänden, und ein zweites Echo kam plötzlich von der großen Zinne herüber: eine der beiden Partien, die vor ihnen weggegangen.

Doch sie konnten sich nicht nach ihnen umsehen, denn nun begann abermals ernste Kletterei. Der Professor hatte schon einen Kamin, einen Riß in der Felswand in Angriff genommen. Er verspreizte sich darin rechts und links. Er stemmte die rechte Schulter gegen das Gestein und griff mit dem linken Arm höher, während Klara auf winzigem Fleckchen an der Wand stand, etwas zur Seite, um von möglicherweise losbrechendem Gestein nicht getroffen zu werden. Sie wartete geduldig, lauschte nur hinauf, ob sie ihren Mann noch klettern hörte. Aber noch immer klang sein Keuchen, wenn er sich heraufarbeitete mit aller Kraft seines gewaltigen Körpers.

Endlich war alles ruhig. Das Seil ward angezogen, und von oben, genau senkrecht über ihr, wie von den Wolken herab klang der übliche Ruf, um das Klettern am Seil beginnen zu lassen:

»Los!«

Sofort packte sie den Fels an, setzte die kleinen Füße in den nachgebenden, sich anschmiegenden Sohlen auf Vorsprünge und Zacken, die sich boten, stemmte sie gegen glatte, gleich Würfelflächen der Kristalle geformte Platten, klemmte sie vorsichtig in Ritzen ein, kurz, half sich auf jede Art empor. Dabei arbeiteten die Knie mit, der Leib schmiegte sich an den Fels, die Reibungsfläche zu vergrößern. Dann griffen die Hände abwechselnd hinauf, so daß der Körper sich langsam hochschob. Die Finger suchten Halt, umfaßten runde oder eckige vorstehende Griffe, schmiegten sich hinein in muschelförmige Auswaschungen, verspreizten sich rechts und links.

Drei Punkte ruhten, nur einer suchte neuen Halt. So ging es weiter und weiter, höher und höher hinauf, während sich das Seil immer und immer verkürzte, straff bleibend vom ersten Moment ab.

Wenn Klara einen Griff verfehlt hätte oder einen Tritt, wenn sie ausgerutscht wäre oder losgelassen hätte, wenn vielleicht Schwäche sie überkommen: das Seil hätte sie gehalten, das Seil, das ihr zehnfaches Gewicht hielt, ohne zu reißen, das Seil, das der starke Mann dort oben führte, dessen eiserner Arm sie frei hätte hinausschweben lassen über die Felswand, in die Luft hinein, ohne auch nur zu zittern.

Als sie neben ihm stand, blickte sie ihn lächelnd an, und er fragte:

»Nun, was meinst du zu dem Berg?«

Sie war ein wenig außer Atem, hielt sich mit der einen Hand fest und legte die andere auf die sich hebende und senkende Brust:

»Anständig!«

Er schmunzelte bloß:

«Hast du Angst?«

Sie war fast beleidigt:

»Die habe ich nie, Karl! Das weißt du doch!«

Er sagte kein Wort. Er lobte sie nie, aber er blickte sie, ohne daß sie es gewahrte, mit stolzem und zärtlichem Blicke zugleich an. Dicht aneinandergedrängt auf dem winzigen Fleck, der kaum ihnen beiden zugleich Platz bot, blieben sie stehen. Er wollte sie zu Atem kommen lassen. Sie hatte das Gesicht zur Wand gekehrt, er zur großen Zinne hinüber, deren pralle Mauerwände sein Blick überlief. Dann sah er in die Tiefe hinab, fest und unbeirrt in den grauenvollen Schlund, über dem sie schwebend hingen.

Das Geröll der Scharte lag dicht unter ihnen, ein Sprung oder ein Fall, ein langer Fall, hätte sie ohne vorheriges Aufschlagen, ohne die Felsen der kleinen Zinne, an der sie klebten, zu berühren, bis hinunter auf den Boden der Schlucht geführt.

An diesem Berge gab es nur entweder – oder. Keine lange Qual des Abgestürzten, der etwa auf einem Felsbande tiefer, schwerverletzt, aber atmend noch, liegenblieb. Wer hier fiel, war erledigt, war aus dem Reiche der Hochtouristen wie der Menschen gelöscht.

Und vielleicht gerade deshalb reizte diese Jochzinne die Bergsteigerwelt, die das ethische Moment nicht in der Schönheit allein sah, sondern in der Gefahr, der sich der Mensch nicht auf gut Glück blind überläßt, sondern die er zu meistern sucht durch seine Stählung, Geschicklichkeit, Kraft, Ausdauer und durch sein starkes Herz. Sein Herz, das nicht sein eigenes Dasein lächerlich hoch bewerten will, sondern tapfer, demütig, aber auch stolz sich als Sandkorn nur fühlt in der gewaltigen Natur.

Bald darauf hatten die beiden die Schulter des Berges erreicht, von der sich in einer einzigen gewaltigen grauen Kalkmauer der Gipfelturm erhob in schreckbarer Steilheit. Es ging zur Kanzel hinauf, einem vorgelagerten, aus dem Felsen wachsenden Kap, dann zur Nische, kurz darüber.

Dort setzten sie sich hin, zu verschnaufen.

Über ihnen erhob sich das letzte Stück, das schwerste. Unter ihnen lag die Bergeswelt, das Zauberland der Dolomiten mit den wundersamen Formen, den zersägten, zerzackten, verwitterten Nadeln, Türmen, Graten, mit im Sonnenlicht blitzenden Eiszinnen, durchzogen mit Schneehauben auf den höchsten Gipfeln, steilen, wildzerklüfteten Gletschern im Schoß, an den Flanken von Schuttströmen umflutet, mit ihren riesigen, den Tälern entsteigenden, baumwuchsgeschmückten Sockeln.

Was vor ihnen lag, war Italien, in dessen Grenzbezirk sie sich hier befanden. Über ihnen wölbte sich in dunkler, satter Bläue der Himmel des Südens.

Eine Weile saß der Mann, der soviel Gipfel zu seinen Füßen gesehen, unbeweglich da. Jedesmal wieder, wenn er in die Berge kam, packte es ihn von neuem. Immer, wenn er auf einem Berge stand, ging ihm ein Schauer durchs Gehirn, Anbetung, Bewunderung, tiefstes, reines Glück.

Er mußte sich losreißen mit Gewalt. Er erhob sich und fragte:

»Kläre, ist das nicht schön?«

Sie nickte etwas zerstreut, denn sie hatte die ganze Zeit über eifrig unten gesucht, soweit sie es zu übersehen vermochte, wo Joachim wäre. Sie entdeckte ihn nicht, und sie fragte ein wenig nervös:

»Kannst du Dörstling sehen?«

Er hatte dafür keine Gedanken:

»Wenn wir oben sind!« meinte er. Dann erklärte er, sie kämen jetzt sofort an den Isigmondykamin. Sie solle sich nicht werfen lassen. Ein eingeklemmter Block gleich am Beginn pflege Schwierigkeiten zu machen. Er habe vor Jahren, damals, als er die Zinne zum ersten Male gesucht, zweimal ansetzen müssen, um den Felsbauch zu überwinden.

Dann warf er das Seil ab, daß es nur noch einfach um seinen Leib gebunden war, und begann zu klettern. Sie rückte seitwärts ein Stück hinaus, mit äußerster Vorsicht auf dem luftigen Sitz, damit sie etwaige Steine nicht träfen. Das Seil ließ sie durch die Hand gleiten.

Es war ein seltsamer Anblick. Scheinbar senkrecht über ihr kletterte er. Sie sah ihn den eingekeilten Block umfassen, zu dem der Kamin überhängend führte. Sie hörte, wie ihm aus den zusammengepreßten Lungen vor Anstrengung pfeifend die Luft entwich, dann wand er sich um den Fels und war mit einem Male verschwunden.

Es dauerte eine Weile, langsam, ganz langsam ward das Seil nachgezogen, es stieß ab und zu noch einmal auf, ringelte sich zusammen, dann ward es immer kürzer.

Klara hatte mit angehaltenem Atem hinaufgesehen. Ihr klopfte das Herz. Sie hatte das Gefühl, als habe sie sich doch zuviel zugetraut. Aber mit einemmal waren ihre Gedanken wieder unten bei dem, dessen Anwesenheit sie verleitet, selbst die kleine Zinne vorzuschlagen, obgleich es ihr in diesem Moment trotz aller Berggewohnheit doch fast graute vor dem Wege, der ihr noch bis zum Gipfel bevorstand.

Aber wieder verlieh ihr der Gedanke Mut, daß er unten stand und mit seinem Glase jede ihrer Bewegungen verfolgte.

Da kam der Augenblick. Das Seil war aufgebraucht, und vom Himmel herab ertönte es:

»Los!«

Sie erhob sich, drehte sich herum, schob den Knoten des Seiles etwas zur Seite, nahm allen Mut zusammen und begann zu klettern. Der Kamin wurde seicht, hing über, und der Block, der irgendwo oben abgebrochen und sich in den Riß eingeklemmt hatte, erschien.

Klara hatte genau darauf geachtet, wie ihn ihr Mann angegriffen. Er hatte ihn nach links umklettert. Sie versuchte es. Er war aber glatt. Kein Halt und kein Griff. Sie rutschte ab. Der Stein war ihr zu mächtig, sie konnte ihn nicht umfassen. Einen Moment kam die Verzweiflung über sie. Da ward das Seil angezogen. Nun mußte es gehen. Aber es riß sie nun an den Fels, preßte sie von unten gegen, so daß sie nicht einmal klettern konnte.

Und nun verlor sie noch mit den Beinen den Halt. Auf einmal schwebte sie frei über dem Abgrunde. Sie wollte hinauf, doch immer preßte sie das Seil gegen den Block.

Links neben ihr drohte, hoch noch die kleine Zinne überragend, die große wie ein dunkler Schatten nieder – rechts leuchtete der von der Morgensonne beschienene Fels. Es war warm. Von der vergeblichen Anstrengung perlten ihr die Schweißtropfen an der Stirn.

Nun rief sie in ihrer Verzweiflung:

»Nachlassen. Ich gehe wieder hinunter.«

Er rief von oben:

»Versuch's noch einmal.« Ich lasse etwas nach. Es muß gehen. Du bist doch links?«

«Ja.«

»Also los.«

Das Seil, das aus unbekannten Höhen niederzuschweben schien, lockerte sich, machte einen kleinen Bogen, und Klara, die den Felsblock nicht aus ihrer Umklammerung gelassen hatte, hing plötzlich ganz frei an ihren schwachen Frauenarmen. Sie rief sofort:

»Fest!«

Das Seil ward augenblicklich angezogen, und nun nahm sie alle Kraft zusammen, und der Gedanke der Eitelkeit schoß ihr durch den Kopf: er sieht unten alles durch das Glas, mein Zögern, meine Schwachheit. Das half wie ein Zauber. Sie fand mit einemmal den Stützpunkt für den linken Fuß, für den rechten höher. Sie umgriff den Fels. Das Seil zog an. Sie rutschte. Sie war herum, und keuchend hockte sie darüber im Kamin.

Dann ging es weiter. Noch immer sehr steil. Sehr exponiert. In der Tiefe, scheinbar dicht unter ihnen, der Sattel, das Geröll, der Einstieg, der Rastplatz. Ein Sprung, und man war unten. Aber ein Sprung von vielen Kirchturmhöhen. Ein Sprung ins Gewisse: in den Tod.

Nach ein paar Augenblicken stand der Professor auf dem ein paar Meter langen, nur einen halben Meter breiten Gipfel der kleinen Zinne. Unmittelbar hinter ihm erschien Klaras Kopf an der Gratkante. Sie stemmte die Ellenbogen auf. Er half ihr. Dann blieb sie auf dem Gestein sitzen, und ihre Brust arbeitete heftig. Ihre Finger zitterten leise. Ihre Lippen bebten. Er fragte:

»Was hast du?«

»Das ... letzte ... Stück war ... war etwas schwierig!«

Er streichelte ihre Schulter, indem er sich halb niederließ zu ihr:

»Aber, Kläre, nun ist's vorbei!«

Dann richtete er sich auf der schmalen Riesenmauer zwischen Himmel und Erde wieder auf. Seine Teilnahme war erledigt. Er war mit seinen Gedanken wieder ganz bei seinem Berge, bei dem Glücksgefühl, wieder einmal dort oben zu stehen. An seine Frau dachte er nicht mehr.

Er ging ein paar Schritte zum Steinmann hinüber, den einst der erste Ersteiger, Michel Innerkofler, der beste Dolomitenführer seiner Tage, zum Zeichen errichtet, daß er diesen für unersteiglich gehaltenen Gipfel bezwungen. Der Führer, der nun auch schon seit Jahren von seinen Bergen gegangen, deren stolzesten und schönsten einer, der nahe Monte Cristallo, ihm das Leben gekostet.

Und der Professor sagte, den Fuß gegen den Steinmann gestemmt, indem er zuerst rechts und links des schmalen Grates in die unendliche, bläulich dämmernde Tiefe blickte, dann aber empor zum dunkelblauen Firmament, das stolze Bergsteigerwort:

»Nichts mehr über uns!«

Klara hatte ein Lob von ihm erwartet, irgendeine kleine Anerkennung, ein Lob, und wären es nur ein paar Silben gewesen. Aber er dachte nur an die Berge, an die toten Berge, die doch fest und nicht zu rühren waren, hart wie ihr Gestein, während neben ihm ein Menschenherz klopfte, dem eine Liebe wohlgetan.

An das Große dachte er nur, an die gewaltige Natur, an all die Schönheit, die erschütternde Größe, und er vergaß, daß ein weiches, kleines Menschen-, ein Frauenherz ein paar Schritte von ihm empfänglich gewesen wäre für das winzigste Zeichen, daß es nicht übersehen ward.

Es tröstete sie nicht, daß es seine Art nun einmal war, daß er es nicht so meinte. Er liebte sie, er war glücklich so, überglücklich durch diese Frau, die all seine Liebe für seine Berge teilte, die sein Schüler, ein treuer Kamerad, mitging über Schnee und Eis, über furchtbare Felsen, die wenig Männer, immerhin nur wenig, zu betreten wagten, geschweige denn eine schwache Frau.

Sie sehnte sich danach, er sollte es aussprechen, ihr sagen, nur einmal. Aber das war wider seine Natur. Er hatte es nie getan, er konnte es nicht. Und auch jetzt ward er es nicht gewahr, daß sie die Blicke senkte und nicht sprach.

Sie senkte sie hinunter in die Tiefe, und auf der durch Entfernung und Höhe wie ein fernes Land erscheinenden, den Zinnen vorgelagerten Fläche, grün von spärlichem Graswuchs, mit einzelnen im Laufe der Jahrtausende von den gewaltigen Gipfeln niedergestürzten Blöcken besät, suchte sie Entschädigung in dem Gedanken, daß dort unten einer starr bewundernd saß, der immer ein Wort auf der Zunge hatte für sie, einer, der sie empfangen würde, wenn sie herunterkamen – wie eine Siegerin.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.