Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Freiherr von Ompteda >

Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
projectide72a60fc
Schließen

Navigation:

25.

Als Wahrzeichen vom Hochpustertal ragt über Innichen die gewaltige Dreischusterspitze auf, eine der schönsten Felszinnen der Dolomiten. Einer Pyramide gleich, ein Zuckerhut auf breitem Untersatz, steigt sie zwischen Fischleintal und Innerfeld in den Himmel. Die grauen, vom Pustertal unnahbar ausschauenden Felsen laufen in einen, in geraden Wänden abstürzenden Zackenbau aus: die Schusterkrone.

Zwei Möglichkeiten gab es dort hinauf: vom Innerfeld, lang, anstrengend, sehr schwer, eine Seite, die Purtscheller und die Zsigmondys, Bergsteiger von einer Klasse für sich, einst abgeschlagen, die einer Partie schon das Leben gekostet hatte; vom Fischleintal, leichter, doch in seinen Schlußwänden, der stolzen Schusterkrone, auch nur den Zünftigen möglich, einem Laien ohne Hilfe aber ewig versagt.

»Hast du Mut zum Schuster?« fragte der Professor. Dörstling gab sofort zurück:

»Wann gehen wir?«

»Morgen?«

»Gut, morgen!«

Es war noch früh am Tage. Sie wollten in Innichen, wo sie Station gemacht, zu Mittag essen, dann nachmittags nach Bad Moos bei Sexten im Fischleintal fahren, dort zu übernachten, um den nächsten Morgen den Berg anzugreifen. Der Professor hatte vor Jahren den Schuster vom Innerfeld gemacht, deshalb fragte Dörstling:

»Du opferst dich doch nicht für mich?«

»Keine Spur!«

Aber Joachim begann plötzlich, nun, wo die Ausführung so nahe gerückt war, kleinmütig zu werden:

»Werde ich's denn können?«

»Wir nehmen ja die leichte Seite!«

Das beruhigte ihn, obgleich er Genaueres darüber nicht wußte. Und die Überlegung, daß ihn der Professor ans Seil nahm, bannte seine letzten Zweifel. Nur der Himmel sah nicht gnädig drein. Das leuchtende Blau der letzten Tage war einem unbestimmten Grau gewichen, das im Westen nach Bruneck zu sogar in schwere, dunkle Wolkenbehänge überging.

Sie schauten auch ängstlich nach dem Wetter aus, aber man erlebte es ja so oft in den Bergen, daß ein drohender Himmel am andern Morgen den schönsten Tag gebar.

Nach dem Essen in dem kleinen Hofmarkte gingen sie noch etwas spazieren. Professor Hallbauer machte darauf aufmerksam, daß die romanische Stiftskirche, ein Bauwerk aus dem achten Jahrhundert, sehenswert sei und ebenso am Ausgang des Ortes die heilige Grabeskapelle, nach der Kaiser Friedrich einst sein Grabmal hatte herstellen lassen.

Als sie eben zur Besichtigung gehen wollten, kam ein Kutscher und fragte Joachim, ob er der Doktor Dörstling wäre, der in Schluderbach gewohnt hätte.

»Gewiß!«

Der Mann überreichte ihm ein Paket. Auf Umwegen war es von Schluderbach nachgekommen. Es war stark verschnürt, und Joachim ahnte nicht, was es enthalten könnte. Da er in Innichen kein Gepäck zurückließ, legte er es zu Rucksack, Pickel und Seil in den Einspänner, der schon auf sie wartete.

Dann besuchten sie schnell noch die Kapelle und fuhren davon, dem bei Innichen mündenden Sextentale zu.

Die Dreischusterspitze tauchte hinter die waldigen Ausläufer des Haunold, und in dem langsam durch Fichten- und Lärchenbestände hinanfahrenden Wagen schwiegen die beiden.

Der Kutscher auf dem schmalen Vordersitze dicht vor ihnen wollte eine Unterhaltung beginnen. Doch er erhielt kaum Antwort.

Der Professor dachte an Klara, die jetzt schon bei ihrer Mutter angekommen sein konnte. Er dachte ihrer mit Kummer und mit Zärtlichkeit, wie einer armen, lieben Kranken. Er hatte sich einen ganzen Plan ausgedacht: sie sollte ruhig bei ihren Eltern bleiben, sich erholen, ruhiger werden. Er selbst wollte sie längere Zeit nicht sehen und währenddessen in den Bergen bleiben. Kehrte er dann nach Berlin zurück nach Ablauf der Ferien, so würde es sich von selbst finden, daß sie wiederkam. Jetzt wollte er sie allein lassen, damit sie auf andere Gedanken käme und durch seine Gegenwart nicht zum Widerspruch gereizt würde.

Joachim sah sie auf diese Weise diesen ganzen Sommer nicht mehr. So hatte sie Zeit, sich mit sich selbst abzufinden. Das verging alles. Es war eine augenblickliche Nervosität, Hysterie, Überspanntheit. Vielleicht war Blutarmut im Spiel. Er hatte die Diagnose ja schon gestellt. Zeit brauchte das, Zeit!

Jedenfalls wollte er sich ihr nicht aufdrängen, aber im stillen kam ihm die Hoffnung, ein Gedanke, bei dem er unwillkürlich vor sich hin lächelte: am Ende ruft sie mich vorher, vielleicht hält sie es so nicht aus!

Und er nahm sich vor, sobald sie in Bad Moos angekommen wären, ihr zu schreiben, damit sie auch sähe, daß er an sie dachte.

Da tauchte die Dreischusterspitze wieder auf. Sie hatten sich dem Innerfeldtale genähert, und der Felskoloß stand plötzlich, links von seinem Trabanten, dem Gsellknoten, begleitet, vor den erstaunten Blicken. Er stieg aus dem Talboden empor, wundervoll, gewaltig, grau im Gestein, düster, von einzelnen Bändern und Kaminen durchsetzt, in denen hier auf der Nordseite noch Schnee lag.

Und weil an der Spitze eine langgestreckte Wolke hing wie Rauch, der einem Krater entströmt, glich der Berg einem Vulkan.

Der Professor fuhr auf aus seinen Gedanken:

»Dörstling, ist der Kerl nicht schön?«

Auch Joachim hatte an Klara gedacht, in Sehnsucht, in Erinnerung des Tages von Cortina. Auch er sagte sich, es müßte nur Zeit vergehen, dann würde ihr seltsames Benehmen verschwinden. Und er träumte schon von ihrer Rückkehr, was für ein Gesicht sie machen müßte, wenn er sagen konnte: »Ich bin auf dem Schuster gewesen und noch auf mancher andern stolzen Hochzinne!« Dann tauchte ihr Auge wieder in seines, tief, tief hinein. Ihr nußbraunes Auge. Gott, wenn er daran dachte ...

Noch einmal sagte der Professor:

»Ist er nicht schön, der Schuster?«

Dörstling antwortete, ehe er noch hingesehen:

»Ja, ja, wunderschön.«

Da fiel ihm das Paket ein, das er vorhin bekommen. Er griff hinter sich, stellte es auf die Knie, zog das Taschenmesser und begann die Verschnürung zu lösen. Ein Stück des Papieres klaffte auf: da wußte er es, und mit einem Ruck schloß er wieder die Hülle, indem er unwillkürlich den Professor anblickte.

Doch der hatte eben seine goldene Brille abgenommen und putzte sie mit dem Taschentuch, um die Berge besser sehen zu können.

Da öffnete Joachim noch einmal schnell das Paket, der Deckel des Kästchens ward sichtbar, das er an jenem Tage Klara geschenkt, und darauf lag ein Brief von ihrer Hand. Er nahm ihn, steckte ihn in die Tasche, dann schloß er das Paket und legte es wieder hinter sich in den Wagen, ohne daß der Professor darauf geachtet hätte.

Nun quälte Joachim die ganze Fahrt hindurch brennende Neugier, zu lesen, was in dem Briefe stünde. Doch er wagte nicht, ihn aus der Tasche zu ziehen.

Das Sextenertal öffnete sich weiter, links lag der gerundete Rücken des Helm mit einem an seinen Flanken verborgenen Fort, das den Kreuzbergpaß nach Italien zu beherrschte. Rechts aber, unten auch von einem Fort beschützt, das wild-großartige Fischleintal, von den schroffsten, unnahbarsten, herrlichsten Dolomitgipfeln umstanden.

Der Professor wurde ganz erregt:

»Da sieh mal, das Ding, was da herauskommt, ist die Rotwand, dann dieser riesige, schneebedeckte Dachfirst, die Messerschneide, das ist der Elfer. Und nun sieh bloß einmal, der gewaltige Turm, das ist der berühmte Zwölfer ...«

Wie eine Wandeldekoration auf der Bühne entrollte sich einer der Hochgipfel nach dem anderen vor dem entzückten Auge. Der Einser folgte, die Oberbacherspitzen, der Altenstein, die Schusterplatte.

Nur einmal merkte Joachim auf, als ihm erklärt ward, dort im Hintergrund, den Einser links liegen lassend, ginge es von der Sextenerseite zur Dreizinnenhütte. Der Name erinnerte ihn an den ersten Tag in den Bergen, als er Wand an Wand in dem kleinen Bergasyle mit der gelegen, die jetzt fehlte.

Ein kleines Gasthaus erschien am rauschenden Bach: Bad Moos.

Sie stiegen aus. Wie ein Kleinod trug Joachim den Kasten auf das Zimmer, das ihm für die Nacht angewiesen ward. Er schloß ab, dann zog er den Brief aus der Tasche mit Klaras geliebten Schriftzügen, riß ihn auf und las:

»Sehr geehrter Herr,

anbei lasse ich Ihnen den Kasten zugehen, den Sie in Cortina kauften, und der an jenem unseligen Tage in mein Zimmer kam. Ich bitte, es als einen Irrtum zu betrachten, wie dieses tut

Frau Klara Hallbauer.«

Er ließ das Papier sinken. Mechanisch schloß er das eingelegte Kästchen auf und zu. Er spielte in Gedanken mit dem Schlüssel so lange, bis der Bart abbrach. Nachdenklich stellte er den kleinen Kunstgegenstand aus der Hand. Ihm war, als er nun den Brief noch einmal durchflog, als wäre auch ihr Herz ihm jetzt verschlossen. Langsam steckte er den Bogen in den Umschlag und wieder in seine Brusttasche. Dann ging er hinunter, wo ihn der Professor schon erwartete.

Der führte ihn vor das Haus. Er deutete zur Dreischusterspitze, die – jetzt ganz verändert in ihrer Gestalt – ihre Zackenkrone stolz in die Wolken streckte:

»Dort stehen wir morgen!« sagte der Professor, und schweigend sahen sie hinauf ...

Schon zeitig klopfte es an Joachims Tür. Er war so verschlafen, daß er nicht aufstehen wollte. Ihm war zumut wie einem Verurteilten, den man zum letzten, schweren Gange weckt. Ein dumpfes Gefühl beherrschte ihn, es habe ja doch keinen Zweck mehr, sich anzustrengen oder gar sich in Gefahr zu begeben, nun, wo er einen solchen Absagebrief bekommen.

Doch als er sich erst einmal gewaschen hatte, bekam er auch den Kopf freier und begann wieder Hoffnung zu schöpfen. Aber er konnte seine Gedanken nicht sammeln, die Dämmerung lastete auf ihm.

Unten brannte trübe ein Licht auf dem Tisch. Der Professor saß ruhig in der Ecke und aß seine gewohnte Suppe. Er sagte kaum guten Morgen. Er war immer so beim Aufbruch. Schweigend packte er den Rucksack und tat auch das Seil hinein. Dann fragte er:

»Gib mir, was du mithaben willst!«

Joachim wehrte sich:

»Ich trage es selbst!«

Aber der Professor nahm ihm einfach seinen Rucksack ohne viel Sträuben ab und steckte alles, was er darin fand, in den seinen. Nur ein paar funkelnagelneue Kletterschuhe wies er zurück:

»Brauchst du nicht zu der Tour!«

Joachim brachte sie auf sein Zimmer samt dem leeren Rucksack, in den er das Kästchen schob. Er wollte Klaras Brief dazu tun, doch, da er nichts Verschließbares hatte, steckte er ihn lieber wieder in die Brusttasche.

Der Wirt, der selbst zu so früher Stunde aufgestanden, wünschte ihnen noch glückliche Reise und ein frohes Wiedersehen; dann schritten sie in die Dämmerung hinaus über den rauschenden Bach, dessen Plätschern der einzige Laut war in der großen Stille.

Auf weichem Wiesengrund ging es wie durch einen köstlichen Park, der aber, je dichter die Bäume standen, desto dunkler ward. Und als sie nun, nachdem sie einen durch den weißen Dolomitstein hellen Schuttstrom, der vom Schuster niederfloß, überschritten, knieholzbewachsene Hänge betraten, sahen sie nicht mehr, wohin sie gingen.

Da klappte der Professor eine kleine Laterne mit Glimmerschieferscheiben auseinander, schob eine Kerze hinein, zündete sie an, und das schwankende Lichtlein irrte vor Dörstling her, der schnell folgen mußte, um von dem schwachen Lichtkreise Nutzen zu ziehen.

Er war bald außer Atem, und als der Vorangehende beim Betreten des Gerölls die Laterne ausblies, warf sich Dörstling der Länge nach auf die Steine.

Zum erstenmal fiel ein Wort:

»Es geht wohl schlecht heute?«

»Nur ein paar Minuten, nur eine Minute, dann kann es weitergehen!«

»Wir haben ja Zeit!«

Der riesige Mann lehnte sich auf seine schwere Eisaxt und blieb so mit verschränkten Armen regungslos stehen.

Nach einiger Zeit setzten sie die Wanderung fort. Stundenlang ging es hinauf gegen die hohen Felsen, der Dreischusterspitze zu, über Geröll, das nachgab, rann, rieselte.

Immer schneller folgten sich die Halte, die Ruhepausen, und noch immer ward es nicht recht Tag. Die Sonne mußte schon emporgestiegen sein, doch der Horizont blieb grau und dunkel. Nur über dem Rücken des Helms, ihnen gegenüber, wenn sie ausruhend sich umdrehten, erschien ein etwas hellerer Streifen.

Doch die Qual nahm ein Ende. Sie waren rechts in einer steilen Rinne aufgestiegen, kamen an eine ganz kurze Kletterei über Schroffen, bei der der Professor an der Kante blieb, die gegen den Gsellknoten zu abstürzte, und Joachim dabei mit dem Arme unterstützte, und plötzlich lag ein breites, fast eben hinziehendes Geröllband vor ihnen.

Jetzt gewann Dörstling wieder Mut.

»Ich bin ganz frisch!« sagte er, war aber froh, als sie kurz darauf einen Platz erreichten, dem man es durch Flaschenscherben und leere Konservenbüchsen ansah, daß hier gerastet zu werden pflegte.

Joachim blickte sich nicht um. Er setzte sich sofort hin und ließ sich zu essen und zu trinken geben. Sobald er etwas im Magen hatte, begann er sich zu erholen. Ja, der Schuster erschien ihm bis jetzt, wenn er ihn auch furchtbar ermüdet, doch leichter als der Cristallo.

Das äußerte er. Der Professor meinte:

»Die Kletterei kommt erst!«

Joachim blickte sich um:

»Wo geht's denn hin?«

»Gerade hier über uns ist der Einstieg.«

Links zog ein schroffer, hoher Felsgrat herab, von den beiden durch eine Schneerinne getrennt, die, mit Steinen besprüht, bewies, daß sie dem Steinfall ausgesetzt sei. Dörstling war es eine Erleichterung, daß es da nicht hinaufging.

Er fragte:

»Kommt jetzt das Seil?«

Es klang halb wie eine Bitte, und als der Professor die Schlinge vorbereitete, in die Joachim schlüpfen sollte, war es ihm wie eine Erlösung zu Sinn. Nun fühlte er sich geborgen.

Das Seil ward ihm umgelegt.

»Ist's zu fest?«

»Vielleicht ein bißchen.«

»Aber du weißt, zu lose ist auch nicht gut. Ich habe mal erlebt, wie am Groß-Litzner einer ganz gemütlich aus der Schlinge herausrutschte, übrigens ganz harmlos.«

Joachim konnte den Knoten jetzt nicht fest genug haben. Dann band sich der Professor das andere Ende um, warf das überflüssige Seil in einzelnen Schlingen über die Schulter und fragte:

»Bist du bereit?«

»Jawohl!«

»Also, dann los!«

«Halt, mein Pickel!«

»Die Pickel bleiben hier. Sie stören nur beim Klettern, und auf dieser Seite kommt Eisarbeit nicht vor.«

Damit stieg der Professor in die Felsen ein, und Dörstling folgte ihm mit einem leisen Seufzer.

Es ging im Zickzack empor, mäßig geneigt, dort, wo sich der beste, bequemste, sicherste Weg bot. Einmal über kleine Schroffen, Stufen, Absätze, an denen es immer irgendwo eine niedrigere Stelle gab, dann durch flache, kaminartige Rinnen, über Bänder, über Wandln: eine leichte, anregende Kletterei, die dem Professor so gefiel, daß er sich ab und zu Luft machte durch ein:

»Wie amüsant!« – »Das macht Spaß!« – »Hier kannst du auf gemütliche Weise etwas lernen.«

Doch Joachims Antwort war meist nur die Bitte um Gewährung einer kurzen Rast, um sich zu verschnaufen. Dann stand er da, sich krampfhaft am Felsen haltend, und im Grunde seines Herzens verfluchte er die wahnsinnige Idee, die ihn hier heraufgeführt.

Ja, als er endlich, nachdem wieder zwei lange Stunden verstrichen waren, plötzlich vor einer senkrechten Wand stand, die der Vorauskletternde nur langsam, und, wie es schien, vorsichtig bewältigte, kam ihn, angesichts der Notwendigkeit, auf diesem Wege zu folgen, eine Schwäche an, und er kämpfte mit sich, ob er nicht erklären sollte, er ginge nicht mehr weiter.

Doch da hörte er auch schon von oben, ohne daß er etwas sah, des Professors Stimme:

»Los, Dörstling! Los! Es ist nichts dabei. Die Stelle ist nur ein paar Meter hoch. Greife nur zu. Stemme die Füße gegen. Du kannst dich auf das Seil verlassen. Ich halte dich ganz fest. Ich helfe schon. Ich ziehe. Los!«

Ein Straffwerden des Seiles hob ihn fast vom Boden. Er mußte. Und er mühte sich, was er konnte. Er arbeitete mit der Kraft der Verzweiflung. Das Seil ließ nicht ab. Es riß ihn in die Höhe, preßte ihn an den rauhen Felsen, dessen Buchtungen, Muschelhöhlungen, Spitzen und Rauheiten Griffe und Tritte gaben, es überhaupt nur ermöglichten, die hohe, gerade Wand zu erklimmen.

Joachim machte krampfhaft von allen Gliedern Gebrauch. Einen Augenblick darauf lag er halb auf den Armen, halb auf den Knien oben auf dem Absatz.

Doch sofort ging es weiter. Eine zweite, ähnliche Wand folgte. Als Joachim sie sah, fühlte er wieder den Wunsch, umzukehren. Doch der Platz, auf dem er stand, war so luftig, daß er es gar nicht wagte, sich auch nur umzublicken. Und da der andere eben dort oben verschwunden war, so war sein einziger Gedanke: nur fort von hier, lieber zu ihm hinauf, nur nicht allein sein, ohne seine Hilfe, denn was sollte sonst aus mir werden.

Die Wand wurde überwunden wie die erste. Aber als Joachim oben stand, umklammerte er mit von der Anstrengung bebenden Armen den Professor, krampfte sich an ihn und fragte stammelnd:

»Geht's noch lange so weiter?«

Der Professor lächelte und klopfte ihm auf die Schulter, denn sie hielten sich noch immer umfaßt:

»Wir sind ja bald oben!«

Dörstling atmete auf:

»Kommt schon der Gipfel?«

Professor Hallbauer zeigte hinauf, und jetzt, zum ersten Male, blickte sich Joachim um. Dort über ihnen erhob sich noch eine zerzackte, aus einzelnen kaum oder nur lose verbundenen Türmen bestehende Felsmauer: die Schusterkrone. Und beim Anblick dieser roten, scheinbar jedes Angriffes spottenden Wände überkam ihn, der trotz seines Führers schon fast über seine Fähigkeit gegangen, eine solche gemeine, niederträchtige Angst, ein Gefühl, daß er sich hätte fragen mögen, welcher Irrsinn ihn nur hierhergeführt, daß er zu zittern begann, und er rief, indem er sich an den großen, starken Mann schmiegte, der ihn hielt:

»Mein Gott, was sollte aus mir werden ohne dich!«

Der Professor lächelte. Er überredete Joachim, es sei alles Gewohnheit und wirklich nichts Besonderes dabei. Er solle nur Vertrauen haben, sie wären gleich oben.

Dann ließ er ihm gar nicht Zeit, länger nachzudenken, sondern nahm das Seil kurz, schritt voraus, kletterte, ließ Joachim nachsteigen durch Rinnen, kleine Kamine, über Stufen und Absätze.

Dem lief der Schweiß vom Gesicht. Er blieb hängen mit den Ärmeln und Schößen seines Rockes, der vielleicht eine Spur zu lang war. Darum blieb der Professor stehen an einem gesicherten Fleck, wo sie beide gut nebeneinander Platz hatten:

»Warte mal. Dem wollen wir gleich abhelfen. Zieh mal ruhig deinen Rock aus. Jetzt hindert er, und auf dem Gipfel ist's kühler, da hängst du ihn dann um!«

In einem Augenblick war der Rock herunter, und Joachim mußte ihn dem Professor zusammengeballt hinten in den Rucksack stecken. Er sträubte sich nicht. Er war ganz willenlos. Hier oben war er des andern Sklave.

Ein letzter Kampf. Fast Verzweiflung. Ein Anziehen des Seiles. Ein Zureden. Die Höhe bis zum Gipfel ward geringer. Der Professor kletterte die letzte Turmwand empor. Er hangelte sich hinauf, setzte sich oben und zog Joachim bis dicht heran. Er bezeichnete immer Fuß und Hand, die er so oder so gebrauchen mußte, dann erschien auch Dörstlings Kopf am Gipfel.

Am schmalen Gipfel, denn auf der andern Seite stürzte er ins Innerfeld ab in unergründliche Tiefen. Joachim prallte zurück. Er hatte an einen Gipfel gedacht wie den des Cristallo und fand sich nun, nachdem der Professor ihn mit Gewalt zum Steinmann gezogen, auf einem schmalen Grat, der ihm nur so groß erschien wie etwa ein lang ausgezogener Eßtisch und nach allen Seiten furchtbar niedersank. Aber jetzt war ihm alles einerlei. Er war oben. Gott sei gelobt: er war oben. Sofort kauerte er sich neben dem Steinmann nieder, an dem er sich hielt, als müsse er wenigstens irgend etwas Festes in der Hand haben.

Der Professor aber blieb an der schmälsten Stelle, von wo es rechts und links lotrecht abstürzte, ruhig stehen und blickte lächelnd befriedigt in die Runde: wieder einmal oben, dort oben!

In der Ferne war nichts zu sehen, überall lagen Wolken, ja die nächsten Berge sogar, drüben jenseits des Innerfeldes, der vielgezackte Haunold, auf der andern Seite der scharfe Elfer, der furchtbare Zwölfer und drüben im Süden die drei Zinnen: alle trugen sie dichte Wolkenhauben, schwarz, drohend. Vom Pustertal, ja vom nahen Fischleintal sogar, war kaum etwas zu erblicken. Nur der grüne Talboden des Innerfeldes schimmerte aus märchenhafter Tiefe herauf.

Tief hingen die Wolken herab. Der Himmel schien auf die Erde langsam niederzusinken. Ab und zu zogen die Nebel hin und her, wälzten sich, rollten hin.

Und alles schwieg. Kein Laut drang herauf von Menschentreiben, Haß oder Liebe. Die beiden waren ganz allein, allein mit der großen, keuschen Natur.

Da erinnerte sich der Professor, als ein kalter Hauch aus der dunstigen Tiefe heraufblies, daß er ja den Rock Dörstlings noch im Rucksacke hatte. Er warf den Schnerfer ab unö öffnete ihn bedächtig. Das Kleidungsstück kam zum Vorschein. Der Professor ergriff es zusammengeballt, wie es Joachim hineingesteckt. Ruckweise zog er es heraus. Das Futter war nach außen. Die Brusttasche stülpte sich um. Ein Papier fiel heraus. Klaras Brief.

Sofort hatte der Professor die Schriftzüge seiner Frau erkannt. Auch Joachim blickte hin, und instinktiv griff er zu, um den Brief zu verbergen. Doch der Professor zog den Rock fort. Das Papier schnellte heraus und glitt, ehe einer von beiden zufassen konnte, über die schmale Felskante in die gähnende Tiefe.

Sie starrten ihm beide nach, und der Professor rief, während seine Züge starr wurden:

»Was war das?«

Joachim saß da, aschfahl:

»Nichts, gar nichts!«

»Ein Brief meiner Frau?«

Keine Antwort. Er wiederholte:

»Ich sage, das war ein Brief meiner Frau!«

»Nein!«

»Lüge nicht!«

Joachim klammerte sich an die großen Platten des Steinmanns und nahm allen Mut zusammen:

»Warum sollte ich lügen?«

Plötzlich packte ihn der Professor bei der Schulter. Durch die Brille glühte sein Auge, unnatürlich vergrößert, Hand und Stimme zitterten:

»Was hast du mit meiner Frau?«

Joachim lehnte sich ganz zurück:

»Nichts ... nichts.«

Doch der gewaltige Mann hatte mit einem Male die Wahrheit erfaßt. Wie ein Blick seiner Frau damals am Cristallo ihn so betroffen, daß er zu ahnen begonnen: es ging etwas vor, so gestaltete sich ihm in einer einzigen, blitzartigen Überlegung alles, was er unbewußt erlebt, zur Erkenntnis der Wahrheit. Jede Kleinigkeit stand ihm vor Augen und fügte sich zu einem Bilde: Verstimmungen der beiden; der Wandel, der mit Dörstling vor sich gegangen, seit er in ihr Haus gekommen; die Freundschaft, die doch eigentlich keine Freundschaft war, denn er hatte mit dem Schulfreunde kaum Berührungspunkte gehabt. Sie verstanden sich eigentlich nicht, er, der arbeitsame Mann der Wissenschaft, und der andere, der Bade- und Table-d'hote-Gast, der Süßholzraspler, der nur von seinen Renten lebte.

Der Professor fragte mit heiserer Stimme:

»Was hast du mit Klara gehabt?«

Joachim lag das Entsetzen in den Gliedern. Er wußte, hier konnte er ihm nicht ausweichen, hier war er nicht imstande, nur einen Schritt allein zu tun, und er wagte nicht zu antworten.

Doch da stürzte sich der andere auf ihn, als wollte er ihn packen und die Felsen hinunterwerfen, und in Todesangst schrie Joachim laut auf.

Der Professor aber blickte ihn an:

»Sage mir, hast du mit Klara etwas gehabt? Wenn du lügst, schmeiße ich dich hinunter, hörst du! Wenn du aber die Wahrheit sagst ...«

Und jetzt nahm seine Stimme einen feierlichen Klang an, während er Joachim, der ihn in grauenvoller Todesangst anstarrte, in die Augen sah, als wolle er sein Innerstes ergründen:

»Wenn du die Wahrheit sagst, lasse ich dich los und tue dir nichts. Ich schwöre es dir bei Gott dem Allmächtigen ...!«

Joachim fühlte, sein Leben hing an der Antwort. Er fühlte, und wäre er selbst unschuldig gewesen, der Furchtbare hätte ihn getötet, wenn er es behauptet.

Darum rief er, während er fühlte, wie sich des Professors eiserne Finger in seine Schulter und Kehle gruben, als gälte es, einen Griff am Felsen zu umspannen:

»Ich ... ich will antworten.«

Und er keuchte:

»Ich kann nichts ... konnte nichts ... es kam ... es war Zufall ... ich brachte das Kästchen und ...«

Der Professor ließ ihn nicht weiterreden. Er schrie ihn an:

»Ja oder nein ... ja oder nein ...«

Schon hob er den ermatteten, schwächlichen Körper an den Rand des Absturzes, als wollte er ihn im nächsten Augenblick in der Tiefe zerschellen lassen, da rief Joachim in letzter Todesnot verzweifelt:

»Ja!«

Augenblicklich ließ der Druck nach. Der Professor richtete sich steil auf. Er wich zurück vor dem auf der schmalen Felsklippe Liegenden. Er sah ihn an wie etwas Entsetzliches, etwas Ekelerregendes, das einem die tiefste Verachtung einflößt.

Aber der Zorn loderte in ihm empor. Er tat einen Schritt, sich auf Joachim zu stürzen. Der aber kreischte mit angstverzerrten Zügen:

»Dein Eid ... dein Eid!«

Der Professor stand einen Augenblick unschlüssig da. Dann war es, als käme ihm plötzlich ein Gedanke, und er sagte langsam, jedes Wort wägend, indem keuchend sein Atem ging:

»Keine Furcht! Ich halte, was ich versprochen habe. Gut! Gut! Ich stürze dich nicht hinunter. Nein. Aber ich kenne dich nicht mehr. Ich töte dich nicht. Ich fordere dich auch nicht, wie das wohl einer täte. Ich verklage dich auch nicht vor Gericht. Haha. Wegen einer Frau. Haha. Wegen einer falschen Frau! Nein, denn, hörst du, ich bin dir fremd. Ich kenne dich nicht mehr.«

Dabei zog er blitzschnell sein schweres, haarscharfes Touristenmesser aus der Tasche und schnitt dicht an seines Gegners Leibe das Sanfgeflecht durch, das sie verband. Dann griff er an seinen Gürtel und löste den Knoten. Als er das Ende in der Hand hielt, fuhr er fort:

»So, hiermit sage ich mich los von dir. Zwischen uns ist keine Gemeinschaft mehr. Ich löse das Seil zwischen uns beiden. Nun – hilf dir selbst!«

Dabei warf er das Seil in den gähnenden Abgrund hinaus, das, zusammengeringelt wie eine Schlange, in der Tiefe verschwand.

Joachim halte mit steigendem Entsetzen seinen Worten zugehört. Jetzt erfaßte er den Sinn, und das Grauen ging ihm durch Mark und Bein. Es überlief ihn eisig, dann glühend heiß. Er richtete sich auf. Er wollte dem Freunde nachstürzen, ihn um Verzeihung bitten, ihn anflehen, ihn nicht allein zu lassen auf diesem furchtbaren Felsen. Doch er brachte nur einen Schrei aus der Kehle, einen gellenden, markerschütternden, machtlos, ungehört verhallend in der Todeseinsamkeit der Berge.

Der andere hatte sich schon gewendet, schritt über den schmalen Gral und begann an den Wänden niederzusteigen. Es war ihm gleich einem Gottesgericht. Er tat dem Manne, der seine Ehe gestört, nichts. Mochte Gott entscheiden. Mochte er dem, der dort oben zurückblieb in jämmerlicher Todesangst, seine Engel senden, ihn sicher hinunterzugeleiten ins Tal, mochte er ihn, den Feigen, der nur Mut genug gehabt, eine Ehe zu brechen, versuchen lassen, ob er hinunterkäme, und ihn stürzen in langem Kaskadenfalle von Wand zu Wand. Mochte er ihm im hilflosen Entsetzen die Sinne verwirren. Er rührte ihn nicht an. Er stürzte ihn nicht von der Felsenwand, aber kein Gesetz dieser Erde konnte ihm gebieten, ihn sorgsam herabzuführen zu der Frau, die jener dort ihm abgewendet.

Und der Professor eilte hinunter, wie er noch nie über Felsen gegangen. Er kletterte nicht mehr. Er rutschte und sprang. Sein Geist war nicht dabei. Er kümmerte sich nicht um den Weg. Er wußte nicht, wohin er geriet.

Sein Pfadfindertalent schlief. Seine Hände hielten nicht fest, so zitterten sie in furchtbarer Erregung. Seine Füße lasteten nicht nach den Griffen, sondern glitten und rasteten, wo es gerade kam.

Die Wolken waren immer tiefer niedergesunken. Sie hatten den Berg in dichte Nebel eingehüllt. Langsam öffneten sie sich und näßten jetzt als feiner Niederschlag das Gestein. Die Felsen wurden feucht und glatt, doppelte Vorsicht gebietend.

In immer schwerere Wände verstieg sich der Rasende. Er merkte es nicht. Ihm war alles gleich. Er dachte an andere Dinge als an den Weg über Abgründe, den er wandelte: seine Klara war verloren, seine Klara gehörte ihm nicht mehr. Was galt nun noch sein Leben? Was wollte er zu Haus? Wozu das alles?

Plötzlich glitt er an einer ganz leichten Stelle aus. Er hatte nur mit einem Fuße Stand gehabt, der war fort. Er machte keinen Versuch, sich zu halten. Nur ein leises »Ach!«, ein schmerzliches, müdes, kam aus seinem Munde, wahrend er fiel.

Und die Temperatur sank, der Regen ward zu Schnee, und der Schnee ward zu Eis. Die Felsen überzogen sich mit glitzernder Glasur. Lautlos fielen die Flocken, dicht, weiß, ununterbrochen. Sie hüllten bis tief hinunter die ganze Bergeswelt ins Winterkleid.

Für lange Tage waren die Touren aus, Pickel und Seil und Kletterschuhe ruhten. Kein vorwitziger Menschentritt störte mehr die grenzenlose Einsamkeit der großen Höhen.

 << Kapitel 24 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.