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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
projectide72a60fc
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22.

Erst allmählich kam heraus, wie die beiden Tage verlaufen waren. Sie hatten unter einem überhängenden Felsen biwakiert, und obwohl die Nächte ganz erträglich gewesen, bei milder Temperatur und Latschenholzfeuern, lagen allen Beteiligten dennoch die schweren Stunden in den Gliedern.

Abseits in einem Schuppen hatte man die Verunglückten aufgebahrt, sie sollten am andern Morgen nach Cortina geschafft werden.

Inzwischen sorgten die Lebenden für sich. In der Führerstube saß alles dicht gedrängt um ein paar riesige Schüsseln voll Tiroler Knödel. Die Viertel Rot leerten sich schnell, und als ein Stellwagen vorfuhr für die Ampezzaner Führer, lag schon tiefe Dunkelheit über dem Tal.

Die Pferde scharrten und schnaubten beim Scheine der kurze Lichtkegel auf die Straße werfenden Laternen. Einzeln traten die gebräunten, kräftigen Gestalten der Führer mit Pickeln und Seilen, fast alle die brennende Pfeife im Mund, aus der Tür.

Die zurückbleibenden Führer, die sich diese beiden Tage hindurch mit ihnen bei der ernstesten Arbeit geplagt, die in den Bergen Hände in Bewegung setzt, nahmen Abschied, und durch das Gemeinsame schien er herzlicher zu sein als wohl sonst zwischen Deutschtirolern und Welschen.

Aus dem Eßsaal strömten die Hotelgäste, um die Abfahrt zu erleben, mit schnell umgenommenen Schals und Mänteln.

Auch der Professor ging hinaus mit den beiden jungen Jenenser Studenten, und als er an den Wagen trat, drängten sich die Männer um ihn, die erkannt, wie er ihnen gleich war an Fähigkeiten. Alle hatten sie sich dort oben willig seiner Leitung gebeugt.

Sie schüttelten ihm der Reihe nach die Hand, und er versicherte, daß er ihre Aufopferung beim Alpenverein ins rechte Licht setzen und bei den Verwandten der beiden verunglückten Bergsteiger dafür sorgen wollte, daß ihnen eine Belohnung zuteil werde.

Sie dankten. Dann Händeschütteln, Winken, ein »*buona sera*«, ein »Pfüt euch Gott«, und der Stellwagen klingelte davon, in der Dunkelheit sich verlierend.

Während Professor Hallbauer noch bei Jörgl, Hansl und Sepp stehenblieb, saßen drin im großen Eßsaal Klara und Joachim einander allein gegenüber.

Sie blickte auf das Tischtuch und mied seinen Blick. Er aber ließ das Auge auf ihr ruhen. Sie hatte einen so herben Ausdruck um den Mund, daß es ihn quälte, nicht die Lippen darauf schmiegen zu können, um ihn wegzuküssen.

Aber sie war ernst und abweisend. Ab und zu warf sie einen Blick nach der Tür, den Joachim deutete, als fürchte sie, daß er wiederkäme, der aber in Wirklichkeit nur ängstlich war, weil sie den Augenblick nicht erwarten konnte, daß ihr Mann sie von diesem Alleinsein erlöste.

Endlich meinte Dörstling leise, indem er sich über den Tisch beugte und versuchte, seine Augen in die ihren zu tauchen:

»Was haben Sie denn nur?«

Sie zuckte zusammen. Erriet er es nicht? Wie konnte er so fragen! Früher hätte sie es als Aufmerksamkeit empfunden, während ihr Mann nicht einmal gemerkt haben würde, daß sie verstimmt war.

Jetzt verdachte sie es ihm, als müßte sie ihm das Recht bestreiten, sich überhaupt um sie zu kümmern.

Da versuchte er, unter dem Tisch die Hand nach ihr auszustrecken. Aber als seine kalten Finger die ihren berührten, hätte sie fast laut aufgeschrien.

Bei dieser Berührung war es ihr, als habe sie eine Totenhand berührt. Sie dachte an den furchtbaren Anblick des einen Abgestürzten mit dem abwehrenden Arm, der da aufstarrte wie ein drohender Finger, eine Mahnung, die ihr jetzt wieder erschien, als wäre die lebendige Hand, die sie gestreichelt, die eines Toten.

Er war tot. Für sie tot. Sie hatte sich vergessen, ihr unbefriedigtes Herz betören lassen. Aber in diesem Moment empfand sie vor dieser Manneshand, die sich nach ihr ausstreckte, dreist, als Besitzer, als Mann, als Herr, weil sie einmal schwach gewesen, ein Entsetzen, das ihr kältend ins Herz stieg.

Und der brennende Wunsch quälte sie, ihr Mann möchte wiederkommen, daß sie mit Joachim nicht länger allein wäre. Sie warf ängstliche Blicke nach der Tür. Er erriet, erinnerte sich ihrer Zurückhaltung, ja, fast Abweisung, seitdem sie vom Cristallo zurückgekehrt, daß sie ihm kein lobendes Wort über seine Leistung gesagt, daß sie nicht mit ihm den Erfolg hatte feiern wollen, daß er sie fast den ganzen Tag nicht gesehen.

Es war niemand mehr im Eßsaal. Er blickte sich schnell um, dann beugte er sich zu ihr und meinte flehend:

»Habe ich Ihnen etwas getan?«

Sie sah ihn verstört an. Er fragte:

»Ist Ihnen mein Benehmen nicht recht?«

Sie gab keine Antwort. Er begriff nicht, was mit dieser Frau vorging. Das war ja, als ob ein anderer, eine Laune ihm ihr Herz jäh entwendet hätte, das er doch kaum gewonnen.

Er überlegte, was er etwa verfehlt. Hatte er es an Hingebung und Aufmerksamkeit fehlen lassen? Hatte er irgend etwas gesagt, das sie verletzen konnte?

Da war es ihm, als müsse er sie erinnern an ihr kurzes Glück, das Band wieder knüpfen. Und er sagte mit lächelndem Munde, sich den schönen schwarzen Bart streichend und die weichen, träumerischen Lider öffnend, indem er sie plötzlich wie im Moment ihrer Liebe nannte:

»Klara, ist denn das Kästchen von Cortina gekommen?«

Sie starrte ihn an mit ihren großen nußbraunen Augen, als verstände sie zuerst nicht. Dann begriff sie mit einemmal. Die Erinnerung an jene Stunde, die sie doch selbst ersehnt mit klopfendem Herzen, trieb ihr plötzlich derartig das Blut ins Gesicht, daß sie, um von der Kellnerin nicht beobachtet zu werden, ihre Serviette fallen ließ und sich schnell danach bückte, als suche sie die Berechtigung, rot werden zu dürfen.

Dann antwortete sie nur:

»Wo ist mein Mann?«

Joachim antwortete erstaunt:

»Nun, draußen!«

Sie aber zischte, als müsse sie einen Schutz haben gegen den Versucher ihr gegenüber:

»Holen Sie mir augenblicklich meinen Mann.«

Er erhob sich. Als er jedoch einen Moment nur zögerte, flammten ihre Augen:

»Ich will meinen Mann haben, hören Sie ...«

Joachim blickte sie an wie ein wildes Tier, das seinem Bändiger nur widerwillig gehorcht. Aber das Weiche, fast Weibische in ihm beugte sich immer, wenn es der Kraft begegnete.

Als er den Saal durchschritt, fühlte sich Klara ruhiger. Die Augen waren ihr plötzlich naß geworden, und sie sagte sich, ich kann nicht mehr. Als der Professor erschien, den Arm in den Joachims geschoben, der dabei etwas Verlegenes hatte, wie ein Kind bei einem irrtümlich erteilten Lob, war Klara schon aufgestanden und sagte sofort:

»Karl, bitte, bringe mich hinauf.«

Ihm war es recht. Er konnte den Schlaf auch brauchen. Darum drückte er Joachim freundlich die Hand mit den Worten:

»Schlafe wohl, mein Alter!«

Sie aber nahm ihres Mannes Arm, was sie sonst nie zu tun pflegte, als wollte sie feststellen, daß sie zu ihm gehörte und bei ihm Schutz fände. Ohne Joachim anzusehen, eilte sie davon.

Der blieb wie vor den Kopf geschlagen stehen. Was ging denn nur um's Himmels willen vor? Er überlegte, ließ sich noch eine Flasche Bier kommen, zündete sich eine Zigarre an und blieb in der Ecke in Gedanken sitzen.

Hatte er etwas verfehlt? Ihr etwas zuleide getan? War das Reue bei ihr? Karl konnte ihr doch nichts gesagt haben? Bei dieser Möglichkeit überkam ihn ein unbehagliches Gefühl, das er nicht gleich loswerden konnte. Erst allmählich überlegte er sich, daß sein Freund doch ganz unbefangen gewesen. Er hatte sogar »Schlafe wohl, mein Alter« gesagt, mein Alter, das er fast nie anwendete. Nein, das konnte es nicht gewesen sein. Und woher sollte er auch etwas ahnen? Nein – unmöglich – es mußte etwas anderes sein.

Es mußte also an Klara liegen. Doch was? Wahrscheinlich eine Laune. Sie war nervös, müde, durch die Katastrophe erschreckt, und in solchen Momenten war jede Frau unberechenbar. Natürlich, das mußte es sein.

Mein Gott, wer kannte sich aus bei den Frauen!

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