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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
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20.

In Schluderbach verbreitete sich die Nachricht mit Windeseile.

Von der Schwemme ging sie zur Küche, zum Stall. Die Zimmermädchen berichteten es den Gästen, die sich nach dem Nachmittagsschläfchen bereit machten, spazierenzugehen. Die Kellnerinnen erzählten es im Speisesaal. Die Finanzer traten aus dem Anbau, wo die Grenzwache lag. Vor dem Hotel bildeten sich Gruppen von Reisenden, die an dem strahlend schönen Tage aus den Sommerfrischen des Pustertales einen Ausflug hierher unternommen.

Geschäftig lief der Wirt hin und her. Er hatte nach Cortina den Telegraph spielen lassen, anzufragen, ob Angehörige der beiden Herren sich etwa dort befänden und um eine Rettungsmannschaft von Ampezzaner Führern über Tre Croci hinaufzuschicken.

Hansl Unlerwurzacher trommelte zusammen, was es an Führern gab: Pacifico Menardi, der heute nichts unternommen, dann der lange Ambros Fuchs, eben mit einem Herrn von der Croda rossa zurückgekehrt. Ein Führer in Landro wurde benachrichtigt, der mit einer Familie zwar noch auf einem Paßübergange war, aber jeden Moment zurückkehren mußte.

Bald brach die Kolonne auf. Zwei Knechte aus dem Hotel hatten sich angeschlossen als Träger, denn Seile, Decken, Proviant und Verbandzeug wurden vom Wirte mitgeschickt.

Joachim und Klara waren noch in ihren Kleidern geblieben und gaben, durch die Menge der Neugierigen hindurch, Hansl, der schnell noch etwas Warmes gegessen, ein Stück das Geleite. Dann verschwanden die Leute unter den hohen Lärchen, und das Paar kehrte langsam zum Hotel zurück.

Joachim fühlte sich nicht müde, obgleich sie zuletzt beinahe nach Schluderbach gelaufen waren. Die Erregung brachte ihn über alles hinweg. Klara sprach kaum ein Wort, nur ab und zu sagte sie wie dort oben:

»Gott, wie gräßlich ist das!«

Auf ihre weiblichen Nerven hatte das Unglück viel stärker gewirkt. Sie war überhaupt nervös und konnte sich nicht entschließen, ein anderes Kleid anzuziehen.

Joachim machte zu ihrer Beruhigung den Vorschlag, noch etwas spazierenzugehen. Damit war sie einverstanden, und sie bummelten wieder die Ampezzaner Straße hinunter, unwillkürlich in dem Gefühl, den Cristallo sehen zu wollen, auf dem sie noch vor wenigen Stunden gestanden.

Als sie an den Punkt der Straße kamen, von dem aus man die Cristallogruppe voll übersehen konnte, fanden sie eine Menge Menschen dort versammelt. Sie blickten alle hinauf zum Piz Popena, als könnte man von hier unten etwas erkennen. Es war, wie Gaffer sich sammeln, um halb erschrocken, halb angenehm gekitzelt, von der Straße aus ein Haus zu betrachten, in dem ein Mord stattgefunden hat.

Als das Paar sich näherte, machte man sich auf sie aufmerksam. Klara hatte über ihren männlichen Berganzug einen leichten Rock geworfen, fußfrei wie etwa zum Radfahren. Aber den bestaubten, schweren Bergschuhen sah man es doch an, daß sie von einer Tour kam. Nun stießen sich die Leute an und flüsterten untereinander: »Die sind dabei gewesen.« Einige meinten sogar gehört zu haben – »von derselben Partie und die einzig Überlebenden.«

Geheimrat von Erzleben war sofort bei ihnen, und während er sie befragte, immer ab und zu einen Blick zum Popena werfend, dessen dunkle Felsen wie ein gewaltiger, schiefer Kegel in den blauen Abendhimmel ragten, drängten sich die andern herbei, um nur ja kein Wort der Auskunft zu verlieren.

Er fragte, ob sie tot wären, beide tot, ob sie noch längere Zeit gelebt hätten, ob sie sehr zerschlagen wären. Und Joachim, der für die schweigende Klara die Antwort übernommen, erzählte mit einem gewissen Eifer. Er sprach gern. Er empfand sich als Mittelpunkt und wiederholte alles, was ihnen Hansl Unterwurzacher unterwegs gesagt. Denn eigentlich wußte er selbst gar nichts von der ganzen Geschichte.

Nachdem dann noch einige der Herumstehenden, die das Paar nicht persönlich kannten, aber die Empfindung hatten, in solchen Augenblicken fielen alle Schranken; ein paar Fragen gestellt, sprach Klara den Wunsch aus, zum Hotel zurückzukehren. Nun, wo man den beiden Davonschreitenden nachblickte, äußerten sich die Ansichten freier.

Eine Bankdirektorswitwe aus Elberfeld meinte mit ernsten Falten auf der Stirn:

»Die sollten's sich mal eine Lehre sein lassen!«

Und eine Hofratsgattin fügte hinzu:

»Ja, denn einmal fallen sie doch herunter, wenn nicht heute, so morgen.«

Dann klang eine Stimme:

»Ach, das ist wohl der Mann von der Dame, der verunglückt ist?«

Einer wußte es besser:

»Nein, nein, der Mann war ja doch mit ihr hier. Der erzählte, der ist es.«

Sofort verbesserte jemand:

»Aber keine Spur ... das war nicht der Mann. Das war ein Freund.«

Kunstmaler Tobel aus München, der meist auf Paßübergängen sich befand, um Studien von der Stimmungs- und Farbenpracht der Dolomiten heimzubringen, kniff ein Auge zu und meinte halbleise:

»Ihr Freund?«

Jemand meinte:

»Den Mann sieht man überhaupt nie.«

Und ein spitzes Stimmchen aus diesem Kreise, die sich alle an der Table d'hote kennengelernt, die Frau eines Fabrikanten aus Klagenfurt, antwortete:

»Desto mehr den Freund.«

Klara hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Sie setzte sich, nachdem sie das Bergkleid und die schweren Stiefel abgelegt, aufs Sofa und starrte vor sich hin. Sie wußte nicht, sollte sie hinuntergehen oder sich das Abendessen heraufbringen lassen. Ihr Gesicht brannte noch von der Tour und, wie ihr schien, auch vor Scham. Mit einem Male ward sie sich dessen bewußt, was sie getan. Sie begriff sich nicht. Sie hatte gehandelt, als stände sie unter einem Zwange.

Es hatte so kommen müssen. Sie liebte diesen Mann, hatte ihn längst, längst geliebt. Und sie konnte nicht bereuen, was sie getan. Aber sie bereute es doch. Erst heute, erst jetzt, als hätte der Unfall dort oben in ihr irgend etwas geweckt, ihr Gewissen aufgerüttelt oder vielleicht nur ihre Nerven.

Sie fühlte sich furchtbar nervös. Sie hätte am liebsten geschrien, laut geschrien. Sie fuhr sich durchs Haar, einmal über das andere, und nachdem die Locken nicht mehr durch die Finger glitten, schloß sie krampfend in der Luft die Hand und biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten.

Dann versteckte sie ihr Gesicht im Arm. Nach ein paar Augenblicken richtete sie sich wieder auf, nahm das Taschentuch und tupfte sich die Stirn. Sie konnte einfach nicht mehr. Es war zuviel gewesen. Diese Spannung schon seit langer Zeit. Seine fortwährende Anwesenheit, daß sie ihn fast berührte, so nahe war sie ihm, und dann trennten sie sich doch wieder. Eine Wand trennte sie, dünn und gebrechlich, aber eine Schranke, die doch zwei fremde Menschen aus ihnen machte. Zwei, die miteinander sprachen, den gleichen Geschmack hatten, sich in all ihren Ab- und Zuneigungen begegneten, und sich doch von dem Augenblick, da es Nacht ward, fremd wurden, als lebten sie auf verschiedenen Erdteilen.

Dann waren die Touren gekommen. Er war dabei. Er sah zu. Er stachelte sie an. Sie fühlte unwillkürlich seinen Blick. Das brachte sie unausgesetzt aus dem Gleichgewicht.

Und die Entsagung quälte sie, der Zweifel: sollte sie gegen sich kämpfen, sollte sie nachgeben.

Sie hatte an ihren Mann gedacht. Was tat sie ihm an! Ihm, der doch immer gut gegen sie war.

Gut? War er wirklich gut gewesen?

Klara dachte an die ganze Zeit ihrer Ehe. Sie setzte sich aufrecht, stemmte – halb angekleidet, wie sie noch war – den bloßen Arm auf die Sofalehne und senkte das Kinn in die Hand. Dann starrte sie vor sich hin, und all ihr Leben, ihre Anfänge erstanden allmählich wieder vor ihren Augen.

Ja. ihre Anfänge. Ihre armen, kleinen Anfänge. Denn wie er, der junge Arzt, der zwar schon Assistent eines berühmten Chirurgen war, doch wenig Gehalt bezog und kein Privatvermögen besaß, um sie angehalten, da hatte ihr Vater die Ehe nicht zugeben wollen. Er nannte sie eine Hungerpartie, da er, der gleichfalls vermögenslose Schulrat, seiner Tochter außer einer bescheidenen Aussteuer nichts mitgeben konnte.

Damals waren die beiden stark geblieben:

»Nun, dann hungern wir eben, Papa!« hatte sie mit lächelnder Bestimmtheil gesagt. Und sie hatten gehungert. Sie hatten überbescheiden gewohnt und waren immer froh gewesen, bei den Verwandten reihum zu essen, daß sie Nichts auszugeben brauchten.

Aber das Glück war bei ihnen. Nicht eine überirdische Gestalt mit goldenen Fittichen, mit Harfengetön und Zimbelklang, sondern ein bescheidener, inniger Knabe, der sich nicht auf Flügeln zum Himmel schwang, sondern ruhig, still und fest hinschritt auf der Erde.

Wenn der Dienst zu Ende war, kehrte ihr Mann heim, und da er keinen Ruf besaß, so störte ihn keiner aus seiner beschaulichen Ruhe. Da war er daheim und küßte seine kleine Frau und spielte mit ihr wie ein Kind. Da hatten sie zusammen gekocht und aufgeräumt und die Betten gemacht und Staub gewischt, als sie einmal das Mädchen Knall und Fall entlassen mußten, weil sie eines Sonnabends und Sonntags ihren Schatz beherbergt, während die beiden Klaras Eltern in Magdeburg besuchten – das erstemal, seitdem die junge Frau verheiratet war.

Wie war ihr damals das Mädchen als eine Ehr- und Schamlose, eine Verworfene erschienen. Für den geringsten Schritt vom Wege fand sie keine Entschuldigung.

Und nun?

Aber es war ja auch alles anders geworden im Laufe der Jahre. Die Zeit des ersten Glückes, des Spielens, der Tändelei ging allmählich über in die Gewohnheit der Jahre. Die Arbeit nahm zu. Ihr Mann machte sich einen Namen. Mit dem Namen wuchs die Beschäftigung, und von Jahr zu Jahr nahmen die Stunden ab, die er daheim bleiben konnte. Er wurde zu Operationen nach auswärts gerufen, war tagelang abwesend, und Klara blieb allein. Wenn er wiederkehrte, war er müde von der Reise. Eine Unzahl Briefe erwarteten ihn. Er mußte womöglich sofort zu einem Patienten, in die Klinik.

Für seine Frau hatte er keine Zeit.

Dann kam die Professur an der Universität, und er, dem das Wort schwer ward, mußte sich peinlich genau vorbereiten auf seine Vorträge und Demonstrationen. Nun schien für die Häuslichkeit kein Moment mehr übrig.

Sie veränderten sich beide im Laufe der Jahre. Er sprach nicht. Er war unausgesetzt mit seinen Gedanken bei klinischen Fällen, überprüfte still für sich Diagnosen, die er gestellt.

Sie aber ward still. Sie wollte ihn nicht stören. Oft hatte sie, wahrend er stumm bei Tisch saß oder in Gedanken seine Zigarre rauchte, ihm lachend etwas erzählt. Etwas, das ihrem Anschauungskreise entsprach. Etwas Kindisches, Kleinliches, Haushaltungs- und Wirtschaftssorgen. Dann war er aufgefahren, vielleicht mit einem chirurgischen oder physiologischen Problem beschäftigt, das noch einmal Tausenden von Menschen Leben und Gesundheit wiedergeben sollte, und nun, von den Höhen kommend, sollte er die Frage beantworten, ob sie morgen Rindfleisch essen wollten oder Kalbsbraten.

Da wurde er ungeduldig. Es gab eine Szene. Sie wiederholte sich. Klara schwieg. Und ihr Schweigen bedrückte ihn, daß auch er noch stiller ward.

Mit dem Rufe, den er gewann, stieg seine Arbeitslast. Wenn er einmal auf Bitten seiner Frau einen Abend zu Haus blieb, las er doch noch medizinische Neuerscheinungen. »Man veraltet sonst«, pflegte er lächelnd zu sagen. Zum Überfluß noch ward er dann fast jedesmal zu einem Patienten geholt, dessen Zustand sich verschlimmert oder bei dem der Hausarzt erst dann meinte, sich selbst wie die Angehörigen beruhigt zu haben, wenn Professor Hallbauer am Krankenbett gestanden.

Die Ruhe der Nacht ward oft gestört, und am Tage mußte er den Schlaf nachholen. Klara selbst nötigte ihn aufs Sofa, deckte den Müden zu und saß dann seufzend neben dem, der einst all seine freie Zeit ihrem jungen Glücke schenken konnte.

Und sie, die jetzt – bei den vielen, den hohen Honoraren – Reiche, die sich jeden Wunsch hätte erfüllen können, sehnte todtraurig die verschwundenen Zeiten zurück, als sie noch die kleine Doktorsfrau gewesen, die nicht gewußt, wie sie die letzten Tage des Monats auskommen sollte.

In all dem äußerlichen Wohlsein wußte sie sich nicht zu beschäftigen. Hätte sie Kinder gehabt, sie hätte sich an sie hängen und Ersatz suchen können für die Stunden, die sie einst mit ihrem Manne verbracht. Auch Verwandte besaßen sie nicht in Berlin, und mit den Berufsbekannten, den Frauen der Kollegen ihres Mannes, stimmte sie wenig überein. Die waren älter als sie, oder gingen ganz in der Kinderstube auf, die ihr immer wie etwas Beschämendes erschien, etwas, wohinein sie nicht gehörte, sie, die nicht Mutter geworden war.

Da war in dieses Nichtverstandensein, in diese Beschäftigungslosigkeit, in dieses stumme Beieinanderwohnen Joachim Dörstling getreten.

Klaras Natur verlangte Liebe, Aufmerksamkeit. Sie konnte nicht allein sein, sie war ein geselliges Wesen, das den Trieb hatte, sich mitzuteilen, und ein unendliches Bedürfnis empfand, daß sich jemand um sie kümmerte, ihr Angenehmes sagte, sich beschäftigte mit ihr.

Das tat ihres Mannes Freund. Er saß bei ihr, während ihr Mann las, arbeitete. Er weilte bei ihr, wenn er plötzlich abberufen ward. Und Karl war ihm dankbar und warf auf die beiden, wenn sie einmal im Scherz sich stritten, dann aus der Ferne, von seinem Platze aus, einen so glücklichen, liebevollen Blick, als wollte er sagen: »So ist's recht, amüsiert euch, lacht und scherzt, ich nehme von weitem teil, nur verlangt nicht von mir, daß ich mitmache. Ich freue mich ja an euch!«

Langsam, langsam schlich er sich in ihr Herz. Sie wußte nicht, wie es geschehen. Er war ihr unentbehrllch geworden, sie hätte sich das Dasein ohne ihn nicht mehr vorstellen können.

Aber jetzt, jetzt ... als sie daran dachte, stieg ihr das Blut in die Wangen. Sie ging an den Spiegel und sah in ihr Gesicht, von den braunen Löckchen umrahmt, ein Antlitz, leicht gebräunt von der Sonnenglut, und an Hals und Wangen noch rot vom Hauch der scharfen Bergluft, vom Lichtreflex auf dem Schnee.

Wenn sie an Cortina dachte, brannten ihr neu die Wangen. Ihr schien, als könne sie das Wort nicht hören, ohne daß ihre Pulse schlügen.

Sie war Joachim böse. Er hatte ihre Schwäche sich zunutze gemacht. Sie begriff sich immer nicht. Sie mußte wie im Wahn gewesen sein. Und doch ... in diesem Augenblick stand er vor ihrer Phantasie. Er ging neben ihr her. Er erzählte ihr. Er hatte tausend Rücksichten für sie. Er fragte, ob sie müde wäre. Ob er ihr etwas besorgen dürfe. Dinge, an die ihr Mann nie gedacht.

Und nun vernahm sie förmlich körperlich, als wäre es eine Sinnestäuschung ihres Gehörs, wie er bewundernd sprach von ihrem Mut, all ihren für eine Frau außergewöhnlichen Leistungen in den Bergen. Während ihr Mann doch immer bloß Kritik abhielt, es selbstverständlich findend, wenn sie ihre Sache gut machte.

Da überkam Klara eine unendliche Sehnsucht, Joachim zu sehen, von der beendeten Tour, vom Monte Cristallo, mit ihm zu reden.

Aber wie ein Schatten legte sich der Gedanke dazwischen an das Unglück, das dort oben geschehen. Sie erblickte in ihrer Phantasie die beiden Engländer vor sich, den einen glattrasiert, wie ein Schauspieler, den andern mit rötlichem Schnurrbart, wie sie aus der Post stiegen und ins Hotel gingen.

Sie wollte sich auf andere Gedanken bringen und begann sich Gesicht, Hals und Arme mit warmem Wasser und Kleie zu waschen, aber während der Schwamm über ihre Züge glitt, sah sie die Engländer klettern. Langsam, ganz langsam. Unerklärlich bedächtig, daß sie am Felsen gar nicht vorwärtskamen. So, wie einem das Steigen einer Partie durchs Fernrohr vom Tal aus zu erscheinen pflegt.

Und dann plötzlich fielen sie. Der oberste zuerst. Er riß den Freund mit. Und abwechselnd einer um den andern sausten sie durch die Luft, das Seil immer zwischen ihnen gespannt. Von Absatz zu Absatz stürzten sie, von Band zu Band. Dumpf schlugen die Körper auf, gellend wie Nüsse auf den Tischrand die Schädel. Das Blut rann, die Kleidung zerriß, die Pickel entfielen den krampfhaft sich öffnenden Händen. Aber die Gesichter blieben unverletzt. Deutlich zu erkennen. Und nun ... nun ... entsetzlich ... sah sie das eine ganz deutlich vor sich. Es trug Joachims Züge.

Sie ließ den Schwamm fallen und blickte sich verstört im Zimmer um. Einiger Augenblicke bedurfte sie, um zur Wirklichkeit zurückzukommen, daß sie allein sei.

Die Zwangsvorstellung war so quälend und so lebhaft gewesen, daß sie gar nicht mehr wagte, sich zu bücken, in die Waschschale zu tauchen, in der Befürchtung, es möchte wiederkommen.

Und gräßlich, als stünde Joachim mit dem Absturze in Verbindung, verband sich jetzt plötzlich ihr Gedenken mit dem Unglücksfall.

Es gehörte zusammen. Es war wie eine Warnung ihr zuteil geworden. Ihr schien, als wäre das Schreckliche, das geschehen, die Vergeltung für ihre Schwäche, daß auf ewig sein Gedächtnis, die Erinnerung an diese Hochtour nach dem Tage, da er sie schwach gefunden, zusammenfiele mit dem Unglücksfall.

Erinnerte sie sich der Stunde dieser Liebe, so erschien wie ein rächender Schatten das, was dem Bergsteiger droht als Ende von Vermessenheit und Leichtsinn: der Tod.

Da hörte sie Schritte auf der Treppe. Es klopfte. Klara kannte den Gang und die Art zu pochen. Es klang genau wie in Cortina, auf dem Korridor der Croce Bianca, als er ihr das Kästchen gebracht.

Und obgleich zugeriegelt war, flüchtete sie hinter die Tür und warf sich schnell ihren Wettermantel um. Dann wartete sie mit angehaltenem Atem. Es klopfte abermals. Sie rief:

»Wer ist da?«

»Ich bin's.«

Ihre Stimme zitterte. Sie verstellte sich, als hätte sie ihn nicht erkannt:

»Wer ist das?«

»Mein Gott! Gnädige Frau ...«

»Ach, Sie?«

»Sind Sie fertig, gnädige Frau?«

»Nein, noch nicht.«

»Kommen Sie nicht herunter?«

»Ich bin müde.«

Ein Augenblick Pause. Er räusperte sich. Man hörte ihn laut atmen. Dann:

»Ich dachte gerade heute ...«

»Ach, ich ... ich bin schrecklich müde.«

»Aber wir müssen doch den Cristallo feiern!«

Die Erwähnung allein war ihr in diesem Augenblick peinlich. Er aber, der an das Unglück dort oben in den Bergen gar nicht mehr gedacht, ganz benommen von seinem eigenen Glück, sagte leise, am Schlüsselloch, doch so, daß sie es verstand:

»Wir müssen feiern, uns und den Cristallo. Die Flasche steht schon kalt!«

Sie fuhr zurück, als habe sie sich körperlich verletzt. Es traf sie, die weiblich unendlich zart Empfindende, wie eine entsetzliche Roheit.

Sie fühlte etwas, als wäre all das Zarte und Süße und Feine und Aufmerksame nur die lange getragene Maske des Mannes gewesen, um das Weib zu gewinnen, und als bräche jetzt in diesem Moment der wahre Mensch durch, der sich bisher verborgen gehalten, oder den sie in ihrer Liebesbefangenhelt nicht erkannt. Der Egoist. Der Mann, der eine Flasche Sekt trinken konnte, während seine Berggenossen von dort oben noch unbegraben lagen.

Und wieder – noch stärker dieses Mal – mischten sich Reue, Scham, Enttäuschung mit dem den erregten Sinnen und gespannten Nerven doppelt furchtbar erscheinenden Entsetzen der Katastrophe dort oben, die sich jetzt ganz zu decken schien mit ihm, ihm, den sie – wie sie es fühlte im Augenblick – haßte und liebte zu gleicher Zeit.

Und sie antwortete mit fast versagender Stimme:

»Ich kann nicht kommen!«

»Warum?«

»Ich bin zu müde«

»Ach bitte! bitte! bitte!«

Doch sie schloß die verriegelte Tür sogar noch mit dem Schlüssel ab, als fürchte sie, er möchte eindringen, lief ans Bett, warf sich hinein, zog die Decke über den Kopf und begann zu schluchzen, daß ihr ganzer Körper wie im Fieber bebte.

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