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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
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2.

Als der Morgen noch kaum graute, war in der Dreizinnenhütte schon Licht. Das Feuer brannte bereits auf dem Herd hinten im Anbau. Die Führer waren dabei, die Rucksäcke zu packen, und auf dem Tisch dampften schon Tee und Kaffee.

Im Eßraum saßen die Brüder Weber, Doktor Lodinger und der Wiener Advokat beim Frühstück. Alle waren mehr oder weniger verschlafen, wortkarg und mit sich selbst beschäftigt.

Jörgl Tschurtschenthaler flüsterte Pacifico Menardi zu, er möchte sich beeilen, damit sie zuerst fortkämen. Er wisse nicht, auf welche Hochzinne es die beiden Führerlosen abgesehen hätten, aber wenn sie gleichfalls die große Zinne in Angriff nähmen, so gäbe das eine »verteifelte Kraxelei – oanmal a Stund länger und zum andern der nachfolgenden Partie oane Klafter Stoan aufn Schädel!«

Menardi meinte, er wolle »spekulieren« gehen, wie die Sache stünde.

In diesem Augenblick trat, auf Strümpfen schleichend, die schweren Nagelschuhe in der Hand, der Professor ein. Er wollte die andern, die noch schliefen, nicht wecken. Trotz seiner Vorsicht begann der ältere Herr, der schon gestern abend gebrummt, zu schimpfen. Man hörte etwas von »Rücksichtslosigkeit«, von »ewige Störung« und »auch noch andere Leute hier!«

Professor Hallbauer achtete nicht darauf. Ein Lächeln flog um seine Lippen. Aber der Statthaltereirat ärgerte sich und rief hinüber, während die Tür angelehnt geblieben:

»I bitt schön, machen S' doch gefälligst keine Geschichten. Sie stören die andern. Sie, Sie allein, aber nicht wir!«

Da gewann auch Julius Weber Mut:

»Und die Hütte ist doch eben für die Hochtouristen gebaut, die Zeit gewinnen wollen, um Hochtouren zu machen. Wer nur von Sexten nach Landro will, kann ja bei Tage über den Toblinger Riedel und die Dreizinnenhütte gehen.«

Drinnen blieb alles ruhig. Der Brummbär knurrte offenbar bloß, aber biß nicht.

Doch Doktor Lodinger konnte sich noch nicht beruhigen und schimpfte eine Weile fort. Darüber kamen sie alle ins Gespräch, und die Führer benutzten die Gelegenheit, herauszubekommen, wohin die einzelnen Partien gehen wollten. Es stellte sich heraus, daß es die beiden Studenten richtig auf die große Zinne abgesehen hatten.

Sofort gab Jörgl seinem Herrn das Zeichen zum Aufbruch. Er nahm eiligst gleich die Pickel für Doktor Lodinger und den Wiener Advokaten mit und trat ins Freie. Menardi folgte schnell, und bald huschten die vier Gestalten geradeaus über die zerrissenen Platten und das Geröll davon, den Zinnen zu.

Die Brüder blieben wie in einer Art von Befangenheit zurück, als wagten sie es nicht, vor Professor Hallbauer die Hütte zu verlassen.

Der hatte die Bergschuhe angezogen und wartete auf seine Frau. Da sie noch immer nicht kam, trat er in die Tür und blickte hinaus. Scharf wehte ihm die kalte Luft entgegen. Das tat ihm wohl nach der dumpfigen Atmosphäre in der Hütte. Er streckte die Hand aus, zu fühlen, ob es etwa regnete, denn gesehen hätte man nichts. Es herrschte noch immer Dämmerung draußen. Die Luft war feucht, aber kein Niederschlag zu spüren.

Der Professor blickte zum Himmel empor: nichts zu sehen – die Nebel strichen zu tief. Sie hingen beinahe bis auf das Dach der Hütte herab. Gerade in diesem Augenblick kam ein Windstoß von der Sextener Seite geblasen und fegte die Dünste wie Rauchwolken über den felsigen Boden, daß sie förmlich sich überschlagend, sich wälzend hinrollten in mächtigen Ballen, Spulen, daß sie die andern noch nicht bewegten Luftschichten mitrissen gleich einer Lawine, die allmählich in Schwung kommt und nun in ihre Bahn alles hineinzieht in weitem Umkreis.

Sehr einladend war das Wetter gerade nicht, aber schließlich wollte es nicht viel bedeuten, denn diese Frühnebel gab es fast jeden Tag.

Er wandte sich um: noch immer war Klara nicht erschienen. Ob sie etwa wieder eingeschlafen war? Er ging in den Schlafraum. Joachim Dörstling richtete sich in der Ecke auf und brummte:

»Wollt ihr denn fort bei dem Wetter?«

Der Professor machte ein erstauntes Gesicht:

»Es ist doch ganz schön!«

»So.«

»Kommst du ein Stück mit? Bloß bis an den Einstieg in die Felsen?«

Joachim reckte sich. Er war faul, noch müde, und der Gedanke, heraus zu müssen, begeisterte ihn nicht. Er zögerte, da erschien Klara, schon fertig angezogen, nur in Hausschuhen, in der Tür. Sie sah frisch aus, ihre Augen leuchteten, wie sie sich seitwärts wandte und ein Lichtstrahl aus dem Speiseraum ihr Gesicht traf. Sofort griff sie die eigentlich als Scherz gemeinte Aufforderung ihres Mannes auf:

»Natürlich, Herr Dörstling, Sie kommen mit. Sie wollten doch so eine Kletterei einmal erleben!«

Damit ging sie hinüber, ihren Tee zu trinken, und der Professor fügte noch hinzu:

»Joachim, eine bessere Gelegenheit, die Sache einmal in der Nähe zu sehen, gibt es gar nicht; denn du kannst ohne Mühe, fast eben, bis an den Einstieg mitkommen. Dann steigst du ein Stück das Geröll hinab und kannst uns klettern sehen, oder du kehrst zur Hütte zurück ...«

Er zögerte, er wußte nicht, was er tun sollte; aber durch die Unterhaltung war er vollends wach geworden, schob die Decken beiseite, zog den Kragen seines Wollhemdes zurecht und band die während der Nacht aufgegangene Krawatte. Dann folgte er den beiden andern. Sofort fragte Klara:

»Kommen Sie mit?«

Joachim blickte sie fragend an, und als der Professor gerade wieder in die Tür trat, hinauszuschauen, flüsterte er, indem er sie groß ansah:

»Möchten Sie es?«

Sie schlug die Augen nieder:

»Gewiß, Sie langweilen sich hier auf der Hütte allein.«

»Das täte doch nichts!«

»Aber ... aber dazu sind Sie doch nicht mitgekommen.«

Der Hüttenwart kam mit einer Portion Tee. Joachim sagte nur noch kurz:

»Also, ich gehe mit.«

Dann kam der Professor herein und begann auf dem Tisch seinen Rucksack zu packen. Er tat zwei Paar Kletterschuhe hinein, ein Paar große für sich, ein Paar winzige, zierliche: die seiner Frau. Dann eine Blechtube Vaselin-Lanolin, Handschuhe, eine große Gummiflasche voll Wasser, einen Wettermantel aus Lodenstoff für seine Frau, ein paar Taschentücher, einen zusammenschiebbaren Trinkbecher aus Aluminium, einen Krimstecher, etwas Proviant.

Darauf schnürte er den grün-schilfleinenen Rucksack zu, hing ihn um und nahm ein langes, starkes Führerseil, das zusammengebunden in der Form eines Seerettungsrings auf dem Stuhl lag. Er fuhr mit dem einen Arm hinein und dem Kopf. Dann ergriff er seinen schweren Pickel, gab den kleineren seiner Frau in die Hand und trat in den frischen Nebelmorgen hinaus.

Seine Frau folgte. Zuletzt kam Joachim, der noch allerlei gesucht und nicht fertig werden konnte, weil er unausgesetzt auspackte, um nicht Unnötiges mitzunehmen, und dann wieder in den Rucksack tat, in der Befürchtung, er könnte irgend etwas vergessen, das er später schmerzlich vermißte.

Am längsten hielt ihn die Frage auf, sollte er seinen Wettermantel mitnehmen oder nicht. Er mochte ihn nicht tragen, andererseits hatte er Angst, es könne regnen, und er möchte sich erkälten. Endlich entschloß er sich, als er die brauenden Nebel vor der Hütte gesehen, doch das Kleidungsstück nicht zu entbehren.

Der Professor liebte Unentschlossenheit nicht und haßte die Hüttenbummelei. Er sagte kein Wort, aber an seiner Schweigsamkeit, an seinem Vorwärtsdrängen sah man die Ungeduld. In der Tat eilte er auch so schnell davon, daß nach wenigen Augenblicken seine hohe Gestalt im Nebel nur noch undeutlich, bald gar nicht mehr zu erkennen war. Ein paar Schritte hinter ihm ging seine Frau, die sich immer ab und zu nach Dörstling umdrehte.

Joachim achtete nicht darauf. Er war zu sehr mit dem Weg beschäftigt. Auf den zerkeilten, glattgeschliffenen Steinplatten rutschte er ab und zu aus. Er war nicht berggewohnt wie das Ehepaar. Er mußte immer überlegen, als er jetzt plötzlich am Felsenhang einen deutlich getretenen Pfad hinabging, wie er die Füße setzen müßte, um nicht in den schmalen Tritten hängenzubleiben, sich die Sohlen lockerzutreten, Nägel aus den Stiefeln zu verlieren, die er sich auf Rat des Professors drunten in Schluderbach erst gestern hatte nageln lassen.

Immer meinte er, daß er den nächsten Tritt nicht finden würde. Er stieß sich an die Schienbeine und einmal mit dem rechten eisenbeschlagenen Absatz derartig an den Knöchel des linken Fußes, daß er laut hätte schreien mögen.

Er begriff die beiden andern nicht, die da hinuntersprangen in alter Berggewohntheit, als wäre es der Bürgersteig einer Straße in Berlin, das er, wie sie, doch kaum erst vor einigen Tagen verlassen.

Es kam ihm wie ein Traum vor, die Nacht in der Hütte, und daß er jetzt auf dem Wege war zu den drei Zinnen, den gefürchteten Zinnen, die einen fast klassischen Namen hatten bei den Bergsteigern wie bei gewöhnlichen Talbummlern wie er. Die kleine Zinne hatte lange Jahre für unersteiglich gegolten. Sie standen alle drei in den Reisehandbüchern als »sehr schwierig«, in einigen die kleine sogar als »gefährlich«.

Daß sie Freund Hallbauer überwand, schien Joachim nichts Besonderes, denn er hatte zu oft den Professor als erstklassigen Hochtouristen nennen hören, wenn er auch keinen rechten Begriff damit verband, er, der sich bisher nur immer die Berge von unten angesehen und im Grunde genommen lieber ans Meer ging als in die Alpen.

Im Seebad konnte man flirten, am Strand fühlte er sich in seinem Element, der etwas süße, weichliche Mann mit den schönen Augen. Und wenn seines Freundes Frau nicht gewesen wäre, er säße jetzt heilig und sicher in Helgoland, in Norderney oder noch lieber in Ostende.

Aber Klaras Aufforderung, er möchte mitkommen nach Tirol, hatte er nicht widerstehen können. Er fühlte sich außerstande, ihr eine Bitte abzuschlagen. Das war schon so gewesen fast vom ersten Tage an, als er sie kennengelernt.

Es war vorigen Herbst erst geschehen. Die Freunde hatten sich jahrelang aus den Augen verloren. Joachim lebte meist im Ausland, den Winter in Italien, an der Riviera, in Kairo, den Sommer in eleganten Bädern. Er führte ein Leben ohne Ziel, ohne Beruf. Er war wohlhabend, war ohne Familie und hatte nur, um den für den Deutschen scheinbar notwendigen Titel zu besitzen, den Doktor gemacht. Dann studierte er Kunstgeschichte, doch ohne praktischen Zweck. Ein Examen wollte er nicht machen, einen Lehrstuhl nicht einnehmen, die Museumskarriere nicht einschlagen. Das band, das verpflichtete. Und er wollte ungefesselt sein, an allen Blumen riechen, an jedem Glase nippen. Das Leben wie ein Kunstwerk betrachtend, ein Amateur der Existenz, ein Dilettant, begabt, begeistert, geschickt, glücklich. Ein Mensch der, weil er Zeit, Gesundheit und Geld besaß, alles zu erleben, was das Dasein bot, sich auch berechtigt fühlte, auf dieser Erde zu weilen.

Da hatte er eines Herbsttags auf der Friedrichstraße Professor Hallbauer getroffen. Wiedersehen, Freude, Einladung in sein Haus. Der war verheiratet. Merkwürdig. Wie konnte man nur verheiratet sein! Joachim versprach sich nicht viel von dem Besuch. Sein Freund war ordentlicher Professor an der Universität Berlin, bekannter Operateur.

Der Doktor Joachim Dörstling rechnete auf eine brave Professorsfrau. Er dachte sie sich mit Strickstrumpf und guter Stube. Ein förmlicher Besuch, und er würde abreisen.

Statt dessen fand er eine junge, frische Frau mit braungelocktem Haar, die von allem zu reden wußte, gereist war wie er, mit klugen, hellen Augen in die Welt sah, eine Frau, die ihn fesselte vom ersten Augenblick an.

Er blieb in Berlin. Noch nie war ihm ein Winter so kurz vorgekommen. Bald wurde das Haus seines Freundes, mit dem er zusammen die Schulbank gedrückt, von dem ihn nur dann das Leben getrennt, sein ein und alles.

Den drei Menschen schien durch die Erneuerung alter Freundschaft gleichmäßig geholfen: der Professor freute sich, jemand zu haben, der seiner Frau paßte, seiner Frau, die sonst nicht leicht für einen Menschen eingenommen war, die an allen Kollegen ihres Mannes, überhaupt an jedem noch, der mit ihnen verkehrte, etwas auszusetzen fand.

Klara unterhielt sich harmlos mit Joachim und sah in ihm einen angenehmen Gesellschafter, der ihr erzählte und erzählte, während sie bequem im Lehnstuhl saß, mit einer Blume, einem Papiermesser, irgendeinem Nichts spielend.

Und nicht sie allein ließ ihn schwatzen. Auch dem Professor machte es Spaß, zuzuhören und des Redens enthoben zu sein. Wenn er abends nach Haus kam, pflegte er müde zu sein vom anstrengenden Lauf seines Tages. Vom Beruf teilte er nichts mit. Oberflächlich hätte er von Diagnose und Operation, von Kranken, von klinischen Erlebnissen und Beobachtungen, von seinem Lehramt nicht gesprochen.

Das hatte im Anfang der Ehe Verstimmungen gegeben. Er sollte erzählen – und das war wider seine Natur.

Er war überhaupt nicht leicht mit dem Wort da und deshalb auch kein guter Kathederdozent. »Durch Erleben, durch Sehen lernen wir, nicht durch Reden, durch Hören!« pflegte er zu sagen. Da ließ er denn Joachim erzählen, saß ruhig dabei, oft zerstreut, manchmal durch ein Wort seine Zustimmung andeutend. Wenn er anderer Meinung war, schwieg er. Er fühlte nicht das Bedürfnis, zu widerlegen, seine Ansicht andern aufzunötigen, nicht einmal sie ihnen kundzutun.

Nur wenn das Gespräch auf die Berge kam, richtete er sich im Stuhl auf und nahm reger teil. Seine Frau war es immer, die davon begann, von allem erzählte, was sie »gemacht«, wie ihr Mann sie angelernt, sie zuerst Angst gehabt, aber allmählich gesehen, daß man in seiner Begleitung geborgen sei wie daheim in der warmen Stube.

Dann leuchteten seltsam ihre Augen, wie sie heute früh in der Hütte beim schwachen Schimmer des Lichtscheins geleuchtet, ein förmliches Phosphoreszieren, wie es Joachim nie bei einem andern Menschen, gesehen. Dann blickte sie mit Stolz auf ihren Mann, von dessen Bedeutung als Arzt sie nichts zu ahnen schien.

Immer beredter wußte sie zu erzählen von Bergfahrt und Gefahr, von Anstrengung, von vorbeidonnernden Lawinen, von grausigen Blicken in ungelotete Schlünde und Tiefen, vom Kleben an furchtbarer Felsenwand, vom Klettern auf zersägtem Fels-, vom Schreiten auf messerscharfem Eisgrat.

Es war Gefühl alles; sie warf das Tatsächliche durcheinander, und der Professor verbesserte nur immer die Höhenangaben, Entfernungen, Namen. Er selbst sprach nichts, aber man fühlte, wie er mit allen Sinnen dabei war.

Joachim saß dabei und verstand von den Hochtouren nichts. Er vernahm, wie seine Freunde die Monate, die Wochen, die Tage zählten, bis es, wie alljährlich, hinausging in die Alpen. Er erlebte, wie sie es nicht erwarten konnten, und er fürchtete sich vor dem Augenblick, wo sie in die ewigen Einsamkeiten dort oben stiegen, während er im Tal, in stickiger Tiefe blieb. Es war ihm zumute, als könnten die beiden fliegen, und er kröche und schritte; sie winkten ihm ein Lebewohl zu, dann waren sie droben in den Höhen seinen Blicken entschwunden.

Der Gedanke war ihm entsetzlich. Wem sollte er dann erzählen, bei wem sitzen? Er, der unstet gewesen, hatte bei diesen Freunden endlich ein Heim gefunden. Das wäre nun vorbei? Immer sah er sie vor sich in Gedanken. Klara erblickte er. Die Frau, mit der er stundenlang sprechen konnte, er wußte eigentlich nicht wovon. Die er nie müde ward anzusehen. Die diesen Winter ein Bestandteil seines Lebens fast geworden, das er nicht mehr hinwegdenken konnte.

Je näher die Stunde gerückt war, desto unheimlicher ward ihm zumute. Die scheinbar notwendige Trennung lastete auf ihm, daß er etwas empfand beinahe wie körperlichen Schmerz. Der Professor konnte, wenn es seinen Beruf betraf, seine Kunst, weich werden bis zum Unrecht. Einem Patienten Erleichterung zu schaffen, hätte er sich die größten Anstrengungen auferlegt. Aber bei Hochtouren – das sagte Klara immer und immer wieder – war er wie umgewandelt. Da kannte er keine Rücksicht auf andere Menschen. Eine Störung darin empfand er wie eine Beleidigung.

So konnte Joachim nicht vorschlagen, seine Freunde zu begleiten. Er sprach einmal mit Klara darüber. Er hoffte, sie sollte ihren Mann darum bitten. Doch sie hatte Joachim nur angeblickt wie »ich täte es ja so gern, aber es geht nicht!«

Da hatte er abenteuerliche Pläne geschmiedet: er wollte heimlich ihnen nachreisen, wollte sich trainieren, wollte laufen und laufen und steigen und steigen und mit einem Führer klettern, sich einweihen lassen in alle Geheimnisse der Hochtouristik. Doch ein Bekannter, der Bergsteiger war, machte ihm klar, daß er Jahre der Übung brauchen würde, um dem Professor auf schwierigen Touren folgen zu können.

Joachim gab es auf. Er kannte sich, er war nicht stark. Er war etwas wehleidig sogar: er würde sich blamieren.

Da war etwas ganz Unerwartetes eingetreten: eines Abends, als wieder von den Bergen die Rede war, machte Joachim ein ganz trostloses Gesicht, wurde nervös, ließ sich hinreißen und rief:

»Die verfluchten Berge!«

Der Professor blickte ihn erstaunt an:

»Was haben sie dir getan?«

Joachim ärgerte sich, daß er sich hatte gehen lassen, und sagte traurig:

»Ach, ich weiß schon, die sind nicht schuld. Ich bin nur so traurig, daß wir uns trennen müssen. Dann ist alles vorbei, dann sitze ich ganz, ganz mutterseelenallein!«

Sein Freund antwortete plötzlich, indem er ihm herzlich die Hand bot:

»Komm mit!«

Joachim wollte es fast nicht glauben, aber als der Professor den glückseligen Ausdruck auf dem Gesicht seiner Frau sah, blieb er nicht nur dabei, sondern redete zu, entkräftete Einwände, schwache Gegengründe, ein kaum ernstgemeintes Widerstreben, indem er sagte:

»Du begleitest uns einfach in die Hotels, die großen Standquartiere oder auf die Hütten. Und wenn mal was ganz Leichtes vorkommt, wer weiß, du versuchst dich am Ende mal als Bergsteiger. Soll ich dich anlernen?«

Klara klatschte in die Hände:

»Ja, wir zeigen Ihnen alles. Ich, ich, denn ich verstehe alles ganz genau, wie man das Seil braucht, wie man Stufen schlägt, wie die Griffe am Felsen sind ...«

Sie tanzte im Zimmer herum. Joachims scheinbarer Widerstand war überwunden. Es war alles in Ordnung. Der Professor aber freute sich schon darauf. Er warb gern für das, was ihm das Köstlichste schien auf diesem Erdenrund: für die Berge.

Und dann auch stieg in leiser Selbstsucht, in seiner fanatisch-leidenschaftlichen Hochtouristenseele der Gedanke auf: an den Rasttagen, die seiner Frau wegen eingelegt werden mußten, hatte sie dann Gesellschaft. Dann brauchte er nicht mehr schöne Stunden unten zu versitzen, sondern ging, wenn er sie in Gesellschaft wußte, in der Zwischenzeit allein. Etwa auf Rekognoszierung eines neuen Anstiegs oder um etwas so Schweres zu unternehmen, das er seiner Frau nicht zumuten wollte.

So waren die drei in die Berge gekommen. Und jetzt sah Joachim zum erstenmal mit eigenen Augen, wovon ihm die Freunde den Winter erzählt.

Er wollte mitgehen, soviel er konnte. Er wollte nicht zurückbleiben, wollte mitreden können, wollte sich als Mann zeigen in ihren Augen. Er würde sich schon eingewöhnen, meinte er, wenn ihm auch gestern der Anstieg von Schluderbach drunten im Ampezzotal bis herauf zur Hütte viel Schweiß gekostet und er ihn jetzt noch in den Gliedern spürte.

Er ging als letzter. Weit vorn sah er den Professor, der langsam ausschritt, ganz gleichmäßig, den Pickel wie ein Gewehr unter dem rechten Arm. Hinterdrein folgte mit kurzen Schritten Klara. Und Joachims Auge ruhte mit Wohlgefallen auf ihrer schlanken Gestalt, die ihm ganz verändert erschien und doch von köstlichstem Liebreiz.

Sie hatte das Kleid abgelegt und trug, wie die beiden Männer, ein paar weite Kniehosen. Eine Notwendigkeit bei scharfem Klettern.

Das hatte er noch nie erblickt. Er konnte nicht die Augen davon wenden. Es zog ihn unwiderstehlich an, und als sie sich zu ihm herumwendete mit der Frage:

»Kommen Sie mit? Geht's zu schnell?« vergaß er fast zu antworten.

Sie waren unter den Abstürzen der langen Felsmauer des Paternkofels hingegangen, die noch halb im Nebel steckte. Deren abgebröckeltes Karren- und Schuttfeld querten sie auf schmalem, durch die Bergsteiger mit den Jahren getretenem Fußpfade. Rechts ging es hinab über Schutt, Blöcke, Steine, die ganz unten in der Tiefe sich im Morgendunst verloren.

Aber die Nebel trieben nicht mehr so stark wie in dem Augenblick, als sie die Hütte verlassen hatten. Es kam ab und zu ein Windstoß von den Zinnen herüber, denen sie zustrebten. Er riß Fetzen heraus, trieb die Dünste zusammen, machte die Aussicht, indem er ein Wolkentor öffnete, einmal frei.

Doch Joachim konnte nicht aufblicken, er ging zu unsicher, er mußte zu sehr auf die Stelle achten, wo er seine Füße hinsetzen wollte.

Da hielt Klara mit einem Male inne. Sie stützte sich auf den eingestemmten Pickel und rief mit Staunen, in Freude und Bewunderung:

»Da ... da ... die Zinnen!«

Auch der Professor vorn war stehengeblieben, aber er rief nur mehrmals hintereinander:

»Ah! Ah! Ah!«

Joachim blickte auf. Die Nebel hatten sich zerteilt, unten hingen sie noch in einem grauweißen Band zusammen, das um den Fuß der Felsen geschlungen schien, darüber aber wichen sie zur Seite, und ein paar Kolosse, kirchturmgleich, überkühne, jähe, gotische Kathedralen, stiegen vor seinen erstaunten Blicken in den eben morgendlich sich rötenden Himmel empor.

Ein fahles Licht umzirkelte das wundersame Gebilde, unten violett, oben gelblich, in dem Morgenhimmel verblassend, der sich aufhellte mit jeder Sekunde.

Die Felsen waren zerborsten und zerfressen, durchbrachen gleich Spitzensäumen, in gotisches Ornament übergehend. Sie glänzten rötlich in der jungen Nebelsonne. In Bändern waren sie aufgebaut, in gewaltigen Schichten und Absätzen, die rund um die gewaltigen und doch schlanken Steinmassen zu laufen schienen. Schmale Risse durchzogen hier und da das Gestein, furchtbare Kamine, ins Leere mündend, mit eingekeilten Blöcken, Verwitterungsstücke, die den Schlund sperrten.

Immer freier wurden die Türme, immer weiter zogen sich die Nebel zurück, und schließlich standen die Ungetüme da, Riesensäulen, eine Masse, ineinander übergehend, daß man nur die vorderste, die kleine Zinne sah, während zur Rechten die glatten entsetzlichen Wände der großen sie fortsetzten. Sie schienen unnahbar, unmöglich zu erklimmen, wie sie so in einer Riesenflucht aus den Schutt- und Geröllfeldern grau in den Himmel stiegen, rot an den Abbruchsstellen und oben, ganz oben, goldig von den ersten morgendlichen Strahlen erhellt.

Joachim mußte den Hals recken, um hinaufzuschauen. Er fühlte sich wie benommen, er hatte einen solchen Anblick nicht erwartet, nie für möglich gehalten. Und wie er hinaufschaute zur Spitze des Riesendomes, sah er weiße Wolken darüber ziehen, die fast den schmalen Gipfel zu streifen schienen, als wollten sie das bröckelnde Gestein herabfegen beim Darübergleiten.

Da schien der Riesenfelsbau zurückzufließen. Es war Joachim, als bewegte er sich, als käme er ins Schwanken, als stürzte er ihm entgegen. Ihm wurde schwindlig. Und er mußte den Blick senken. In dem einen Augenblick stand ihm alles vor Augen, ihm, der nie eine Besteigung erlebt. Er sah die beiden andern wie die Fliegen an den Felsen kleben, er sah sie als kleine, schwarze Punkte, winzige Menschlein, ohnmächtig, verstiegen in den furchtbaren Wänden, daß sie nicht vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten.

Die Angst packte ihn, ein die Brust zusammenschnürendes Gefühl, als wäre er wirklich dabei. Er mußte sich an seinen Bergstock halten, den er noch einmal fest ins Geröll stieß. Und plötzlich befiel ihn der Gedanke an die Frau vor ihm. Auch sie kannte die Zinnen nicht. Eine jähe Beklemmung kam ihm: Furcht um sie.

Doch sie schaute, auf den Pickel gelehnt, genau in der gleichen Stellung wie ihr Mann hundert Schritt vor ihr, hinauf zu den gotischen Felsentürmen und sagte staunend:

»Gott, ist das schön!«

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