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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
projectide72a60fc
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18.

Kurz vor dem Abstieg trat Jörgl Tschurtschenthaler zum Professor und fragte ihn, ob er etwa in Tre Croci etwas von den beiden Engländern gehört hätte, die vor zwei Tagen mit der Post in Schluderbach angekommen wären.

»Was ist mit ihnen?«

»In Tre Croci sind s doch nit g'wesen!«

»Nein.«

»Der Sepp und der Hansl meinen, sie müßten hingekommen sein, wir müßten's wissen.«

»Welche Tour haben sie denn gemacht?«

Die beiden andern Führer kamen dazu, und es stellte sich heraus, daß sie dem Wirt in Schluderbach gesagt hatten, sie würden einen neuen Aufstieg auf den Cristallo von Norden versuchen und auf dem gewöhnlichen Wege nach Tre Croci absteigen. Dahin mußten sie gestern gekommen sein. Und so eine neue Tour, wahrscheinlich eine sehr schwierige, würden sie unbedingt in Tre Croci erzählt haben.

»Nach Schluderbach sein s' nit zuruckkommen, dös weiß i bestimmt!« meinte Hansl. Unwillkürlich gingen sie an den Rand des Gipfelplateaus vor und starrten die furchtbaren Hänge hinunter, die in gewaltigen Absätzen zum Cristallogletscher abstürzten.

Der Professor war an den Steinmann getreten, der ein Gipfelbuch enthielt das zum Schutz gegen die Witterung in einer Blechkapsel steckte.

Wenn die beiden Führerlosen die Spitze erreicht hatten, würden sie sich wohl bestimmt eingeschrieben haben mit ein paar Daten über den neuen Weg, den sie gemacht.

Das Gipfelbuch verzeichnete nicht ihre Namen.

Sie hatten also offenbar den Cristallo gar nicht erreicht.

Nun blickten sich die vier mit ernsten Mienen an. Der Gedanke an einen Unglücksfall drängte sich ihnen sofort auf. Aber der Professor schärfte den Führern ein, kein Wort zu verlieren, bis der Abstieg wenigstens so weit vollendet wäre, daß die Felsen hinter ihnen lägen. Sie sollten ihre Herren nicht nervös machen, die in Sicherheit zu bringen ihre nächste Pflicht schien, während etwaige Nachforschungen nach der fehlenden Partie erst dann ins Werk gesetzt werden durften.

Der Professor nahm einen Bleistift und setzte schnell seinen Namen mit Datum auf das letzte, beschriebene Blatt des Gipfelbuches, ganz unten hin, wo er noch knapp Platz fand, dann rief er:

»Kläre, Dörstling, wie wär's mit dem Aufbruch? Aber erst einschreiben.«

Und er betrachtete die beiden scharf einen Augenblick, wie sie herantraten. Ein durchdringender Blick aus den schwarzen Augen durch die Brillengläser auf Joachim. Ein ängstliches Suchen auf seines Weibes Zügen. Beide merkten nichts davon. Beide blieben unbewegt.

Wieder war aller Verdacht, alle Beängstigung aus des Professors Seele gewichen, und mit all seinen Gedanken bei den Bergen, stieg er an der Nordseite des Cristallogipfels ein Stück ab, um hinunterzuspähen, ob er vielleicht irgendwo Spuren fände.

Es war nichts zu entdecken.

Er kletterte in dem furchtbar brüchigen Gestein noch ein Stück hinunter, bis er an ein Schneeband kam, dessen vereiste Flanke ein Weiterdringen ohne Pickel nicht rätlich zu machen schien. Er versuchte mit Fußspitze und Absatz Stufen zu treten – der glasharte Boden widerstand seinen Anstrengungen.

Nun beugte er sich vor: über die beschneiten, zähen Hänge und Wände war es nicht möglich, den Einstieg in die Felsen der Hauptspitze des Cristallo zu sehen. Nur die banddurchsetzten Mauern des mittleren Cristallokopfes, der Cresta Bianca, die im Winkel zum eigentlichen Cristallogipfel standen, zeigten ihre stummen Flanken, jungfräulich, unberührt von Menschenfuß und -hand.

Der Professor kletterte ein paar Tritte zurück, um auf aperem Felsen über eine schmale Rippe noch etwas tiefer zu gelangen. Dort konnte er ein Stück des steilen Cristallogletschers übersehen, in dessen wie halbgeöffnete Lippen sich öffnende Spalten man hinabblicken konnte.

Mit allen angespannten Sinnen suchte der Beobachter dort oben nach Spuren einer Partie, abseits von den gewöhnlichen Wegen.

Er ließ sein Auge über den Schnee gleiten, und bei jedem dunklen Punkt machte er halt, aber immer klärte sich der Gegenstand auf natürliche Weise auf, als Felsblock, als Spalte, Eisloch, Riß, eingesunkener Firn.

Nun wollte er den Fels beobachten, aber dort standen tausend Zacken gleich menschlichen Gestalten, und die Phantasie konnte aus jedem Kamin einen Körper machen. Er gab es auf und stieg vorsichtig zum Gipfel hinan.

Er dachte an nichts anderes mehr, als den vielleicht in Not befindlichen Berggenossen Hilfe zu bringen. Eine kleine, vernickelte Torpedopfeife, die er nebst Kompaß, starkem Nickfänger, Feuerzeug auf allen Touren bei sich trug, zog er aus der Tasche und stieß heftig hinein. Ein kurzes Sausen, ein Steigen des Tones folgte, ein Anschwellen zu scharfem, ohrenbetäubendem, weittragendem Pfiff.

Alles wieder still. Er lauschte. Keine Antwort. Nur das große, erhabene Schweigen des Hochgebirges.

Noch ein Pfiff.

Da kam Tschurtschenthaler von oben.

«Herr Professor, i hab das Glas mitgebracht von dem Herrn Doktor. Wie heißt er doch? Taifel, i kann ka Namen nit behalten.«

Der Professor blickte empor, und in diesem Moment war es ihm, als hätte er etwas Außergewöhnliches gesehen. Er wußte nicht, was. Nur eine Ahnung hatte er; ein Instinkt war es. Er suchte, aber er fand das nicht wieder, was ihm aufgefallen war. Doch – merkwürdig – als er sich abermals zu Jörgl herumdrehte, der langsam zu ihm herabgestiegen kam und die Hand ausstreckte nach dem Goerztrieder Joachims, hatte er es plötzlich wieder gesehen.

Nun wußte er, wo. Drüben am Popena.

Sofort griff er nach dem Glase und hielt mit dem Instrument den Fleck fest, den sein unbewehrtes Auge zufällig getroffen. Es war ein kleines Schneefeld zwischen Zackentürmen, die auf der Nordseite des Berges wie umgekehrter Tropfstein emporwuchsen, einem Hahnenkamme gleich.

Etwas Schwarzes lag darauf.

Der Professor starrte hinüber, als suche er an zuckend-lebendigem Fleische vor ihm auf dem Operationstisch die Stelle, wo er das Messer ansetzen mußte.

»Ein Mensch!« sagte er, während Jörgl mit offnem Munde neben ihm stand.

»Wo soll's sein?«

»Am Popena.«

»Oha!«

»Dort zieht der kurze Grat hinauf. Dort der keuenförmige, kleine Turm.«

»A Platten oben?«

»Nein, der mit der Platte ist ...«

Plötzlich rief Jörgl:

»Do, do, unter der schiachen Stelle. O je ... natierli ... do liegt aner.«

Er hatte mit seinen scharfen Führeraugen auf dem weißen Leichentuche des Firns den Menschen erkannt. Und lange blickten die beiden hinüber, um festzustellen, ob die Gestalt sich bewege. Sie rührte sich nicht.

Endlich sagte der Professor sehr ernst:

»Jörgl, wir müssen hin.«

»I mein a.«

»Kommen Sie. Aber reinen Mund. Erst bringen wir die Touristen hinunter.«

Noch einen langen Blick warf der Professor mit dem Glase hinüber. Er wollte sich noch einmal überzeugen, ob der Mensch dort drüben, der auf dem Rücken lag, sich bewegte. Nicht um Haares Breite. Dann suchte er die Felsen darüber und darunter ab, doch gerade an diesen Wänden war ein solches Gewirr von Zähnen, Obelisken, Türmen, Säulen, eine derartige Wildheit und Zerrissenheit, daß der kleine Schneefleck allein ausgespart schien, um die sich dunkel abhebende Gestalt eines von den Bergen Abgewiesenen zu zeigen.

Stumm kletterten die beiden zurück. Als ihre Köpfe fast gleichzeitig über das Plateau tauchten, fuhren Klara und Joachim jäh auseinander. Sie hatten sich scherzend über das Gipfelbuch gebeugt, und der Frau etwas wirr gewordene Locken schienen, gegen den strahlenden Himmel, sich mit dem dunklen Barthaar des Mannes zu vermischen.

Der Professor dachte nur an das, was eben seine erschrockenen Augen gesehen, und er sagte, obwohl er sich Mühe gab, daß man ihm nichts anmerken sollte, fast düster zu seiner Frau:

»So, nun Abstieg.«

Klara rief:

»Ich habe mich ja noch nicht eingeschrieben!«

Kurz gab er zurück:

»Dann mag dich Dörstling mit eintragen. Ihr habt doch wahrhaftig Zeit genug gehabt.«

Es war so barsch herausgekommen, daß ihn Klara groß ansah. Und in ihren Augen, die sich zur Hälfte wie lauernd schlossen, leuchtete eine plötzliche Idee auf: Ahnte er etwas? Warum war er nervös, warum hart gegen sie?

Doch er legte ihr, ohne eine Miene zu verziehen, das Seil um, und was in ihren Augen aufgeflammt, war auch im selben Moment wieder verschwunden. Sie sah ruhig zu, wie Joachim das Gipfelbuch sich aufs Knie legte, die letzte Seite aufschlug, wo des Professors Eintragung unten stand. Dort war kein Platz mehr. Darum blätterte er um, und nun schrieb er Klaras und seinen Namen dicht untereinander oben auf das leere Blatt. Und da die Zeit drängte, gab er das Datum dahinter nur einmal in der Mitte an, zwischen beiden Zeilen.

Er war zerstreut. Er dachte an Klara. Er las noch einmal ihren Namen und nahm den Bleistift, um durch eine Klammer anzudeuten, daß die Tagesangabe für beide gelte.

Erst als er den Schnörkel gemacht, ward es ihm klar, daß das so aussah, als gehörten die beiden Namen zusammen, die verbunden standen, ganz allein auf dem leeren Blatt. Und schnell schlug er das Buch zu.

Er fühlte eigentlich eine gewisse Beklemmung beim Gedanken an den Abstieg. Doch als Jörgl ihm das Seil umlegte, machte er den Versuch, einen Juchzer auszustoßen. Er blieb ihm zur Hälfte in der Kehle stecken.

Er wünschte, Klara möchte vorangehen, um nicht von ihr beobachtet zu werden, wenn er sich ungeschickt benahm. Doch der Professor sagte nur kurz:

»Jörgl, fangen S' an. Wir machen weniger Steine los.«

Dann zu Dörstling:

»Du mußt dich ein bißchen in acht nehmen, weil die beiden Herren unter dir sind, daß sie nichts abbekommen.«

Joachim dachte daran, daß oben über ihm ein Paar geliebte Augen ihm folgten. So versuchte er, in die furchtbaren Schlünde gar nicht hinabzublicken. Sein Atem ging keuchend. Bald begannen seine Hände, klein und zart wie die einer Frau, zu zittern von der ungewohnten Anstrengung. Seine Füße wurden unsicher, und ein paarmal schlug er sich ungeschickt mit den nagelbewehrten Sohlen gegen den Knöchel des andern Fußes, wie ein müöe werdender Gaul, der in die Eisen klappt.

Er bat ab und zu um Rast. Dann ließ er sich halb sitzend nieder, aber ein »Geht's gut?« Klaras trieb ihn sofort weiter.

Die Platte kam, die ihm vorhin Mühe gemacht. Er meinte, dort könne er nie hinunter, aber Jörgl rief:

»I halt schon, Herr Doktor. Rutschen S' nur abi. Lassen S' los. So, herumdrehen jetzt. So, schaugen S', da sind wir unten. Und nun bleiben S' stehen, i komm nach.«

Wie eine Katze kletterte der Führer herab, und als er neben Joachim stand, sagte er und wies grinsend die Zähne:

»Das war die berühmte Grohmannplatte!«

»Aha!« meinte Joachim außer Atem. Dann starrte er hinauf, wie Klara zu klettern begann, und als die junge Frau lachend neben ihm stand, tauchten ihre Augen tief ineinander, während ihr Mann, das Gesicht zur Wand, ernst, ruhig, sicher niederstieg.

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