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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
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16.

Die Rast war lang. Joachim brauchte Zeit, sich zu erholen. Er trank wieder. Für die Aussicht hatte er wenig Interesse, und der Professor quälte ihn auch nicht damit.

Er stand sinnend ein Stück zurück, den Fuß auf einen Block gestemmt, das Seil in der Hand, das zu Klara hinüberlief. Sie saß auf einer großen Platte und aß, langsam kauend, ein Butterbrot, während sie in Gedanken verloren in die Tiefe hinuntersah, wo bläulich dämmernd Cortina lag.

Der Professor betrachtete noch immer mit starren Augen seine Frau. Er verstand nicht, wie durch einen einzigen Blick sich das in seine Seele geschlichen haben konnte. Er begann zu zweifeln. Der Verstand hatte ihm das nicht gesagt. Woher kam es? War es nur Gefühl? Das Gefühl täuschte so leicht.

Er sah Klara an mit angespanntester Aufmerksamkeit, mit ängstlichem Ausdruck. Er wollte in ihren Zügen lesen. Er hatte doch, wie er meinte, bisher alle ihre Gedanken erraten. Aber er entdeckte nichts. Sie verrieten nichts. Sie waren unbewegt. Und nachdem er lange hingesehen, kam ihm die Überzeugung, es könnte nichts sein. Es war ein Irrtum. Er schalt sich sogar, wie er nur hatte auf solche Idee kommen können.

Als sie nun aufbrachen, vermochte er es doch nicht gänzlich von sich abzuschütteln. Irgend etwas war hängengeblieben. Ein Unmut, eine leichte Unbehaglichkeit, eine Verstimmung.

Und die ersten Absätze zum Grate hinauf, der sich von hier im rechten Winkel fast zum bisherigen Wege zum breiten Cristallohaupte hinanzog, war er so zerstreut, daß er statt leicht halbrechts die Höhe der Felsen zu gewinnen, sie geradeaus zwang an einer überhängenden Stelle. Dort lagen die kleinen Absätze hoch voll bröckeligem Schutt, sogleich verratend, daß hier der unbewußt alles Lose forträumende Anstieg all der früheren Partien nicht gegangen sein konnte.

Der Jörgl mußte mit seinem Herrn unten warten auf der breiten Fläche des Köpfls. Er sah verwundert der Kraxelei des berühmten Hochtouristen zu, der eine fast unmögliche Stelle wählte, statt der leichten Schroffen rechts.

»Hier geht's besser!« meinte Klara und bog aus. Er sah sie halb erstaunt, halb erschrocken an. Es konnte nicht sein. Es war unmöglich. Er begann, sich sogar Vorwürfe zu machen, daß er überhaupt an ihr hatte zweifeln können. Aber der Blick! Der Blick. Der Blick hatte ihn getroffen wie ein Schlag. Solches Ineinandertauchen der Augen! Und dabei hatten sich ihre Lider halb geschlossen auf ganz seltsame Art, und ein Lächeln lag um ihren Mund, ein entsetzliches, vertrauendes, erinnerndes, hingebendes Lächeln, wie er es kannte aus der allerersten Zeit ihrer Ehe.

Er konnte es nicht vergessen. Er kletterte stumpfsinnig, geistesabwesend über den Grat, der sich hob und senkte.

Sie mußten nach einiger Zeit innehalten, denn Joachim blieb zurück. Hier, wo die vorausgehende Klara meist seinen Blicken entzogen blieb, kletterte er schlechter. Ihr Beispiel fehlte. Es war, als sei ihm der Nerv ausgegangen. Immer häufiger bat er den Führer um einen Augenblick Geduld, blieb stehen, das Gesicht zum Fels gekehrt, an dem er sich mit einer Hand hielt, während er die andere an die schwer atmende Brust preßte.

Währenddessen stand Jörgl ein Stück weiter oben auf dem Grat, das Seil in einer Schlinge in der Linken, die Rechte am buntbemalten Porzellankopf der Pfeife, die ihn auch beim Klettern nie verließ. Er warf einen Blick von dem schmalen Felsenort in die furchtbare Tiefe, zu der links der Grat in riesigen Wänden abstürzte, einen Blick ganz unbewegt: es tat ihm nichts. Die Spitze seines Nagelschuhes ragte ein Stück über den Absturz hinaus; es tat ihm nichts. Mit seinen scharfen Augen suchte er dort unten irgend etwas, den Anstieg von dieser Seite oder eine Gemse auf dem Schutt oberhalb des letzten Baumwuchses, fast senkrecht unter ihm.

»So, nun weiter!« rief Joachim, und der Führer kletterte langsam fort. An einer Stelle drehte er sich herum:

»Warten S' jetzt mal a bißl, bis i ruf'. Und treten S' do zur Seiten. Na, na, do nit. Weiter links. Do. Daß nit an Stoan oan Schädel kriagn.«

Joachim trat ängstlich an die bezeichnete Stelle und hielt sich, das Gesicht zur Wand gekehrt, krampfhaft fest, indem er die Finger in die tiefen Ritzen des zerborstenen Kalkfelsens klemmte. Dabei lugte er hinüber. Der Führer wickelte das Seil von der Schulter ab, das nun in Ringen sich um die Felsen schlängelte, dann stieg er über ein paar leichte Absätze zu einer einige Meter hohen, plattenartig glatten, stark geneigten Stelle, die unmittelbar an der Höhe des Grates selbst endigte. Er setzte an, hielt sich an einer Wulst, stemmte die Fußspitze gegen eine Erhöhung, und während das Seil ihm nachglitt, zog er sich mit katzengleicher Gewandtheit hinauf, schwang sich oben auf die Kante und stand bald ruhig oben, indem er das schlaffe Seil anzog mit dem Rufe:

»Los!«

Joachim betrachtete unruhig die Stelle, unter der sich steile Felsen und Schroffenhänge in die Tiefe zogen. Aber wieder machte ihm der Gedanke an Klara Mut. Er hatte sie gar nicht mehr gesehen, vielleicht waren sie schon oben und er noch so weit zurück. Da versuchte er, an der glatten Platte Halt zu finden.

Unausgesetzt gab ihm Jörgl, der sich oben hingesetzt hatte und das Seil straff hielt, Weisungen:

»Na, mit dem andern Fuß anfangen. – So, die rechte Hand an den Griff. – Bißl höcher! – Haben S' kei Angscht, i halt schon. – Nun mit dem Knie.«

Joachim strengte sich an, soviel er konnte, aber er rief verzweifelt:

«Es geht nicht.«

Jörgl zog das Seil noch stärker an:

»Taifel, sell wär g'fehlt! Passen S' auf, es geht leicht!«

Joachim arbeitete mit aller Anstrengung, und der Führer zog so kräftig, daß der verzweifelte Tourist fast ohne Hände und Füße hinaufgelangte. Am oberen Rande der plattenartigen Stelle blieb er auf dem Magen liegen. Als er auf der andern Seite, unmittelbar unter ihm, den tiefen Absturz des Grates sah, ein Blick, wie ihm schien, so schauerlich, wie er noch nie Ähnliches erlebt, rief er laut:

»Halten Sie fest! Halten Sie fest!«

Jörgl zeigte lachend die Zähne und reichte ihm die Hand, ihn zu seinem Stützpunkt zu ziehen. Dort blieb Dörstling erschöpft sitzen. Im selben Augenblick klang aber von oben vom Grat, wie eine Antwort auf den flehentlichen Ruf »fest«, Klaras fröhliches Juchzen. Und von unten, etwa vom Köpfl aus, tönte die zweite Antwort, ein langgedehntes Rufen, während man in der nun folgenden Stille das Poltern und Schüttern und Rauschen, das kurze Aufschlagen und Abspringen von Steinen hörte, die oben wie unten die Kletternden losgemacht.

Tschurtschenthaler schickte nun seinerseits einen hohen, klagenden Schrei hinaus auf zwei Tönen, und eine Zeitlang war es, als sei der ganze Cristallo lebendig geworden. Von allen Seiten klangen die Rufe, antworteten, weckten ein Echo, feuerten an zu neuem Versuch.

Nun gewann Joachim Mut. Er nahm alle Kraft zusammen, um weiter zu kommen. Seine Knie und seine Hände zitterten, sein Herz klopfte, sein Atem ging stürmisch, aber der Gedanke, Klara zu erreichen, die wohl schon längst auf dem Gipfel war, spornte ihn immer von neuem an.

Er fragte Jörgl:

»Wie weit ist's noch?«

Der antwortete, die Pfeife im Mundwinkel baumelnd:

»I moan, a kloane Viertelstund!«

Aber als schon geraume Zeit vergangen war und noch immer der Grat weiterging, an dessen Zähnen, Zacken sie langsam sich dem Gipfel näherten, sagte der Führer abermals auf Joachims nun schon fast verzweifelte Frage:

»A kloane Viertelstund.«

Klara hatte warten wollen, doch ihr Mann sah sie kurz und fast hart an und meinte:

»Er wird schon kommen!«

Sie war verstimmt, und als der Cristallogipfel, ein zum Teil schneebedecktes, kleines Plateau mit einem großen Steinmann, vor ihnen lag, fand sie keinen Ausruf der Freude.

Ihr Mann trat heran, das Seil zu lösen. Während er den Knoten an der schlanken Taille Klaras öffnete, blickte er sie forschend an. War es möglich? Konnte denn zwischen den beiden ein Einverständnis sein? Was verbarg sich hinter dieser Stirn, die der grüne Schleier noch verhüllte, den sie zum Schutz gegen den Sonnenbrand umzubinden pflegte.

Der Ausdruck ihrer Züge, ihrer Augen war ungetrübt. Keine Verlegenheit, nicht einmal die leiseste Befangenheit war zu spüren.

Er nahm das Seil ab, und das Ende noch in der Hand, blieb er stehen. Sie aber ging ruhig auf dem Geröll ein Stück hin und blickte in die Weite. Es war, als besähe sie die Aussicht, als suche sie etwas, vielleicht bekannte Berge, Punkte, wo sie gewesen.

Der Professor rollte das Seil langsam zusammen, um es in der Nähe des Steinmannes auf den Boden zu legen, damit seine Kläre weich säße. Eine große Steinplatte richtete er dahinter auf wie eine Lehne.

Noch immer sah sie hinaus. Er folgte ihrem Blick. Was suchte sie?

Da mit einem Male ward es ihm klar: sie suchte ihn, den andern, seinen Freund, Joachim Dörstling. Sie wartete auf ihn, sie wollte ihn bewillkommnen, sich vor ihm zeigen, daß sie, die Frau, längst da war. Sie dachte nur daran, an ihren Mann nicht. Sie fragte nur danach, was der andere dazu sagen würde.

Von drunten tönte Joachims Rufen.

Der Professor schwieg. Aber Klara antwortete. Natürlich, sie mußte antworten. Und als ihre helle Stimme mit einem Jubelschrei weit hinausklang in die hohe, klare Bläue, da zuckte er zusammen, als täte ihm der Willkommen wehe, der gegen ihn gerichtet schien, denn er galt einem andern, dem er nicht gelten durfte, wenn ... wenn ...

Der Professor überlegte. Ja, was war denn geschehen? Was hatte Klara getan? Wußte er etwas? Nein, nichts, es war nur ein Verdacht, ein flüchtiger, schmählicher Verdacht!

Er suchte die seltsame Stimmung, die ihn überkommen, abzuschütteln. Wie konnte er seine Frau im Verdacht haben! Seine Kläre, sein Närrchen! War es nicht unerhört?

Und doch, doch ... der Blick, wenn der Blick nicht gewesen wäre!

Nur fragte er sich, wie es möglich wäre, auf ein Tauschen der Augen so etwas zu bauen. Und was sollte es denn sein? Was könnte sie mit ihm haben? Sie stand über jedem Verdacht. Andere Frauen, ach Gott, ja, vielleicht, aber sie, sie – nein, unmöglich. Es war ja einfach zum Lachen!

Es war nur, weil sie sich so lange, so genau jetzt kannten, weil sie fast ausschließlich miteinander verkehrten – sie sahen ja beide keinen andern Menschen mehr – da waren die beiden so familiär geworden. Weiter konnte es nichts sein.

Aber ... aber ... was die klügelnde Vernunft ihm auch sagte ... immer stand wieder vor seiner Phantasie der seltsame Blick, ein Anschauen, wie es nur zwei Menschen tun, die sich ganz nahestehen. Es hatte etwas darin gelegen, etwas ... er hatte keinen bestimmten Ausdruck gewußt, etwas, das zu seiner Kläre nicht paßte, etwas – etwas Unreines.

Und als hätte es nur der Beschäftigung mit diesem Gedanken bedurft, um ganze Ketten und Reihen anderer heraufzuführen, standen plötzlich Beobachtungen vor seiner Seele, denen er keinen Wert beigemessen und die doch jetzt plötzlich sich ihm aufdrängten, in unabsehbarer Folge. Erinnerungen an Worte, die gefallen, an irgendein seltsames Benehmen Klaras, an eine Szene, eine Übelnehmerei, an Ausbrüche schlechter Laune.

Er erinnerte sich, wie sie jedesmal beim kleinsten Tadel Joachim angeblickt, als wollte sie Schutz finden bei ihm gegen die Ungerechtigkeit ihres Mannes.

Eine Szene in Schluderbach fiel ihm ein. Klara saß mit Joachim auf einer Bank am Waldessaum. Er fragte, ob sie mit ihm spazieren ginge, und sie hatte Dörstling mit den Augen zwinkernd ein Zeichen gegeben, nein, sie wollten sitzenbleiben. Sie waren geblieben. Karl ging allein.

Und dann, wie er noch auf die kleine Zinne von Norden gewollt – hätte sie sonst nicht gefragt, ob sie nicht mitdürfte? Und das gleiche jetzt bei der Croda da Lago. Sonst würde sie darauf gebrannt haben, ihn zu begleiten. Und diesmal? Nicht ein Wort hatte sie gesagt. Joachim konnte nicht mit, also ging sie auch nicht. Sie blieb bei dem Freunde, während ihr Platz an der Seite des Mannes gewesen wäre.

Aus Berlin fielen ihm Szenen ein, die er mit schmerzhafter Deutlichkeit vor sich sah, wie eine Nachtlandschaft, jäh durch einen Blitzstrahl erleuchtet, uns Gegenstände haarscharf zeigt, von denen wir, nachdem wir sie nun erblickt, nicht begreifen können, daß wir aus den Schatten nicht längst die Umrisse errieten.

Nun beobachtete er Klaras Bewegungen, jedes Zucken in diesem Gesicht, von dem er doch meinte, jede einzelne Falte zu kennen. Er starrte hin, als hinge davon sein Lebensglück ab.

Schon sah man Jörgls Hut über die Felsen auftauchen. Der Führer drehte sich herum und zog das Seil ein. Dörstlings Kopf erschien.

Der Professor krampfte die Hände zusammen in dem unerbittlichen Gefühl des Rächers: »Wenn du mir einbrichst in den Frieden des Hauses, so erkläre ich dir den Krieg. Wenn du mir den Frieden der Berge störst, meiner reinen, keuschen Berge, mit bösen Menschengedanken, wenn du mir befleckst, was mein ist, mein Weib, meine große heilige Natur – mag geschehen, was da will, dich mache ich stumm. Hier bin ich Herr, hier in den Bergen, hier bist du der Eindringling wie in meine Ehe. Schändest du mir beide, so ... so ...«

Er dachte nicht zu Ende. Aber wie er Joachims Schultern über den Grat kommen sah und die Hände, die eben krampfend den Fels umfaßten, da wußte er den Schluß seines Gedankenganges. Er wußte, daß, falls diese Hand gewagt hätte, anzutasten, was sein war, er sie losreißen würde so von seinem Weibe, wie von der reinen Natur, die sie besudelte.

Jetzt richtete sich drüben die Gestalt ganz auf. Unsicher legte sie die letzten Schritte zum Gipfel zurück. Joachim nahm Jörgls Hand, und Tritt um Tritt geführt, die Augen ängstlich jedesmal auf die Stelle gerichtet, wo der Fuß ruhen sollte, betrat er den Monte Cristallo.

Dörstling sah dunkelrot aus, und ehe er hatte bewillkommnet werden können, ließ er sich neben dem Steinmann nieder. Er versuchte zu sitzen, er wollte sich ausstrecken: sein armer, übermüdeter Körper vermochte keine Lage zu finden, in der er es ausgehalten hätte.

Jörgl bot ihm die Hand.

»Sell wär der erschte Berg, Herr Doktor!«

Joachim schlug nur matt ein und lehnte es sogar ab, des Seiles entledigt zu werden.

»Nachher! Nachher!«

Er war zu müde.

Der Professor hatte keinen Blick von seiner Frau gewendet. Die hatte den Erschöpften kommen sehen und empfand Mitleid mit ihm. Aber sie mochte es nicht zeigen und wandte sich ab, ohne eine Miene zu verziehen.

Ihr Mann aber lächelte. Er war jetzt ganz ruhig. Hatte er denn nur geträumt? Woher die traurigen Gedanken? Konnte eine Frau, die auf der kleinen Zinne gewesen, auf Matterhorn und Trafoier Eiswand, Interesse nehmen an diesem Manne?

Und den Professor überkam fast Mitleid mit dem Freunde, der jetzt trotz der Röte bleich geworden war. Er wandte sich an Klara, als wollte er es ins rechte Licht rücken:

»Kläre, hast du nicht für Dörstling einen Kognak?«

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