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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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15.

Es war kalt am andern Morgen, als die Partie sich in der Glasveranda zusammenfand.

Der Professor setzte sich sofort an den Tisch und löffelte schweigend seinen Tee. Klara durchsuchte noch einmal den Rucksack ihres Mannes, um sich zu überzeugen, ob auch alle die Kleinigkeiten darin wären, deren ihre weibliche Sorgsamkeit auf den Touren bedurfte. Dann trank auch sie schweigend ihren Kakao.

Joachim war etwas später gekommen. Er nahm ein so großes Brot zum Kaffee, daß es den Anschein hatte, als wollte er Vorrat essen. Aber es schmeckte ihm nicht. Die Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, vertrieb ihm den Appetit. Er wollte Unterhaltung beginnen, doch er wußte nicht, was er hätte sagen sollen. Das einzige wäre gewesen, vom Berge zu sprechen, und das konnte er nicht, denn es lag ihm nur eine Frage auf der Zunge, die er hätte einem nach dem andern vorlegen mögen: »Ist der Cristallo sehr schwindlig?«

In dem allgemeinen Schweigen war es ihm eine Erlösung, als Jörgl zu ihm trat mit der Bitte, ihm sein Gepäck in den Rucksack zu geben. Dörstling wollte alles selbst tragen. Als Joachim nun dem Führer bloß seinen Wettermantel gab, nahm Jörgl Tschurtschenthaler einfach seines Herrn Rucksack, mit Handschuhen, Halstuch, zweiter Weste, Gamaschen, Gletschersalben, Büchsen, Kompaß und Aneroïd, lauter mehr oder weniger unnützen Dingen, um deren Mitnahme der Tourist bei jedem einzelnen Stück eine Viertelstunde überlegt hatte.

Joachim wollte sich sträuben; aber schon hatte der Tiroler den ganzen Schnerfer, wie er war, in den seinen gesteckt, hing die Last um, warf sich das Seil über die Schulter und nahm den Pickel zur Hand.

Dann ging es schweigend aus dem matten Lampenschein des Gasthauses in den dunkeln, kalten Morgen hinaus. Eine Pfütze vor dem Haus war gefroren. Die Sterne am Himmel verblaßten. Vor ihnen lag ein dämmerndes, nebelverhülltes Ungewisses: die nahe Cristallogruppe, zu der sie nach wenigen Schritten schon durch Krummholz hinanstiegen.

In den Latschen war ein Weg ausgetreten, dessen weißer Kalk aus dem Schwarzgrün des windgebeugten, am Boden kriechenden Nadelholzes leuchtete. Im Gänsemarsch gingen sie hinauf. Sobald die Steigung begann, ganz langsam, etwas vornübergebeugt, mit gebogenem Knie. Joachim überholte sofort die andern und eilte voraus, als wollte er seine Rüstigkeit zeigen. Der Professor lächelte, als sein Freund an ihm vorbeiging, und keiner der drei nun Zurückbleibenden verschärfte deswegen um einen Schritt seinen Gang.

Zuerst hatte Joachim den Kragen in die Höhe geschlagen. Ihn fror. Bald jedoch ward ihm zu heiß. Der Schweiß begann auszubrechen. Am liebsten hätte er sich des Rockes entledigt, aber er fürchtete, sich zu erkälten. Und nun begriff er, daß sein Freund ohne Weste mit offenem Rock zu steigen pflegte.

Sie gewannen langsam an Höhe. Die Lichter am Himmel fingen an zu erbleichen. Rundum hingen über den gewaltigen Felsmassen Nebel, die sich in dünnen Strichen hinzogen wie Festgirlanden aus Gaze, von einer Spitze, einem Turm zum andern.

Es ward immer heller. Der Himmel färbte sich rot, im Osten von dem allmählich ansteigenden Südgrat des Piz Popena, einer zerspaltenen, bänderdurchsetzten Zackenmauer, noch verborgen. Nur die verblassende Röte strahlte abwechselnd, gleich fernem Nordlichtschein, darüber hin.

Tre Crocl lag schon in der Tiefe, vom Wald umgeben, dessen einzelne Bäume wie aus der Spielzeugschachtel ausschauten. Das Gasthaus glich einem kleinen Felsblock, bald einem Nichts, einem Sandkorn fast nur.

Nun hörte der Baumwuchs auf, und vor ihnen zog sich zwischen den allmählich zu immer größerer Höhe anwachsenden Felswänden eine Block-, Trümmer-, Geröllhalde hinan zum Cristallopaß.

»Darin geht der Anstieg!« sagte der Professor und legte dem, nun mit den andern langsam gehenden Joachim die Hand auf die Schulter.

Dörstling war die Gelegenheit, stehenzubleiben, gerade recht. Er stützte sich auf den Pickel mit beiden Armen, heftig atmend, und sagte:

»Das sieht ja ganz schön aus.«

Tschurtschenthaler ging so geschickt balancierend, indem der freie Fuß immer einen leichten Bogen um den ruhenden beschrieb, daß kaum ein Stein sich bewegte. Joachim dagegen glitt und rutschte, so daß er ab und zu verzweifelt innehielt im Gedanken, hier würde er nie hinaufkommen, wenn das noch lange Zeit so weiter ging. Aber immer wieder gab ihm ein Blick auf Klara Mut. Und doppelt spannten sich seine Kräfte, wenn sie, federleicht über das Geröll hinansteigend, nach ihm sah mit einem Ausdruck, als wollte sie sagen: sieh nur, wie ich es mache – es ist ja ganz leicht.

Endlich aber ward der Schutt so locker, daß auch die andern anfingen, lachend zu rutschen. Und eine Zeitlang hörte man nichts mehr als unausgesetzt das Poltern größerer Felsbrocken, von denen ab und zu einmal einer sich überschlagend den steiler gewordenen Hang hinuntersprang.

Da tauchten ein paar riesige, häusergroße Felsblöcke mitten im Geröll auf, den Schuttstrom in zwei Äste teilend. Hinter ihnen lag Schnee. Er zog sich unten in schmalen Zungen, oben sich zu breiter Fläche vereinigend, zum Paß hinauf, immer dicker, immer weißer, an einzelnen Stellen eisglänzend.

Der Professor ging voraus, dann folgte Klara, darauf Joachim. Jörgl machte den Beschluß.

Der große Mann trat Stufen in den weichen Schnee mit seinen schwerbeschlagenen, riesigen Bergschuhen. Dabei stemmte er den Pickel leicht gegen die weiße, glitzernde Steigung, an der sie hinanstiegen, rechts und links von den in den Himmel ragenden Wänden der beiden Berge begleitet, die auf Steinwurfsweite nur entfernt schienen. Ihre roten, grauen, gefleckten, zerborstenen Mauern schienen endlos in die Höhe zu wachsen. Sie verloren sich in weißen Wolken, ganz hoch oben, wo von irgendwoher ein Sonnenstrahl einfiel, rötlich gefärbt.

Vorsichtig trat Joachim in die Stufen. Er hätte sie breiter gewünscht, und ab und zu, während er einen Blick auf das in die Tiefe schießende Schneefeld warf, nahm er unwillkürlich den Pickel, um sie ein wenig größer zu kratzen. Doch er bedurfte des Instrumentes als Stock, um sich, nachdem er es in den Schnee gerammt, daran zu halten.

Ab und zu blickte sich Klara, in leichter Eitelkeit zeigend, daß sie ganz sicher ging, nach ihm um. Dann gab er sich jedesmal einen Ruck und versuchte zu lächeln, um ihren Blick zu erhaschen. Da mußten sie stehenbleiben. Vorn war der Schnee zu Firn geworden, eine glasige Schicht, die nur noch mit Mühe durchtreten werden konnte. Und nun ging der steiler gewordene weiße Hang plötzlich in blankes Eis über. Schmelzwasser rann hier herab, zur Zeit, wenn die Sonne in die Schneerinne schien, in der sie standen.

Der Professor hob die Eisaxt und ließ sie auf die erstarrte, gebuckelte und glattpolierte Fläche niedersausen. Sie griff ein, spaltete das Eis, und die losgebrochenen Splitter spritzten nach allen Seiten. Abermals sauste sie nieder, der begonnenen Stufe eine bessere Form gebend, und ein Echo klang von den Felswänden. Die Eisstücken flogen herum und fuhren auf dem spiegelglatten Hange raschelnd zu Tal, um weiter unten im lockeren Schnee liegenzubleiben.

Langsam ging der Stufenschläger weiter. Seine Stufen, die schräg aufwärts wie die Spur eines flüchtigen Tieres führten, näherten sich mehr und mehr den gewaltigen Wänden des Cristallo. Dort, wo der Pickel in der Schnee- und Eisfläche nur schwer fassen konnte, wurden sie sorgfältiger ausgearbeitet. Sobald weichere Stellen kamen, nahmen sie flüchtigere Gestalt an und schienen Joachim so winzig, nur die Hälfte der Sohle aufnehmend, daß er unwillkürlich sich umsah, ob der Führer auch bei ihm wäre.

Den andern schien es nichts auszumachen, er aber kämpfte einen harten Kampf, ob er nicht Jörgls Hilfe erbitten sollte, seine Hand, nur einen Finger, denn er fühlte sich unsicher und mochte nicht den Schneehang hinunterblicken.

Aber er schämte sich vor Klara, er konnte sich nicht überwinden, etwas zu sagen: Gerade in dem Augenblick, wo er sich fast an Jörgl gewendet hätte, dauerte eine Stufe etwas länger. Sie mußten warten, und Klara drehte sich herum:

»Nun, wie geht's?«

»Oh, sehr gut!«

»Ist das nicht schön!«

»Ja, prachtvoll.«

Sie blickte hinauf:

»Da, gerade über uns, ist der Paß, nicht wahr, Karl?«

Der Professor hielt einen Augenblick inne, stemmte den Pickel ein und wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn, denn er hatte scharf gearbeitet, und die Sonne begann schon hervorzukommen. Er deutete zu einem Schneesattel, der sie noch um einige Seillängen überhöhte, und erklärte:

»Das ist der Paß, den wir von Schluderbach aus gesehen haben. Aber den und den Gletscher steigen wir heute ab. Hier links, gerade vor uns, ist der Cristallo, hinter uns rechts der Popena. Von Schluderbach aus natürlich alles umgekehrt. Ist das nicht schön? Was? Da sieh dir mal hinter uns die Wände des Popena an. Da geht's vom Paß hinauf. Als junger Kerl hab ich's mal gemacht. Aber brüchig ist alles, du kannst's an den roten Felsen erkennen, und das ist immer bedenklich. In der Theorie sollte man so was nicht tun, aber ... aber, wir leben am Ende nur einmal und ...«

Joachim drehte sich mit Jörgls Hilfe vorsichtig um, staunenden Auges die furchtbaren Wände zu betrachten, scheinbar unbezwinglich, überhängend, und nur hier und da einen Absatz bietend, einen Vorsprung, ein Band. Der fast erschrockene Ausruf entrang sich ihm:

»Da soll man hinauf?«

Dann ging es weiter. Stufe um Stufe näherte sie den Felsen des Cristallo. Joachim hatte ruhig Tschurtschenthalers Hand angenommen, um weiterzugehen.

Er fühlte sich doch sicherer. Er bangte nur, Klara möchte es bemerken, aber sie kletterte, ohne daß sie sich umgedreht hätte, bis zu den Felsen hinan, und als er das Gestein als etwas Sicheres, eine Stütze, einen Halt in der Hand fühlte, war er wie erlöst. Er atmete auf. Der schwierigste Teil schien hinter ihm zu liegen.

Sie folgten einem fast eben verlaufenden Bande, einem Absatz an den hohen Wänden, der sie aus der Düsterheit der Paßumgebung hinausführte, um die Felsen herumleitend, fast wie ein Weg. Es lag nur wenig Geröll darauf, und der Schnee, der es auf der Paßseite noch bedeckte, wich trockenem Fels, sobald sie an die freie Südseite kamen.

Es war, als stiegen sie heraus aus einem kalten Schlunde. Während vorher ein scharfer Wind, über die Eis- und Schneeflächen des Cristallopasses blasend, ihnen kältend bis auf die Knochen gegangen war, ward es nun mit einemmal still, die Sonne schien wärmend, trotz der frühen Tagesstunde, denn die Kalkwände warfen die Strahlen zurück.

Obgleich das Band an einzelnen Stellen schmäler ward, ging Jörgl immer außen neben Joachim, jeden Augenblick bereit, zuzugreifen. Und als es an einer Felsecke jäh abbrach, im Winkel drüben erst sich fortsetzend, und man über einen sich in die Tiefe niederziehenden Schlund einen Tritt machen mußte, da zögerte Dörstling.

Klara war schon hinüber. Der Professor hatte ihr nur flüchtig die Hand dazu gegeben, wenn auch sein Auge unausgesetzt über ihr wachte. Sie drehte sich herum, als wollte sie beobachten, wie Joachim sich anstellte. Und er nahm alles Herz und alle Kraft zusammen, während ihm blitzschnell der Gedanke kam, eine fast ärgerliche, empörte Idee: warum wird hier kein Seil genommen! – dabei der Hintergedanke, der ihm die Kehle zusammenschnürte: etwa, weil das noch nichts bedeutet und das Eigentliche erst kommt?

Er biß die Zähne aufeinander und schwang sich hinüber, nachdem ihm der Führer gesagt, wie er die Füße setzen und die Griffe am Felsen mit dem Pickel gezeigt, die er anfassen sollte.

»Bravo!« sagte Klara, und eine Glutwelle von der Anstrengung flutete über Joachims Gesicht.

Der Professor hatte ein Stück entfernt an einer Verbreiterung des Bandes den Pickel fortgestellt, Rucksack und Seil abgeworfen und packte das mitgenommene Frühstück aus. Ein paar leere Sardinenbüchsen sowie Flaschenscherben zeigten an, daß dieses der gewöhnliche Rastplatz der Cristallobesteiger sei.

Klara ließ sich sofort nieder, nachdem ihr Mann ihr den Wettermantel zusammengerollt hingelegt. Joachim trat heran. Er wollte, da der Professor stehenblieb, zuerst tun, als wäre er gar nicht müde, doch seine Knie zitterten von der ungewohnten Anstrengung, und er setzte sich schließlich. Dann wischte er sich mit dem Taschentuch den roten Kopf, und als Klara ihm einen Aluminiumbecher voll kalten Tee hinhielt, griff er so hastig zu, daß der Inhalt beinahe verschüttet worden wäre.

Dann blieb er sitzen, mit dem Rücken gegen die Felswand gelehnt, und seine schlagenden Pulse begannen erst allmählich sich zu beruhigen. Für den Augenblick freute er sich nur, daß es vorbei war.

Es war ein wundervoller Tag geworden. Die Sonne strahlte von links über den Popenagrat, der sich wie ein gewaltiges Meeresriff in die Tiefe hinabzog. Drüben lag die Sorapiß, langgestreckt, wie eine Riesenmauer. In der Ferne erkannte man Berge von schroffen Formen, überall Wolken darauf, als rauchten die Essen einer Fabrikstadt. Zu ihren Füßen senkten sich die Felsen nieder, auf deren Band sie hier saßen. Sie, die armen, schwachen, kleinen Menschlein in dieser gewaltigen Einsamkeit, deren Größenverhältnisse erst klar wurden, wenn man sich selbst verglich mit der nächsten Wand, in Tausenden von Absätzen hinaufgeführt, deren untersten sie nicht einmal mit den Händen erreichen konnten.

Die Rast dauerte nicht lange, dann kam Jörgl mit dem Seil, machte eine Schlinge und legte sie Joachim um den Leib. Ein kurzes Zwiegespräch, ob er zu fest gebunden sei oder zu lose. Eine Beratschlagung mit dem Professor, ob die Pickel mitgenommen werden sollten, was schließlich wegen des Neuschnees getan ward, aber nur bei den beiden.

Dann standen die vier bereit. Der Professor ging voraus, am Seil Klara hinter ihm. Dann kam Jörgl, und Joachim folgte als letzter. Nachdem sie das Band eine kurze Strecke weit verfolgt, blieb Professor Hallbauer stehen und sagte mit seiner volltönenden Stimme zu Dörstling:

»Jetzt kommt also der eigentliche Einstieg. Zum erstenmal für dich die richtige Felskletterei. Also höre ein paar Verhaltungsmaßregeln. Während Jörgl vorausklettert, bleibst du ruhig stehen, wohin er dich gestellt hat, und wartest, bis er oben einen Punkt gefunden hat, auf dem er nun wieder fest steht. Man nennt das ›Stand hat‹. Dann wird er dir zurufen: ›Los‹, und du kletterst ihm nach. Du machst alles wie er. Dort, wo er sich mit den Händen hält, hältst du dich auch. Wie er sich gegenstemmt, verspreizt, hinaufzieht – alles das mußt du genau beobachten. Aber achte auf etwaige Steine, die er losmachen könnte, daß sie dir nicht auf den Kopf fallen. Wenn der Stein nur wie eine Nuß ist und kommt zehn Meter herunter, könnte es doch böse Folgen haben. Im übrigen habe nur Vertrauen, auch wenn du abrutschen solltest geschieht dir nichts. Jörgl hält das Seil immer gespannt, und so ein Seil hat vierzehn Zentner Tragfähigkeit, und die Reibung deines Körpers am Fels kommt noch dir und Jörgls Armen außerdem zugute. Also Vertrauen. Es geht leicht. Nur: dem Jörgl gehorchen mußt du. Du weißt, daß der Führer am Berge unbedingten Gehorsam fordern darf, er hat das gleiche Recht wie der Kapitän eines Schiffes auf See. Und nun gehen wir an den Berg, an den Fels, an ernstes Tun, an die Arbeit. Grüß Gott!«

Er stieg ruhig die Wandeln hinan, die sich in großen und kleinen Absätzen auftürmten, er zog sich hinauf, verspreizte die Beine, stemmte die Fäuste gegen, stellte den Fuß auf vorspringende Ecken, schnellte sich ab, schob sich, stemmte sich empor, hielt sich an runden Griffen, faßte in muschelförmige Höhlungen hinein. Immer aber, obgleich bei dem oft bestiegenen Berge schon alles Morsche und Lose von den von Nagelschuhen zerkratzten Felsen abgebrochen und hinuntergestürzt worden war, probierte er, ob alles fest sei, rüttelte an jeder Felsecke aus alter Gewohnheit.

Und immer waren drei Punkte der zwei Hände und zwei Füße fest, nur einer, sei es ein Arm oder ein Bein, suchte einen neuen Stützpunkt.

Sein Klettern ging langsam, aber so sicher, als klebe er am Felsen, und Klara durfte hier, wo es nicht steil war, das tun, was er Joachim vorhin auf das strengste verboten: zugleich mit ihm, unter oder auch neben ihm klettern. Aber immer hatte er sie im Auge, und unausgesetzt hielt er trotz des Pickels in der Hand das Seil.

Ab und zu blickte sich Klara nach Joachim um, der immer ein oder zwei Seillängen unter ihnen blieb. Aber er bemerkte ihre Blicke nicht. Es wurde ihm furchtbar sauer, und er mußte alle Willenskraft zusammennehmen, um nicht zu erklären: Ich kann nicht mehr.

Die Felsen zerrissen seine sorgsam gepflegten Hände. Er hatte immer etwas darin gesucht, seine Nägel lang und spitz zu züchten: jetzt brach die Schaufel am kleinen Finger der rechten Hand ab.

Er stellte sich ungeschickt an und mußte die Knie zu Hilfe nehmen, so daß er hätte schreien können vor Schmerz, als sich ihm das spitze Gestein in die Kniescheibe bohrte.

Seine Brust arbeitete. Er keuchte. Er mußte innehalten, sich zu erholen, und die Augenblicke, die er zu warten hatte, während Jörgl einen Absatz höher hinaufstieg, waren ihm nie lang genug.

Es ging hin und her über Schroffen und Wandeln, bis sie an eine Stelle kamen, wo ein kurzer Riß hinaufzog über einen Absturz, den auf der andern Seite gewaltige, rote Wände abschlossen.

»Das ischt der erschte Kamin!« meinte Jörgl. Joachim sah oben den Professor, dem Schlunde entstiegen, allmählich das Seil einziehen, an dem Klara hing. Es ging alles an ihm vorüber wie ein Traum. Sein Führer bedeutete ihm, stehenzubleiben und zu warten. Dann ging er auf schmalem Absatz über den tiefen Absturz hin und verschwand im Kamin. Das Seil hing in großem Bogen herab. Dörstling wartete, wartete, es wollte kein Ende nehmen. Alles schwieg, nur ab und zu knatterte irgendwo ein einzelner fallender Stein, der aber bald zur Ruhe kam.

Der Wartende betrachtete den morschen Dolomit, weißen Kalkstein in Schichten übereinander, und jede einzelne Lage wieder zersplittert und zersprungen in unregelmäßige Würfel, wie sprödes, zu schnell gekühltes Glas; und wie er so auf den morschen Fels sah, der im Laufe der Millionen Jahre diese riesigen Trümmerhalden gebildet, indem er allmählich sich selbst abtrug, kam ihm plötzlich der Gedanke: wenn nun Jörgl ausrutschte, losließ, fiel? Dann konnte er sich gewiß auf dem schmalen Sims unterhalb des Kamins nicht halten und verschwand in der Tiefe.

Und mit einem Male erinnerte er sich mit Schrecken daran, daß er doch, mit dem Führer durch ein Seil verknüpft, mitgerissen würde, unrettbar. Der feige Gedanke stieg in ihm auf, sich loszuwinden, sofort, falls etwa dem Führer etwas geschehen sein sollte, denn er schwieg schon so lange ...

Aber da verkürzte sich das Seil, lief über den Felsen hin wie eine Schlange, die unter losem Gestein ringelnd Schutz sucht beim Nahen des Menschen. Das Seil wurde straff, und Jörgl rief herab:

»So, Herr, nun schieben S' den Knoten vom Seil nach vorn und gehen S' da, wo i gangen bin, dann im Kamin grad herauf.«

Er ging, ging wie im Traum, als bedürfe er eines Zustandes des geschwächten Bewußtseins, um das zu leisten. Er tauchte in den Schlund, der gerade hinaufzog, stemmte sich fest, und das Seil spannte sich. Es ward angezogen, immer straffer. Ob er wollte oder nicht, er mußte hinauf. Er rutschte aus an den glatten Wänden, deren Rauheiten er nicht zu benutzen verstand, aber das Seil zog ihn hinauf.

Als er oben aus dem Kamin auftauchte, landete er auf dem Bauch, dann auf den Knien, und sofort blickte er sich erschrocken um, ob ihn auch Klara nicht etwa gesehen hätte.

Sie war schon weiter. Er raffte sich auf. Bald kam ein zweiter Kamin. Unten lag alles voll Eiszapfen, und man hörte noch immer die Schläge des Pickels, Kratzen und Schaben: Professor Hallbauer war an der Arbeit.

Als der kalte, nasse Riß überwunden war, sagte Jörgl:

»Herr Doktor, jetzt haben S' die Hauptsachen überstanden. Wir sind auf dem zweiten Band. Jetzt kommen wir bald ans Köpfl, und da pass'n S' mal auf, was wir da fir a scheene Aussicht hab'n.«

Joachim stand keuchend da mit verschobenem Rock, der über dem Seil ein paar Wülste bildete. Seine Knie zitterten leise. Er fragte stoßweise:

»Machen ... wir ... da ... Rast?«

»I mein schon!«

Das gab ihm neue Kräfte. Er wollte sofort weiter. Er stürmte jetzt beinahe dahin über den breiten, geröllbedeckten Absatz der Stelle zu, wo der Professor stand, und neben ihm Klara. Sie betrachteten die Aussicht, von der Jörgl gesprochen.

Es war der erste Niederblick auf Cortina. Der erste auf Bekanntes. Um so überraschender, als man sich bisher im Berge drin befunden, beim Klettern immer mit dem Gesicht gegen die Wand.

Joachim vergaß alle Müdigkeit. Er stellte sich neben Klara und blickte in die Tiefe.

Dort lag es in grünlich-bläulichem Dunst. Cortina mit dem Turm, in dessen Dunkel sie ihm die Lippen geboten.

Dort unten befand sich die Ausstellung in einem dieser winzigen Steinwürfelchen, wie die von grünem Plan sich abhebenden Häuser von hier oben aussahen. Dort hatte er das Kästchen geholt und hinübergetragen zur Croce Bianca, zu ihr, mit all seiner Leidenschaft, mit der Liebe, die seit Monaten glimmend dort unten zu loderndem Ausbruch gekommen.

Und beide dachten im gleichen Augenblicke daran.

Es war wie ein Gedankenblitz, der in ihre Seelen schlug und sie zwang, sich in die Augen zu sehen.

Sie blickten sich an, lange, tief. In Sehnsucht und Verstehen. Sie achteten auf niemand. Ihre Augen tauchten ineinander, und in dem Ausdruck lag etwas wie: wir haben ein Gemeinsames, das nur unser ist, das jeden Dritten ausschließt.

Klaras Auge sprach, wie nur ein Frauenauge redet, daß kein Irrtum möglich ist, ein Blick, den nur das Weib haben kann, das sein Herz geschenkt hat. Ein Blick, nicht denkbar, anders zu verstehen, als ein Geständnis, eine süße Erinnerung, ein Versprechen.

Der Mann stand dabei. Er hatte sie beide beobachtet. Er freute sich darauf, welchen Eindruck ihnen der überraschende Niederblick auf Cortina machen mußte. Er sah sie lächelnd an, forschend, von einem zum andern.

Da mit einem Male kam Klaras Blick.

Er begriff. Er ahnte. Er konnte nicht mißverstehen. Und wie der Blitz sah er zu Joachim hinüber. Dort las er die Antwort. Da trat er zurück. Er verriet nichts. Er verschloß es in seinem Innern, wie er alles verbarg, wie das Wort ihm schwer über die Lippen ging, wenn es galt, ein Gefühl, eine Empfindung wiederzugeben.

Aber es war ihm, als hätte ihn eine giftige Fliege gestochen, und mit weitgeöffneten Augen starrte er seine Frau an.

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