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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
projectide72a60fc
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14.

Erst spät kamen die beiden nach Tre Croci. Während des langen Weges, hinauf über die baumlose Ebene, ging schon rotlohend drüben hinter den Tofanen die Sonne unter. Und als sie nun endlich sich dem Sattel näherten, auf dem das Berggasthaus stand, mit dem Blick geradeaus auf den Cristallo unmittelbar darüber, zur Linken den Talkessel von Cortina, zur Rechten das Tal von Auronzo – da begann es schon zu dunkeln.

Sie hatten den Weg zurückgelegt fast ohne ein Wort zu sprechen. Sie fühlten sich nahe, und doch stand etwas zwischen ihnen. Sie waren anders gegeneinander.

»Hoho! Hoho! Hoho!« klang es plötzlich von der Höhe, zu der sie nur noch wenige Schritte hinan hatten. Dort oben standen drei hölzerne Kreuze, von denen der Ort den Namen – Tre Croci – führte. Zwischen ihnen erblickten sie zwei Gestalten, die hohe des Professors und die schlanke, kräftige Jörgls.

Klara antwortete:

»Ah, da seid ihr schon!«

»Es ist schon spät! Es ist ja schon fast Nacht!«

Sie wurde nervös:

»Ja, das mag sein, aber ich hasse die Lauferei in der Sonne.«

Joachim hatte nichts gesprochen, und als der Professor sie bewillkommnete, fragte er mit rauher Stimme:

»War denn die Croda schön?«

Nun brach des großen Mannes ganze Liebe zu seinen Bergen durch:

»Oh, ich sage euch, das ist ein Kerl! Na, ich kannte ihn ja schon, aber der neue Weg, der ist amüsant. Die ganze Kletterei dauert nicht lange, nur so was wie zwei Stunden in den Felsen. Aber schön ist sie, schön ...«

Mehr brachte er nicht heraus. Nur »wunderschön! wunderschön!« antwortete er auf die Fragen.

Klara wurde plötzlich sehr gesprächig, und während sie sich in der Glasveranda zum Abendessen setzten, erzählte sie, wie schön es in Cortina gewesen wäre. Ihre Redeflut schien nicht zu dämmen, nur von dem Kasten sagte sie nichts, den sie geschenkt bekommen.

Joachim mußte den neuerstandenen Pickel zeigen, der ihm bei dem Wege hier hinauf schon bedrückend schwer erschienen. Er wurde in der Hand gewogen, seine Schwergewichtslage beurteilt, die Breite der Hacke geprüft, und der Professor erklärte Dörstling:

»So ein Ding sollte immer Vordergewicht haben, weißt du, wegen des Stufenschlagens, damit es nicht federt und ermüdet, sondern sozusagen von selbst ins Eis fährt.«

Joachim wurde wieder natürlicher, nun, wo ein anderes Thema angeschnitten ward, und er fragte schnell:

»Werden denn auch Stufen geschlagen?«

»Natürlich, in dem breiten Einschnitt zwischen Cristallo und Popena hinauf zum Paß.«

»Wieviel denn?«

»Das hängt vom Firn ab. Jörgl meint, es liegt noch sehr viel Schnee.«

Nun traten sie hinaus vor das kleine Berghotel. Dort ergingen sich eine Reihe von Gästen, meist Durchreisende, aber auch einige, die hohe Lage und Nähe der Berge anzog. Auch Tschurtschenthaler fand sich zu ihnen. Es war aber so dunkel, daß sie ihn im ersten Augenblick nicht erkannten.

Joachim, der ihm doch morgen früh anvertraut werden sollte, begann ein Gespräch.

Er fragte, wann aufgestanden werden müßte, ob es anstrengend wäre, ob sie auch etwas zu essen mitnehmen würden und vor allem was zu trinken? Auf alles bekam er lächelnd Auskunft.

Jörgl stand breitbeinig vor ihm, eine Hand in der Hosentasche, in der andern die geliebte Pfeife, die ihn nie verließ, und der er unausgesetzt Dampfwolken entlockte. Der sehnige Führer, an dessen strapazengewöhntem Körper nicht ein Gramm Fleisch zuviel saß, ein Bild der Sicherheit und Kraft, stach ab von dem Stadtmenschen, zu dem das Bergkostüm so wenig paßte, daß es aussah, als wollte er zu einem Kostümfeste gehen.

Nun zog Dörstling den Führer ein Stück beiseite, aus dem Bereich der dunklen Gestalten, die sich an dem schönen Abend im Freien ergingen, schob ihm vertraulich die Hand unter den Arm und bemüht, ein wenig die Aussprache des Landes nachzuahmen, sagte er:

»Sagen S' mal, ist der Cristallo nicht ein bißl schwindlig?«

«Wie meinen S'?«

»Ob, ob ... man schwindlig werden kann.«

Jörgl lachte:

»Na, i moan nit, aber 's kommt auf den Tourischten an.«

Er erkundigte sich, woraus die Besteigung bestünde, außer den Stufen zum Paß, die er sich wohl etwa wie eine Treppe dachte. Der Führer beschrieb ganz kurz:

»Erscht 's untere Band, dann Wandln, dann zwei kloane Kamine, selbige sind nit schwer, dann 's obere Band, dann der Grat mit der Grohmannplatten und noch a bißl a Grat und aus ischt's.«

Joachim fragte scheinbar so nebenbei:

»Ist der Grat schmal?«

»Ah, nit wie am Cimone oder so, aber abfallen darf man freili a nit. 's ischt nit schlecht.«

Nun kam der letzte Zweifel:

»Aber der Gipfel ist wohl sehr klein?«

Jörgl grinste:

»Ah, dös wär g'fehlt, das ischt so an Plateau, daß glei an ganze Kompanie Kaiserjäger oben kann biwakieren.«

Ein Lächeln ging über Joachims Züge. Er fühlte sich sichtlich erleichtert und sagte nur, indem er sich eine Zigarette anzündete und auch dem Führer eine anbot:

«Na, ich denke, ich werde schon hinaufkommen.«

«Aber leicht!« – sagte Jörgl und steckte die Zigarette dankend in die Tasche.

In diesem Augenblick trat der Professor zu ihnen:

»Dörstling, was meinst du, wenn wir zu Bett gingen!«

»Schon?«

»Oh, wir müssen morgen zeitig heraus.«

»Wann denn?«

»Nun, ich denke Aufbruch vier Uhr.«

Damit sagten sie Jörgl gute Nacht, der sich auch sofort zurückzog, und gingen alle drei der Dependance zu. Als sie sich trennten, um die beiden Zimmer aufzusuchen, drückte der Professor seinem Freunde kräftig die Hand. Klara blieb einen Schritt zurück, und Joachims Lippen ruhten lange auf ihren Fingern. Als sie dann ihrem Manne in das Zimmer folgte, klang von dem Zurückbleibenden ein Seufzer, der deutlich in dem matterleuchteten Gange widerhallte.

Sobald die Gatten allein waren, schloß der Professor seine Frau in die Arme und sagte, indem er ihr unter das Kinn griff und ihren Kopf aufzurichten suchte:

»Du bist so still heute abend, mein Närrchen!«

Sie runzelte die Stirn:

»Man kann doch nicht immer sprechen!«

»Nein, gewiß nicht. Aber sonst plauderst du doch so lustig ...«

»Man kann doch nicht immer guter Laune sein!«

»Ist dir etwas in die Quere gekommen, Kläre?«

Große, erstaunte Augen riß sie auf:

»Nein, warum?«

»Nun, ich dachte, du wärst verstimmt.«

»Ich, keine Spur.«

»So, dann desto besser.«

Damit ließ er sie los, gab ihr noch einen Kuß, bei dem sie den Kopf senkte, so daß er fast ihr Haar traf, und legte sich zu Bett. Das kleine dünne Kreuzerlicht brannte schief und zuckte. Des Professors Bett stand an der einen Wand, Klaras an der andern. Er konnte sie nicht sehen. Nach einer Weile, als alles still war, fragte er:

»Kann ich auslöschen?«

Sie fuhr vom Bettrand auf, wo sie nachdenklich gesessen, ging hinüber und holte das Licht, indem sie sagte, sie würde es selbst auslöschen. Er war müde, und im Besitz der Eigenschaft, dem Schlafe an jedem Ort und an jeder Stunde zu gebieten, klangen ein paar Augenblicke darauf seine tiefen Atemzüge.

Klara hörte es. Sie zuckte mit einem wütenden Gesicht die Achseln. Dann sagte sie, als setze sie in Gedanken das Gespräch fort von vorhin und als antworte sie auf den Vorwurf, den er ihr gemacht:

»Nein, man kann nicht immer sprechen. Sprichst du etwa?«

Dann legte sie sich auf den Rücken, starrte gegen die Decke und dachte nach. Sie konnte nicht einschlafen. Endlich blies sie das Licht aus, ihre Schläfen klopften, ihr Herz, ihr ruhiges Herz, das seit Jahren nicht mehr erregt geschlagen, pochte, daß es ihr war, als müsse man es in der Stille des Zimmers hören, im Schweigen der Bergwelt, als klopfe es so laut, daß es der drüben vernähme, an den sie dachte.

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