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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
projectide72a60fc
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12.

Als Klara am nächsten Morgen im Hotel Croce Bianca in Cortina erwachte, war das Bett an ihrer Seile leer. Ihr Mann hatte sich schon entfernt, wie er es ihr bei der Ankunft angekündigt.

Der Monte Antelao von Süden, den er gern gemacht hätte, dauerte zu lange, so hatte er die Croda da Lago gewählt auf dem Westwege, den er noch nicht kannte. Jörgl Tschurtschenthaler war mitgegangen, nicht als Führer, sondern als Wegweiser, um etwaigen Zeitverlust zu vermeiden, denn sie mußten ja noch vor Dunkelwerden auf der entgegengesetzten Talseite von Cortina – in Tre Croci sein.

So war Klara ganz allein Joachims Schutz anvertraut.

Schon zeitig klopfte er und fragte:

»Sind Sie fertig?«

Sie zog sich noch an und antwortete durch die Tür:

»In fünf Minuten!«

Ihm klopfte das Herz. Er wußte sie so nah und durfte doch nicht zu ihr. Er stellte sich vor, wie sie da drinnen stand, halb angekleidet, und bei dem Gedanken lief ihm ein Schauer über den Leib. Schnell blickte er sich auf dem Korridor um, dann fragte er, indem er den Mund dicht an die Tür legte:

»Haben Sie gut geschlafen?«

»Danke!«

Es war nicht ja und nicht nein. Er wollte noch etwas sagen, aber es kam jemand die Treppe herauf, und er ging in den Speisesaal. Dort saß eine ganze Zahl von Hotelgästen beim Frühstück. Es waren Vergnügungsreisende. Einzelnen sah man die Bergsteiger an.

Bei einem hörte man es auch. Ein junger Mensch, mit Anflug von Schnurrbart, erzählte einem Kreise um ihn Sitzender von furchtbaren Gefahren, denen der Hochtourist ausgesetzt sei: ganze Wände brächen oft ab, unausgesetzt schössen Steine durch die Luft, so daß solch eine Besteigung einem Gefecht zu gleichen schien, bei dem Millionen Zentner Blei verschossen wurden, um eine Patrouille zu treffen.

Er sprach von fast neunziggrädigen Eisrinnen, in denen die Stufen wie bei einer senkrecht stehenden Leiter übereinander lägen, von zweitausend Meter hohen, glatten Kirchturmwänden, an denen arme Menschlein hingen, von Graten, die messerscharf nach beiden Seiten dreitausend Meter abstürzten.

Es war, als erzählte einer um Mitternacht bei flackerndem Feuer eine grauenvoll unheimliche Geschichte.

Joachim ward beklommen zu Sinn. Da Klara noch immer nicht kam, ging er vor das Hotel und begann mit dem Wirt ein Gespräch. Dabei fragte er ganz beiläufig:

»Ist eigentlich der Cristallo schwer?«

Der Wirt wollte ihm gefällig sein:

»Oh, nicht sehr.«

»Aber ... aber schwindelfrei muß man sein ...?«

»Nit so wie bei der Croda.«

»Ist's sehr steil?«

»Der Popena ist schon steiler.«

»Und ... und wie lang dauert's denn?«

»Na, so a fünf Stund von Tre Croci hinauf. Aber die erschte Partie dies Jahr, wo noch furchtbar viel Schnee lag – die haben elf Stund gebraucht hinauf.«

Joachim biß die Lippen aufeinander, aber er ward wieder ruhiger, als bei weiterem Befragen herauskam, daß der Wirt nur vom Hörensagen Auskunft gab und selbst nie oben gewesen war. Als sich Doklor Dörstling erleichtert nach dem Flur umwandte, weil er hinter sich das Rauschen eines Kleides gehört, entfuhr ihm ein Ausruf des Staunens: Klara stand vor ihm in weißem Rock und dunklem Jackett, einen einfachen Herrenstrohhut mit rotem Seidenband auf dem Kopf.

Sie sah so frisch und reizend aus, daß er unwillkürlich: »Ah!« machte und vergaß, die ihm hingestreckte Hand zu nehmen.

»Was haben Sie denn?« fragte sie lächelnd, aber sie freute sich über den Eindruck. Er blieb immer noch stehen und starrte sie an:

»Sie sind ja ganz anders angezogen!«

»Darf ich das nicht?«

»Doch, doch, nur ... ich wunderte mich ...«

Sie hatte schon auf dem Zimmer gefrühstückt und wollte jetzt spazierengehen.

Unmittelbar neben dem Hotel erweiterte sich die Straße zum Platz, und dort stand die Kirche, der Campanile daneben. Klara wollte hinaufklettern, um mit dem Glase nach der Croda da Lago hinüberzublicken. Vielleicht konnte man ihren Mann und Tschurtschenthaler sehen.

Sie gingen an den Turm und stiegen die steinernen Stufen hinauf. Ein junger Bursch führte sie. Als sie den Glockenstuhl erreichten, blendete der lichte Sommermorgen von allen Seiten so grell durch die Schallöffnungen, daß sie die Hand vor die Augen halten mußten.

Nun kam der weitere Aufstieg, fast frei in der Luft über eine hölzerne Leiter, die nach außen nur durch eine Stange geschützt war ... Joachim war die Kletterei nicht angenehm, aber er nahm sich vor Klara zusammen. Sie bat um seine Hand, indem sie erklärte, sie, die Schwindel in den Bergen nicht kennte, fühle sich unbehaglich sogar schon auf einem Balkon. Sie lachten darüber, und das gab ihm Mut, so daß er voranschritt und ihr die Hand reichte.

Oben lief rund um den Turm eine steinerne Galerie, und als sie aus dem Gemäuer traten, tat sich vor ihnen mit einem Schlage der ganze Talkessel von Cortina auf, umrandet von Dolomiten.

»Ah! Ah! Ah!« rief Klara und blieb geblendet stehen.

Alles war Licht und strahlende Sonnenglut, ein blaues, klares Meer über ihnen, eine Farbe, erhaben und ruhig, während die Erde unter dem stillen Himmel emporbrandenden Wogen glich, rundum sich aufbäumend zu gewaltigen, scharfen Gipfeln, abenteuerlich gleich alten Burgen gestaltet, wie vor allen Dingen drüben die Croda da Lago.

Sie starrte empor in einem zersägten Kamm, dem Palas der Burg ähnelnd, über dem sich ein schlanker, hornartig spitzer Doppelturm erhob.

»Die sieht allerdings bös aus!« meinte lächelnd Klara. Joachim aber sagte fast erschrocken:

»Da soll man hinauf?«

Und sie:

»Wenn's nicht zuviel hintereinander wäre – ich wäre mitgegangen.«

Er fühlte sich in Bewunderung für diese Frau doch gedemütigt, daß sie ihm überlegen war, und der brennende Wunsch stieg wieder in ihm auf, es ihr gleichzutun:

»Ich freue mich riesig auf den Cristallo!«

Aber es war, als wollte sie ihn reizen:

»Der soll leicht sein, meint Karl, wenigstens im Vergleich zur Zinne, obgleich er sagt, es wäre ein selten schöner Berg!«

Joachim antwortete nicht. Er hatte Klara sein Glas gegeben, und sie richtete es auf die kühne Croda da Lago drüben. Doch nach einigem Suchen setzte sie es wieder ab: sie konnte nichts erkennen. Er aber sah gar nicht hin, als möchte er die Gedankenbrücke nicht hinüberschlagen.

Sie machten die Runde um den Turm. Dort lag der mächtige Tofanastock, gleich einem gewaltigen, grünen Fluten entsteigenden Korallenriffe, das durch den Sonnenbrand gebleicht schien. Die drei Gipfel, die gestern im Wagen an der Verstimmung schuld gewesen, hatten sich gänzlich verschoben. Dann kam der lachende Taleinschnitt, den sie vom Peutelstein hinabgefahren. Oben im Wald leuchtete das weiße Band der Chaussee, unten vom steinigen, breiten Bett des Boite begleitet. Weiter in der Rundsicht tauchten die roten, zerfressenen, von oben bis unten zerspaltenen Felsenmauern des Pomagagnon auf, die sich nach rechts fortsetzten in einem gewaltigen, von beschneiten Bändern durchfurchten Massiv.

Klara ließ sich von dem Burschen, der sie begleitete, den Cristallo zeigen. Er hatte sich hier von der Südseite derartig verändert, daß sie ihn nicht wiedererkannten. Er war kein Schaustück wie von Schluderbach aus; sie schien etwas enttäuscht, während Joachim ein beruhigendes Gefühl beschlich: je weniger gewaltig, desto leichter, hoffte er.

Dann ließen sie noch ihre Blicke über das Tal nach der andern Seite, nach Italien, wandern, wohin sich zwischen den Riesenmauern der Sorapiß, dem gewaltigen, in langem, schneebedecktem Plattengrate aufsteigenden Antelao auf der einen und dem riesigen, bänderdurchzogenen Monte Pelmo auf der andern Seite, das Tal senkte.

Die Augen taten ihnen weh. Sie stiegen hinab, und nun plötzlich nach der blendenden Helle konnten sie im Dunkel die Treppe nicht mehr sehen.

Einen Moment blieb Klara stehen. Joachim war zerstreut; ging weiter und mußte sich an ihr halten, um nicht zu fallen. Und nun, da der Führer vorausgegangen war, faßte er sie um die Schultern und küßte glühend ihr Kleid.

Klara suchte nicht zu entfliehen, sondern in der Dunkelheit wandte sie den Kopf rückwärts zu ihm. Er fühlte ihre Bewegung und suchte ihren Mund. Seine Lippen ruhten auf den ihren, schmiegten sich in die ihren, vergruben sich hinein, und die beiden Menschen blieben aneinandergelehnt ohne ein Wort zu sprechen, tief Atem holend, stehen.

Sie dachten nicht an den Burschen, dessen stapsenden Schritt man noch immer auf den Stufen hörte, leiser, immer leiser, ferner, immer ferner. Sie dachten an nichts mehr, als daß sie sich umschlungen hielten. Sie hatten alles vergessen rundum, den Mann und den Freund. Sie fühlten nur, daß, was sie gespielt und getändelt, plötzlich Ernst geworden war, wie der Magnet ein Stück Eisen anzieht, während seine Kraft bei allen andern Stoffen versagt.

Sie hing an seinem Halse, er schloß die Arme um sie. In der Dunkelheit verlöschten alle Bedenken.

Es hätte vor Monaten kommen können, drunten in der großen Stadt, wenn es der Zufall ausgelöst, es hätte noch Wochen gedauert, wenn das blinde Geschick sie nicht gemeinsam in die Berge gebracht und heute dort allein gelassen hätte.

Aber einmal mußte es kommen.

Und es geschah heute, weil der Tag so herrlich war, weil die Sonne so strahlend schien, weil droben der Blick schweifte über das weite, wunderköstliche Bergesland, weil er gestrauchelt auf der Treppe, weil es dunkel war in dem schmalen Gang.

Er hatte nichts geplant, und sie ihn nicht erwartet.

Aber keiner war erschrocken noch wunderte sich.

Kein Gewissen regte sich in den Tiefen ihrer Seelen. Sie schlossen die Augen. Ihr Hirn setzte aus. Sie waren eins. Der kurze Rausch der Menschen: das Glück schmiedete sie aneinander, ihre Herzen, ihre Nerven, die geöffneten Lippen, als wollten sie, ihr Tiefstes tauschend, den Hauch des Lebens ineinanderströmen.

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