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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
projectide72a60fc
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10.

Der Himmel hatte ein Einsehen: noch am Abend setzte plötzlich der Wind mit vollen Backen an, blies und fauchte. Die grauen Dünste begannen langsam zu steigen. Es wogte in der Luft. Man sah förmlich die Wolkenballen rollen. Mit einem Male erschien eine kleine, ganz winzige Stelle blauen Himmels.

Der Professor stand draußen vor dem Hotel mit Joachim und Klara. Er schaute dem Naturschauspiele zu, ohne ein Wort zu reden, und als er den kleinen, blauen Fleck sah, rief er laut, indem er seine Frau beim Arm nahm:

»Da, sieh, Kläre, sieh nur... sieh... das ist... ist... ist ja ... wundervoll...«

Doch im nächsten Moment war die himmlische Farbenfreude schon wieder dahin, während die drei die Ampezzaner Straße hinabgingen zum Dürrensee.

Um sie herum stiegen die Nebel, die nun schon in ansehnlicher Höhe wie eine dicke Wattewand dalagen.

Als sie eine ganze Weile geschritten waren, sagte der Professor, stehenbleibend:

»Sieh, Kläre, und du, Dörstling, da der bewaldete Kerl, das ist der Rauchkofel. Der nimmt Schluderbach die Aussicht auf den Cristallo. Den sollte man sprengen. Dynamit. Kein Erbarmen. Fort mit jedem Störenfried. Er drängt sich zwischen die Reinen und Großen!«

Da blies der Wind stärker, ein Ritz zeigte sich in den Wolken, es flatterte, schob sich auseinander, übereinander, die Nebelmassen hetzten, jagten, trieben sich, eine Kluft öffnete sich am Himmel in den Dünsten, Schichten auf Schichten zeigten sich übereinander. Die unterste trieb nach Süden, dann eine entgegengesetzte dem Pustertale zu und eine dritte oben darüber, die in das Tal zum Misurinasee hineingezogen ward, strudelnd wie ein Bach in eine unterirdische Höhlung.

Alle schienen aber einem einzigen Zwecke zu dienen: den Himmel freizumachen, daß sein Blau niederleuchten könnte, sein tiefes, sattes Blau italienischen Himmels, ein lachendes Blau, die Menschen heiter und glücklich zu stimmen, sorglos und frei.

Und auch ihnen, die dem Wolkenspiele zuschauten, ward es immer heller in der Seele.

Da schoß ein Sonnenblitz nieder. Man sah ihn förmlich aufzucken, laufen, sich den Weg suchen zur Erde, dann hinhuschen über die Lärchen und Föhren, über Knieholz, Alpboden und Gestein. Er blendete auf dem weißgebleichten Grunde des Baches, der festen Straße.

Die Sonne, die Sonne –- endlich ward es Licht! Das blaue Himmelsfenster öffnete weiter und weiter die Flügel. Und wieder erschien gleich einem Zauberspiegel der Monte Cristallo.

Heute war er ganz weiß. Bepudert alle Felsen. Bestaubt jedes Band. In feierlich reinem Gewand.

»Neuschnee!« sagte der Professor und starrte hinauf, ein leises Lächeln um die Lippen.

Hinter ihm aber, ein Stück zurück, standen Klara und Joachim. Und beiden kam im gleichen Augenblick der Gedanke an die Mondnacht, wie sie zusammen hier gestanden. Es durchzuckte sie. Er blickte sie an, als dächte er noch an den Moment, da er ihre Lippen berührt. Sie sah ihn an, als kehrte ihr die Erinnerung zurück an den kurzen Augenblick, und beide mußten die Augen voneinander wenden.

Die Sonne entwickelte ihr ganzes Licht. Sie stand schräg über der Schönleitenschneide, dem Ausläufer des Cristallo, der jetzt Schatten warf zum Passe hinab: violettes Dunkel auf dem Gletscher. Die Spalten zeichneten sich als dunkle Linien ab, dle oberste fast düster wie ein Grab.

Der Professor ward ernst. Er deutete hinauf:

»Dort die oberste, das ist des armen Michels Todesstätte.«

Aber er blieb allein mit dem Gedanken. Die beiden hinter ihm wollten vom Tode nichts hören. Sie dachten nur an Glück, an Traum, vom heißen Leben klang in ihren Ohren hell das Lied.

Sie gingen den Weg zum Hotel zurück, und der kurze, stumpfe, bewaldete Kegel des Rauchkofels begann sich allmählich wieder vor das überwältigende Hochalpenbild zu schieben. Im Gehen schauten sie immer hinauf, und im Arger darüber, daß der Vorberg ihnen mehr und mehr den Anblick des gewaltigen Cristallo entzog, sagte der Professor abermals:

»Siehst du den elenden Rauchkofel, wie er sich dazwischenschiebt, als ob er der Herr wäre!«

Klara meinte in Gedanken:

»Ich finde ihn gar nicht so übel. Er gefällt mir ganz gut.«

Der Professor lachte:

»Aber er ist ein unnützer Kerl. Steht nur dem Großen im Wege. Er kommt mir vor wie ein anmaßender Talbummler auf einer Hütte, der ernsten Hochtouristen den Platz nimmt.«

Und Professor Hallbauer, der in jedem Gipfel eine bestimmte, scharfumrissene Individualität zu sehen pflegte, deutete zu dem stumpfen Kegel hinüber, der freilich verschwand gegen seine Nachbarn:

»Sieh nur, welch schlappes, elendes, feiges Gesicht er macht, der Rauchkofel. Und dagegen der Cristallo! Ein wunderbarer Kerl, sieh nur mal! Die roten Felsen, das Eis, der Schnee am Gipfel. Rechts eine kleine Wächte. Ist es nicht prachtvoll?«

Kläre nickte:

»Bringst du mich einmal hinauf?«

»Morgen – oder warte mal,Kläre, wegen des Neuschnees... vielleicht übermorgen!«

»Langweilt es dich nicht? Weil er nicht so schwer ist und du ihn doch schon kennst!«

Er strich ihr die Wange:

»Desto besser. Ich sehe alte Freunde immer gern wieder. Und es erinnert mich an alte Zeiten.«

Sie warf einen scheuen Blick zu Joachim und meinte, beide beobachtend, was sie für ein Gesicht dazu machen würden:

»Ja, als du noch glücklicher warst, weil du allein gingst und nicht eine Frau als Ballast an dir hing, eine Frau, die die allerschwersten Touren nicht mitmachen kann...«

Während sie langsam der Straße folgten, sagte er:

»Du weißt, daß ich von einer leichteren Tour genau den gleichen Genuß habe. Weißt du noch, wie wir auf dem Wendelstein waren! Das war doch köstlich. Es braucht wirklich nicht der Monte Rosa von Macugnaga zu sein. Man kann nicht täglich Austern essen.«

Der Professor hatte an Joachim gar nicht gedacht. Das kränkte ihn, und er meinte ein wenig geknickt:

»Würde es dir passen, wenn ich mitginge?«

Der Professor erschrak:

»Herr Gott, Herr Gott, Dörstling! Ja... ja... Es wird wohl etwas anstrengend. Halt, ich hab's, wir fahren heute nach Cortina, gehen morgen ganz gemütlich nach Tre Croci hinauf. Das liegt genau auf der andern Seite von hier aus. Aber höher. Dadurch ist der Anstieg kürzer und weniger anstrengend. Auf die Art haben wir den Tag hingebracht und warten den Neuschnee ab... Na, und du kannst ja bis an den Paß mitgehen.«

Joachim rief:

»O bitte, ich gehe ganz mit!«

Er sah Klara an, um ihren Dank zu lesen. Aber sie fragte ängstlich:

»Wird er das auch können?«

Der Professor meinte nur:

»Ich will schon für einen guten Führer sorgen.«

Joachim hatte plötzlich Riesenmut:

»Ich brauche keinen Führer. Du hast doch gesagt, daß der Cristallo eine der leichteren der großen Dolomittouren ist?«

Aber der Professor wußte, was er wollte:

»Wir werden sehen.«

Joachim fragte, als hätte er das Gipfelhaupt schon unter seinen Füßen, mit blitzartigem Seitenblick auf Klara: »Wie hoch ist er denn eigentlich?«

Der Professor, der die ganze Nomenklatur, Literatur, Kartographie und Geschichte der Alpen im Kopf hatte, gab ohne Zögern zurück:

»Dreitausendeinhundertneunundneunzig Meter.«

Joachim meinte wie billigend:

»Oh, das ist ja ganz anständig!«

Und unwillkürlich blickten sie alle drei zu ihrem Berge auf, der sich zu bewegen schien, so schnell zogen jetzt die Wolken über ihm fort. Man mußte länger hinsehen, um festzustellen, daß es Augentäuschung war, daß das Gewölk eilte, er aber in eherner Ruhe stand, wie er dort droben gestanden seit Millionen Jahren.

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