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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 87
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die Lerche

Seitdem Frau Holde auf dem Hilgenhofe war, hatte sich der Bauer in der schlechten Jahreszeit wieder an seine Arbeit gemacht und seine Quintärfauna von Deutschland in einer wissenschaftlichen Zeitung erscheinen lassen.

Die Arbeit machte großes Aufsehen, und in dem führenden Fachblatte wurde sie die wichtigste zoo-geographische Arbeit aus der deutschen Fauna genannt, die in den letzten fünfzig Jahren erschienen wäre.

Neben der Beschäftigung mit dieser Arbeit hatte der Bauer den Stoff für eine andere gesammelt, in der er die Veränderungen darstellen wollte, die die höhere Tierwelt des Gaues von den ältesten Zeiten bis auf seine Tage erfahren hatte, doch kam er davon ab, als er die Einzelheiten aus der Literatur, die ihm der naturwissenschaftliche Verein zu Bremen beschaffte, und aus allerlei Akten zusammensuchte und aus den alten Leuten in der Gegend herausfragte, und auf einen anderen Gedanken.

Der Name seines Hofes und die Tatsache, daß die gewaltige Eiche, die mit den dreihundert anderen dort stand, nicht unter die Art gekommen war, hatten ihn auf die Vermutung gebracht, daß es mit dem Hilgenhofe eine besondere Bewandnis haben müsse.

Als er Thöde Volkmanns Bücher durchsuchte, fand er darunter einen mühsam zusammengebrachten Stammbaum der Hilgenbauern, der zwar einige kahle Stellen aufwies, aber weit zurückreichte, und in demselben Hefte eine Menge Aufzeichnungen über die Geschichte des Hofes und der Besitzer, sowie in einem Fache des Schrankes alle Literatur, in der der Hilgenhof und Reethagen vorkamen.

Der Hilgenbauer fühlte sich mit seinem Hofe so sehr verwachsen, daß er selbst schon allerlei über ihn und seine Besitzer zusammengetragen hatte; er forschte weiter nach, wo er irgendwelche Urkunden, Akten und Aufzeichnungen vermutete, und trug alles in das grüne Heft seines Ohms ein; dann zog er daraus den Stammbaum und trug ihn in einen starken Band mit Lederdeckel ein, den er eigens zu diesem Zwecke gekauft hatte und der das Hausbuch der Hilgenbauern werden sollte, und davor in knapper Fassung die Geschichte des Hilgenhofes und seiner Besitzer, und die Bäuerin, die sehr gut zeichnete und malte, fügte Bilder von dem Hause, dem alten Wahrbaume, dem Hilgenberge, dem Grasgarten und dem Fleet hinzu, und ihr, ihres Mannes und der Kinder Abbildungen.

Lüder hatte schon auf der Lateinschule sehr viel gelesen und auf der Hochschule und später noch mehr; jetzt las er nur ganz selten noch und eigentlich nur solche Bücher, die sich mit der Geschichte der Heimat und ihrem Volke beschäftigten, schöne Literatur dagegen gar nicht.

Dadurch kam er ganz zu sich selbst und lenkte seine Gestaltungskraft, die fortwährend in ihm arbeitete und die in den letzten Jahren ganz von der Arbeit für den Hof mit Beschlag belegt war, nicht ab, sondern speicherte einen großen Vorrat davon in sich auf.

Als ihm nun beim Holzabfahren in der Wohld ein Stamm den rechten Fuß so schwer gequetscht hatte, daß der Arzt ihm für lange Wochen Liegen verordnete, fühlte er sich sehr unbequem, denn mit dem Lesen von Büchern konnte er seiner Unruhe nicht Herr werden.

»Schreibe deine Gaufauna fertig,« riet ihm seine Frau, und sie beschaffte ihm ein Pult, das an das Bett geschraubt wurde. Er begann zu schreiben, aber während er bei der Einleitung war, in der er das Land schilderte, wie es zu den Zeiten ausgesehen haben mochte, als noch Urochs, Bär, Adler und Uhu dort lebten, traten, je weiter er kam, immer mehr die Menschen vor ihn, während das Getier zurückwich.

Er klagte seiner Frau sein Leid, aber sie sagte ihm: »Die Haupsache ist, daß du dir die Zeit vertreibst. Die Tiere laufen dir nicht fort, und wenn sich die Menschen vordrängen, so werden sie wohl ihre Ursache dazu haben. Das, was du bis jetzt geschrieben hast, ist sehr schön.«

So tat er, was er mußte, ließ den Hilgenhof entstehen, schilderte die Schicksale der Leute, die darauf saßen, und als er in den letzten Zügen die alte Zeit dargestellt hatte, langte er bei Helmold Hilgen an, der während des Dreißigjahreskrieges lebte und dessen zweiter Sohn Hennecke, der herzoglicher Amtsschreiber war, ein Heft mit Aufzeichnungen über das, was ihm sein Vater erzählt hatte, hinterließ.

Dadurch bekam Lüder Boden unter die Füße, so daß er weiterkommen konnte bis zu Henning Volkmann, der auf den Hilgenhof heiratete und zur Zeit des ersten Napoleon lebte. Das war ein ausnehmend gescheiter Mann; er hatte ein Tagebuch über alle wichtigen Geschehnisse auf dem Hofe und im Kirchspiele geführt und immer die großen Zeitereignisse dabei bemerkt, soweit sie Einfluß auf den Hof hatten, auch seine eigenen Gedanken dabei nicht vergessen, die er sich darüber gemacht hatte.

Da nun ein Schillscher Offizier, der lange mit einer schweren Wunde auf dem Hilgenhofe lag, sowohl den Bauern als die Bäuerin und die Kinder als Schattenrisse in das Heft hineingezeichnet hatte, auch auf zehn Seiten in trefflicher Weise das Leben auf dem Hofe beschrieben hatte, so hatte Lüder diesen seinen Ahnen sichtbar vor Augen und konnte nicht eher von ihm fortkommen, als bis er in zehn Schreibheften das ganze Leben dieses ausgezeichneten Bauern, der ein Mehrer des Hofes und fünzig Jahre lang Bauernvogt war, beschrieben hatte.

In vier weiteren Heften schloß sich der Niedergang des Hofes an, bis im fünfzehnten und letzten Hefte die beiden letzten Volkmanns, der weltflüchtige Gelehrte Thöde und Lüder, der Landstreicher, den Beschluß bildeten.

Es war Ende Februar, als der Bauer mit der Geschichte des Hofes zu Rande war. Sein Fuß hatte sich sehr gebessert, zumal er sich während des Schreibens ruhig verhalten hatte, denn je mehr er schrieb, um so ruhiger wurde es ihm.

Er gab die fünzehn Hefte der Bäuerin, sie las sie trotz der engen Schrift in einem Zuge durch, faßte seinen Kopf mit beiden Händen, gab ihm einen Kuß und sagte: »Das kannst du mir schenken, es ist wundervoll.« Er nickte, und als sie weiter fragte: »Darf ich damit machen, was ich will?« nickte er wieder und sagte: »Gewiß, Holde, was du willst!«

Da die Sonne warm schien, hatte er Lust, nach draußen zu gehen, denn bis dahin war er nur im Hause auf und ab gegangen. Die Bäuerin gab ihm den Arm und führte ihn in den Garten, wo in der Alpenanlage, die Thöde Volkmann angelegt hatte, allerlei frühe Blumen blühten, und von da bis zum Ende des Grasgartens, weil dort die Vormitttagssonne am wärmsten war.

Als sie auf die Saat sahen, die vortrefflich durch den Winter gekommen war, flog aus dem dichten Grün die erste Lerche hoch, stieg auf und sang. »Ich habe es gut getroffen, Holde,« sagte der Bauer, »gleich beim ersten Schritte vor das Haus singt mir die Lerche zu.« Seine Frau nickte lächelnd; sie hatte ihre eigenen Gedanken.

In der Folge, als Lüder wieder mehr draußen war, um nach den Knechten zu sehen, denn er hatte jetzt drei Knechte außer dem neuen Häusling Lüdeke, mit dem er es gut getroffen hatte, saß die Bäuerin jeden Tag und schrieb die Geschichte des Hilgenhofes sauber ab und wenn ihr Mann sie dabei antraf und sie fragte, warum sie sich soviel Mühe gäbe, dann sagte sie lächelnd: »Du hast gesagt, ich kann damit machen, was ich will.«

Wenn aber Freimut zur Jagd da war und sich auf dem Hofe sehen ließ, dann hatte sie immer Wichtiges mit ihm zu reden; manchmal steckte er ihr auch einen Brief zu, und als Lüder das einmal bemerkte, lächelte seine Frau ganz so, wie damals Mutter Garberding gelächelt hatte, als sie sich zur Kreisstadt fahren ließ, um ihre Erbverschreibung aufsetzen zu lassen.

»Es ist ein gesegnetes Jahr,« meinte der Bauer, als sie die Deele zum Erntebier rüsteten.

Die Frau stimmte ihm mit den Augen zu, aber sie dachte nicht an die Ernte, die auf dem Felde gewachsen war, und nicht an die Gartenfrüchte und an die Obstbäume, die sich alle tief bückten, noch weniger.

Zuzeiten fragte Lüder sie, was sie habe, denn wenn sie auch immer heiteren Sinnes war, in ihren Augen war seit einiger Zeit ein ganz eigenes Leuchten, und noch nie hatte sie soviel gesungen und gelacht, wie zu dieser Zeit, und war sie früher schön, so wurde sie es jetzt noch viel mehr, trotzdem sie von früh bis spät mit dem Haushalte zu tun hatte und außerdem noch auf die Kinder, deren es mit der Zeit vier geworden waren, zu achten hatte.

So kam der Weihnachtsabend heran. Lüder saß in der großen Wohnstube in dem Anbau, in dem jetzt die Familie lebte, da das alte Haus zu klein geworden war, und hatte das jüngste Kind auf dem Schoße, während die anderen mit gemachter Ruhe die Bilder in einem Tierbuche besahen. Die Geschenke für seine Frau hatte er der Großmagd gegeben.

Um sieben Uhr kam die Bäuerin herin; sie hatte, wie die anderen auch, ihr bestes Zeug an, und in ihren Augen war eine heimliche Ausgelassenheit, so daß ihr Töchterchen sagte: »Mutter, du siehst heute wirklich zu schön aus!«

Bald darauf läutete es; die Bäuerein faßte ihren Mann an die Hand und führte ihn auf die Deele, wo der Lichterbaum brannte; um ihn herum standen das Gesinde und der Häusling mit seiner Familie.

Nachdem die Kinder mit klaren Stimmen das Weihnachtslied gesungen hatten, wurde erst Lüdekens beschert, dann das Gesinde, worauf schließlich die Kinder zu ihren Gaben gewiesen wurden; zuletzt führte Lüder seine Frau dahin, wo seine Geschenke lagen, alltägliche Dinge, die ihr fehlten und die er sich im Verlaufe des Jahres gemerkt hatte, und einiges, das nicht so notwendig war und von liebevoller Aufmerksamkeit Zeugnis gab.

»Du, lieber Lüder,« sagte die Bäuerin, nachem das Gesinde mit seinen Geschenken in die Leutestube gegangen war, »du bekommst wie gewöhnlich das wenigste; da sind zwölf Paar Strümpfe , sechs für den Sommer und sechs aus Schnuckenwolle für wintertags, und zwei Kisten Räucherwerk und natürlich einen Weihnachtskuß, weil du bis auf die Dummheit mit dem gequetschten Fuß dich das ganze Jahr gut betragen hast. Gern hätte ich dir noch ein besseres Angebinde verehrt, aber du hast ja so wenige Bedürfnisse, daß man nie weiß, was man dir schenken soll. Unter den Strümpfen liegt noch eine Kleinigkeit, die dir vielleicht Freude macht.«

Neugierig packte er die Strümpfe fort und fand darunter ein Heft einer vornehmen Zeitschrift liegen, auf dessen aufgeschlagener Seite eine Stelle blau bezeichnet war. Er las und wurde ganz rot im Gesicht, den da stand: »Im Verlage des Deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrt- und Heimatpflege ist ein Buch erschienen, das in der Weihnachtsliteratur dasteht wie eine Eiche im Felde. Es heißt ›Der hohe Hof‹ und behandelt die Geschichte einer bäuerlichen Familie der Lüneburger Heide. Sein Verfasser nennt sich Lüder Volkmann; wir wissen nicht, wer das ist, aber wir wissen, daß er ein großer Künstler ist. Seine Sprache ist rein und klar, wie die Luft der Heide; da stäubt kein überflüssiges Wort, da fliegt kein falscher Ausdruck. Sein Satzbau ist von jener Natürlichkeit, die so schwer zu treffen ist, und seine Bilder sind ungesucht und neu. Das Buch wird demnächst ausführlicher besprochen; für heute sagen wir nur: es ist ein köstliches Werk.«

Als Lüder aufsah, warf sich Holde an seine Brust. »Ich habe nur die Namen etwas geändert; alles andere blieb, wie es war. Du sagtest, ich könnte damit anfangen, was ich wollte, da habe ich es drucken lassen.«

Sie schlug die weißleinene Decke zurück, und zwei Bücher kamen zum Vorschein, das eine in kostbarer, das andere in einfacher Ausstattung.

»Das, Lüder, ist die Volksausgabe. Dein Buch muß in recht viele Hände kommen, darum ist gleich eine ganz billige Ausgabe herausgegeben. Inhaltlich sind beide Ausgaben gleich, nur kostet dieses Buch zwei, jenes sechs Mark.

Und nun gib mir einen Kuß, damit ich weiß, daß du mir nicht böse bist.« Sie lehnte sich an ihn und sah mit Augen zu ihm auf, die vor Glück und Stolz feucht glänzten.

Ihr Mann küßte sie auf die Stirne: »Du!« sagte er und weiter nichts.

 

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