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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 75
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050809
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Das Käuzchen

Der Wachtmeister ritt am nächsten Tage nach Quelingen. Als er so dahinritt, hörte er die Kiebitze rufen; er stellte sich in die Bügel, denn er dachte, daß da ein Fuchs wäre, und sah die beiden Landstreicher über die Wiesen kommen. Er wartete, bis sie an der Straße waren, schwang sich aus dem Sattel und rief: »Guten Tag, Herr Volkmann!«

Lüder Volkmann grüßte wieder. »Ich habe immer noch keine Papiere.« Der Wachtmeister lachte und griff in die Tasche: »Aber ich habe eins für Sie; das hier soll ich Ihnen im Auftrage des Herrn Amtsrichter zeigen.«

Volkmann las, aber seine Züge veränderten sich kaum, als er Ramaker die Anzeige wies. »Merkwürdig!« sagte er, »wir wollten gerade dahin; ich bin als Kind dort oft bei meinem Oheim gewesen.«

Ramaker schüttelte Volkmann die Hand: »Wie mich das freut, wie mich das freut!« Aber dann setzt er hinzu: »Jetzt hat unsere Freundschaft wohl ein Ende?«

Der andere schüttelte den Kopf: »Da kennst du mich schlecht, Ruloff. Aber nun müssen wir wohl auf Reethagen zu. Wie weit ist das?«

Der Wachtmeister überlegte: »So Stücker drei bis vier Stunden.« Volkmann reichte ihm das Blatt zurück und zog den Hut: »Sie sollen auch bedankt sein, Herr Wachtmeister, und Ihr Herr Amtsrichter auch.«

Er wollte sich zum Gehen wenden, aber Köllner gab ihm die Hand: »Ich wünsche Ihnen viel Glück, Herr Volkmann,« und als er sah, daß der andere errötete, warf er noch hinterher, indem er in den Steigbügel trat: »In Reethagen kehren Sie im Weißen Roß ein; grüßen Sie den Wirt Nordhoff von mir.« Er legte die Hand an den Helm und ritt weiter.

»Mensch, Mensch,« schrie Ramaker und schlug sich auf den Schenkel, »das Glück, das Glück.«

Der andere sah ihn ernst an: »Ob es eins ist? Wer weiß? Theodor Volkmann, der mir den Hof verschrieb, oder Ohm Töde, wie ich ihn nannte, war Naturforscher; es hieß von ihm, er sei überspönig, weil er ein gelehrter Mann war, sich aber wie ein Bauer trug. Er hatte damals schön geschimpft, als ich studieren wollte. ›Bauer mußt du werden, dann hat dir kein Mensch was zu sagen‹, knurrte er.«

Es war um die Ulenflucht, als die beiden Männer in Reethagen ankamen und sich nach dem Weißen Rosse hinfragten. Das war eine Wirtschaft nach alter Art mit einem Strohdache, aus dessen Gieblloch der Herdrauch heraus kam.

Als sie über die Delle gingen, sah der Wirt sie erst von der Seite an. Er war ein mittelgroßer Mann mit ernstem Gesicht und ruhigen Augen; wenn er sprach, sah er aus, als täte es ihm leid, daß er den Mund aufmachen müsse; darum sprach er durch die Zähne.

Er setzte Volkmann und Ramaker Brot, Wurst, Butter und Bier hin und sagte: »Laßt es euch schmecken!«

Als sie gegessen hatten, fragte Volkmann, ob sie über Nacht bleiben könnten. Der Wirt nickte: »Ja, wenn ihr beide in einem Bette liegen gehen wollt? Die andere Kammer hat der Jagdpächter.« Volkmann nickte und brannte sich seine Pfeife an. Dann fragte er: »Ist der Vorsteher wohl heute noch zu sprechen?« »Ja,« sagte Nordhoff, »der kömmt gleich; er hat mit dem Jäger allerlei zu besprechen.«

Draußen gingen Schritte, die Tür klinkte auf und der Jäger trat herein. Er bot die Tageszeit und sagte: »Nordhoff, gebt mir schnell eine Flasche Bier; ich bin ganz dröge im Halse. Es ist doch ein Ende hin vom Donnermoore bis hierher. Und heute will ich durchschlafen; habe jetzt drei Nächte wegen der Birkhähne um die Ohren geschlagen. Sieh, da ist ja auch der Vorsteher! Guten Abend, Garberding! Freimut läßt grüßen; er schimpfte Mord und Brand, daß er nicht mitkonnte, aber er hat viel zu tun und morgen eine Verteidigung in einer schweren Sache. Na, die Sache mit Engelkens Apfelbäumen können wir beide ja auch abmachen.«

Während er aß, besprach er mit dem Vorsteher, wieviel der Anbauer Engelke wohl für den Schaden haben müsse, den die Hasen ihm im Nachwinter gemacht hatten, und dann ging er in seine Schlafkammer.

Da trat Volkmann an den Vorsteher heran: »Ich würde Sie gern in einer Sache sprechen, wenn Sie Zeit haben.« Vollmeier Garberding sah ihn an und nickte.

»Dann geh du man in die Kammer, Ruloff,« sagte Volkmann, »und wenn Sie es nicht übelnehmen, Herr Wirt, am liebsten wäre es mir, wenn ich dem Herrn Vorsteher meine Angelegenheit unter vier Augen vortragen könnte.«

Als er allein mit Garberding war, nannte er seinen Namen. Der Vorsteher sah ihn groß an: »Dann gehört Ihnen ja der Hilgenhof.« Der andere nickte und erzählte, wie es ihm gegangen war, denn der Vorsteher, das sah er an dem langen hageren Mann am Gesichte an, war ein Mensch, der das nicht weiter herumbrachte. So schlug er denn die Hauptstellen aus seinem Lebensbuch vor ihm auf.

Der Vorsteher verzog keine Miene, aber als Volkmann das Buch zuschlug, gab er ihm die Hand und sagte: »Daß Sie kein schlechter Mann sind, weiß ich von Ihrem Oheim, der mir Ihre Sache seinerzeit verklarte, als in den Zeitungen darüber geschrieben wurde. Nun Ihnen der Hof auf dem Heiligenberge zu eigen ist, gehören Sie zu uns, denn der Hof gehört noch zu Reethagen. Das meiste Land hatte der alte Volkmann verpachtet; es ist in guten Händen; für sich hatte er bloß so viel zurückbehalten, als er Bedarf dafür hatte. Nach alle dem, was Sie mir erzählten, glaube ich, daß Sie mit der Zeit selber den Bauern spielen können. Ich glaube auch, daß Sie dadurch am besten von Ihren Gedanken abkommen.«

Er sah Volkmann an und fuhr fort: »Die anderen brauchen von Ihrem Vorleben nichts zu wissen; kommt es später rund und haben Sie Verdruß davon, dann wenden Sie sich nur an mich. Klatschen und Neidböcke wachsen auf jedem Boden, aber die mehrsten Leute hier sind anständiger Art. Wenn Sie sich in die hiesige Art schicken und sich zu den Leuten zu stellen wissen, fragt kein einer danach, was Ihnen draußen zugestoßen ist.

So, eins noch: Das meiste Bargeld hat der alte Volkmann für Stiftungen hingegeben; der Rest, der Ihnen zugeschrieben ist, liegt auf dem Amte. Sie werden doch noch jemanden haben, der Sie als Erbberechtigten ausweisen kann? Da Sie ja keine Papiere haben, ist das das Nächste, was Sie tun müssen. Morgen früh bei Klocke achte will ich mit Ihnen nach dem Hilgenhofe gehen. Und nun: Gute Nacht; lassen Sie sich was Schönes träumen.«

Er stand auf und gab Volkmann die Hand. In der Türe drehte er sich noch um: »Unter uns: Das halbe Haus ist vermietet, aber da ist doch noch Platz genug für Sie. Die eine Hälfte hat der Pächter, und die, wo Ihr Ohm lebte, hat seine Haushältersche, eine Frau Grimpe, ein ganz tüchtiges Frauenzimmer, die auf Hochzeiten und so als Köksche ihren Mann steht.«

Er biß an seiner Zigarre herum: »Ob es das Richtige ist, daß Sie mit ihr zusammenleben, das ist eine andere Sache. Die Frau ist nicht von hier; sie soll alles mögliche gewesen sein, wird erzählt. Hier hält sie sich ganz anständig, aber immerhin, für ganz voll wird sie nicht genommen. Dem alten Volkmann hat sie zwei Jahre die Wirtschaft geführt, aber das war ein alter Mann. Na, es ist ja Ihre Sache, wie Sie sich zu ihr stellen. Also: bis morgen.«

Als Ramaker und Volkmann in dem breiten Bette in der Fremdendönze lagen, sagte Ramaker: »So ein Bett, das ist doch etwas Gutes!« und Volkmann erwiderte: »Na, du kannst ja nun immer in einem richtige Bette schlafen.«

Er hatte es sich vorgenommen, den Mann zu behalten. Er war ein Bauernknecht aus der Grafschaft Bentheim; Lüder hatte ihn wintertags im Emsenmoore angetroffen, als der Mann, der halb verhungert und ganz ausgefroren war, sich gerade aufhängen wollte, hatte ihm zu essen gegeben und ihm die dummen Gedanken aus dem Kopf geredet, denn Ramaker war das Leben leid geworden, weil er nirgends in Arbeit behalten wurde.

Er hatte nämlich in der Trunkenheit einen Totschlag begangen, mehr aus Zufall, denn aus Absicht, aber durch die Zeugenaussagen wurde der Fall so gedreht, daß er mehrere Jahre bekam. Das hing ihm überall nach.

Nun aber hatte die Not ein Ende: »Bauer,« sagte er zu Volkmann, »du sollst sehen, wie ich arbeiten kann; ich sage dir, wenn ich erst den Pflugsterz in der Hand habe, kennst du mich nicht wieder. Nein, so ein Glück, so ein Glück!« hatte er noch im Halbschlafe gemurmelt.

Lüder Volkmann lag noch lange wach. Er hatte erst keine große Lust, den Hof zu behalten; er dachte, er wollte ihn verkaufen und mit Ramaker zusammen in Südafrika anfangen, denn er wußte, selbst hier hinten in der Heide würde er doch ab und an gegen seine Vergangenheit anlaufen.

Andererseits: der Heidhunger, der ihn aus Kanada forttrieb, er würde sich auch in Afrika neben ihn stellen; er stammte aus der Heide, wenn auch sein Vater und sein Ahne Stadtleute gewesen waren. Was man ein Leben nennen konnte, gab es für ihn nur in der Heide; nur, wenn er früher in seiner Heidjagd weidwerkte und Pürschstiege schlug und Kanzeln baute, hatte er sich wohl gefühlt; in der Stadt war er sich eigentlich immer albern vorgekommen zwischen dem lauten, unruhigen Volk, das sich wie die Spatzen benahm: immer in hellen Haufen und ständig den Schnabel offen.

Draußen rief das Käuzchen; Lüder schien es im Anschlafe, als riefe es: »Bliw hier, bliw hier!«

 

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