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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 71
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Der Vampir

In die weitgeöffneten Fenster meiner altertümlichen Stube drängt sich die warme, feuchte, von Flieder- und Jasminduft versüßte Mainachtluft und ringt in dem breiten Fensterrahmen mit blauen Tabakswolken. Aus dem Weidengebüsche des Goldfischteiches ertönt das lebhafte, wechselreiche Lied des Sumpfrohrsängers und verschlingt sich mit den Jubelgesängen fern schlagender Nachtigallen zu wundersamen Ton-Arabesken. Ab und zu saust ein großer mattgefärbter Abendfalter in das Zimmer, peitscht die Lampenglocke mit den starken Schwingen und huscht wieder hinaus. Die Riesenplatanen im Garten rauschen schläfrig.

Ich lese ein medizinisches Werk, trocken, schmucklos, in kurzen Sätzen geschrieben; ich bin so nüchtern gestimmt und verfolge die trockenen Sätze so genau und ruhig, als ob es Rechnungen wären. Die Phantasie habe ich zu Bette geschickt.

Draußen auf der alten Steintreppe neben dem blühenden Fliederstrauche steht jemand; ein bleiches Gesicht schaut zum Fenster hinein und sieht mich an. Ich blicke nicht hin, aber ich weiß, daß es da ist. Nerventäuschung! Ich habe zu anstrengend gearbeitet in der letzten Zeit.

Das weiße Gesicht tritt mir näher. Jetzt schaut es über meine rechte Schulter in das Buch. Ich drehe den Kopf – natürlich! Nur eine Sinnestäuschung: eine ferne Gaslampe beleuchtet das Spiegelbild einer Fliedertraube in dem zurückgeklappten Fenster. An meiner Schlafzimmertüre, bleich, strenge, bittend, ohne Mienenbewegung steht wieder das schattenhafte Gesicht. Es kommt langsam näher. Jetzt schwebt es zwischen mir und der Lampe. Ich blick auf – selbstverständlich, nur der Stundenplan, der dort aufgehängt ist.

Meine Sehnerven sind durch allzu anhaltendes Mikroskopieren überreizt . . .

Ein halbverwischtes, kreideweißes, starres Gesicht schaut über meine linke Schulter in das Buch. Es ist freilich nur der helle Schimmer des gebleichten Skeletts. Aber mir wird nach und nach der Kopf warm. Wenn ich nicht morgen in das Examen müßte, dann ging ich sofort zu Bett. Also weiter im Text.

Das weiße Gesicht mit den geisterhaft undeutlichen Zügen taucht aus dem Eichenfußboden auf und schwimmt ohne eine Bewegung näher an mich heran.

Es ist bereits dicht neben meinem Kopfe. Ein kurzer Blick belehrt mich, daß es nur ein zu Boden geflattertes Papier ist. Jetzt heißt es, die Gedanken zusammenzupferchen, denn ich werde immer zerstreuter. Wort für Wort durchmustere ich das Buch. Zwei klare, helle, ruhig schimmernde Augen erscheinen unter meinem Präpariertische, bohren sich wie mit Enterhaken in mein Gesicht und reißen meine Blicke von dem Buche fort. Wie albern! Zwei Glasschalen werfen den Mondschein zurück. Ich blättere langsam weiter.

Ich schrecke zusammen. Auf dem Rücken empfand ich ein Gefühl, als ob eine kühle, weiche Fingerspitze mir schnell vom Rücken bis zum Kreuz geglitten wäre. Ich fasse nach dem Kreuz – lächerlich! Das Durchsteckknöpfchen hat sich vom Kragen gelöst. Ein weicher, vorsichtiger kühler Druck eines vollen Armes umschlingt meinen Hals. Nervös sehe ich mich um: Nichts. Ich fasse nach meinem Nacken: das Schlipsband ist in die Höhe gerutscht und hat mich gekitztelt.

Jetzt bin ich am Schlußkapitel. Aufatmend klappe ich das Buch zu. Doch nun will ich etwas Antipyrin einnehmen, sonst erscheint mir am Ende meine eigene Nase noch als Gespenst. Es ist auch Zeit zum Schlafengehen, die Lampe gibt mir das deutlich durch ihr immer unwilligeres Brennen zu verstehen. Gähnend erhebe ich mich vom Sessel und öffne die Schlafzimmertüre, welche warnend quietscht. –

Am Kopfende meines Bettes steht bleich, nebelig, ätherisch der Schatten eines Schattens. Ein weißes, schönes, unerkennbares Gesicht mit verschimmend zarten Zügen, Lippen blaßrosa wie Anemonenblüte. Zarte, perlblaue Augen, wie aus Schlehenduft geformt, mit schwachem, ruhigem, leise flimmerndem Blick, wie ein weit entferntes Licht in der Nebelnacht.

Verschwinde, Nervenspuk, ich danke für deine Gesellschaft!

Ärgerlich gehe ich in mein Arbeitszimmer zurück und zünde mir eine neue Zigarre an. Ich will die Nerven erst etwas einschläfern, ehe ich mich hinlege. Die Lampe zappelt in den letzten Zügen; ich gebe ihr den Gnadenstoß. Der Docht glüht noch einige Minuten nach, rotfunkelnd wie ein Uhu-Auge. Tagheller Mondschein stürzt hastig in das Zimmer. Leise winkend, bittend, lockend steht in dem Rahmen der Schlafzimmertür die neblige, dunstige, unklare Erscheinung. Ich bin dieses Nervengaukelspiel herzlich leid; doch was ist da zu machen? Schlafen kann ich doch noch nicht.

Langsam schwebt die zarte Luftgestalt zu mir hin. Das bleiche Schattengesicht weht leise auf mich zu. Blaßrote Lippen flattern den meinen entgegen. Schwachleuchtende Blicke schmelzen in meine Augen. Nebelhafte Arme schwimmen leise nach meinem Halse. Ein durchscheinender Leib wogt mir verlangend entgegen. Die Busenschatten schwellen und schwinden wie Rauchwölkchen.

Bin ich denn ganz verrückt? Setz dich ins Sofa, Nervengespenst, und laß uns vernünftig reden. Dürfte ich mich ergebenst nach dem Zwecke Ihres Hierseins erkundigen?

Sie schweigt; stummer, schmerzlicher Vorwurf zittert auf ihren Lippen.

»Was willst du von mir?«

»Hab mich lieb!«

»So schmeichelhaft mir Ihr zartes Entgegenkommen auch ist, meine Gnädigste, so bin ich heute nicht mehr dazu aufgelegt. Guten Morgen!«

Sie rührt sich nicht.

Sie zeigt keine Bewegung und scheint für Ironie völlig unempfänglich zu sein.– »Und was übrigens Ihre Existenzberechtigung anbetrifft, verehrtes Wesen aus einer mir als Mediziner furchtbar gleichgültigen Welt, so spreche ich Ihnen dieselbe gänzlich ab. Sie bestehen tatsächlich nur aus amorphen Wölkchen von Tabaksqualm mit einer geringen Dosis von Mondschein; um dieses dürftige Machwerk haben meine krankhaft überreizten Nerven einen subjektiven Rahmen gezimmert und die Phantasie ist der wackelige Nagel, an dem der ganze Zauber in der Luft hängt.«

Sie rührt sich nicht, selbst dieser schneidende Sarkasmus läßt sie kalt.

Also, Fräulein, da Sie nur aus Qualm, Mondschein, Nerventäuschung und Gehirnüberreizung zusammengesetzt sind, so sind Sie

  1. überhaupt nicht vorhanden, haben also
  2. nicht das Recht, den geringsten Einfluß auf mich auszuüben, und
  3. nicht einmal die Macht dazu und würden
  4. gut tun, Ihr erheucheltes Schein-Sein aufzugeben. Sie tun das natürlich nicht, weil Sie keine Spur von Logik haben. Gespenster sind stets dumm.

Selbst Grobheit prallt von der bleichen, ruhigen Gestalt ab.

Wenn Sie nicht bald verduften, dann gehe ich ins Wirtshaus.

»Ich kann ja nicht.«

Wer hindert Sie daran?

»Du.«

Das ist sehr gut. Nachdem ich Bände voll von Ironie, Hohn, Sarkasmus, Logik und Grobheit vergeudet habe, um Sie hinauszugraulen, sprechen Sie ein solches Wort. Wodurch halte ich Sie denn?

»Du denkst an mich!«

Dieses ist noch schöner. Ich weiß nicht, wer Sie sind und soll an Sie denken! Wer sind Sie denn?

Sie tritt ganz nahe an mich heran. Ich erkenne sie. Ich stütze die Stirn in die Hand und denke an die Tote:

Sie war schön, aber unscheinbar; einen Liebsten hatte sie nie gehabt; ihre Eltern waren sehr fromme, sehr strenge, sehr reiche Kaufleute; so wurde sie dreiundzwanzig Jahre alt. Ich lernte sie auf einem Balle kennen. Da ich fürchtete, mich in sie zu verlieben und dieses abgeschworen hatte, vermied ich es, ihr zu begegnen. Eines Abends ging sie vor mir her nach Hause zu. Sie erblickte mich und ich grüßte. Fast hätte ich sie angesprochen, so reizend sah sie aus. Sie errötete – ich sah ihre Wangenblumen nicht; ihre Augen leuchteten – mich erwärmten die Strahlen nicht; sie lächelte demütig süß – der trotzige Wille, allein zu sein, goß roh die aufglimmende Glut in meinem Herzen aus, und kalt ging ich vorbei. Leise und müde hörte ich ihre Schritte hinter mir verhallen. Vier Tage später erzählte mir ein Bekannter, daß sie sich ertränkt habe. Ich ging sofort nach Hause, zog die langen Stiefel an, nahm die kurze Pfeife und den dicken Eichenknüppel und strolchte planlos durch die Heide – mein altes Mittel gegen Gemütsbewegungen. Aber ob im Kiefernwalde oder auf dem gelben Sande, auf brauner Heide oder schwarzem Moor – ich sah immer das bleiche Gesichtchen, den niegeküßten Mund und die traurigen Augen vor mir, hinter mir, neben mir. Ich sah ihre Tränen in schlaflosen Nächten und das bittere Zucken des kleinen Mundes, als sie in den schlammigen Stadtgraben sprang. Ich sah sie vor mir an jenem Abend, ich sprach sie an, ihre Augen strahlten; ich nahm ihre Hand, zitternd schmiegte sie sich an mich; ich küßte sie, ihre Wangen färbte das Morgenrot ungehofften Glückes. Sie blieb mir treu; ich sah ihr Bild im Laube der Bäume, im Wasser der Teiche, in den Fenstern der Häuser, auf den Blättern der Bücher, in der Linse des Mikroskopes; hundert kleine Züge ihres Wesens tauchten vor mir auf, die mir alle zugeschrien hatten: »Ich liebe dich! Liebe mich auch! Liebkose mich mit deinen Augen! Berausche mich mit deiner Stimme. Streichle leise mein Haar! Lege deinen Arm um mich! Sag' mir, du liebst mich! Küsse meine Augen, meinen Mund, meine Stirn! Nimm mich hin!«

War ich denn blind?

Endlich nach langen Kämpfen verbannte ich durch angestrengtes Arbeiten das bleiche Bild aus meinen Gedanken. Einen Monat hindurch hatte ich Ruhe vor ihr. Und jetzt ist sie wieder da.

Du dauerst mich, ruhelose Tote! Sprich, liebes Kind, was willst du? Ich helfe gern, wenn ich es vermag!

Die blassen, traurigen Mienen hellen sich auf; ein Zug unsäglich weicher Hingebung durchflimmert das arme, tote Gesichtchen.

»Hab mich lieb!«

Aber Kind, wie kann ich das; ich lebe und du bist tot.

»Du mußt!«

So? Warum muß ich?

»Du träumst von mir!«

Sie bittet und fleht nicht; ihrer Sache anscheinend ganz sich sicher, steht sie ruhig, still und unbewegt vor mir.

Mädchen, warum hast du es mir, dem Argwöhnischen und Vielmißhandelten, nicht deutlicher zu verstehen gegeben, daß du mich so sehr lieb gehabt hast?

»Ich bin ein Weib.« –

Langsam, zögernd, unschlüssig, unter müden, ängstlichen Pausen entkleide ich mich; matt strecke ich mich in die Kissen; eine warme Hand drückt mir die Augen zu; verworrene Gedanken reichen sich mit bunten Träumen die Hände; bald werde ich schlafen.

Da! Ein eiskalter, bleischwerer Faustschlag auf mein Herz. Der Atem stockt mir, laut und scharf hämmern die schmerzlichen Herztöne. In Todesangst, mit weit aufgerissenen Augen und naßkalter Stirne fahre ich in die Höhe. Ich sehe nichts. Zitternd zünde ich das Licht an. Am ganzen Körper fliegend, daß die Flaschen in meinen Händen klirren, zähle ich zwanzig Tropfen Digitalistinktur in das Wasserglas, jeden Augenblick Erstickung oder einen Schlaganfall erwartend. Ich trinke die abscheulich schmeckende Mischung hinunter und werde allmählich ruhiger. Bleichschwere Müdigkeit stößt meinen Kopf in die Kissen zurück. Schläfrige Gedanken kokettieren mit halberwachten Träumen. Bald schlafe ich.

Da wieder die eiskalte Bleifaust auf meiner Brust, würgendes Herzklopfen, wilder Funkenwirbel vor den Augen, beklemmende Atemnot in den Lungenflügeln. Noch einmal Todesangst, noch einmal Digitalis, noch einmal Müdigkeit und so weiter.

Es ist eine rabenschwarze und tobende Oktobernacht. Brüllend und heulend gießt der rasende Nordwind das Wasser eimerweise an die ächzenden Fensterscheiben und haut zwischen die Dachpfannen, daß sie klirrend und klingelnd und klappernd in den Kot klatschen.

Jetzt ist sie schon fünf Monate tot. O ich bin müde, todmüde und krank. Mein Rücken ist wie gebrochen, die Augen brennen, die Füße sind eiskalt, die Schläfen hämmern und ein dumpfes Druckgefühl lastet um Kehle und Hinterkopf. Ja, sie ist mir treu, treu, treu bis zu meinem Tode. Im grünen Mai kam sie zum ersten Male zu mir. Unter Herzklopfen war ich eingeschlafen. Da schwebte sie herein zu mir, schob ihren Arm unter meinen Hals und küßte mich erst ganz leise, keusch, schüchtern und zaghaft, dann bittender, dringlicher, heißer. Es war ein schaurig süßer, unheimlichwonniger Liebestraum.

Ich erwachte mit bleiernden Gliedern und aschgrauem Gesichte. Und sie kam immer wieder, Nacht für Nacht. Da half kein Abwehren, kein Sprödetun. Sie bleibt mir treu, treu bis zu meinem Tode.

Sie steht an der Kammertür und lächelt.

»Hab mich lieb!«

Mädchen, du tötest mich!

»Dann sind wir immer beieinander.«

Und sie lächelt so süß und winkt so zärtlich. Heute kam sie, morgen ist sie hier und übermorgen wird sie kommen; sie ist mir treu, treu bis zu meinem Tode.

Sie steht an der Kammertür und lächelt.

Und kommst du morgen und übermorgen und immer wieder, dann kann ich dir nicht mehr widerstehen.

Ich gehe dann für immer mit dir.

 


 

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