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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 70
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Der Sekundantenschuß

Dieweil der Kraftwagen langsam dahinfuhr, dachte Lucius-Godinga immer ein und dasselbe: »In einer halben Stunde spätestens ist Eike tot.«

Da sprach der Arzt über die Schulter, mit einer Kopfbewegung auf das braune, mit hohem, fahlem Grase bedeckte Moor deutend: »Wie nennt man dieses lange Zeuge hierzulande eigentlich?«

Lucius-Godinga sah verstört auf: »Achso, das? Das nennen die Bauern Bent. Sie mähen es nach dem Frost, wenn ihnen das Grummet verregnet ist; es ist kein allzu schlechtes Futter.«

»Ich mag es gern,« fiel der Assessor ein. »Wenn es nicht da wäre, kriegte man keinen Bock hier im Moore. So hat man wenigstens doch etwas Deckung. Weißt du noch, Herm, der Bock, den ich mir damals im Moore bei dir holte? War mein schwerster, aber schönster Pirschgang. Vier Stunden krebste ich in dem hohen Gras herum. Bis an den Bauch war ich naß, denn es war stark tauschlägig. Gefroren hab' ich wie ein Schloßhund. Aber fein war es doch, als ich dem alten Bengel die Kugel antrug.«

Dem anderen tat das Herz weh, als sein Freund so frisch plauderte, und eine fruchtbare Wut beklemmte ihm den Hals. »So ein hübscher Junge,« dachte er und sah von der Seite nach dem fröhlichen Gesicht, das leicht von gewelltem Blondhaar eingerahmt war; »So ein lieber Kerl, und wer weiß, ob er nicht in einer halben Stunde tot ist, oder ein Krüppel sein Leben lang.« Und dann wünschte er, daß er selber an der Stelle seines Freundes wäre, seines Leibfuchses, den er schon als Kind geliebt hatte wie einen jüngeren Bruder. »Was liegt mir am Leben?« dachte er. »Aber Eike lebt so gern, so gern!«

Er sann darüber nach, warum Tedje Klausen von Kindesbeinen an Eike Albers gehaßt hatte, Tedje Klausen, der als Schüler schon in jedes Wort Gift und Galle legte, und um dessen Mund immer und ewig ein höhnisches Lächeln ging, wenn andere sich über irgend etwas begeisterten. Wo er konnte, trat er Eike Albers in den Weg, Eike Albers, der doch bei allen Menschen beliebt war. »Vielleicht gerade deswegen,« überlegte Herm; »Loki und Baldur, Tod und Leben, Nacht und Tag, so wird es sein.« Er biß an seiner Zigarre, warf sie dann fort und starrte nach dem schwarzen Walde hinter dem Moore, über dem eine dicke weiße Wolke hervorkam und sich vor die Sonne stellte, so daß die Landschaft auf einmal alles Licht verlor.

»Hier rechts,« sagte er zu dem Arzte, und der lenkte in den Knüppeldam ein. Brombeerbüsche mit blutrotem Herbstlaube wucherten neben den Gräben, die mit schwarzem Wasser gefüllt waren. Rechts und links war alles weiß von den abgeblühten Weidenröschen; dazwischen starrten schwarz und rot die Gerippe junger Kiefern, die der Moorbrand vor drei Jahren umgebracht hatte. Kleine braune Vögel flatterten vor dem Wagen auf und pieften kläglich, von einem hohen, rottrockenen Wacholderbusche strich der Raubwürger mit schrillem Angstschrei ab, eine Krähe flog mit heiserem Gequarr vorüber. Herm sah das Zimmer in dem altmodischen Gasthause vor sich, in dem sich die Sache begeben hatte, hörte die scharfen Worte, sah die zum Schlage erhobene Hand Klausens, und des Arztes rotes, mit dicken Narben bedecktes Gesicht, der seine Hand hob und rief: »Halt! Sind wir Proleten?«

Er wußte, daß Klausen ein todsicherer Pistolenschütze war. »Eike,« sagte er halblaut, »denk' daran: die Seite, nicht die Brust bieten und deck dich mit krummem Arm verstehst du?« Der Assessor nickte und lachte: »Machst ja ein Gesicht, Herm, als wenn du knallen müßtest, und nicht ich! Mensch, sieh doch bloß, wie wunderbar die olle schiefe Fähre da vor dem Himmel steht. Ihr sagt ja wohl Fuhren hierzulande? Klingt auch voller, farbiger, satter.« Lucius-Godinga schüttelte in sich den Kopf. »Dieser Junge,« dachte er, »zehn Minuten vor der Mensur hat er noch Zeit, künstlerisch zu empfinden.« Und dann lief es ihm heiß über die Backen und über die Brust, und es kribbelte ihm unter dem Jagdhute, denn ein feuerroter Gedanke fuhr ihm durch den Sinn: »Fällt Eike, so remple ich bei der nächsten Gelegenheit Tedje an und schieße ihn über den Haufen.«

»Hier links,« sagte der Provisor, der wie immer kein Wort von sich gegeben hatte und der Arzt lenkte in ein graswüchsiges Gestell ein, stoppte und sprang heraus. Der Apotheker ging voran, die anderen folgten. In drei Minuten waren sie auf dem alten Meilerplatz, wo die Gegenpartei schon wartete. Herm sah nach der Uhr: »Noch vier Minuten!« dachte er und sah mit kalten Augen dahin, wo Klausen stand, wie immer sein schmieriges Lächeln um den Mund, wenn er es auch zu verstecken suchte. Alber's Augen strahlten. Sie weideten sich an den feuerroten Becherpilzen, die wie märchenhafte Blumen in dem knallgrünen Brunnemoose leuchteten, das den Kohlenschutt überzog, und an der alten, dicken, krummen Buche mit den auf seltsame Weise verrenkten Ästen.

Kühl wurde hinüber und herüber gegrüßt. Der Apotheker las, die Worte wie unwillig zwischen den Zähnen hervorquetschend, den Zweikampfabschnitt des Strafgesetzbuches vor und forderte dreimal zur Versöhnung auf. Ein Häher flatterte vorüber und kreischte gellend: »Nein!« Dreimal wurde hüben wie drüben abgelehnt. Der Unparteiische loste die Plätze aus und dann die Waffen. Die Sekundanten sprangen die Mensur ab und steckten sie ab. »Mein Kommando lautet: ›Achtung, fertig los, eins, zwei, drei, vier, fünf, halt!‹« sprach der Apotheker knurrend. »Es kann vorgegangen werden. Bei ›Fertig!‹ darf die Pistole gehoben werden. Geschossen wird, sobald ich ›Los!‹ gerufen habe. Wer nicht vorgeht, hat zwischen ›Eins‹ und ›Zwei‹ zu drücken. Ich bitte, meine Herren!«

Lucius-Godinga trat, die Sekundantenpistole in der Hand, hinter die gespenstige Buche. Rechts vor ihm, zehn Schritte entfernt, nahm Klausen Platz; sein Einglas warf blanke Strahlen nach Albers hinüber, der mit sorglosem Gesichte herübersah. Seinem Freund war zumute, als würge ihn jemand an der Kehle, und das Herz klopfte ihm zum Zerspringen. »Dieser liebe Kerl,« dachte er, »jetzt noch freut er sich über die roten Pilze.« Er mußte sich bezähmen, um seine Angst nicht zu verraten und den Haß nicht zu zeigen, den er gegen Klausen empfand.

Der Unparteiische zog die Uhr, ließ den Deckel aufspringen, sah auf das Zifferblatt, wartete einige Sekunden und hob dann die Hand. Herm hob die Pistole und sah hinter seiner Deckung her scharf nach Klausens Gesicht. »Achtung!« murrte der Unparteiische. Lucius-Godingas Herz stand still, der Atem pfiff ihm laut im Halse, und die Hand, in der er die Pistole hielt, zitterte ihm. »Fertig!« knurrte der Unparteiische. Herm sah, wie Klausens Zeigefinger sich nach dem Abzüge krümme. »Lo . . . s!« wollte der Unparteiische sagen, da knallte es schon und Albers knickte zusammen, wobei seine Waffe sich entlud. Da krachte ein dritter Schuß. »O - o - o,« stöhnte Klausen, fiel vornüber, versuchte sich aufzurichten, klappte aber wieder zusammen, richtete sich auf dem linken Arm auf und sah mit einem furchtbaren Blick nach Lucius-Godinga hin, der, die rauchende Pistole in der Hand dastand und am ganzen Leib zitterte.

»Was ist das?« schrie der Unparteiische, zum ersten Male den Mund wirklich aufmachend. »Habe von meinem Sekundantenrechte Gebrauch gemacht,« sagte Lucius-Godinga kalt; »der Herr Gegenpaukant schoß, ehe Sie das ›Los!‹ beendet hatten. Sie hatten erst ›Lo‹ gesagt.« Und dann lief er mehr, als daß er ging, zu seinem Freunde hin, den der Arzt umgedreht hatte. »Wie ist es?« fragte er ihn; »Schlimm?« Der Arzt nickte: »Aus! Herzschuß!« Herm fiel auf die Knie, faßte den Kopf des Toten mit beiden Händen, küßte ihn auf Stirn, Augen und Mund und rief: »Eike, mein Eike!« Dann sprang er auf und ging dahin, wo der andere Arzt sich um Klausen bemühte, der gegen die Gespensterbuche gelehnt war und schrecklich röchelte. Als der Arzt auf die leise Frage des Unparteiischen: »Kommt er durch?« den Kopf schüttelte und flüsterte: »Keine drei Minuten mehr!« dreht Herm sich um, damit niemand das böse Lachen um seinen Mund sehen sollte.

Die Haubenmeisen pfiffen und trillerten in den Fichten, ein Dompfaff lockte wehmütig, in der Ferne klopfte ein Specht. Herm sah geistesabwesend nach den feuerroten Pilzen. Der Unparteiische trat zu ihm. »Lieber Freund, vier Jahre bekommen Sie mindestens.« Der andere nickte. »Wenn schon,« dachte er und ihm war, als freue er sich.

 

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