Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050809
modified20151207
projectid2c32f836
Schließen

Navigation:

Der Kiebitz

Langsam tritt von den Uferwiesen das Wasser zurück. Am Rande der Überschwemmungsmarke fault das Genist, das das Wasser aufspülte, ein Wirrwarr von Stengeln, Halmen, Rohr, Schilf, Binsen, Blütentöpfen, Samenkapseln, Wurzeln, Knollen, untermischt mit Muschelschalen, Schneckenhäusern, Schmetterlingspuppen, Käferflügeln, Fischresten und Falterflügeln. Die Sonne brütet auf den faulenden Rückständen des Sommers und lockt Tausende von großen und kleinen Kerbtieren, Larven und Raupen, die Wellenschlag und Nachtfrost überstanden haben, hervor, und so wimmelt der ganze Kiesüberzug der Wiese von buntem Leben.

Ein Flug Kiebitze trippelt an dem Genist entlang. Ihre goldgrünen Rückenfedern schimmern in der Märzsonne, und ihre roten Schultern funkeln im hellen Lichte. Ab und zu ruft einer klagend »Kiebitt«, spreizt die Schwingen und fächert den Stoß, daß die weißen Binden hell aufleuchten; er sträubt den Schopf, macht eine Diener, daß der weiße Nacken aufblitzt, und dann steigt er empor, ruft jauchzend »Kuwitt, kiuwitt, huitt«, saust dahin, daß es dumpf »Wutt wutt wutt« klingt, macht einen jähen Bogen nach unten, überschlägt sich nach hinten, jauchzt wieder und taumelt über die Wasserlachen, auf denen nordische Möwen sich von den kleinen Wellen schaukeln lassen, und läßt sich auf der fahlen Wiese nieder.

Ein Hund taucht bei dem Gehöfte auf. Langsam kommt er angehumpelt. Er will das Ufer absuchen, ob er nicht wieder wie gestern eine guten Knochen findet. Aber schon hat der Kiebitz ihn erspäht. »Pie-wi«, erklingt es und noch einmal »pie-wi«. Und nun stehen alle die zwanzig Kiebitze, die auf der Reise vom Süden hier rasteten, auf; wie eine schwarzweiße Wolke weht es empor, es teilt sich in schwarzweiße Fetzen, die hin und her flattern, sie sausen in jähem Stoß über die Wiesen, taumeln im Bogen über das Wasser, und mit »Pie-wi« und »Ui-witt«, »Kibitt« und »Huitthuiett« stößt bald dieser, bald jener nach dem Hunde, der sich erst dumm umsieht und dann ärgerlich nach dem Hofe zurücktrollt.

Die ganze Nacht über rufen die Kiebitze in den nassen Wiesen; am Morgen aber sind sie fort. Andere kommen vom Süden und verschwinden wieder nach ihren Brutplätzen in Pommern, Ostpreußen, Ostfriesland, Holstein; wieder andere rücken nach, die in Dänemark und Schweden, England und Norwegen brüten; zwei Paare aber bleiben in der Marsch am Flusse. Das eine richtet sich häuslich auf dem Stück Unland ein, über das der Fluß in jedem Frühling den Sand schiebt. Disteln sprießen dort und starre Binsen, und weil das Stück Land hoch liegt, kann der Kiebitz von da aus die Gegend überspähen. Das andere Paar nimmt nach dem Anzugsgraben hin Wohnung, wo allerlei totes Gestrüpp, Schilf und Schaftheu wirr umherliegt und die Krötenbinse dichte Rasen bildet.

Ab und zu taucht noch ein Flug verspäteter Kiebitze hier auf, dessen überzählige Hähne sich mit den beiden Platzhähnen um die Weibchen balgen. Sie liefern sich heiße Schlachten zu Lande und in der Luft, fahren mit gesträubten Hollen fauchend und zischend aufeinander los, steigen empor, stoßen sich mit den Schnäbeln, schlagen sich mit den Fittichen, schreien und quieken dabei, fuchteln mit den Schwingen, daß es heult und brummt; aber die beiden Platzhähne sind wackere Degen, und wenn sich auch drei junge Hähne eine Woche lang hier zwischen Fluß und Feld umhertreiben und die Weibchen belästigen, schließlich müssen sie doch weichen und anderswo ihr Glück versuchen, bis auf den einen, der in seiner Liebestollheit nicht achtgab und dem Sperberweibchen zur Beute wurde.

Üppig schießt und sprießt unter der Frühlingssonne alles Gras und Kraut. Die Disteln spreizen ihre Stachelblätter, und die Binsen recken ihre spitzen Halme, und an der Zeit erscheint es den Kiebitzen zu sein, dafür zu sorgen, daß ihr Geschlecht trotz Wiesel und Iltis, Fuchs und Katze, Habicht und Weihe, blühe, wachse und gedeihe. Und trotz des Menschen. Hier haben sie nichts zu fürchten. Der Bauer nimmt ihnen die Eier nicht. Er hat keine Zeit für solche Dummheiten, und er weiß auch, daß ihm die Kiebitze die Raupen der Graseulen und die Ackerschnecken wegfangen. Aber an anderen Orten, da läuft hungriges und geldgieriges Menschenvolk in den Wiesen und Mooren umher und nimmt den schönen Vögeln die Eier fort zum Dank dafür, daß sie mit Flug und Stimme das Land beleben und Acker und Wiese von Ungeziefer befreien, und der deutsche Mann von Bildung und Besitz setzt sich hin und schlemmt Kiebitzeier und schimpft dabei über die rohen Italiener, die den Deutschen die Singvögel fortfangen, und er entrüstet sich ungeheuer darüber, daß ein armer Teufel sich einen Hänfling oder einen Stieglitz für den Käfig fängt, um seine Freude an dem Vögelchen zu haben und in seiner engen, dumpfen Mietsklause einmal etwas anderes zu hören als Straßenlärm und Kindergeschrei.

Die Kiebitze in der Flußwiese brauchen den Menschen nicht zu fürchten. Aber der Sperber macht ihnen Not; denn alle paar Tage kommt er angestrichen und greift, was er kriegen kann, heute den Star, morgen die Wiesenstelze, übermorgen die Rohrammer oder die Lerche. Darum paßt der Kiebitzhahn scharf auf, unterdes die Henne ihre Nestmulde zwischen den Disteln scharrt und mit Wurzeln und Halmen ausfüttert, und wenn er warnt und mit schwankendem Fluge hin und her taumelt, steigt auch die Henne in die Luft und wirbelt mit so unberechenbarem Geflatter über die Wiese, daß das Sperberweibchen nicht daran denkt, sie zu schlagen. Die hellgraue Wiesenweihe, die jeden Morgen und jeden Abend hier auf Mäusejagd fliegt, kümmert sich um die alten Kiebitze gar nicht.

Vier Eier liegen nun in dem Neste zwischen den Disteln, gelblichbraun wie der Sand und mit schwarzen Flecken bedeckt, als wüchse Moos auf ihnen. In dem Neste zwischen dem Schachtelhalmgeniste am Graben sind die Eier dunkler, wie der Boden, der dort auch einen tieferen Ton hat. Eifrig brüten die Weibchen und suchen nur dann und wann nach Nahrung. Geht der Bauer durch die Wiesen, so drücken sich die Weibchen platt auf das Nest, und die Hähne umfliegen den Mann und locken und rufen kläglich, bis er vorüber ist; dann lassen sie sich auf einer hohen Stelle nieder und suchen erst wieder nach Gewürm, bis er ganz hinten in den Wiesen verschwindet. Ab und zu verirrt sich auch die Katze hierher; aber die Kiebitze setzen ihr dann gleich so zu, daß sie bald nach dem Hofe zurückschleicht, und auch der Wachtelkönig hält es für geraten, den Nestern fernzubleiben; denn sofort setzt es Schnabelstöße und Flügelschläge, und eilig kriecht er in das Gras zurück.

In der Mittagszeit, wenn die Sonne ganz heiß scheint, treiben sich die beiden Hähne auf der Sandbank am Ufer umher. Da waten sie bis an die Brust in das Wasser, rennen am feuchten Ufer hin und her, nehmen ein Sandbad, putzen sich und fliegen dann mit weiten Flügelschlägen langsam den Fluß entlang, bis sie sich wieder auf der Wiese niederlassen und eifrig nach Raupen, Schnecken, Würmern und Käfern suchen. Sobald sich aber eine Krähe oder Elster zeigt, fahren sie darauf los, stoßen danach und vollführen eine solchen Lärm, daß das Raubgesindel es aufgibt, nach den Eiern zu suchen, und von dannen fliegt.

Bald aber heißt es noch achtsamer zu sein; denn bei jeder Henne wimmeln jetzt vier kleine, hochbeinige, bunte Wollklümpchen herum, deren Zottelkleidchen es nicht anzusehen ist, daß es sich einmal in das schwarzweiß-goldgrün-kupferrote Prachtkleid verwandeln wird. Wie die Mäuse huschen sie hinter den Hennen her, rennen bald hochbeinig zwischen den Binsen umher, Käferchen und Räupchen auflesend, bald schlüpfen sie tiefgeduckt durch das Gekräut. Sobald aber der Warnruf der Alten erschallt, sind sie verschwunden im Gras und Gestrüpp, drücken sie sich zwischen Stengel und Halme, und wie sie da liegen, sehen sie mit ihren langen Schutzdaunen aus wie verschimmelte Rotballen oder moosbewachsene Erdklumpen.

Immer länger wird das Gras, und Sauerampfer, Hahnenfuß und Lichtnelke schmücken es mit bunten Farben. Immer versteckter ist das Leben der beiden Kiebitzfamilien. In dem langen Grase ist so viel Gewürm, daß die Kiebitze sich nicht auf den Sand und den Schlamm des Ufers hinaus zu trauen brauchen; die heißen Stunden verträumen sie im Versteck, und erst des Abends stöbern sie am Ufer umher, wo die Jungen, schon fast so groß wie die Alten, zum ersten Male ihre Schwingen erproben. Dem einen bekam das schlecht; denn der Fuchs, der nachts fern am Ufer entlang schnürt, weil es da immer etwas zu rauben gibt, riß ihn, und von der anderen Familie griff der Waldkauz, der hier laichende Rotfedern fischen wollte, auch ein Junges, das auf der mondbeschienenen Sandbank nach Würmern stocherte.

Im Juli kommen die Mäher, und den Kiebitzen wird es zu laut auf der Wiese; so ziehen sie über Nacht fort. Ein paar Tage treiben sie sich auf den Kartoffelfeldern umher und suchen Schnecken und Raupen, und dann wandern die einen in die Marsch hinein und die anderen in das Hügelland, wo die Wiesen Nahrung genug bieten, bis es ihnen auch dort nicht mehr gefällt und sie auch der Marsch zustreichen, wo viele Hunderte von Kiebitzen zwischen dem schweren Vieh auf und ab trippeln und dafür sorgen, daß die Graseulenraupen verschwinden.

Aber auch dort wird das Gras geschnitten, und so teilen sich die Scharen, wandern nach den Stoppelfeldern und Brachen und halten die Schnecken kurz, verweilen hier eine halbe Woche, dort ein paar Tage, und wo ein feuchtes Feld ihnen Futter bietet, dort bleiben sie, bis die Raupen und Schnecken alle sind und es sie weitertreibt. Die Leute in den Städten, die in den heißen Nächten bei offenen Fenstern schlafen, hören das Rufen der streichenden Kiebitze hoch über den Dächern und fragen sich verwundert, was das für unbekannte Vogelstimmen sind; denn so dünn und so klagend hört es sich an. Ruhelos streifen die Kiebitze im Lande umher, erscheinen dort, wo sie niemals brüten, auf den Äckern des Hügellandes und in den Vorbergen; ja selbst auf den hochgelegenen Bergweiden lassen sie sich sehen, bleiben aber nur einen Tag und suchen wieder das tiefe Land auf. Je rauher die Luft und je kälter die Nächte werden, um so mehr eilen sie dem Süden zu, und nur noch einige verspätete Trupps setzen auf den kahlen Feldern die Suche nach Raupen und Schnecken fort, bis auch ihnen die Nächte zu kalt werden und sie dorthin ziehen, wo der Tisch für die reich gedeckt ist.

Manche von ihnen schlägt unterwegs der Habicht oder der Wanderfalke, andere tötet der Schneesturm in den Alpen, viele verschlingt das Meer, und unzählige enden in den Netzen und Laufdohnen; denn überall stellt ihnen der Mensch nach, weil sie hübsch und nützlich sind. Und so wird der schöne Vogel immer sparsamer im lieben Vaterlande, und immer schützt ihn dort, wo man von Vogelschutz so viele schöne Worte macht, noch kein Gesetz, und nach wie vor raubt man ihm die Eier, und der deutsche Bildungsphilister läßt sie sich schmecken und bedenkt nicht, daß er schlimmer handelt als der Mann im welschen Lande; denn der fängt die Vögel, die durch sein Land ziehen, der Deutsche aber nimmt seinen eigenen nützlichen Brutvögeln die Gelege und rottet sie langsam, aber sicher aus.

 


 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.