Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 68
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050809
modified20151207
projectid2c32f836
Schließen

Navigation:

Der Monarch

Es war im Hochsommer, als ich ihn zum erstenmal sah. Ich pirschte in den maigrünen Wäldern des Wesergebirges, und da kam er mir entgegen.

Schon von weitem fiel mir der Zwiespalt zwischen seinem Gang und seiner Haltung auf. Seine Haltung war straff, geschlossen und herrisch, in seinem Gange kam das Gegenteil zum Ausdruck.

Ich hatte das grüne Zeug an und die Büchse über der Achsel, und so wurden seine Schritte ein wenig langsamer, als er mich erblickte, und seine Augen gingen unsicher hin und her. Aber dann warf er sich in die Brust, pfiff das Pfannflickerlied und ging an mir vorüber, ohne mich anzusehen.

Ich hatte einen heimlichen Rehbock im Sinne, als ich dem Manne begegnete; aber dann dachte ich nicht mehr an Wild und Weidwerk, sondern sann hinter dem sonderbaren Menschen her, dessen Schatten über meinen Weg gefallen war, dem Mann mit der herrischen Haltung, der schäbigen, fettglänzenden Tippelkundenkluft und den geflickten Schuhen.

Es war im hohen Sommer, als unsere Lebensbahnen sich abermals schnitten. Ich saß müde von der Pirsch um die heiße Unterstunde in der von Fliegen durchbrummten Gaststube eines Kruges am Vorharze und ließ mir von Hänne, der kleinen Tochter des Wirtes, das traurige Geschick ihrer liebsten Puppe erzählen, deren Porzellankopf unter ein Schubkarrenrad gekommen war, als er eintrat.

Er riß die Tür mit einem knappen, bestimmten Rucke auf, warf seine hellen Augen schnell durch den ganzen Raum, bot mir nachlässig aber nicht unhöflich die Tageszeit, ging leichten Schrittes an den Tresen, klopfte mit einem Geldstücke auf den Messingrand der Tonbank, nickte dem Wirte, der daraufhin aus der Küche kam, von oben herab zu, sagte: »Kleines Helles!«, trank es schnell aus und fragte dann: »Kann ich hier Heuer haben?« Der Krüger sah mit gleichgültigen Augen den Tippelkunden von oben bis unten an, nahm das Geld hin, reichte dem Manne die zwei Zigaretten, die er verlangt hatte, und fragte dann in seiner langsamen Art: »Bei der Strecke?« Der Gast nickte und sagte: »Allemal! Kenne den Betrieb! Habe schon an mehr als einem Strang als Monarch geschanzt.« Er faßte in die Brusttasche, holte Papiere heraus, hielt sie dem Wirte hin und erklärte: »Meine Flebben! Sind alle dufft.« Er steckte sich eine Zigarette an, faßte dann in die Hosentasche, langte eine Handvoll Geld hervor, und fragte: »Kann ich ein Zimmer und ein Bett haben? Kies ist da!«

Heinemann dachte anscheinend einen Augenblick nach und schüttelte dann den Kopf: »Nee,« meinte er nach einer Weile, »Bett? Ich glaube, es ist alles belegt. Und überhaupt: Monarchen kriegen keine Zimmer bei mir. Das geht nicht, verstehst du. Aber du kannst bei den besseren Kunden schlafen und ein Bettlaken und ein Kopfkissen haben und ein paar Decken. Betten? Nee, das geht nicht. Wenn sich das 'rum spricht, bleiben mir die Reisenden weg. Und wenn du willst, kannst du hier picken und brauchst nicht in die Kantine zu gehen. Aber hier kostet's teurer.«

»Verstandibus und in Gnaden genehmigt!« sprach der Strolch mit einer Handbewegung, die nach der Sektbar schmeckte, nahm sein Glas, setzte sich an einen Tisch und griff nach dem Kreisblatte, in dem er erst die Depeschenseite nachsah und dann den Leiter las. Ich trank meinen Kaffee aus und zog dann bald wieder zu Holze, hatte aber, als ich die Gestelle abschlich und um die Kahlschläge pirschte, mehr den Mann in der Tippelkundenkluft mit den Herrenbewegungen im Sinne, als den alten Bock vom blauen Brinke.

Vielleicht hatte ich gerade deswegen Anlauf. Denn als ich mit meinen zerstreuten Gedanken ganz anderswohin kam, als ich eigentlich vorhatte, traf ich den Bock, der so seinen dummen Gang hatte und mir mitten in den Weg wechselte. Und was ich mit Nachtwachen und Taglaufen nicht fertiggebracht hatte, das erreichte ich durch mein Dahinduseln, und so kam ich abends in den Krug, einen rotbesprengten Buchenbruch am Hute und den Bock im Buckelsacke. Ich gab meine Beute in der Küche ab und setzte mich auf die glanzlederne Faulbank hinter einen Schoppen Bier.

Es mochte so bei neun Uhr sein, da kam der Stromer herein, nahm an einem freien Tische Platz, faßte in die Tasche, legte drei Taler vor sich hin und rief: »Frau Wirtin; ich bitte um ein deutsches Beefsteak mit sehr viel weichgebratenen Zwiebeln und eine bessere Köte. Ziehen Sie hiervon, bitte, ab und heben Sie mir den Rest für morgen auf!« Er machte eine leichte Verbeugung und fragte: »Ein Tischtuch darf ich auch wohl bitten?« Dann stand er auf, ging an den Tresen, fragte: »Gestatten?« indem er ein Seidel nahm, es voll Wasser aus dem Schwenkkübel füllte, und dann tat er einen knallbunten Feldlumenstrauß hinein, den er von der Bank aufnahm, und stellte ihn vor sich auf den Tisch.

Die drei Bauern, die vor dem Fenster saßen, sahen ihn scheinbar ohne jedes Interesse an, und die fünf Waldarbeiter, die sich an dem anderen Tische niedergesetzt hatten, blickten halb spöttisch, halb verlegen nach ihm hin. Er aber aß mit Behagen und trank mit Anstand und sah an den Menschen in der Wirtschaft vorbei, als wären sie nicht vorhanden. Da kam der Gendarm herein, stellte sich an den Ausschank, kippte einen Bitteren hinauf und trank langsam von dem Seidel, das ihm der Wirt hinreichte. In diesem Augenblicke rief der Stromer mit befehlshaberischer Stimm: »Wachtmeister Meyer!« Der Gendarm machte halbkehrt, klappte die Hacken zusammen, nahm Hand an und Hosennaht und antwortete: »Herr Rittmeister?« Dann kam er wieder zu sich und stand als Polizist dem Manne von der Landstraße gegenüber; als der ihn aber mit einer kurzen Handbewegung in das Vereinszimmer bat, folgte er.

Ich ging bald darauf nach oben, denn ich war sehr müde. Am anderen Tage erzählte mir der Wirt, der Streckenarbeiter habe mit dem Gendarm noch zwei Flaschen Rotwein getrunken, dann Schnaps verlangt, und als er keinen bekam, sei er wehleidig geworden und zu Bett gegangen. Und dann seien dem Wachtmeister, als er noch mit dem Krüger zusammensaß, die blanken Tränen in den Bart gelaufen: »Denn,« habe er gesagt, »so ein Offizier, wie mein Rittmeister, den gab es bloß einmal. Kein einziges Mal schnauzte er ohne Grund, und reiten konnte er, das war 'ne wahre Freude. Und als in dem Hotel, wo er verkehrte, das eine Zimmermädchen die Augen hängen ließ, fragte er: 'Na, Lüttje, Unsinn gemacht?' und als er es heraus hatte, daß sie heiraten mußte, aber nicht Geld genug dazu hatte, schenkte er ihr bare tausend Mark. Aber nicht einmal in die Backen hat er sie dafür gekniffen. Und so ein Mann muß sich von dem Dreckwasser im Manöver den Typhus holen, und als er damit durch war, war er fertig, soff sich alle paar Tage von Sinn und Verstand. Schrecklich!«

Ein Vierteljahr arbeitete der Freiherr Johann von Bässentorn als Monarch an der neuen Eisenbahnstrecke mit Polacken, Kroaten, Italienern und verlaufenem Gesindel in einer Reihe. Die Woche über hielt er sich stramm und steif; aber am Sonnabend trank er sich mit Rotwein unter den Tisch. Und dann verschwand er. Nach einem halben Jahre kam er wieder. Er hustete, sah schlecht aus, trank noch Milch mit Kognak, aß sehr wenig, arbeitete aber seinen Strang an der Strecke herunter und verschwand unter Hinterlassung von dreißig Mark unausgezahlter Löhnung.

»Tja,« erzählte mir der Wirt hinterher. »Da ich doch noch Geld von ihm hatte und seinen Namen und seine Herkunft von dem Gendarm wußte, so schrieb ich an seinen Herrn Vater, und vier Tage später war der Sekretär von dem alten Baron da und sagte mir, ich solle einen tüchtigen Mann bestellen, und der sollte den Herren Rittmeister nach Amerika oder Australien bringen, und er sollte eine gute Bezahlung und freie Reise dafür haben, und für den Herrn Rittmeister sollten so fünfzehn- bis zwanzigtausend Mark auf einer Bank hinterlegt werden, und davon sollte er monatlich so und so viel haben. Und fünfhundert Mark gab mir der Sekretär gegen Schuldschein für den Fall, daß der Herr Rittmeister auf der Walze hier 'mal wieder einkehrte.«

Der Wirt sah mich mit großen Augen an und fuhr dann fort: »Na ja; eines Tages, es war im Winter, und scheußlich kalt, kam er auch an. Ich kannte ihn kaum wieder, so sah er aus. Acht Zehen waren ihm von dem Plattmachen bei Mutter Grün abgefroren, dazu spuckte er rot, und es pfiff man so, wenn er Luft holte. Ich legte ihm das Geld hin und sagte ihm, was der Sekretär von seinem Herrn Vater für ein Angebot für ihn gemacht hatte, und da lachte er und sagte, indem er zwanzig Mark von dem Geld fortnahm: »Dafür geb' heute abend einen aus, und das andere schick man dem alten Herrn zurück und schreib dabei, das übrige, die zwanzigtausend Emm, die soll er lieber für die Mächens behalten. Bei mir hat's doch keinen Zweck mehr. Ich bin verratzt und bleib's.«

Der Wirt schüttelte mit dem Kopf und sah seine Frau an. »Was sollte ich machen? Ich ließ ihn trinken und ausgeben, soviel er lustig war. Am anderen Mittag ging er fort. Wiedergekommen ist er nicht. Er wird wohl längst tot sein.«

 

 << Kapitel 67  Kapitel 69 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.