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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 67
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die beiden Fußspuren

Jedes Jahr im Frühlingsbeginn, sobald die Schneeglöckchen über den Buchsbaum sahen, die Stare wiederkehrten und der erste Zitronenfalter sich sehen ließ, sproß in dem Residenzchen Klickerburg ein Gerücht, dessen Wurzelfasern ihre Nahrung aus dem Hofe und der Gesellschaft sogen. So war es auch in diesem Jahr gewesen. Der Major Freiherr von Habedank meinte: »Heute habe ich den ersten Zitronenvogel gesehen; nun wird es wohl bald losgehen mit dem Klatsch.« Da sagte sein Frau: »Sicher; denn vor einer Viertelstunde kam Frau Bittersdorf drüben aus dem Hause, und gleich darauf schoß Jakobine von Silbernitz sehr aufgeregt mit ihrem Pompadur und ihrem Pudel aus der Tür und trippelte die Straße hinunter. Mich soll bloß wundern, was es diesmal gibt. Hoffentlich etwas Harmloses!«

Frau Major von Habedank behielt recht. Obgleich das Wetter am anderen Tage umschlug, ein kalter Wind pfiff und wieder Schnee fiel, so daß die Schneeglöckchen die Köpfe hängen ließen, die Stare verschwanden und die Zitronenfalter totfroren, trippelte Jakobine von Silbernitz warm eingehüllt straßauf, straßab, und bald stellte es sich heraus, daß sie das nicht umsonst getan hatte, denn die Unterhaltung in dem Residenzlein trieb plötzlich ein neues Knöpfchen, das von Tag zu Tag anschwoll, sich zusehends vergrößerte, mit der Zeit ganz deutliche Blätter und zuletzt eine weithin sichtbare und sehr kräftig duftende Blüte zeitigte. Wo zwei Damen der Gesellschaft sich trafen, steckten sie, geheimnisvoll tuschelnd, die Nasen zusammen, zogen die Augenbrauen empor, schüttelten die Köpfe, blickten zum Himmel, machten »Hm, hem!« und »Tck, tck, tck!«, wateten dann durch den Schlackschnee und sorgten dafür, daß dem jungen Gerüchtchen ein fröhliches Wachsen, Blühen und Gedeihen geriet.

Als der April kam, in allen Bäumen die Stare pfiffen, die Osterblumen blühten und die Zitronenfalter nicht weiter mehr auffielen, hatte die geheimnisvolle Kunde schon einen solchen Umfang angenommen, daß ihr die engere und weitere Hofgesellschaft nicht mehr genügte und sie sich auch solche Kreise eroberte, in denen nicht nur gewispert und geflüstert, sondern laut und von der Leber weg, wenn auch mit einer gewissen Vorsicht und ohne unmittelbare Nennung von Namen und Personen, geredet wurde. So hörte man bald hier, bald da von einer blauen Bauchbinde sprechen, von dem verbotenen Weg am Neuen Gehege oberhalb der Fasanerie und von zwei menschlichen Fußspuren, einer auffallend langen und einer nicht weniger auffallenden, weil sehr kleinen, beide wohlbekannt in der Residenz, die von Rechts wegen nicht zueinander gehörten, aber von den vielen eifrigen Flüsterzungen und Zischellippen in Zusammenhang gebracht wurden, ohne daß aber eine bestimmte und greifbare Tatsache bekannt wurde.

Die Knospen an den Apfelbäumen sprangen auf und blühten ab, die Stare fütterten bereits, und es flogen nicht nur Zitronenfalter, sondern auch andre Schmetterlinge, die Maikäfer kamen und gingen, die Rosen brachen auf und wurden von den Junikäfern zerfressen, die jungen Stare wurden flügge, die Sommermode vom vorvorigen Jahre hielt langsam Einzug in das Städtchen; aber immer noch hatte das Gerücht es nicht zum Fruchtansatz gebracht, und es schien, als wolle es taub bleiben. Aber als die Kirschen im Schloßgarten reiften und der fürstliche Hofgärtner die ersten selbstgezogenen Erdbeeren an die Hoftafel liefern konnte, stellte es sich heraus, daß das doch nicht der Fall war, denn es begab sich etwas. Was es war, das wußten nur wenige Herren, und die sprachen darüber nicht. Aber folgendes wurde doch allmählich bekannt: der Sohn des Hofkammersekretärs Müller, Kandidat der Medizin Müller, war von Jena, wo er einer Burschenschaft angehörte, ganz plötzlich in der Stadt aufgetaucht und am übernächsten Tage wieder abgefahren. Darauf war der Referendar Bitterstorff, der beim Landgericht beschäftigt war, vierzehn Tage unsichtbar und in Behandlung des Sanitätsrats Dr. Kemper gewesen, plötzlich verletzt und abgereist, ohne Abschiedsbesuche zu machen; und als er abreiste, hatte er einen frischen Schmiß im Gesicht und den rechten Arm in der Binde gehabt.

Das war alles, was bekannt wurde, und wenn es auch nicht viel war, so genügte es doch als Gesprächsstoff für die tote Zeit, zumal im Juli, als die Rosen zu Hagebutten wurden, die Nachtigall nicht mehr sang und die Raupen sich am Kohl mästeten, es herauskam, daß der baumlange Prinz Flodoard, der im Frühling von seinem Regiment beurlaubt gewesen war, weil er noch etwas an den Folgen einer Lungenentzündung litt, kurz nachdem Referendar Bitterstoff versetzt war, die Residenz verlassen hatte, aber nicht in seine Garnison zurückgekehrt war, sondern Lippspringe aufgesucht hatte, was um so auffallender war, als sich das fürstliche Bad Grüntal, das dicht bei der Residenz lag, als sehr gut für leichte Lungenerkrankungen bewährt hatte. Ferner war die reizende Gustel Müller, die die kleinsten und zierlichsten Füße in der ganzen Stadt hatte, um dieselbe Zeit zu ihren Verwandten gereist und erst zurückgekommen, als der Prinz nicht mehr bei seinen Eltern war und allmählich reimte man sich die blaue Zigarrenbauchbinde, die mehrfach auf dem verbotenen Wege am Neuen Gehege über der Fasanerie gefunden sein sollte, demselben Wege, den Prinz Flodoard so gern ging und den zu betreten Gustel Müller Erlaubnis bekommen hatte, weil sie für die Fürstin deren Lieblingsplatz, die Fasanenquelle, gemalt hatte, zusammen, desgleichen die auffallend lange und schmale und die ebenso auffällig kleine und zierliche Menschenspur, die auf diesem Wege beobachtet waren, und das Gezischel und Getuschel ging von neuem los, bis die Augusthitze das Gerücht schließlich zum Abwelken brachte.

Der September brachte ein paar regnerische und kühle Wochen, und mit dem Grummet wuchs auch das Hofgerücht noch einmal wieder, denn da verlobte sich der Amtsrichter Dr. Heldenkamp, der bisher als der erklärte Anbeter von Luise Bitterstorff galt, mit Gustel Müller, und zum abermalten Male lebte die blaue Bauchbinde in der Unterhaltung noch wieder etwas auf, und zum letztenmal im Spätherbst; denn da konnte Jakobine von Silbernitz, die es von ihrer Schwester Hermine hatte, die Hofdame am herzoglich Rabenheimschen Hofe war, umhertrippeln und erzählen, daß die fürstlichen Herrschaften im kommenden Winter nicht nach Klübkerburg führen, und daß aus der Verlobung zwischen dem Prinzen Flodoard und der Prinzessin Ludberga wahrscheinlicht nichts würde, weil am Rabenheimschen Hofe die Sache mit der blauen Bauchbinde bekannt geworden sei. So wurde es denn auch; denn Weihnachten kam die Verlobung der Prinzessin mit dem Prinzen Heinrich von Ultingen heraus. Damit hörte das Gerücht von der Bauchbinde, dem verbotenen Wege und den zwei Paar Fußspuren auf, die Öffentlichkeit zu beschäftigen, wenn auch hier und da noch von dieser geheimnisvollen Angelegenheit gemunkelt wurde und all den Begebenheiten, die damit zusammenhingen, und aus denen so recht niemand klug geworden war.

Die einzigen Menschen, die darüber Auskunft geben konnten, hielten wohlweislich den Mund, und das war in erster Linie der ehemalige Pikkolo Louis im Kasino, in dem auch Prinz Flodoard, hatte er Urlaub, gerne verkehrte. Das war ein winziges Jüngelchen mit unglaublich kleinen und feinen Füßen und durchtriebenem Fuchsgesichtchen. Im Juni hatte der Kasinowirt Herr Pieper die Entdeckung gemacht, daß die Zigarren des Prinzen, die mit der blauen Binde, rasend schnell abnahmen. Er hatte sich auf die Lauer gestellt, und nach drei Tagen hörte man ihn in seinem Privatzimmer dumpf donnern und dazwischen den Louis schrill wimmern, und gleich darauf flog der Pikkolo mit verheulten Augen und heftig geröteten Ohren zum Hause hinaus, um schleunigst zu seinem Busenfreunde, dem verwachsenen und gewaltig langfüßigen Bahnhofskellner, zu rennen, mit dem er in der freien Zeit spazierenzugehen und von künftiger Hotelbesitzersherrlichkeit zu schwärmen pflegte. So kam es, daß der Referendar Bitterstorff eine schwere Säbelabfuhr bezog und verletzt wurde, daß Prinz Flodoard sich nicht mit der Prinzessin Ludberga verlobte und nach Lippspringe reiste, und daß trotz aller Mühe, die sich ihre Mutter gegeben hatte, Luise Bitterstorff ihren Amtsrichter dennoch Gustel Müller lassen mußte.

Und alles das nur, weil Louis, der Pikkolo, durchaus des Prinzen Leibsorte so gerne rauchte!

 

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