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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 65
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die beiden Höfe

Vor langer Zeit, als die Leute noch mit Stahl und Stein Feuer schlugen und es noch kein elektrisches Licht und kein Gas, ja noch nicht einmal Steinöl gab, sondern Kienspäne an den Winterabenden Licht zum Spinnen und Weben geben mußten, lebten zwei vermögliche Bauern, Hansbur und Franzbur genannt.

Sie waren Nachbarn und hielten gute Freundschaft, obgleich sie sehr verschieden geartet waren. Acker hatte der eine so viel, wie der andere, und Groß- und Kleinvieh auch und an Kraft und Gesundheit gab keiner dem anderen etwas nach. Aber sie waren innerlich verschieden.

Der Hansbur war ein stiller, bedachtsamer Mann, der ungern von dem abging, was sein Vater ihn gelehrt hatte, und der erst dreimal überlegte, ehe er etwas Wichtiges unternahm, ja, der sogar sich erst lange besann, ehe daß er »Ja« oder »Nein« sagte. Es kam ja wohl einmal vor, daß er sich zu lange bedachte und etwas verpaßte, bei dem Eile am Platze gewesen wäre, aber er tröstete sich damit, daß er sich sagte: »Wir sind nun einmal von der langsamen Art und haben uns dabei immer gut gestanden.«

Ganz anders war der Franzbur. Der hatte den Mund vorneweg und sagte oft schneller »Ja« oder »Nein«, als es gut für ihn war; wenn eine Sache neu war, gefiel sie ihm deswegen schon allein, und stellte es sich hinterher heraus, daß er sich dabei in den Finger geschnitten hatte, dann tröstete er sich schnell und sagte: »Ich bin nun einmal für den Fortschritt! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wir Leute vom Franzburhofe sind von der hillen Art.«

Da wehte auf einmal eine scharfe Luft über den Rhein. Die Franzosen predigten allgemeine Menschenliebe und Frieden auf Erden, schlugen zum Beweise dafür ihrem gutmütigen Könige und der sanften Königin die Köpfe ab, und allerlei französisches Gesindel und was sich sonst auf den Landstraßen umhertrieb an verdächtigem Volke, brach in Deutschland ein, plünderte, sengte, morderte und schändete und gröhlte überall das schöne neue Lied von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Einer von ihnen, der plattdeutsch schnacken konnte, kam auch in das Dorf, in dem der Hansburhof und der Franzburhof standen. Erst machte sich der Mosjöh an den Hansbur heran, schwadronierte das Blaue vom Himmel herunter und suchte den Hansbur für seine neumodischen Ideen herumzukriegen. Der Hansbur hörte geduldig zu, einmal, weil er ein höflicher Mann war, dann aber auch, weil er noch niemals einen Menschen gesehen hatte, der so fürchterlich schnell reden konnte, aber schließlich ließ er den Franzosen stehen und ging in den Schweinestall, denn da hatte er eine Sau, die ferkeln wollte, und das ging ihm über alle neuen Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Der Franzbur aber sperrte Nase, Mund und Ohren auf und ließ sogar seine Pfeife ausgehen, als der Franzose so prachtvoll politisierte. Ja, das war doch einmal etwas anderes, als der alte langweilige Kram von Kälberaufzucht und Schweinefettmachen, wovon sonst im Kruge gesprochen wurde! Der Franzbur wurde Feuer und Flamme, als der Franzose ihm das auseinanderklamüserte, was Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sei, und vor Rührung bezahlte er eine Runde Schnäpse nach der andern und kam scheibenschießendicke nach Hause. Aber obwohl ihm am anderen Morgen der Kopf ganz barbarisch dröhnte, so hatte er doch behalten, was der Franzose gesagt hatte, und er beschloß, sich danach zu richten.

Als er nun älter und krüppeliger wurde, machte er beim Advokaten eine Verschreibung, daß jedes von seinen zwölf Kindern genau so viel von dem Hofe erben solle, wie die andern. »Von wegen dem Fortschritte und der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit«, wie er dabeischreiben ließ. Und als er das getan hatte, legte er sich hin und starb. Auch der Hansbur wurde älter und krüppeliger und machte seine Verschreibung, aber nicht nach der neumodischen französischen Art, sondern nach der Väter Weise, indem daß der älteste Sohn den Hof bekam und angehalten war, sich mit seinen elf Geschwistern in der Art, wie es ortsüblich war, abzufinden. Und dann machte auch er sich für immer lang und gab seinen Geist auf.

Auf dem Franzburhofe gab es bald darauf Krach. Der Vorsteher kam und taxierte Haus, Hof und Vieh und fragte, ob einer von den Geschwistern, vielleicht der älteste Sohn, den Hof ganz übernehmen und elf Zwölftel von dem Taxpreis an die anderen auszahlen wolle. Das konnte der älteste Sohn nicht, und die anderen Kinder erst recht nicht, denn bar Geld wuchs damals dünn. Solange der alte Franzbur die Hand über dem Hofe hielt, hatten die zwölf Geschwister sich vertragen; jetzt aber kamen sie wegen der Erbschaft in Unfrieden, und da sie sich nicht anders einigen konnten, machten sie den ganzen Hof zu Gelde und zogen jeder dahin, wo er wollte. Auf dem Hansburhofe blieb alles, wie es war. Der älteste Hansbursohn blieb auf dem Hofe und seine Geschwister gingen ihm zur Hand, bis die sich selber helfen konnten. Der eine Sohn heiratete auf einen Hof, der keinen Anerben hatte, der andere wurde Müller, der dritte Bäcker, wieder einer war Großknecht auf einem guten Hofe und, als der Bauer starb, blieb er Bauer dort, denn die Witfrau mochte ihn leiden und Kinder hatte sie nicht. Auch den andern Kindern ging es gut, und wenn sie auch nicht alle Bauern werden konnten oder Bäuerinnen, so hatten sie doch ihr Auskommen, weil sie langsam und bedächtig waren und ihr Geld und Gut in acht nahmen.

Den Kindern vom Franzburhofe ging es zum Teil auch gut, anfangs wenigstens. Der eine zog in die Stadt und machte eine Wirtschaft auf, der andere trieb einen Handel, ein dritter spekulierte, erst im kleinen, dann im Großen, und dessen Sohn wurde ein großes Tier an der Börse, und wenn er mit den Augen so oder so machte, dann stiegen die Kurse bis in den blauen Himmel oder fielen in den tiefsten Dreck. Einige von den Kindern aber hatten Pech, verloren ihr bißchen Bargeld und mußten als Knechte und Fabrikarbeiter fremden Leuten dienen. Als dann der Krach nach dem Kriege kam, verlor der reichste Franzbur, der damals schon Geheimer Kommerzienrat war, erst sein Geld und dann seinen guten Namen und schoß sich vor den Kopf, ehe die Polizei ihn griff.

Der Hansburhof steht immer noch da; er ist sogar größer und wertvoller geworden und auf ihm sitzt ein echter Hansbur von derselben bedächtigen Art, wie sie schon vor vierhundert Jahren dort saß. Der Franzburhof ist auch wieder da, aber er heißt jetzt anders, denn ein Abkömmling vom Hansburhofe sitzt darauf, und noch ein andrer Abkömmling vom Hansburhofe sitzt auf einem dritten Hofe im Dorfe, und auf einem vierten Hofe sitzt eine Hansburtochter. Und überall in der Runde gibt es Hansburleute; sie sind Bauern, Müller, Bäcker, Gastwirte, Kaufleute, einige sind auch Geistliche geworden oder Lehrer, je nachdem es langte, und wenn der alte Hansbur sich einen guten Tag machen will, dann holt er das Buch aus der Lade, in dem von alters her ein Hansbur nach dem andern den Stammbaum fortgeführt hat, und der es mit jedem adligen Stammbaume aufnehmen kann.

Die Franzburleute aber sind von der Welt verschwunden, soviel man im Dorfe weiß; der Letzte seines Namens lebte im Nachbardorfe im Gemeindehause und zog mit dem Hundewagen als Lumpensammler umher, bis das elende Leben ihn umbrachte.

Aber den echten Franzbursinn hatte er sich doch bis zuletzt bewahrt; wenn er zwei Groschen hatte, saß er im Kruge, trank vier Schnäpse, und wenn einer einen ausgab, auch fünf, und dann schlug er auf den Tisch und schrie: »Vivat, es lebe der Fortschritt!«

 

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