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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 64
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Das Licht auf der Heide

Die Winternacht war hell und kalt; sie war so kalt, daß der Vollmond ganz blaß aussah und die Sterne vor Frost zitterten.

Drei Männer gingen über die verschneite Heide. Sie hatten die Kragen ihrer Röcke hochgeklappt und die Fäuste tief in den Taschen vergraben. Ihre vereisten Bärte funkelten im Mondlicht und ihr Atem blieb weiß und dick in der Luft vor ihnen stehen.

Der eine der drei war klein und dünn; das war ein Dieb. Der zweite war lang und hager; er war ein Räuber. Der dritte war breit und plump; er war ein Mörder.

Der Dieb wärmte sich durch schlechte Witze. Er sagte: »So sauber ist es im Blutigen Knochen nicht, wie hier; aber die Emma und die Berta wärmen doch besser als Wind und Schnee.«

Der Räuber fluchte sich warm: »Der Teufel soll den Esel von Bauern holen, der den Wegweiser umgefahren hat. Nun laufen wir hier herum wie Has' und Fuchs und könnten lange warm sitzen und heiß trinken.

Der Mörder sagte gar nicht; er sah in den weißen Schnee hinein und erblickte dort ein blankes Messer und etwas Rotes; er wußte selber nicht, woran er mehr dachte, ob an einen saftigen Braten oder an die Rippen des Mannes, der den Wegweser umgefahren hatte.

Hungrig, durstig, verfroren und müde stampften sie über die weite, weiße Heide, in der weder Weg noch Steg, weder Haus noch Hof war. Endlich sahen sie vor sich ein Licht; darauf gingen sie zu.

Das Licht war in einem großen Hause, das in einem großen Garten lag, dessen Tor offen stand. Auch die Haustür war nicht geschlossen.

Sie traten ein und klopften an. Ein Mann mit freundlichem Gesicht öffnete ihnen und hieß sie willkommen sein. Er schellte der Magd, und die brachte weiche Hausschuhe und warmes Wasser, und als die drei Männer sich gewaschen hatten, tischte sie ihnen auf, was Küche und Keller boten, und der Hausherr schenkte ein und nötigte zum Zulangen. Nach dem Essen bekam jeder reine Wäsche und ein frisch bezogenes Bett.

Als der Hausherr fest eingeschlafen war, stand der Dieb auf und flüsterte dem Räuber zu: »Er hat das Geld und die Uhr auf den Nachttisch gelegt. Soll ich es holen?« Der Räuber nickte, und der Dieb schlich in das Nebenzimmer.

Als er Geld und Uhr hatte, stieß er aus Versehen an den Tisch; der Hausherr wachte auf und griff nach seiner Börse. Da sprang der Räuber hinzu und rieß ihm die Börse fort, und als der Hausherr schreien wollte, schlug ihn der Mörder mit einem Schemel über den Kopf, daß das Blut über das Bett lief. Dann brachen die drei Truhen und Schränke auf, nahmen mit, was sie brauchen konnten, und verließen das Haus.

Sie fanden auch bald den richtigen Weg und kamen in die Stadt. Dort kehrten sie in ihrer Spelunke ein, teilten und lebten von dem Erlös nach ihren Neigungen. Der Dieb vergnügte sich mit der schwarzen Emma und der roten Berta, der Räuber trank und würfelte, der Mörder ließ sich jeden Tag Braten auftischen.

So trieben sie es, bis das Geld alle war. Da wurden die Emma und die Berta dem Dieb untreu, der Wirt borgte dem Räuber nicht mehr, und der Mörder wurde hinausgeworfen. Sie gingen wieder ihrem Gewerbe nach, hungerten heute, praßten morgen, und Jahr auf Jahr ging darüber hin, ohne daß das Gesetz sie faßte.

In einer hellen, kalten Witternacht gingen sie wieder einmal über eine weite, weiße Heide. Es war bitterkalt, so kalt, daß der Vollmond ganz bleich aussah und die Sterne vor Frost zitterten.

Der Dieb machte wieder schlechte Witze, der Räuber fluchte und der Mörder sagte gar nichts und dachte an einen saftigen Braten oder an etwas anderes, aus dem das Blut herauslief. Endlich sahen sie ein Licht; darauf gingen sie zu.

Das Licht kam aus einem großen Hause, das in einem großen Garten lag, den eine hohe, mit dreizinkigen Eisenspitzen bewehrte Mauer umschloß. Ein schweres eisernes Torgitter führte hinein.

Der Dieb prüfte die Klinke, aber das Tor war verschlossen. Da ließ der Räuber den eisernen Türklopfer auf die Platte fallen. Sofort stießen im Garten zwei große Hunde ein lautes Gebell aus und sprangen gegen das Gitter. Dann kreischte im Hause ein Schlüssel im Schloß, ein Mann trat heraus, rief die Hunde zurück, öffnete das Tor und ließ die drei Männer eintreten.

Sie wurden in ein großes Zimmer geführt, in dem mehrere Männer beim Essen saßen. Sie bekamen ihre Plätze, und eine Magd brachte ihnen Essen. Der Dieb machte große Augen, als er das Mädchen sah, und das Mädchen erschrak, als sie die drei Männer erblickte. Das Essen war reichlich, aber einfach, und zum Schlafen gab es Strohsäcke und Wolldecken.

Am anderen Morgen weckte sie eine Glocke. Sie bekamen Buchweizengrütze und Schwarzbrot, und als sie gegessen hatten, kam der Hausherr herein mit einigen seiner Leute. Der Dieb wurde blaß; er erkannte in ihm den Mann, den sie vor Jahren bestohlen, beraubt und niedergeschlagen hatten. Der Räuber und der Mörder kannten ihn auch wieder. Der Räuber lachte verlegen und dachte: »Ich bin neugierig, was nun kommt.« Der Mörder dachte gar nichts und sah sich nur die große, rote Narbe auf der Stirn des Hausvaters an.

Dieser aber sprach: »Das ist hübsch von euch, meine lieben Gäste, daß ihr wiedergekommen seid. Zehn Jahre sind vergangen, ehe ich in der Lage war, euch meinen Dank für das abzustatten, was ihr an mir getan habt. Ihr habt mir eine gute Lehre gegeben.

Früher gab ich jedem, der arm und blaß und hungrig vor meine Tür kam, gab und verlangte nichts dafür. Manchem wäre es besser gewesen, ich hätte ihm kein Almosen gereicht und ihn dadurch im Lotterleben bestärkt, denn Almosen kränken den, der mit Arbeit die Gabe lohnen kann, und nehmen ihm den Stolz.

Das wußte ich damals noch nicht, meine Freunde. Ihr habt es mich gelehrt. Und zum Dank dafür will ich auch an euch so handeln, wie es zu eurem Besten sein wird. Mit Gut und Geld ist euch nicht gedient, denn sonst hättet ihr mit dem, was ihr mir nähmet, es weiter gebracht.

Du, Dieb, wirst ein Jahr hier bleiben, in meinem Garten arbeiten und die schöne Kunst erlernen, Blumen zu pflanzen und Früchte zu ziehen. Kannst du das und hältst dich gut, so wird dir mein Tor geöffnet, anderenfalls bleibt du noch ein Jahr hier oder zwei. Dann hast du mir das ersetzt, was du mir genommen hast, und bist imstande, ohne Diebstahl zu leben.

Du, Räuber, der meine Schränke erbrach, wirst drei Jahre hier leben. Du bist stark und kräftig und sollst Zimmermann werden. An Arbeit wird es dir nicht fehlen, denn ich baue viele Häuser in der weiten Heide und im großen Moor, in denen Leute wohnen werden, die von der Welt verstoßen waren, und die ich an Arbeit und Sitte gewöhnte. Nach drei Jahren kannst du hingehen, wohin du willst; ich glaube aber, du wirst bei mir bleiben.

Du, Mörder, wirst immer hier bleiben. Dich kann ich niemals wieder fortlassen. Dein Verstand ist zu gering, als daß er dich vor Untaten bewahren könnte, und deine Fäuste sind zu grob. In der Welt wirst du wieder morden, und einmal wird der Henker dich fassen. Das wäre schade, denn deine Arme sind stark und deine Hände kräftig, viel Gutes kannst du damit schaffen, dir und anderen Menschen zum Gewinn. Du wirst den Eisenstein unter der Heidnarbe brechen und die Wanderblöcke in den Dünen sprengen und wirst glücklich und zufrieden dabei sein.

Eines noch sage ich euch: versuchet nicht, zu entlaufen. Eure Bilder liegen in meinem eisernen Schranke, und meine Hunde halten eure Spur. Ihr würdet gefangen werden und müßtet eure Zeit in Ketten gehen. Jetzt kleidet euch um, und wenn die Glocke siebenmal anschlägt, dann kommt in den zweiten Hof; ihr werdet da den Abteilungsmeistern zugewiesen.«

Darauf ging der Hausvater fort und ließ die drei allein. Der Dieb lachte und meinte: »Das ist aber ein Hereinfall; Emma und Berta werden schön warten!«

Der Räuber brummte: »Der Teufel hat uns den Schwanz hingehalten und uns daran zehne Jahre im Kreise herumgezogen, bis er uns da hatte, wo er uns haben wollte.«

Der Mörder sagte gar nichts und kratzte sich hinter dem Ohre.

Sie gingen hin und ließen sich entkleiden, und als die Glocke siebenmal anschlug, traten sie im zweiten Hofe an, wo die Abteilungsmeister ihnen ihre Arbeit zuwiesen. Und von da ab taten sie ihre Arbeit Tag für Tag, aßen und schliefen und schafften für sich und andere.

Als das Jahr sich gewendet hatte, ging der Dieb fort. Aber nach einem Jahr stand er hungrig und frierend wieder vor dem Tore und begehrte Einlaß; und die Magd lachte, als sie ihn sah, und küßte ihn, denn sie hatte keine Angst mehr vor ihm, und sie war früher auch eine Diebin gewesen.

Als der Räuber seine drei Jahre beendet hatte, blieb er Zimmermann in der Moorkolonie und heiratete ein Mädchen, das vordem in der großen Stadt eine Dirne gewesen war.

Der Mörder aber dachte schon nach einem Jahr nicht mehr an das Fortgehen. Da er stark und fleißig war, schaffte er sich bald eigen Haus und Land und nahm eine Frau, die einst vor Verzweiflung ihr Kind getötet hatte.

Und jedes Jahr an dem Tage, an dem die drei Männer zum zweiten Male zu dem Haus in der Heide gekommen waren, gingen sie mit ihren Frauen und Kindern in den großen Saal, in dem der Hausvater saß, drückten ihm die Hand und ließen ihre Kinder das Lied singen, das der Gärtner, der früher ein Dieb war, ersonnen hatte, das Lied von dem Licht auf der Heide.

 

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