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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 63
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Köhlerhannes

Ich kam vom großen Brandmoore zurück; es war nichts mit der Pirsch gewesen.

Den ganzen Nachmittag war ich in dem hohen Heidkraut umhergestiegen, hatte aber weiter keinen Anblick gehabt, als auf Ricken und einen minderen Bock. Obwohl es schon an der Zeit war, trieben die Böcke dennoch nicht.

So stand ich zwischen Moor und Holz und wußte nicht, was ich anfangen sollte. Da sah ich Rauch aufsteigen, und ging eilig darauf zu in dem Gedanken, daß es dort brenne. Aber als ich näher kam, erkannte ich, daß der Rauch von der Stelle kam, wo geköhlert wurde, und sah auch Köhlerhannes beim Feuer.

Ich machte den dreifachen Kuckuckruf, als ich dicht bei ihm war. Da drehte er sich um, hielt die Hand über die Augen, lachte und rief: »Kommst just zur rechten Zeit! Hast 'ne Nase, als wie der Fuchs.« Er gab mir die schwarze, harte Hand, lachte, daß noch mehr Falten in sein schrumpeliges Gesicht kamen, zeigte auf einen Haufen Steinpilze, die auf einem abgewaschenen roten Taschentuch lagen, und meinte: »Weiß du noch? Vorigen Herbst? Du wolltest ja mal Köhlerkost essen! Aber da mußtest du fort.«

Ich hatte mehr als einmal an der Meilerstelle gesessen und Hannes und seinen Gehilfen bei der Arbeit zugesehen, hatte Aschekartoffeln bei ihnen gegessen, Speck und Wurst mit ihnen geteilt und zugehört, was sie erzählten, wenn die Ziegenmelker spannen und die Himmelsziegen meckerten, und war gut Freund mit dem alten Kohlenbrenner geworden, der allerlei wußte, was mir fremd geblieben war, obzwar ich doch auch von Kindesbeinen an da herumgelaufen bin, wo es nicht Weg und Steg gibt.

In den hohen Fuhren rief der Ringeltäuber zärtlich nach einer Täubin. Hannes sah mit seinen farblosen Augen den Damm entlang. »Schönes Wetter von Tage,« murmelte er: »der Wind steht. Schade, daß kein Meiler im Gange ist!« Dann sah er nach mir hin: »Ach so, ja; ich hatte es ganz vergessen, daß du da bist. Kannst noch Holz holen gehen, aber brenniges.« Er stokerte das Feuer an, rieb sich das Kreuz, setzte sich auf den Grabenanwurf und machte die Pilze zurecht; das ging ihm flink von der Hand, obschon Wind und Wetter und schwere Arbeit seine Finger krumm und steif gemacht hatten.

Als ich mit ihrer Trage Feuerholz zurückkam, hatte er die Pilze schon fertig und war gerade dabei, ein Stück Speck in plattdünne Scheiben zu schneiden. Ich warf das Holz hin, band den Rucksack auf, gab her, was ich an Schinken und Wurst hatte, langte auch die Flasche heraus, und da lachte der Alte und sagte: »Nun können wir nicht verderben und wollen dreimal so fein leben, wie die anderen, die nach dem Danzefest hin sind!«

Er schnippelte die Pilze kurz, tat sie auf die mit den Speckscheiben ausgelegte Pfanne, schichtete wieder Pilze darauf, gab dann Wurstscheiben dazu, und abermals Speck und Pilze, streute Salz darüber und rieb einige getrocknete Wacholderbeeren darauf, drückte mit einem Holzlöffel alles fest aufeinander, holte den Dreifuß her, stülpte ihn über das Feuer, setzte die Pfanne darauf und regelte mit einem Braken den Brand.

»Tja,« sagte er und schmusterte vor sich hin, »tja, was haben die anderen davon, daß sie sich da voll Bier laufen, hier bar Geld ausgeben und womöglich Krach wegen der Mädchen kriegen? Ich sollte mit. Sie wollten mich sogar freihalten; soviel als ich trinken konnte, wollten sie bezahlen, sagten sie.« Er schlug mit der Hand in die Luft: »Nitschewo! Wie der Russe sagt. Ich bin nämlich da auch schon 'mal gewesen. Das ist aber all' lange her.« Er purrte in dem Feuer herum. »Tja, junge Leute! Die wollen was vom Leben haben! Und hinterher? Da merken sie denn, daß das alles für die Katz' gewesen is. Ich habe auch 'mal die Meinung gehabt, die Stadt, das ist das Leben. Heute, da will ich noch nicht 'mal mehr was vom Dorfe wissen. Ich bin zufrieden, wenn ich im Walde bin. Da hat man keine Anfechtungen vor Leib und Seele. Der macht das Herz friedlich. Und er kostet einem kein Geld. Denn davon kommt alles Unglück. Das ist wahr und gewiß!«

Ein Reh schreckte im Moore. Schreckte und hörte gar nicht auf. »Wir kriegen ander Wetter,« brummte Hannes; »die Schnecken kriechen auch schon mehr, als diese Tage. Aber nu' wollen wir unsere Mahlzeit abhalten!« Er nahm die Pfanne vom Feuer, holte einen Blechlöffel aus der Köte, den er erst sauber an dem alten Taschentuche abgetrocknet hatte, schnitt Scheiben von dem harten Brot und sagte: »Nimm an!« Ich aß, und schmeckte mir so gut, daß ich mit dem Brot die Pfanne ausstippte, als der Alte zum Zeichen, daß er satt sei, seinen Holzlöffel am Rocke ausgewischt hatte. Dann nahm ich die Flasche, trank einen Schluck, korkte sie wieder zu, wie sich das gehört, reichte sie ihm und sah, wie er mit Bedacht trank. »Man kann sagen, was man will,« meinte er darauf, »es ist doch 'was Gutes, so ein alter Korn!«

Es war unter der Zeit dunkler geworden. Der Abendstern stand am Himmel, die Wassermäuse pfiffen am Bache und eine große Fledermaus jagte vor uns nach Motten. Ich gab Hannes eine Zigarre. Er besah sie, zog an der Strippe, an der er sein Klappmesser hatte, schnitt die Spitze ab, hielt einen Zweig in das Feuer, bis er glühte, zündete damit die Zigarre an und rauchte ohne ein Wort zu sagen, und ich tat desgleichen. Ein Stern fiel vom Himmel in das Moor, die Keilhaken flöteten, hinter uns fiepte ein brünstiges Reh in der Dickung.

»So müßte es jeden Abend sein,« meinte ich schließlich. Der Alte nickte. »Ja,« sagte er dann nach einer Weile, »das wäre am besten.« Er sah vor sich hin, horchte nach dem Moore hinaus, wo eine Ente quarrte, und sprach dann, als wäre ich nicht bei ihm: »Einmal hab' ich gedacht, so ein Leben, wie das hier, das ist der Tod. Da bin ich meinem Vater weggelaufen. Und als ich wiederkam, da war er tot. Hinterher, da gereute mich das, daß ich so gegen ihn gewesen war, denn er hatte das gut gemeint mit mir.«

Er warf Holz auf das Feuer, machte es munter, rauchte, sah in die Flammen und sprach weiter: »Später, nach Jahren, ging es mir ganz gut, so wie ich annahm. Dann mußte ich freien. Man hat 'mal so die Zeit, wo es ohne das nicht geht. Das war ja auch soweit ganz schön, bloß daß ich als Köhler die meiste Zeit von Hause weg war. Na, und das war nicht gut. Und dann kam es eben so, wie es kommen mußte. Zuerst war ich falsch darüber, und wenn ich den anderen in die Finger gekriegt hätte, ich weiß nicht, ob es nicht ein Unglück gegeben hätte. Aber jetzt denk ich: er konnte ebensowenig dazu, wie sie und wie ich. Das Leben spielt mit dem Menschen manches Mal Schindluder. So sieht es wenigstens aus. Es wird aber wohl alles seine Richtigkeit haben im menschlichen Leben.«

Das Feuer brannte langsam herunter. Unsere Zigarren gingen zu Ende. Ich war zu faul, um nach dem Dorfe zu gehen, und schlief bei Hannes in der Kote, bis am andern Morgen seine Gehilfen mit holprigem Gesinne zurückkamen. Der Alte sagte, sie sollten nur ausschlafen; er wolle unterdes die Örter für die neuen Meiler abstecken. Ich aß noch das Morgenbrot mit ihm und ging dann auf die Pirsch. Am anderen Tag mußte ich abreisen.

Als ich neulich wieder in die Gegend kam und nach ihm fragte, hörte ich, daß er gestorben sei. Seine Gehilfen hatten ihn, als er die Wacht gehabt hatte, frühmorgens tot zwischen den drei Meilern gefunden.

Nun weiß Köhlerhannes Bescheid, ob alles im menschlichen Leben seine Richtigkeit hat, denke ich mir.

 

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