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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 60
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Das stumme Dorf

Abseits der Landstraße, in Holz und Heide verborgen, liegt ein Dorf. Keine feste Straße verbindet es mit der lauten lustigen Welt; ein breiter Dietweg führt darauf zu, von Birken besäumt, um deren Wurzeln sich Machangelbüsche ducken, als fürchteten sie, daß der Weg sie zum Dorfe mitnähme.

Denn es ist so still in dem Dorfe, so unheimlich still. Wohl hallt einmal ein helles Kinderlachen, eines Pflügers rauher Ruf, aber dann ist es auch gleich wieder, als stände irgendwo jemand da, höbe die Hand auf und geböte Schweigen.

Mag rundumher die Welt lachen und weinen, das Dorf bleibt stumm. Wenn die Finken schlagen und die Drosseln pfeifen, es nimmt an dem Jubel nicht teil, und wenn der Herbststurm heult und die Hofeichen kreischen, das Dorf verharrt in seinem Schweigen.

Es weiß zu viel; zu viel hat es erlebt, denn es ist das älteste Dorf ringsumher. Es hat so viel Blut und Brand gesehen, so viel Ach und Weh vernommen, daß es zu schweigen lernte. Auch das Lachen hat es verlernt; in jedem Nachbardorfe wird an einem Tage mehr gelacht, als hier in Jahresfrist.

Schweigend liegen die Höfe da; stumm gehen die Leute ihrem Tagewerke nach. Selbst der flachsköpfige Junge, der das Vieh von der Weide treibt, pfeift nicht laut, er flötet flüsternd vor sich hin, ängstlich nach rechts und links sehend, wo alte Wallhecken mit verkrüppelten Eichen und verrenkten Hagebuchen seine Blicke abfangen. Denn die Krähen fliegen schon nach ihren Schlafplätzen, der Nebel steigt aus der Wiese und über dem Walde stehen schwarze Männer im Abendfeuer.

Unheimlich ist es hier um die Ulenflucht. Ungern fährt der Bauer um diese Zeit durch den Busch, und nicht um alles Gold der Welt ginge eine Magd abends an der Burg vorbei.

Das ist ein uralter Ringwall im Walde mit steilen Wänden und tief ausgehöhlter Mitte, von einem breiten tiefen Wassergraben eingehegt. Schon am hellen Tage ist es nicht heimlich dort; allein wagt sich kein Mensch aus dem Dorfe in die Burg; selbst die Rehe meiden die Stätte, und wenn der Markwart dort vorbeifliegt, dann kreischt er auf, als wäre der Habicht über ihm.

Einer aber ist es, der grüßt die Burg mit hellem Ruf, wenn er alle Jahre einmal über sie hinwegfliegt. Wodes geliebtes Geflügel, der edle Rauk, ist es, der weise Vogel, den eine unfromme Zeit in Acht und Aberacht tat und mit Braut und Lot verfolgt, des Junghasen wegen, den er für seinen Hunger fing. Freudig klingt sein runder Ruf hernieder, und doch wieder voller Trauer, wenn er sieht, wie die Menschen verstohlen zur Seite blicken, führt sie der Weg an der heiligen Statt vorbei.

Dem starken Gotte und seiner holden Frau war sie geweiht, bis fremde Männer in das Land kamen und alles ins Böse verkehrten, was dem Volke lieb und heimlich war; die freundlichen Waldfräulein, die dem Jäger durch das hohe Irrkraut halfen, hießen sie häßliche Herren, Wode den hehren, nannten sie zum unholden Helljäger um, den Freitag, Friggas Tag, brachten sie in Verruf und aus der heiligen Dreizehn machten sie eine Unglückszahl.

Nirgendswo in der Runde steht Friggas liebste Blume, das Maienkraut; hier in der Burg ist es zu finden. In Maientagen, längst verwelkt und vermodert, zog einst das junge Volk aus, Friggas weiße Blumen zu brechen und rote Nüsse zu pflücken und den Waldfräulein zuzuwinken, die im Irrkraute kicherten. Hier allein steht die Hasel, der edle Strauch, und nur hier verschränken Liebholz und Küssebusch ihre Zweige zu schattigen Lauben.

Wo die Menschen schweigen, reden die Sträucher und Kräuter, und was das Volk vergaß, die Erlkönigmeise im Saalweidenbaume behielt es; in ihrem klagenden Rufe liegt die Trauer über die gestorbenen Tage, da hier im Bruche das Elch durch die Erlen brach, den Wurfspeer hinter dem Blatte und hinter ihm her das herzhafte Anjuchen des blondbärtigen Mannes erscholl, der mit dem Hunde am Riemen die Rotfährte des Urhirsches arbeitete. Heute schleicht das Volk scheu an der Burg vorüber.

Denn da geht vor Tau und Tag die goldene Wiege, in der die Eibenkönigin ihr Kind schaukelt; wer ihr Singen hört, sieht seinen Sarg. Da kräht um die Unterstunde der goldene Hahn und wer ihn vernimmt, dem klingen die Totenglocken bald. Im Bruggraben liegt das Gespensterroß, der schreckliche schwarze Pagen; sein Wiehern macht die Gespanne verrückt. Der Mann mit der feurigen Hand geht hier um, wenn die Eule zum ersten male schreit; und schreit sie um Mitternacht, dann kommt Einauge, der Schimmelreiter, durch die Luft geflogen, und wer ihn sieht, der muß sterben.

So lehrte der Mann in der weißen Kutte, der die Barte an die Wurzel der heiligen Linde legte, die inmitten der Burg stand. Verwundert hörte ihn das Volk an. Denn Feuerhand war ihm Thor, der Saatensegner, und der goldene Hahn war des Gottes flammenfroher Vogel; von dem schwarzen Pagen hatte man auch nie vernommen, und der Schimmelreiter, der Wode war es, der gute Gott. Die goldene Wiege wurde von Friggas Hand gerührt, wenn eine Frau in Nöten war, damit kein Zauberwort Mutter und Kind schädige.

Heute noch geht abends, wenn das Rotkehlchen sich in den Schlaf singt, die weiße Frau den Wall entlang, Liebespaare zu suchen, um sie zu segnen. Aber kein liebendes Paar wagt sich hierher, denn es heißt von diesem Orte: so zwei Menschen, die sich von Herzen gut sind, den Burgwall überschreiten, sei es bei hellichtem Tage oder um die Ulenflucht, dann welkt die Liebe in ihnen ab. Im Dorfe ist ein Liebespaar, dem so geschah, und das nun mit stummen Augen aneinander vorübergeht und kein Wort zum Gruße finden kann, seit sieben Jahren und mehr.

Aber kein böser Zauber war schuld daran, daß Herz von Herzen ließ; Neid und Habsucht warf Giftsaat zwischen die Nachbarkinder. Wer hellen Auges und arglosen Herzens, törichten Geredes nicht achtend, den Ringwall betritt, dem hilft die weiße Frau in seiner Not; wer sich aber vor ihr graut, von dem wendet sie sich ab, denn er ist ihrer Blumen unwert.

Drum ist das Dorf eine Stätte des Schweigens. Den heiligen Ort nannten die Leute eine Greuelsstatt, zum Nutzlande machten sie die Liebesburg, pflanzten Kiefern dort, wo einst die Linde vieltausend grüne Herzen schwenkte, und zu unholden Wesen wurden ihnen die Schatten der alten Götter.

Darum verlernten sie das laute Wort und das lustige Lachen.

 

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