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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 59
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die rote Beeke

Die Morgensonne wirft Rosen und Gold in die Heide, legt Kupferglanz auf die Fuhrenstämme und Maiengrün auf die Machangelbüsche.

Von dem Beekhofe kommt ein junger Mann; langsam steigt er den Heidberg hinauf; seine braune Rechte hält das lange Beil.

Auf dem Kamm des Anberges macht er halt und sieht sich um, auf das Eisen des Beiles gestützt; über die Bachwiesen tanzen noch die Nebelfrauen, er muß warten.

Er sieht nach der Sonne und nach den Raben, die vor ihr herziehen, sehr viele Raben fliegen heute und alle haben denselben Weg, über ihnen rudern Adler.

Der Jungker hält den Kopf schief und horcht auf das dumpfe Bullern, das über die Heide kommt. Hinter ihm warnt der Neuntöter. Der Mann dreht sich um; da kommt ein Mensch über die Heide.

Lang und dünn ist er, und seine roten Haare leuchten in der Sonne; auf dem Rücken hat er einen Fellsack und auf der rechten Schulter den Ledermantel. Er ruft wie der Rabe, heult wie der Uhu, schreit wie der Habicht, kreischt wie der Häher, trillert wie der Schwarzspecht und flötet wie der Regenpfeifer.

Der junge Bauer lacht; er kennt den Wandersmann: Renke ist es, der Spielmann, der Liedersänger, Geschichtenerzähler, Viehbesprecher, der heimlose Allerweltsfreund.

»Schönen Morgen auch, Beekmanns Sohn,« ruft der Fremde laut; »bleibe oben, mein Lür, und schone deine Beine; deine Wolfsfallen habe ich schon nachgesehen; drei waren darin, sind es noch; ich schlug sie tot. Und wie geht es, und wie steht es? Was macht Vater und Mutter und Hille vom Brinkhof?«

Lachend schlägt Lür in die langfingrige, braune, goldhaarige Hand. »Sollst bedankt sein, Renke, ist alles wohl, bei uns und bei Brinkmanns. Das wird Wetter! Die Moorhühner spielen. Wir haben noch Grummet da unten; den wollen wir einholen; dazu spielst du uns auf und bleibst dann bei uns.«

Renkes Schelmengesicht wird ernst. »Kein Heuwetter von Tage, Lür, Schlachtefestwetter. Und das sind nicht die Moorhähne, Junge, und das ist kein Minnespiel, Sohn, und das ist Mord und Tod, Kind.«

»Und zum Heuraffen kann ich auch nicht aufspielen. Laßt das Heu liegen, wo es liegt; es liegt da gut; jagt die Gäule in die Heide, treibt das Vieh in das Bruch, und verkriecht euch in Kohr und Kisch, daß der Franke euch nicht findet!«

»Das wird Wetter heute, ja ja; die Moorhühner spielen, die Raben fliegen, die Adler ziehen nach Westen. Fiedeln soll ich Renke soll fiedeln zum Tanz aufspielen bei der großen Fähre, den Köpfen aufspielen, die im Sand tanzen werden.«

»Ist das die Sonne da, das rote Ding, oder ist es ein abgehackter Hals? Ist das Heide, die vielen roten Flecken da, oder ist es Blut? Junge, ich sage dir, nimm deine Beine und lauf: Karl ist bei der Fähre und hält Gericht über tausend Mann und abermals tausend Mann, und noch einmal so viel und über die Hälfte von tausend.«

»Junge, ich sage dir, die Beeke bei eurem Hofe, die wird drei Tage rot fließen, und alle Fische werden abstehen, die in ihr sind, und kein Vieh wird aus ihr saufen und die Frösche werden auf das Land kommen.«

»Lauf, Junge, und laß dich drei Tage nicht sehen, und schicke den Meldeknüppel nach dem Binkhofe. Ich muß weiter; bei der Fähre braucht man Renke, den Spielmann, Renke, den Sänger, Renke, den Narren, damit außer der Sonne noch einer lacht. Pfui, daß du lachst!«

Er sieht nach der Sonne und spuckt nach ihr hin. Lür läuft den gelben Pfad hinab. Der Spielmann geht schnellen Schrittes mit krummen Knien in die Heide hinein, sein rotes Haar leuchtet in der Sonne und sein Gesicht ist blaß und hart.

Er, der jeden Vogel bei Namen kennt, der eines jeden Ruf und Stimme nachmachen kann, der sich mit Adler und Eule, Rabe und Reiher zu unterhalten pflegt, er hört heute nicht der Heidelerche Locken, nicht der Drosseln Wanderschrei; das Kinn auf der Brust trottet er durch Sand und Moor, Heide und Wald.

Immer, ehe er an einen Hof kommt, verzieht er zum Lachen sein Gesicht, bringt Lustigkeit in seine Augen, Frohsinn in seine Schritte, und wenn er ein Menschenkind erblickt, dann macht er erst seine Witze. Und dann warnt er, wenn er sieht, daß kein fremdes Gesicht auf dem Hofe, kein Händler, kein Späher, kein Frankenknecht.

Denn die Zeiten sind schlecht, und die Tage sind schlimm; der Wolf auf der Heide hat es besser als der Bauer; Galgenholz ist billig im Lande, und Stränge wachsen an jedem Bach, Treue steht gering im Preis und Verrat wird gut gelohnt.

Eine Stunde vor der großen Fähre macht er im Quellbusche Rast; essen muß der Mensch, und wenn er Eis auf dem Herzen hat und Feuer im Hirn. Langsam schneidet er Brot und Speck, langsam kaut er, langsam trinkt er aus dem Lederbecher, aber seine Augen sind weit weg, seine großen hellblauen Augen.

Er wischt das Messer im Moose ab und schnürt den Fellsack zu. Da horcht er auf und lauscht nach dem Wege hin. Wieherte da ein Pferd, rief da ein Mensch? Wie ein Luchs duckt sich der Goldkopf, wie eine Adder springt er hoch. Drei runde Steine rafft er aus dem Sand, Mantel, Schuhe, Fellsack und Kappe gräbt er unter das Moos, prüft mit nassem Finger den Windgang, sieht sich spähend um, schleicht in den Busch, watet den Quellbach hinauf und drückt sich in das Moos.

Da kommen sie: an der Spitze reiten drei Mann, es folgt ein fränkischer Ritter, dann stolpern zwanzig Bauern daher, an einen Strick gebunden, barhäuptig, Striemen auf den bloßen Rücken, Schweiß in den blonden Haaren, Blut auf den blassen Lippen, und hinterher reiten wieder drei Mann, und bei ihnen hecheln sechs Bluthunde.

An dem Quellbache macht die Rotte halt; die Reiter springen ab, tränken die Pferde, kühlen sich die Stirnen und trinken. Die zwanzig blassen Bauern stieren nach dem Wasser; sie sind halbverdurstet vor Todesangst. Der Ritter lacht: »Wasser für euch? Kriegt heut noch genug zu trinken, ihr Lümmel; fort da!« Und er steigt wieder auf. Die Eisenkappe hält er in der Hand.

Renke im Busch beißt sich die Lippen weiß und seine Eckzähne leuchten. Alle läßt er sie aufsitzen, dann legt er den Stein in den Riemen, doppelt den Riemen, läßt ihn um den Kopf sausen, sieht mit weit aufgerissenen Augen und offenen Munde starr nach der weißen Stirn des braunen Ritters, macht mit der Faust einen Ruck, lacht leise pfeifend im Halse, springt in den Bach, aus dem Bach in die Eiche, und da hängt er und lacht und lacht in sich hinein.

Der Trupp auf dem Wege wimmelt hin und her; wie Ameisen unter eines Menschen Tritten. Was ist das? Was war das? Hast du es gesehen? Habt ihr es gemerkt? Traf der Schlag den Herrn? Es ist Blut an seiner Stirn! Und der Schädel ist auf! Ein Schlag, das ungewohnte schwere Honigbier? Und das Blut? Er stürzte auf einen Stein. Da liegt der Stein. Rot ist er.

Sie binden den Ritter auf sein Roß und reiten weiter. Rief da nicht eine Eule im Busch? Eine Eule am Tage? Die Franken zucken zusammen. Die gebundenen Bauern stoßen sich vorsichtig an. So ruft nur eine Eule die rote Federn hat, die fiedeln und singen und Witze machen kann, gute Witze und schlechte Witze blutige Witze. Sie lachen in sich hinein, die Zwei mal Zehn. Und wenn wir heute auch sterben, noch im Tode soll uns Renkes Witz freuen.

Der sitzt in der Eiche und lacht nicht mehr. Er schnattert vor Wut mit den Zähnen und murmelt vor sich hin: »Einer, bloß einer. Und zwanzig, die ich kannte, zwanzig, an deren Tisch ich saß, in deren Heu ich schlief, deren Brot ich aß, deren Hände ich drückte. Brüder, meine Brüder, ich sehe euch nicht mehr.« An der rauhen Borke der Eiche laufen seine Tränen entlang.

*

Renke, wo hast du die Tränen gelassen, Renke, wo hast du das Lachen her? Ist dein Herz wie der Wind vor dem Regen, bald so bald so? hat die Wut deinen Geist gestört? Sitzest da zwischen Frankenknechten und rheinischen Dirnen, trinkst ihren Wein und ißt ihr Brot und singst ihnen Lieder.

Singst Lieder, wo die Luft voller Todeschweiß ist, lachst, wo die Raben auf allen Bäumen hocken, scherzest, wo die Adler über die Fähre kreisen? Aber warum sollst du nicht lachen, lacht die Sonne doch auch, und die blühende Heide, und das blitzende Wasser.

Denn es ist ja so schön hier an der Fähre und so bunt. Der Hochsitz für den König ist mit Purpur gedeckt, mit Scharlach bespannt und mit Gold besponnen, der Wind schwenkt tausend bunte Fahnen, aus Tausenden von Schilden blitzen Funken, die Luft ist voll von Rossegewieher und erfüllt von Hundegebell und der weiße Altweibersommer zieht luftig dahin.

Gib acht, Renke, der König kommt! Dreißig Mohren blasen die goldenen Hörner, dreißig Mohren schlagen die goldenen Pauken. Siehst du die Kamele mit den purpurnen Zelten, aus denen des Königs Kebsen lachen? Die Knaben mit den geschminkten Gesichtern, die Zwerge, Riesen, Narren, Gelehrten, Priester, Ritter? Die Händler aus Italia, die Gaukler aus Roma, die gallischen Metzen? Die Menschenschlächter, die in Ketten gehen, Diebe, Mörder, Eidbrecher, feile Knechte?

Siehst du den König? Der fette Mann ist es, der in der purpurnen Sänfte, der mit dem blassen dicken Gesicht, der ohne Bart, der, den die sechs Mohren tragen, den die zwei Mohren mit Wedeln aus Pagelunenfedern fächeln, vor dem sich alle Köpfe neigen, dem jeder Mund zuruft. Schrei mit, Renke, so laut du kannst! Die Dirne an deiner Linken, der Knecht an deiner Rechte, sie spähen dich aus. Schreist du nicht mit, dann ist dein Kopf kein Hühnerei wert.

Und Renke schreit, schreit so laut wie keiner um ihn. »Heil, Heil« schreit er und schwenkt die Kappe, und starrt nach dem König; sein Mund lacht, lacht, wie er nur lachen kann, wie er lacht, wenn Renke auf der Diele eines Heidhofes steht und das junge Volk beim Scheine der Kienspäne nach seiner Fiedel tanzt.

Vor dem purpurnen, scharlachbespannten, goldgezierten Hochsitz knien die sechs schwarzen Träger nieder und aus der purpurnen, scharlachbespannten, goldgezierten Sänfte steigt mühsam, von hohen Herren gestützt, stöhnend und seufzend der König; Südlands Wein und Südlands Weiber machten seine Glieder lahm. Seine Augen blicken stier, seine Lippen sind schmal, er hat die Nacht schlimm geträumt und der Schlaftrunk bekam ihm schlecht; er ist blaß und unter seinen Augen sind blaue Löcher.

Um ihn herum lächeln alle Lippen und zittern alle Herzen. Der König hat üble Laune; da sitzen die Köpfe lose, und nicht nur die viertausendfünfhundert blonden Köpfe der Bauern und Hirten, Jäger und Fischer, Köhler und Flößer, die in Trupps von je hundert Mann hinter einem dreifachen Zaun von Lanzen und Spießen, gefesselt und geknebelt dem Tode entgegensehen.

Auf dem purpurnen, scharlachüberspannten, goldgezierten gesponnen Hochsitze hinter dem blaublitzenden Wall geharnischter Speerträger taucht der König auf. Sein weißes, rotgesäumtes, goldgesticktes Kleid schimmert in der Sonne. Rechts und links von ihm kauern seine Kebse, die blonde Lombardin und die schwarze Provenzalin, auf bunten Kissen, und im Kreise um den Königsstuhl stehen die Großen: Herzöge, Geheimschreiber, Maschälle, Priester. Zur Seite steht in grünem Gewand der maurische Arzt und sieht unverwandt den König an; ein schwarzer Junge neben ihm hält einen Standkasten mit Arzneibüchsen.

Zwei Trommeln ertönen, zwei Hörner erschallen; lautlose Stille liegt über den Tausenden von Menschen, die rundumher auf den Sandbergen stehen.

Ein Mann in langem, schwarzem goldgestricktem Rocke tritt vor den König, verbeugt sich tief und nimmt aus den weißen Händen den breiten, langen Schweinslederstreifen entgegen, an dem blutrot des Königs Siegel pendelt. Zwei Trommeln ertönen, zwei Hörner erschallen, dreimal und dreimal und noch dreimal. Der Mann im schwarzen, goldgestickten Rocke tritt an den Rand des Hochsitzes und liest laut das Schriftstück. Aus der Menge kommt kein lauter Atemzug.

Höfisch ist das Wesen des Schwarzrockes, und gut setzt er seine Worte, aber das, was er spricht, ist Blut und Tod, das Blut von viertausendfünfhundert Getreuen, der Tod von viertausendfünfhundert Gerechten, die ihre Hälse lieber dem Beile beugen, denn fränkischem Recht und fremder Art. Sie schlugen am Süntel des Frankenheer, hängten Karls Verwalter an die Weidenbäume, opferten die Priester bei den großen Steinen, setzten den roten Hahn auf die Zinshäuser, machten die Bethäuser dem Erdboden gleich und warfen die Rolande in die Dorfteiche; freie Männer wollten sie sein im freien Lande.

Freie Männer werden sie sein im freien Land, in dem Land, wo es nicht Herr noch Knecht, nicht Recht und Gesetz, nicht Treue und Verrat gibt. Ihre Köpfe werden in den Sand rollen und ihr Blut wird in den Graben laufen, der sich zwischen gelben Sandwällen nach der Beeke hinzieht. Viertausendfünfhundert Witwen und Bräute weinen heute im Lande, und alle Adler und Raben, alle Wölfe und Füchse werden bersten vor reichlichem Fraße.

Renke, wenn du jetzt den Riemen aus dem Busen holtest und den runden Stein aus der Tasche, und schwängest den Riemen, mit aufgerissenen Augen und offenem Munde nach der weißen Stirn unter der goldenen Krone starrend, und gäbest deiner Faust einen Ruck, und der Stein zerschlüge den Schädel des Frankenkönigs, daß sein Hirn in die Gesichter der Großen spritzte und sein Blut auf das purpurne Tuch liefe, Renke, hättest du nicht umsonst gelebt.

Von der Emse bis zur Elbe würde ein Schrei erschallen, würde in allen Bergen und Wäldern, in allen Heiden und Marschen, in allen Brüchen und Mooren erklingen, unter allen Strohdächern würden die langen Beile geschliffen, aus allen Weidenruten Stränge gedreht, von allen Fuhren das Harz gekratzt, aus allen Rohrhalmen Fackeln gebunden, aus jedem Haselschoß ein Pfeil geschnitzt, aus jedem Zopfe eine Sehne geflochten.

Die Hillbillen würden klingen den ganzen Tag über und die Wildochsenhörner würden heulen von früh bis spät, und von der Ulenflucht bis zum Hahneschrei die roten Feuer und allen Bergen Hügeln zucken. Alle Engpässe und Hohlwege würden sich mit Steinblöcken füllen und mit Stämmen und Ästen, auf allen Wegen wären Wolfsgruben mit scharfen Stangen am Grunde, alle Wehre ständen offen und alle Wässer liefen in die Gründe, aus allen Höfen, aus allen Brüchen, aus allen Wäldern strömten die Männer und Jungkerle zusammen, Bluthunger im Blick.

Und Wekling, der verschollene Herzog, würde da sein, und die Haufen um sich sammeln, die von der Emse und von der Lippe, von der Aller und von der Weser kommen, und kein Franke würde leben bleiben im Lande; alle müßten sie unter die Erde. Die Adler und die Raben sollten platzen und die Wölfe und Füchse bersten vor Wohlleben, und auf den Ästen der Eichen bei den großen Steinen würden die Köpfe der hohen Herren von den bunten Meisen zerhackt.

Hole den Riemen hervor, Renke, und den Stein und dränge dich durch. Es ist Zeit. Der schwarze Mann hat zu Ende gesprochen. Der König bricht den weißen Stock. Viertausendfünfhundert blonde Köpfe sind fällig. Viertausendfünfhundert Hälse sind in Gefahr. Viertausendfünfhundert Männerherzen stehen still. Neuntausend blaue Augen brechen.

Aber du bist festgekeilt in der Menge, Renke. Und tausend gepanzerte Speerknechte stehen vor dir, und tausend gepanzerte Reiter haben zur Rechten und Linken Aufstellung genommen, und überall sind Späher und Verräter und vierhundertfünfzig nackte, rotgeschürzte Henker stehen in einer Reihe vor den vierhundertfünfzig weißen Eichblöcken unter dem Hochsitze des Königs.

Renkes Augen werden ganz groß, in seinen Backen ist kein Blut, seine Lippen sind blau, seine Finger werden weiß und kalt. Zwischen den Mauern der blitzenden Speerknechte und der blinkenden Reiter kriecht von rechts und links eine Schlange heran, mit dunkelen Seiten und weißem Rücken. Die dunkelen Streifen sind Kriegsvolk und der weiße Strich sind die nackten Körper der todgeweihten Männer.

Renkes Augen werden noch größer und sein Herz steht still. Dann macht es einen wilden Sprung und der Atem in seinem Halse pfeift dünn und scharf. Die vierhundertfünfzig weißen Eichblöcke sind doppelt so groß geworden und über jedem blitzt ein silberner Schein. Zwei Trommeln ertönen, zwei Hörner erschallen, ein scharfer Ruf erklingt, vierhundertfünfzig Blitze zucken auf die vierhundertfünfzig Eichblöcke hernieder. Hundert Trommeln dröhnen, hundert Hörner brüllen, ein tausendfaches Keuchen kommt von den menschenbesetzten rosenroten Heidhügeln ringsumher.

Noch neun Male ertönen die Trommeln, erschallen die Hörner, noch neun Male kriechen die beiden schwarzen, weißröckigen Schlangen zwischen den blitzenden, blinkenden Mauern der geharnischten Speerträger und Reiter unter dem purpurnen Hochsitz her, noch neunmal fahren die vierhundertfünfzig silbernen Blitze auf die Eichenblöcke, aber die sind nicht mehr weiß und rein, sie sind rot und schmierig.

*

Hinter dem hohen Heidberge kommt eine schwarze Wolke herauf und stellt sich vor die Sonne. Der Wind geht kalt. Rundumher heulen in der Heide die Wölfe. Der purpurne Hochsitz ist leer, die blanken Speerträger und die blitzenden Ritter sind verschwunden. Der Abend fällt grau auf die Erde; vor den Zelten zucken die Feuer. Wandernde Kiebitze und ziehende Brachvögel rufen und pfeifen jämmerlich.

Am Ufer der Beeke sitzt der Fiedler und sieht in das Wasser. Das ist rot und dick und riecht schrecklich, und die Fische stecken die Köpfe heraus und schnappen nach Luft. Stumm und steif hockt der Spielmann an dem Machangelbusch die ganze Nacht, in seine Augen kommt kein Schlaf. Er hört den Uhu rufen und den Fuchs bellen, die Wölfe heulen und die Marder kreischen, und er sitzt da und sieht die Zukunft und die Rache, die sie bringt.

Die Heidlerche lockt, die Wanderdrosseln streichen, Renke steht auf, schüttelt sich und trottet eilig mit krummen Knien die rote Beeke entlang über Heide und Moor, durch Bruch und Wald. Mit dem Ruf des Totenvogels weckt er den Schnuckenschäfer; der Schäfer sieht den fremden Mann unsicher an. Ist das Renke, der Goldkopf? Sein Haar ist silberweiß. Ist das Renke, der Spaßmacher? Sein Lachen ist zerbrochen. Ist das Renke, der Sänger? Seine Stimme ist zersplittert.

Renke der Rächer ist es. Hohl flüsternd bringt er von Hof zu Hof, von Dorf zu Dorf, von Gau zu Gau die Runde von dem grausen Schlachten bei der großen Fähre. Er ißt hastig einen Bissen, trinkt gierig einen Schluck, wirft sich eine Stunde auf das Stroh, springt wieder auf und wandert mit krummen Knien weiter, von der Weser nach der Emse, aus der Heide in die Berge, von den Bergen in das Moor, vom Moore in die Marsch, von der Marsch auf die Gest.

Renke ist der Überall und der Nirgendwo, der Ebenda und der Nunschondort, der lebendige Racheruf, der hastende Wutschrei, das eilende Hetzwort. Wo sein weißer Kopf auftaucht, werden die Augen groß und die Lippen blaß, ballen sich die Fäuste und krallen sich die Finger; wo seine hohle Stimme flüstert, schärfen sich die Beile, spitzen sich die Speere, werden die langen Messer blanker.

Und so wie Renke rennen viele hundert Männer von Hof zu Hof, von Dorf zu Dorf, von Gau zu Gau, Spielleute, Geschichtenerzähler, Sänger, Gaukler, Viehbesprecher, Wolfsjäger, Lachsfischer, Imker und Flößer, alles Männer aus dem Sturmigau, die bei der große Fähre waren an dem Tage, da das Wasser der Beeke rot floß, weil König Karl es gebot.

Der denkt, es ist Ruhe im Lande. Aber er vergißt Weking und das Lied, das unter jedem Strohdach gesummt wird, das Lied vom aisken Schlächter von der roten Beeke.

 

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