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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 58
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Füüür!

Zwei Tage hatte ich von Brot, Speck, rohen Eiern, Wurst und kaltem Huhn gelebt. Es war ja alles da in der Jagdbude auf dem Lohberge, Kartoffeln, Mehl, Gries, Graupen, Linsen, Kaffee, Kakao, und was weiß ich noch alles, aber ehe ich mich ans Kochen begebe, esse ich lieber altes Brot und gieße die Löcher dazwischen im Magen mit Wasser aus.

Spaß macht das natürlich nicht. Vorzüglich, wenn man Klocke dreie in der Nacht aufsteht und bis halb sieben pürscht, und so war ich denn heilfroh, als der Jagdaufseher mir sagte, der Wirt im Nachbardorfe hätte angebimmelt, der junge Herr wäre da, und wenn ich nicht mit ihm zusammen Mittag essen wollte. So schlug ich denn zehnmal mit der Faust an die Bettlade, als ich mich nach der Frühpürsch lang machte, und schlief mit ruhigem Gewissen ein, weil ich wußte, daß ich Schlag zehn aufwachen würde.

Ich wachte sogar schon eher auf, denn ich schwitzte wie ein Schweinebraten, obschon alle Fenster aufwaren. Die Hitze war zu toll. Ich wusch mich von oben bis unten, schloß die Bude von außen zu, stieg auf mein Rad und fuhr los, den Mühlberg hinab, durch Engensen durch, die Straße entlang bis nach Schillerslage. Eine knappe Wegstunde nur, aber wegen steifen Nordost um die Mittagszeit bei solcher Hitze und in dicken Mülm, das gibt 'n schönen Durst. Ich stellte mein Rad auf den Flur und rief: »Frau Wirtin! Zwei Selter Mit, und wannehr gibt's Mittag?« Die Wirtin lachte. »Sind Se denn so ausgehungert? Um halbig eine, hat der junge Herr gesagt, wäre er hier.« Halbig eine und jetzt ist's dreiviertel zwölfe. Wenn ich das man überstehe.

So ziehe ich denn den Schmachtriemen drei Löcher enger, bucke mich in das Ganzlederne, lese das Burgdorfer Kreisblatt und sehe ab und zu auf die Straße. Da prallt die Sonne nur so. Alles glüht. Und der Nordost fegt die Chaussee, daß es nur so stürmt. Große gelbe Wolken wirbeln am Fenster her. Ich trinke meinen Himbeerkram und dampfe meine Pfeife. Himmelblau zieht der Rauch durch das Zimmer, scharf abstechend gegen den gelben Staub da draußen, so denke ich halb im Eindösen. Merkwürdig, eben mülmte es draußen gelb und nun ist der Mülm blau. Und wie did! Ich glaube, ich träume mit offenen Augen, wie´n Krummer.

Da kommt mir plötzlich in meinem Dusel ein Gedanke. Feuer! Hut, Türgriff, raus! Dicker Rauch schlägt mir ins Gesicht, blauer, und gerade gegenüber an der Burgdorfer Straße rechts kommen hinter den grünen Bäumen aus dem blauen Rauch dicke graue Wolken, wie bei einer Lokomotive, die im Anheizen ist. Da rennt auch schon das Volk: »Füüür, Füüür, Füüür!« schreit es hier, »Feuer, Feuer!« da, und da unten im Dorfe geht es »Tuut, tuut, tuut!« Wo ich mein Rad her habe, wie ich hinaufgekommen bin, weiß ich nicht. Weiß nur, daß ich bloß ein paarmal zutrete, abspringe, das Rad an den nächsten Baum stelle und zwischen die paar Leute gehe, die vor dem brennenden Hause stehn.

Ein langer, glattrasierter Mann in braunem Manchesteranzug steht ruhig neben mir und sieht nach dem Schuppen, aus dem Qualm und Flammen kommen. Der richtige Heidjer. Regt sich nicht auf, wenn's keinen Zweck hat. Erst als eine junge Frau, der vom Laufen das blonde Haar aufgegangen ist, nicht aufhören will, mit ihrem: »Uguttuguttugutt, dat schöne ni-e Hus«, da wendet er den Kopf halb und fragt gelassen: »Weef man ruhig, Kattrin, da helpt nix mehr. Un bei kann den Schaden woll hören, is ja'n wohlhabenden Mann!«

Ich sehe mir die Sache an. Es brennt in der Ecke zwischen Schuppen und Wohnhaus. Da quillt dicker, schwarzer Qualm heraus, und lange, rote Zungen lecken aus dem gelben, stinkenden Dunst. Jetzt die Dampfspritze. Und dann den Strahl hinein, daß das Fachwerk zusammenpoltert, und Wasser auf das Wohnhaus, und das Wohnhaus bleibt stehen. Denn der Wind kommt hinter dem Haus her. Aber so ist hier nichts zu machen; das Feuer frißt gegen den Wind.

Huih, sagt es, ein böser giftiger Laut, so niederträchtig und heimtückisch und schadenfreudig. Eine dicke, gelbe Stinkwolke platzt aus dem blaugrauen Qualm heraus, und lange, rote Lohe flattert hoch. Kling, sagt es jetzt. Die Scheiben springen. Buff, und schwarzer Qualm bricht aus dem Wohnhaus. Männer laufen aus und ein, retten unnütze Sachen, der ein Schießgewehr, der ein paar Pötte, der einen Stuhl. Der lange Mann neben mir brüllt: »Sei li denn verrückt? Laat't doch brennen. Is ja all's versichert. Willt li jück unglückl'ch machen?« Aber die Leute hören nicht.

Vor dem brennenden Schuppen liegt ein grauer Klumpen. Ich hab' darauf nicht geachtet. Aber er bewegt sich. Jeß' ein Mensch. Er quält sich mühsam auf einen Ellbogen und starrt in die Flammen. Ein schreckliches Gesicht, aufgedunsen, schmutzig, der struppige Vollbart verklebt und verkleistert, die Hände wie Mistforken, Augen vertiert und stier, und das ein Mensch.

Eine Frau schreit: »Datt olle Swin hett't anneleegt. De Hund!« Ein junger Bursche ruft: »Smit't dat Lork in't Für, den Vagabonde. Slagt vör'n Brägen, den Supsack! Rin mit ehm! Hei hett et emaket, dat verfluchtige Schinneaas!«

Der Mann neben mir im braunen Velvet bleibt ganz ruhig. Er geht auf den Hof, ruft einen anderen Mann, sie fassen den Landstreichen an die Schultern, nicht sanft, aber auch nicht roh, ziehen ihn durch die Einfahrt und legen ihn in den Graben. Da liegt er erst eine Weile, krebst sich dann auf die Ellbogen und starrt blöde in das Feuer. Um ihn herum schrillen Schimpfworte, toben Flüche, gellen Hetzreden. Der Unglücksmensch hört nichts. Mit einahmslosem Tiergesicht sieht er immer in die Flammen. Einige heißblütige Leute wollen ihm an den Hals. Da kommt wieder mein Nachbar dazwischen: »Laat't dat! Dat is jue Saake nich. Bringt ehm in't Sprüttenhus!«

Mit einem Male erwacht der Fremde. Er stellt sich auf die Beine und sieht sich im Kreise um, sagt aber nichts. Und als fünfzig Fäuste um sein Gesicht sind und fünfzig Stimmen ihn anschreien, spricht er kein Wort, und sein aufgedunsenes, zerfetztes, schmutzbedecktes Gesicht, seine weit aufgegrissenen Augen geben keine Antwort auf die wilden Fragen.

Ich sehe nach der Uhr. Sieben Minuten stehe ich hier, und in der Zeit ist das alles vor sich gegangen. Das Feuer hat schon den Dachstuhl gefaßt, die Schindeln klirren zu Boden, die Torverschalung knistert, glüht, loht und rasselt herunter. Und immer noch laufen Leute ein und aus und retten. Von allen Seiten schreit man: »Schorfe, laat dat, de Dachstohl brennt all. O Gotte, wenn dat man gaut geiht!« Aber es ist als wenn sie verrückt sind.

Einen Schrei höre ich, gemischt aus vielen Stimmen, einen entsetzlichen Angstschrei, von Frauensleuten und Kindern zumeist, und auch von Mannsleuten: »Min Mann, min Mann, use Kaarl, Lüe, helpet, o Gotte, Kunrad!« Mir wird ganz kalt, trotz der Glut, die von dem brennenden Hause kommt. Es kracht und knarrt und poltert und klirrt, ein dumpfes Donnern, der Dachstuhl stürzt ein, und noch sind Leute da im Hause.

Alles rennt hin und her. Ein dumpfer Knall, und aus sieben Löchern kommen Rauchwolken, schwarze, graue, gelbe, blaue und dicke Flammen. Mein Nachbar wird zum erstenmal falsch: »Hebb eck Jück dat nich eseggt! So 'ne Döllmerie! Um 'n ohlen Pott!«

Das Angstgeschrei wächst. Das Herz steht mir still. Und mit einem Male ein Lachen, irrsinnig, verrückt vor Freude, und ein Schreien und dann ein Weinen. »Sei is rut, Gott sei Low und Dank, barmherziger Vatter!«

Von der Straße donnert es. Die Spritze kommt. Acht Minuten nach der Meldung. Das ist doch alle Achtung wert. Und doch lacht alles, froh, daß man lachen kann nach der Angst von eben: »Hurra, sei kommt! Plaatz. Platz, use Füüwehr! Laat't brennen, wat dann brennen will. Is ja all versichert. Und Schradersvatter kannt' woll maken.«

Die Männer mit den braunen Uniformen, mit den roten Schnüren und den Helmen lachen auch, aber sie wissen auch, was sie zu tun haben. Gegenüber der Giebel, auf den das brennende Sparrenwerk fliegt, kriegt seinen Guß. Und dann, alle Mann tohope, kling, klang, rumms, bumms, die Scheiben klirren, die Mauern poltern zusammen, die Flammen werden kürzer, der Qualm dünner, und jetzt nochmal ein Hurra. Da kommen sie, die Männer von Otze, Burgdorf, Sorgensen, Engensen, Wettmar, herangedonnert mit ihren Spritzen, begleitet von einem Schwarm von Mannschaften zu Rad, fünfzehn Minuten nach Telephonmeldung.

Ja, zu machen ist nichts mehr; aber erst das Feuer dumpen und dann, »Kinner un Lü-e, so jung koomet wir nicht mehr tohope!« Die Wirtsleute wissen nicht, wo sie so schnell so viel Bier herkriegen sollen. Die tolle Fahrt in dem Mulm bei der wahnen Hitze, das gibt Brand in den Hals. Alle Mann an die Spritze, hille, hille! Sind das meine stillen Heidjerbauern? Denen man mit dem Stemmeisen die Zähne aufbrechen muß, ehe sie drei Worte sagen? Heut aber. »Na denn prost! Herr Wirt, 'n Rundgang. Prost. Un nu willt wie einen singen: Ji lustigen Hannoveraner, seid Ji alle toosaamen.«

Ich hab' mitgetrunken und mitgesungen und mitgelacht, bis mein Rad an der Mauer einen Rutsch machte. »Ehlers,« sage ich zum Jagdaufseher, »nu ist hohe Tied. Min Rad drängt nah'n Stall!« Da lachen sie all und sehn mich noch mal so freundlich an. »De Keerel hett Päreverstand, dat market'n!«

Die Räder schwankten erst etwas, als sie in die blanke kamen, dann aber ging's den nordöstlichen Wind im Rücken, heidi bis Engensen. Aber als ich den Heimweg auf den Lohberg hinaufradelte, fand ich, daß der Fußweg mächtig schmal geworden war.

Aber absteigen braucht ich doch nicht. Und als ich auf dem Hochsitz am Wullbach saß, blieb ich ganz ruhig, als der Bock hinter dem Schmalreh herzog. Denn erstens hatte ich die hannoversche Sabbatordung im Kopp, und zweitens konnte ich noch sehen, daß es ein schnickerer Gabelbock war, trotzdem er mit seinen weißen Ende so prahlte, als wäre er ein ganz guter Bock.

Ich habe dann noch lange auf dem Heidbrink gesessen und den Nachtschwalben zugehört, und den Kranichen und Poggen, und so war es meist an elf Uhr, als ich wieder auf dem Lohberg bei der Bude war.

Der Nordostwind kam immer noch steif gegen den Berg, und er sang nicht schlecht, denn er hatte Hilfe. Aus Engensen, die Männer, die sangen ebenso laut, wie er, und die von Wettmar auch, als sie mit ihrer Spritze nach Muttern donnerten.

Ich schlief bis Klocke viere. Geträumt habe ich nicht diese Nacht. Und als ich so bei halbig fünfe loszog, da störte meinen Pirschgang durch die Wiesen kein Mäher. Sie schliefen alle noch.

Denn es war ein heißer Tag gewesen und ein großer Brand.

 

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