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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 55
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050809
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Auf der Heide

Libellula flaveola L, L. sanguinea Müll., L. scotica Donov.

Unmerklich geht das Moor in die Heide über; der Boden hebt sich langsam, statt der Moorbirken treten krüppelige Kiefern auf, und an Stelle des Riedes und der Wollgräser herrscht das Heidekraut.

Am schönsten ist es auf der hohen Heide. Da blitzt der Sand von bunten Kieseln, da siedeln die Grillen, steigt die Schnarrheuschrecke rasselnd empor und prahlt mit ihren purpurroten Flügeln. Sandkäfer fliegen auf; ihre goldgrünen Hinterleiber blitzen in der Sonne, um jedes rosig blühende Zweiglein tanzen die Bläulinge und streiten sich mit den Bienen, wer zuerst trinken soll.

Ein schwerer Honigduft mischt sich mit dem Kiengeruche, den die Kiefern ausströmen, deren ernste Kronen im heißen Spätsommerwinde eine seltsame Weise rauschen, während die Heidelerche, die hoch oben in den Lüften hängt, ihr Liedchen dudelt, aus der Ferne der Glockenruf des Schwarzspechtes herüberklingt, und in der Nähe die Haubenmeisen locken.

Es ist Leben genug hier auf der Heide. Es summt und brummt ringsumher und rispelt und krispelt überall im Renntiermoose und Heidekraute. Darüberhin aber schwirren und flirren die Libellen in der heißen Nachmittagssonne, blitzen hier auf, verlöschen im Heidekraut, umkreisen sich, prallen voreinander zurück und rascheln weiter.

Fast immer sind es kleinere Arten; selten verlieren sich die Strandjungfern und Uferlibellen hierher, niemals die Seejungfern und die Schmaljungfern, und es muß schon ein Zufall sein, wenn sich eine der wilden Edellibellen bis hierher verfliegt. Heidelibellen sind es, die hier fliegen; als Larven lebten sie in den Riedsümpfen, die hier und da am Grunde der Sandberge liegen, und jetzt, da sie das Wasser mit der Luft, das Kriechen mit dem Fliegen vertauschen, wollen sie auch auf der Heide bleiben.

Sie tragen auch Farben, wie sie in die heiße Heide passen. Glührot schimmern ihre Leiber, und über ihren Silberflügeln liegt ein gelber Schein, als habe die Sonne sie versengt. Und da die Heide auch ein ernstes Gesicht machen kann, fliegt auch eine düstere Libelle mit trüben Flügeln und schwarzem Leibe hier; aber auch sie blitzt silbern in der Sonne, und scharf leuchtet ihr Leib, denn in der heißen Septembersonne schimmert heute alles, der Kiesel im Sande und der Stamm der Kiefer, die dürre Grasrispe und das trockene Renntiermoos, und der halb verdurstete Riedsumpf zwischen den mageren Kiefern spielt in allen Farben.

Das ist das große Libellenstelldichein; da blitzt und schimmert es lustig durcheinander von silbernen, goldig überhauchten Schwingen und roten Leibern. Die einen haften an den Stämmen, fallen auf den grauen Zweigen des toten Wacholderbusches, schwärmen über dem silbern blitzenden Preißelbeergestrüpp; die anderen aber, die mit dem starken Goldschein am Grunde der Flügel, spielen am liebsten über dem Sumpfe selbst, wo das Wasser vom Torfmoose erfüllt ist, die hellen Motten haschend, die hin und her flattern.

Ringsumher sind sie von Feinden umgeben. Zwischen allen Kiefernstämmen haben die Kreuzspinnen ihre Netze ausgespannt, und der Wind läßt die Flügel der Libellen, die sich hier fingen und von den Spinnen ausgesaugt wurden, lustig blitzen. Hier und da und dort ertönt ein lautes Geraschel; eine Libelle, die sich eben verfing, nimmt Abschied vom schönen Leben. Auf der langen Tagwurzel der Kiefer, die wie eine Schlange über den Sand kriecht, liegt die Eidechse auf der Lauer. Eine goldflügelige, rotleibige Libelle setzt sich vor sie hin. Vorsichtig schleicht die Eidechse näher, springt zu, und laut raschelt die Libelle, denn die scharfen Kiefer der Echse packen ihren schlanken Leib.

Unter der verkrüppelten Kiefer liegt ein langes Stück Baumrinde, und darauf ruht eine Libelle. Aber heute abend wird das Stück Baumrinde emporflattern, einen gellenden Schrei ausstoßen, klatschen, daß es weithin schallt, die Abendstille mit lautem Schnarren erfüllen und dann, auf und ab tanzend, bald hier unten von der Spitze des blühenden Heidebusches, bald dort oben von der Krone der Kiefer die Libellen fortnehmen, die dort mit taubeperlten Flügeln schlafen, denn es ist kein totes Stück Baumrinde, die Nachtschwalbe ist es, die dort faul und bequem im warmen Sande liegt und sich von der Sonne bescheinen läßt.

Und das, was dort zwischen den weißblauen Grasbüscheln liegt, es ist keine von den Schatten der Grasblätter gestreifte Sandscholle, denn ab und zu öffnet es die Lider und sieht aus großen gelben Augen umher; der Triel ist es, und wenn die Sonne zur Ruhe gegangen ist, rennt er über den Sand und pflückt mühelos die schlafenden Libellen von den Heidekrautzweigen.

Auch der weiße Fleck, der dort auf der Spitze des hohen Wacholders leuchtet, bedeutet den Tod für die fröhlichen Schweber; der Raubwürger ist es. Seine scharfen Augen spähen in die Runde; jetzt rüttelt er über einer krausen Kiefer, stößt zu und fliegt wieder auf seinen Busch, ein Libellenpärchen im Schnabel.

Aber es werden der Libellen nicht weniger. Die Heide ist reich an Sümpfen und Tümpeln, aus allen kriechen die Libellenlarven hervor und verwandeln sich in die flüchtigen Tiere, deren Blitzen und Funkeln den Zauber der blühenden Heide ebenso verschönt wie das Geflatter der Bläulinge, und deren Flügelknistern und -rascheln zu der Stimmung, die die sonnenbeschienene rosenrote Heide hervorbringt, nicht minder nötig ist wie das Gesumme der Bienen und das träumerische Rauschen der Kiefern.

Aber ob in der dürren Heide oder auf der üppigen Wiese, am schnellen Wildbache oder am langsamen Flusse, im ernsten Moore oder im lachenden Tale, mehr als alle anderen Insekten verleihen die Libellen der Landschaft Leben. Achtet der Mensch auch wenig auf die flinken Flieger, sieht er ihnen auch nur unbewußt nach, wenn sie am Wege entlang flirren, schenkt er ihnen auch kaum einen längeren Blick, läßt sich eine von ihnen vor ihm auf der Hecke nieder, das Sonnenlicht in hellen Blitzen mit dem Silberfiligrangewebe ihrer Flügel zurückwerfend – fehlten die Libellen der Sommerlandschaft, halb so schön erschiene sie uns. Nicht das, worauf wir bewußten Blickes die Augen richten, wirkt am stärksten auf uns; vieles, über das unsere Aufmerksamkeit hinweggleitet, spricht doch zu uns, hinterläßt Eindruck auf Eindruck, erweckt eine heitere Stimmung, ein beschauliches Gefühl in uns, läßt uns, ohne daß wir es ahnen, den Tag schöner finden und das Leben leichter tragen, und sei es auch nur das Knistern und Schimmern der Libelle, die unsern Weg kreuzt.

 


 

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