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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 52
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050809
modified20151207
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Auf der Schneise

Aeschna cyanea Müll., A. grandis L.

Auf die Landstraße, die von der Stadt aus durch den Wald führt, stoßen im rechten Winkel eine Anzahl von breiten Schneisen. Eine davon ist besonders schön, denn zweimal durchschneidet sie der Bach, der sich in vielen Krümmungen durch den Wald zieht, und bildet bei den beiden Brücken breite Ausbuchtungen, und neben der Schneise sind tiefe Gräben, die niemals austrocknen.

Üppig ist der Pflanzenwuchs hier. Die Gräben sind umwuchert von Schwertlilien und Igelkolben, hohe Disteln und Dolden erheben sich an ihren Ufern, Spierstauden und Glockenblumen schmücken ihre Säume, über die das Vergißmeinnicht herausragt und sich mit dem gelb blühenden Schattenklee verschlingt, während Hopfen und Geißblatt das Unterholz hinter den Gräben umspinnen.

Darum geht es hier auch lustig her. Die ganze Schneise flattert von Faltern, um alle Blumen summt und brummt es, die Luft blitzt von blanken Flügeln, und Laubvogel und Mönch, Trauerfliegenschnäpper und Meise finden hier Futter genug für ihre Schnäbel, desgleichen die grünen Frösche, die auf den Grabenkanten sitzen, und die braunen, die im Grase umherhüpfen.

Weil es hier von Beute wimmelt, ist nirgendwo im ganzen Walde die blaue Edellibelle so viel zu finden wie hier. Auf allen Waldwegen ist sie anzutreffen, aber hier doch am meisten. Zwar hat jedes Stück sein festes Gebiet, in dem es kein anderes duldet, aber die Schneise ist ein halbe Stunde lang und endet erst am Seeufer, und so haben viele der schönen Räuber auf ihr Platz.

Wenn auch die Weißlinge, die Lieschgrasfalter, die Perlmuttervögel, Kaisermäntel, Pfauenaugen und Trauermäntel die Schneise mit buntem Leben erfüllen, und die Bienen, Wespen, Hummeln, Fliegen, Käfer und Zwergjungfern erst recht, die Edeljungfern geben dem Bilde doch erst den eigenartigen Zug. Das regellose Geflatter der Schmetterlinge, das verworrene Geschwirre der anderen Blumengäste, es bildet nur den Hintergrund zu den strengen Linien, die die blaue Waldjungfer darüber zieht. Wie die vornehme Blütenrispe des stolzen Knabenkrautes gegen das buntgeblümte Gras, wie der Ruf des Pfingstvogels gegen den Singsang der Kleinvögel, so sticht ihre Erscheinung gegen alles ab, was hier durcheinander schwirrt und umeinander flattert.

Ihr Bau ist herrlich und ihre Färbung prächtig. Ein köstliches Blau bildet die Grundlage; es erfüllt die Augen, wird auf der Brust von lichtgrünen Flecken, auf dem Leibe von schwarzbraunen, schön gezackten Binden gehoben, und damit die prächtige Färbung noch mehr herauskomme, ist das Bruststück oberhalb der Flügel braunrot gefärbt, und die Schwingen schillern in zartem Goldglanze. Anders, aber ebenso prächtig, mit braunen und gelbgrünen Flecken geziert, ist das Weibchen.

Aber nicht die Farbe ist es, die die Edellibelle auszeichnet, sondern ihr Flug. Er ist so sicher, so stetig, so zielbewußt wie der des Falken, und so schnell wie der der Schwalbe, und doch ist keine Hast darin und keine Unruhe; Schnelligkeit und Ruhe verschmelzen sich in ihm. Ob sie jagt, ob sie das Weibchen sucht, immer behält sie in ihrem Fluge die vornehme Sicherheit; das gerade Gleiten geschieht mit derselben Ruhe wie die blitzschnelle Wendung; erhebt sie sich, so geschieht es ganz gelassen, und wenn sie herabsinkt, geschieht es ohne Hast, trotzdem ihre Geschwindigkeit so schnell ist, daß es aussieht, als zöge sich ein himmelblauer Faden durch die von Silberpunkten durchblitze Waldluft.

Sie ist stärker als die anderen Libellen; sie scheut den Schatten nicht und braucht keinen Sonnenschein, um sich ihrer Flugkraft bewußt zu werden. Sie sinkt nicht wie sie anderen Arten haltlos in das Gras, stellt sich eine dicke weiße Wolke vor die Sonne, und nun, da die Sonne wieder die eine Hälfte der Schneise beleuchtet, hält sie sich nicht an diese gebunden; wenn sie auch die Sonne nicht meidet, so flieht sie doch auch den Schatten nicht und jagt dort ebenso flink und sicher wie auf dem hellen Streifen.

Unaufhörlich ist sie in Bewegung. Alle Augenblicke macht sie eine kleine Schwenkung, faßt mit den Vorderfüßen jetzt eine Mücke, schiebt sie zwischen die Kiefer und greift sofort eine Fliege, die der Mücke nachfolgen muß. Jetzt rüttelt sie ein kleines Weilchen über der hohen Distel, auf deren Blüte sich gerade ein frisch geschlüpfter Kohlweißling niederlassen will, stößt zu und erfaßt den Schmetterling. Er ist zu groß, als daß sie ihn, wie sie es mit den Mücken und Fliegen macht, im Fluge verzehren könnte; so hängt sie sich an eins der schön geschwungenen Riedgrasblätter, die das Gewirr des Brombeerbusches durchbrechen, und frißt, bis die Flügel des Falters einer nach dem anderen in das Gras fallen und sie wieder, nachdem sie sich sorgfältig gesäubert hat, auf neue Beute ausfliegt, bald in der Sonne, bald im Schatten, hoch unter den Zweigen der Eiche her, die ihr Astwerk über die Schneise breitet, dicht über den Bach hin, und nur dann an einem Stamme oder an dem Brückengeländer rastend, wenn sie ein Beutetier gegriffen hat, das zu groß ist, als daß sie es im Fluge fressen könnte.

Hin und wieder, wenn eine andere Edellibelle in ihr Gebiet einbricht, unterbricht sie ihren reißenden und doch so ruhigen Jagdflug und stürzt sich laut raschelnd dem Eindringling entgegen, ihn vertreibend, ist es ein Männchen, ihm den Hof machend, wenn es ein Weibchen ist. Dann aber ist auch sofort ein zweites und ein drittes Männchen da, und es beginnt ein wildes Hetzen und Kämpfen, bis das älteste, reifeste, schönste Männchen die Nebenbuhler abgekämpft hat und sich das Weibchen erringt.

Und wenn die Sonne Abschied von der Schneise nimmt, wenn das lustige Faltergetümmel und der Fliegen Reigentanz zu Ende geht, dann fährt die blaue Edellibelle immer noch zwischen dem Bache und der Eiche hin und her, und auch am Ende der Schneise, wo sie an den See stößt, der tief unter dem abschüssigen Ufer liegt, über das die Zweige der Espen weite breite Lauben bilden, taucht dann noch ab und zu eine große Edellibelle auf, fliegt ein Ende in die Schneise hinein, zankt sich mit der blauen Libelle und stiebt wieder von dannen. Noch größer als die blaue Waldjungfer ist sie, die da rastlos unter dem hohlen Ufer hin und her schießt und fürchterlich unter den Mücken haust, die dort schwärmen, und schön ist sie auch, doch in anderer Art. In goldigem Braun schimmern ihre Flügel, lichtbraun, hier und da mit sparsamen hellblauen Marken versehen, und mit gelben Flecken geschmückt ist ihr schmaler Leib, und wenn sie über jenen Stellen der Flut erscheint, die von den letzten Strahlen der Abendsonne getroffen werden, dann sieht es aus, als flöge ein goldener Pfeil dahin. Hängt sie sich aber im Schatten an einen Zweig, den Leib steif von sich streckend, so wird sie zu einem dürren, mißfarbigen Ästchen.

Unter dem hohlen Ufer, wo die Spuren des Otters im Lehmboden abgedrückt sind, ragt ein dicker Pfahl aus dem Wasser, von langen grünen Algen umwedelt. Die Fischer haben ihn dort eingerammt, um ihre Kähne daran anzuschließen, und dem Eisvogel damit einen Gefallen getan, denn gern sitzt er hier und wartet auf die Ukeleis. Auch der großen braunen Waldlibelle steht der Pfahl recht. Ein Weibchen umschwirrt ihn, läßt sich dicht über dem Wasser an ihm nieder, unbesorgt, daß die leise spielende Flut ihm den Leib benetzt, und tastet unter dem Wasser mit der Hinterleibspitze an dem verrottenden, algenbedeckten Holze umher, bis es einen Spalt gefunden hat, groß genug, den Legebohrer aufzunehmen, durch den es Ei um Ei unter den Algenüberzug schiebt.

Lange dauert diese Arbeit, und anstrengend ist sie, und ermattet erhebt das Weibchen sich endlich, kriecht an dem Pfahle empor und schwingt sich endlich ab. Aber da blitzt es von dem Pfahle herunter, blitzt hellblau und goldgrün, und auf der überhängenden Wurzel des Ufers sitzt der Eisvogel und schlingt die Libelle hinunter, ihr dasselbe Geschick bereitend, das sie über viele lustige Fliegen und fröhliche Mücken, flinke Motten und schnelle Falter brachte.

Über dem Eisvogel aber in dem Gezweig der Espe raschelt und ruschelt es; da wehrt sich ein Libellenweibchen unter dem starken Griff des Männchens, und vor ihm, blitzschnell dahinfahrend, wie zwei goldene Pfeile in den Abendsonnenstrahlen leuchtend, fährt ein anderes Paar dahin, Tod und Verderben unter den Mücken und Eintagsfliegen verbreitend, während weiter oben im Walde die blauen Edellibellen den Abendmotten nachstellen, bis sie sich zum Schlafen in die Kronen der Eichen schwingen.

 

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