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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Der Kolkrabe

Der fetteste Monat für das Raubzeug ist der Hornung; er beschert ihm reichlich an Fallwild. Die Sonne hat dann schon Kraft und schmilzt den Schnee an; aber nachts gefriert er wieder, und die Kälte überzieht die Schneedecke mit einer Eisschicht. Fällt dann Neuschnee, so kann der Schnee zwei oder drei Eisschichten übereinander bergen.

Unmöglich ist es dann für Hirsch und Reh, zur Bodenäsung zu gelangen; kümmerlich müssen sie dort, wo nicht voll gefüttert wird, und wo sie kein Weichholz zur Genüge haben, sich mit saft- und kraftloser Äsung behelfen, kümmern und kommen ab.

Bei jedem Tritt zerbrechen die Schalen die harte Eiskruste des Schnees, das Stück beginnt an den Läufen zu klagen, fällt und steht nicht mehr auf. Auch dem Hasen, den seine breitsohligen Füße über die mörderische Schneedecke tragen, geht es dann schlecht; nirgendwo findet er Äsung; so muß er an den beinhart gefrorenen Futterkohl, aber der bekommt ihm nicht, und elend muß mancher Hase verenden, wie denn auch Rebhuhn, Ringeltaube und Fasan an Äsungsmangel eingehen oder an ungenügender oder gefährlicher Äsung.

Fuchs und Marder geht es dann aber gut; reichlich ist ihnen der Tisch gedeckt, und noch bequemer ist es ihnen gemacht als zur Satzzeit, wenn das Feld von Mäusebrut und Junghasen wimmelt; im Hornung brauchen sie die Beute nicht zu beschleichen, entschlüpft sie ihnen nicht; steif und tot liegt sie da, und wer eine gute Nase hat, findet sie schon, ehe sie weithin wittert.

Darum hat alles, was wintertags in der Hauptsache auf Luder angewiesen ist, im Hornung Roll- und Ranzzeit; jeder Bau im Walde füchselt jetzt stark, denn die heiße Petze rennt, und der Fuchsrüde sucht sie von Bau zu Bau; in der Forst erschallt das Ranzgekreische des Edelmarders und auf den Böden der Dorfhäuser das des Hausmarders.

Auch von dem Flugraubzeug paaren sich im Hornung die Arten, denen der Winter den Tisch deckt. An der sonnigen Talflanke des Gebirges kreist laut rufend das Steinadlerpaar; es hat den Winter über keine Not gelitten; seine scharfen Augen erspähen jedes Stück Fallwild, die Gemse im Latschengestrüpp, den Hirsch am Rande des Geröllgrabens und das Reh am buschigen Abhange.

Und noch einer ist es, der dem Winter nicht gram sein konnte. Der Kolkrabe ist es; er fand reichlichen Fraß, wenn er mit stolzem Adlerfluge dahinruderte und mit den scharfen Augen das Schneefeld abspähte. Aus doppelter Turmhöhe stieß er dann hernieder, jagte den Bussard mit furchtbaren Schnabelhieben von dem gefallenen Reh und die Krähen von dem verendeten Hasen, und selbst der Fuchs ließ die Lunte hängen und rückte aus, wenn der Rabe ihm Stoß auf Stoß versetzte.

Den ganzen Winter hat sich das Rabenweibchen umhergetrieben, da verweilend, wo es Fraß fand, weiterstreichend, wenn es zu Ende war. Am Flußufer hatte es den angespülten Lachs in einer Woche aufgezehrt, hatte im Bergwalde sich an einem gefallenen Hirsche gemästet, dort ein verendetes Reh bis auf die Decke und die Knochen verzehrt, da einen eingegangenen Hasen verspeist und noch allerlei anderes gefunden, das sich mitnehmen ließ, auch manche Maus erwischt.

Nun aber fühlte es sich nach dem großen Bruche zwischen Geest und Moor hingezogen, wo es seit Jahren gehorstet und seine Brut aufgebracht hatte. Es flog den ganzen Tag, suchte zur Nacht eine dichte Fichte im Walde, sättigte sich an dem Kerne eines Fuchses, den der Förster auf der Lichtung liegen ließ, flog weiter und kam um die Uhlenflucht im Bruche an. Dreimal kreiste es über der wildverwachsenen Wohld, dann schoß es auf eine Birkenbestand zu, flatterte darin entlang und schwang sich in einer glattschäftigen, hohen Kiefer ein.

In der grauen Morgenfrühe, als das Rotwild noch nicht wieder aus der Heide zurück war, erwachte das Rabenweibchen; es schüttelte den Reif aus dem Gefieder, zupfte sich die Federn zurecht, stürzte sich aus der Krone der Kiefer fast bis zu Boden, flog durch den Birkenbestand und über die Rodung und stieg erst über der blanken Heide empor, wo kein Gebüsch, kein Baumbestand den Ausblick versperrte.

Es war noch alles dort so wie sonst. Zwischen Heide und Bruch floß die flinke Beeke hin und her, ein gutes Wasser, denn leckere Forellen und Äschen gab es darin, und wenn sie laichten, waren sie bequem zu fangen. Im Bruche kam sie mit der Ahe zusammen, einem faulen Flüßchen, in dem aber Hechte, Aale, Brassen und Döbel lebten. Zuzeiten ließ die Ahe ihre Ufer hinter sich, überschwemmte das Wiesenland, und wenn sie nachher wieder bescheiden wurde, dann brauchte der Rabe nicht lange nach Futter zu suchen, denn überall zappelten sich in den Lachen und Gräben Fische ab.

Das, was da hinten schimmerte, das war der Fluß, und der Wald an seinem Ufer, das war ein ganz besonderer Wald, denn jedes Jahr horsteten an vierzig Paare Fischreiher dort. Je nachdem es einem Raben nun Vergnügen machte, konnte er den Reihern die Eier oder die nackten Jungen stehlen oder unter den Geständen am Boden nach Fischen suchen, die den Jungreihern entglitten, und manchmal lag dort auch ein Jungreiher, der das Übergewicht bekam, vom Horstrande stürzte und auf dem Boden barst.

Ferner waren dort hinten die Fischteiche; da gab es die fettesten Frösche weit und breit, und nicht selten fand sich dort ein abgestandener Karpfen, und vor dem Dorfe dort unten der weiße Fleck, das war die alte Sandgrube, da brachten die Bauern ihr verendetes Vieh hin, und in der Not war da schließlich immer etwas für einen Raben zu finden. Außerdem gab es in dem Bruche so viel Kleingetier, daß ein Rabenpaar nicht in Verlegenheit kommen konnte, wie es seine Brut satt bekommen sollte.

»Ruf, ruf,« rief das Kolkrabenweibchen über das Bruch, und der alte Hegemeister, der mit dem Oberholzbauer über das Hauptgestell geht, lächelte und sagte: »Kiek, der Rauk is all wedder da! Jetzt wird es Frühling.« Der Alte liebte den Raben und hegte ihn; er wußte, daß er ab und zu einen Junghasen aufnahm oder ein Birkhuhnnest bestahl, aber ihm war auch bekannt, daß er das kranke Wild ausmerzte und so der Seuchenverschleppung vorbeugte, und daß er der Hauptfeind der Kreuzotter war und im Mäuse- und Engerlingvertilgen Hervorragendes leistete.

Aber nicht nur deswegen ließ er ihn in Ruhe, sondern weil er schönheitsfrohe Sinne hatte; das Herz lachte ihm in der Brust, hörte er den runden Ruf des Raben, der an uralte Zeit ermahnte, da der Rauk noch Wodes heiliger Vogel war, der vor dem Dorfe horstete, und der nicht litt, daß der Adler die jungen Lämmer und der Habicht die Hühner schlug, und wenn der alte Grünrock die Raben über der Wohld im Balzfluge kreisen sah, dann frohlockten seine Augen.

Zu langweilig war es ihm im Laufe der Jahrzehnte auf der Welt geworden; verhallt war des Wiedehopfes seltsamer Ruf, zerstoben der Blauraken Farbengeflimmer, verschwunden war der Schreiadler, der Uhu horstete nicht mehr in der Wohld, und nur noch je ein Paar Kraniche und Waldstörche fristeten hier im meilenweiten wilden Bruche ihr Dasein, nachdem allerlei herzloses Volk, Schießer, Eiersammler und Bälgehändler die meisten von ihnen getötet oder vertrieben hatten. Darum schonte der alte Grünrock den Rauk, gönnte ihm im wildreichen Bruche die Jagd und labte sich an seinem Rufe und an dem Adel seines Fluges.

»Kiek, Konrades, nu sünd dat all twei!« rief er und zeigte nach den Bruchwiesen, über denen hoch in der Luft das Paar seine Kreise zog, und von wo die Balzrufe zu den beiden Männern herüberschallten; laut und rund klang es: »Kulong, klong, klong, ruck ruck rack rack.« Unter einer Fichte am Bestandsrande, deren tief herabhängende Zweige eine Laube bildeten, und deren Tagewurzeln durch ein darauf gepflocktes Brett zu einer Bank gestaltet waren, machte der Hegemeister Halt: »Hier wollen wir frühstücken; ich bin ein bißchen müde.«

Er setzte sich und ließ dem Oberholzbauer Platz neben sich, zog das Messer aus der Hosennahttasche und aß mit Bedacht; ab und zu nahm er das Glas vor die Augen und sah nach den beiden Raben, die immer noch laut rufend ihre Kreise zogen. »Nun ruhig,« sagte der Hegemeister, »sie kommen auf uns zu! Sie haben den Fuchskern, den ich vorgestern da liegen ließ, geäugt.« Die Raben schraubten sich herunter, schossen an dem Luder vorbei, fuhren wieder empor, senkten sich abermals, stießen noch einmal auf und setzten sich schließlich.

Eine ganze Weile saßen sie da und drehten die Köpfe hin und her, daß ihr stahlfarbiges Gefieder in der Sonne bald einen blauen, bald einen grünen Widerschein sprühte, hüpften näher, sprangen zurück, betrachteten mit schief gehaltenen Köpfen den balglosen Fuchs, flatterten noch einmal hoch und spähten das Gelände ab und nahmen schließlich den Fraß an, mit den klobigen Schnäbeln lange Fleischstreifen von den Keulen und Blättern reißend und dann das Gescheide hervorzerrend und verschlingend.

Das Männchen, das schon vorher eine abgestandene Barbe am Allerufer gekröpft hatte, war bald satt, flog auf die Spitze der krausen Hüteeiche, putzte den Schnabel, ordnete das Gefieder, blies die Kehlfedern auf, sträubte die Kopffedern, ließ die Flügel hängen, fächerte den Keilschwanz, und nachdem es einige Male hin und her getrippelt war und auf schnurrige Weise geschnalzt, gegluckst und geschluckst hatte, fing es an, seinen Gesang von sich zu geben.

Der Hegemeister bekam vor Vergnügen einen ganz roten Kopf, und sein Begleiter hielt sich vor heimlichen Lachen den Leib, denn es sah zu verdreht aus und hörte sich zu lächerlich an, wie der stattliche Vogel da auf der Spitze der Eiche mit gesträubten Kopffedern und aufgeblasenem Halse dasaß, mit den Flügeln zitterte, mit dem Schwanz wippte und auf das allerzärtlichste die seltsamsten Schnalz-, Zisch-, Triller- und Pfeiftöne, aber alle ganz leise, von sich gab, ab und zu ein merkwürdiges Schnabelklappern, den Lock- oder den Warnruf oder den Balzlaut, dazwischenflechtend.

Dann erhob er sein Gefieder, warf sich aus der Eiche, rief rauh »Krak, krak, krak« und ruderte über die Wiese hin, und hinterher stob das Weibchen, und da, wo ein runder Weidenbusch stand, stießen sie umschichtig nieder. »Ich glaube,« sagte der Hegemeister, »da ist der Fuchs; ich will mich fertig machen.« Er spannte den Drilling und stand auf. Eine Weile stießen die Raben nach dem Busche, dann fuhr ein schwarzes Tier heraus und flüchtete dem Walde zu.

»I, was ist denn das?« meinte der Förster; »für eine Katze ist es zu lang.« Er nahm das Glas, ließ es aber schnell wieder auf die Brust sinken und flüsterte : »Konrades, lauf schnell nach der Beeke zu, es ist der Otter!«

Der Holzbauer schlich erst einige Schritte langsam den Holzweg entlang und sprang dann auf die Wiese. Mit rauhem Angstlaute stob das Rabenpaar von dannen, der Otter aber wendete und suchte das Holz zu gewinnen. Zehn Schritte davon schlug er im Feuer rundum.

»Donnerwetter!« rief der Hegemeister, »Donnerwetter, ein alter Otterrüde, seine dreißig Pfund schwer! Und da sage noch einer, der Kolkrabe ist ein schädliches Geflügel. So, nun wollen wir ihn streifen, und dann haben wir alle etwas, ich den Balg, du deinen Taler für das Rennen und die Raben einige anständige Mahlzeiten.«

Das Rabenpaar hatte sich nicht schlecht erschrocken, als der Holzbauer aus dem Walde hervorsprang, und als es am anderen Tage dort vorüberstrich, wo die Ansitzbank unter der Hängefichte war, besann es sich erst lange Zeit, ehe es den Otterkern annahm, aber schließlich ging es doch daran, und nach acht Tagen war von dem Fuchs und dem Otter nichts mehr übrig als das blanke Gerippe. Drei Meilen weiter lag außerdem in einer Kiefernbesamung ein Hirsch, der an einem alten Schusse eingegangen war, und obgleich die Füchse, Dachse und Marder nächtlicherweile stark dabei gewesen waren, war für die Raben immer noch genug daran zu finden.

So litten sie selbst dann keine Not, als der Nachwinter noch einmal kräftig einsetzte, und Anfang März lagen in dem Horste auf der alten, hochschäftigen Kiefer in der wilden Wohld fünf große, grüne, bunt gesprenkelte Eier, und nach drei Wochen, als die Wiesen sich schon begrünten, der Haselbusch und die Erlen abgeblüht waren und der Porst sich immer roter färbte, auch an den Gräben die Dotterblumen und im Fallaube die Windröschen aufsprangen, hockten fünf dickköpfige Gelbschnäbel in dem Neste, in deren immer hungrige Rachen die Alten hineinstopften, was sie nur erwischten, die Maus wie den Regenwurm, den Moorfrosch wie die Kreuzotter, den Hecht, der im abgelaufenen Berieselungsgraben zappelte, wie den Junghasen, der im Schlackschnee umgekommen war.

Überreich an Getier aller Art war das Bruch, das Moor und die Heide, und leicht war es für das Rabenpaar Atzung für seine Brut zu finden, da es überall die besten Stellen kannte, wo ein Fang zu machen war. Ab und zu gelang es ihm auch, traf es den Fuchs auf blanker Heide oder den Wanderfalken fern vom Walde an, ihnen so zuzusetzen, daß sie ihren Raub fahren ließen.

Als in dem alten Eichenwalde erst Jungreiher in den Geständen hockten, gab es Fische im Überfluß für die Raben, und fanden sie keine, dann kam es ihnen auch gar nicht darauf an, einen Jungreiher umzubringen und fortzuschleppen, denn um der Altreiher Gezeter und Flügelschlagen kümmerten sie sich wenig und geschickt wichen sie den Schnabelstößen aus, wußten es aber meist so einzurichten, daß sie in der Ecke der Siedlung raubten, wo gerade kein Altreiher zugegen war.

In ihrem eigenen Jagdgebiete aber hielten sie scharf Auslug, daß kein fremdes Raubgeflügel dort wilderte. Wehe dem Habichte, ließ er sich dort blicken, er wurde so lange hin und her gehetzt und mit bösen Schnabelhieben so zugedeckt, daß er jedesmal schleunigst machte, daß er weiterkam, und dem Wanderfalken ging es nicht besser. Das alte Kopftier des Rudels Rotwild war es sehr zufrieden, daß die Raben da waren, denn solange einer von ihnen auf der Pappel an der Beeke saß, konnte das Rudel sich getrost am hellen Tag auf der Wiese äsen, sobald sich etwas Verdächtiges bemerkbar machte, warnte der Rabe. Desgleichen fand es der starke Bock, der in der Porstdickung stand, äußerst bequem, daß die Raben für ihn aufpaßten, und in aller Seelenruhe äste er sich an dem Borde der Beeke entlang; sobald aber der Rabe rief, trat er in die Dickung zurück. Auch die Reiher, die da gern fischten, und der Schwarzstorch, der dort auf den Neunaugenfang ging, und das Kranichpaar, das im offenen Bruch brütete, sie alle fanden, daß es sich noch einmal so nett leben ließ, wenn die Raben zu sehen waren, die Wächter des Bruches, deren scharfen Augen nichts entging.

Die Frösche, Mäuse, Wühlratten und Kreuzottern dagegen waren entgegengesetzter Ansicht; das Gras mochte noch so dicht und die Heide noch so hoch sein, die Augen des Raben sahen bis auf den Grund, und ehe die Maus oder die Wühlratte es sich versah, ehe der Frosch den Graben und die Otter ihr Loch erreichte, sauste der gefährliche Schnabel hernieder, und nie traf er daneben, stets fiel er auf das Genick des Beutetieres, und fortwährend flogen die Raben nach der Wohld, irgendein Futter im Schnabel, das sie der Brut zubrachten.

Die war inzwischen schon mächtig herangewachsen, hatte die Federn aus den Speilen gestoßen, ein blankes Kleid angezogen und die gelben Wülste an der Rachenspalte verloren. Sie saßen jetzt nicht mehr den ganzen Tag mit dummen Gesichtern eng aneinandergedrückt in der Horstmulde, sie wagten sich schon auf den Rand und von da auf einen Ast und von dem noch weiter hin, und dann saßen sie alle fünfe dicht nebeneinander, sahen mit scharfen Augen dahin, wo der Bussard kreiste, und dorthin, wo die Hasen hoppelten, bis sie fern über den Wiesen einen schwarzen Punkt entdeckten, der schnell größer wurde und näher kam.

Dann wurden sie aufgeregt, drängten sich auf dem Ast hin und her, zitterten mit den Flügeln, und wenn der Vater oder die Mutter ganz nahe war, dann girrten sie hungrig, bis der alte Rabe sich zu ihnen schwang, das Beutetier zerriß und ihnen die Fetzen in die weiten, roten Rachen schob, um wieder fortzustreichen und neue Atzung zu holen aus dem grünen Bruche oder vom braunen Moore.

»Jetzt sind die Räuke alle beflogen,« sagte der Hegemeister zu dem Holzbauer und wies nach der Wohld, über der sieben große schwarze Vögel in der Sonne glänzten. Auf und ab stiegen sie, zogen Kreise, schwebten herunter, stiegen empor, bis sie in der Ferne verschwanden.

Nach dem Flusse flogen sie, wo die Ukeleis laichten. Eine breite Sandbank hatte das Winterhochwasser in dem Flußbette aufgebaut, und zwischen ihr und dem sandigen Ufer blitzte und klatschte es. Bequemer konnten es die Raben nicht haben. Alle sieben schritten in das seichte Wasser hinein, warteten mit schief gehaltenen Köpfen, bis ein Fisch heranschwänzelte, und wupp, war er gefaßt, und stolz hüpfte der junge Rabe damit auf das Ufer und führte ihn sich zu Gemüte.

Lernten sie heute fischen, so brachten ihnen morgen die Alten den Mäusefang bei und tags darauf die beste Weise, wie man der Kreuzotter Herr wird, ohne ihren Giftzahn fühlen zu müssen. Auch wie man die flinken Grillen und die großen grünen Heuschrecken fängt, lernten sie, und wie man es anstellen muß, die schnelle Maus zu erbeuten und den Maulwurf und die Reitmaus aus der Erde zu ziehen.

Aber auch die Stellen, wo die Jäger das Gescheide von Bock und Hirsch hatten liegen lassen, wiesen die Eltern den Kindern, und die Gräben, in die sich ein Hecht verläuft, zeigten sie ihnen und die Kuhle vor dem Dorfe, wo die Bauern das Vieh hinfuhren, das ihnen gefallen war.

Nicht immer gibt es überall Mäuse, Frösche, Fische und Schlangen, und was ein richtiger Kolkrabe ist, der muß sich ohne Schwierigkeit auch dann durchzuschlagen verstehen, wenn das Moor und das Bruch ganz von Schnee zugedeckt sind und nirgendswo fette Heuhüpfer und dicke Regenwürmer anzutreffen sind.

Darum ist es gut, daß man überall draußen Bescheid weiß, damit man nicht, wie das Krähenvolk, gezwungen ist, in den Dörfern und in den Städten herumzulungern und auf Miststätten und Kehrrichthaufen nach Abfällen zu stöbern, denn einmal ist das gefährlich, weil dem Menschen niemals zu trauen ist, und dann treiben sich dort die Krähen in hellen Haufen umher.

Zweierlei ist es nämlich, dem der vorsichtige und stolze Rabe immer aus dem Wege geht, der Nähe des Menschen und irgendwelcher Gesellschaft. Niemals wackelt er, wie die Krähe, hinter dem Pfluge her, und erst wenn der Bauer mit seinem Gespanne abzog, schreitet er die Furchen ab und vertilgt den zarten Engerling, den ledernen Drahtwurm und die saftige Graseulenraupe und auch manche Maus.

Aber niemals, außer in der Paarungs- und Brutzeit, mag er Gesellschaft um sich haben, und nicht einmal mischt er sich in die bunten Schwärme der anderen Raubvögel, wie sie wintertags daherziehen, die Luft mit Getöse füllend. Einsam und allein lebt er das Jahr über, gleich als passe es sich für ihn, Wodes heiliges Tier, nicht, sich mit dem geringen Volke abzugeben, und seinesgleichen sagt ihm erst recht nicht zu, denn wo zwei sind und nur Fraß für einen, da wird jeder bloß halb satt.

So lebten denn die sieben Raben jeder für sich; das Weibchen blieb dem Bruche treu, das Männchen strich nach dem Marschlande, die fünf Jungen aber verteilten sich in der Welt; eines fing sich in einem Tellereisen, eines knallte ein Schießer vor dem Uhu herunter und ließ sich der Untat halber nicht in der Zeitung rühmen, ein dritter fraß einen Giftbrocken und mußte elendiglich verenden.

Ein Männchen und ein Weibchen blieben allein von den fünf Jungen übrig, und irgendwo fanden sie im Hornung Anschluß und sorgten im Märzen dafür, daß Wodes Wappengeflügel nicht ganz aussterbe in den deutschen Gauen, die Schießwut, Verfolgungswahnsinn und elende Gewinnsucht von Jahr zu Jahr mehr veröden, dem Gesetze zum Trotze, nach dem der Rauk zu schonen ist, weil er ein so stolzes Geflügel ist und so selten ward.

 

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