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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 49
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Über dem Teiche

Lestes viridis Linden und L. nympha Selys.

An dem Teiche, der nicht weit von dem See vor dem Bauernwäldchen in der Feldmark liegt, geht es heute mittag hoch her. Es ist so still und so warm, und deshalb halten die Schlankjungfern heute Massenhochzeit. Sie mögen keinen Wind; zu zart sind ihre Silberflügelchen, zu gebrechlich ihre goldgrünen Leibchen, die so dünn wie ein Grashalm sind; jeder stärkere Windhauch weht sie in das Ried.

Aber heute brauchen sie den Wind nicht zu fürchten; so kommen sie alle aus ihren Verstecken zwischen den Blättern und Halmen hervor, flattern an dem Ufergebüsch entlang, wagen sich auch auf das Wasser, aber zu weit fliegen sie nicht und suchen bald einen Binsenhalm oder ein Grasblatt.

Manch eine verliert aber doch vor der Zeit die Kraft und fällt auf das Wasser; dann ist sofort ein Stichling da, der sich ihrer bemächtigt, oder ein großer Schwimmkäfer packt sie, und die grünen Frösche, die auf den Mummelblättern sitzen, schnappen viele von ihnen fort.

Auch auf dem Brombeerbusche und im Erlenlaube droht die Gefahr, denn da sitzt der Laubfrosch und wartet auf sie, Sumpfmeisen führen dort ihre Brut, und die zarten Libellen geben ein bequemes Futter. Sogar die Waldeidechse, die unter dem Farn ihren Schlupfwinkel hat, ist sehr erpicht auf sie, und alle Augenblicke schnappt sie eine fort.

Aber es gibt genug Schlankjungfern hier, denn überall kriechen an den Binsen und an den Riedgrasblättern die reifen Nymphen empor, und aus vielen schlüpfen eben die Libellen aus, um sich von der Sonne trocknen und härten zu lassen, bis sie kräftig genug zum Fluge sind.

Andere aber, die schon älter sind, sorgen fleißig dafür, daß es übers Jahr genug von ihnen gibt; unzählige Pärchen haften an den Grasblättern und im Gebüsche, der Liebe sich freuend, bis ernstere Pflichten ihrer warten. Pärchen auf Pärchen flattert über den Teich, einen Binsenhalm suchend und daran hängenbleibend. Dann, während das Männchen das Weibchen noch festhält, macht dieses seinen Hinterleib frei, stochert mit der Spitze an dem Binsenhalme herum, verwundet ihn mit dem Legebohrer und legt ein Ei unter die Oberhaut des Halmes.

Dann kriecht es, das Männchen herabziehend, etwas tiefer, bohrt wieder eine Binse an, legt abermals ein Ei und fährt so fort, bis es den Wasserspiegel erreicht hat. Aber dort macht es noch nicht halt; es klettert weiter, bis es im Wasser untertaucht, das Männchen mit hinabziehend, und wie zwei große silberne Blasen hängen die beiden Tierchen dann unter dem Wasserspiegel an dem Binsenhalme.

Unten im Wasser, wo es einst als schlanke, flinke Larve lebte, bohrt das Weibchen wieder den Halm an, legt ein Ei hinein und rückt immer mehr nach unten, bis es das Ende des Halmes erreicht hat. Dann klettert das Männchen wieder empor und zieht das Weibchen nach sich, und ungefährdet durch Stichling und Schwimmkäferlarve, die die silberglänzende Luftschicht, die das Pärchen einhüllt, scheuen, tauchen sie über dem Wasser auf und flattern dem Lande zu.

An der Stelle, an der das Weibchen den Binsenhalm anstach, liegt in einer der geräumigen Luftzellen des Markes ein Ei, vor Feinden, Sonnenbrand und Frost gesichert. Ist das Ei reif, so schlüpft das Lärvchen aus und sucht das dichteste Pflanzengewirre auf. In den zerfaserten Blättern des Wasserhahnenfußes hält es sich verborgen und mästet sich an winzigen Krebstierchen, häutet sich, wenn der alte Rock zu kurz und zu eng wird, und lebt so, wie alle Libellenlarven leben.

Trotzdem es so zierlich und so schlank und mit so prächtigen Blakkiemen am Ende des Leibes geschmückt ist und lange nicht so plump und so unheimlich aussieht wie die Larven der großen Wasserjungfern: ein schlimmer Räuber ist es doch, und der Wasserfloh wie die Eintagsfliegenlarve, die ihm entgegenkommt, werden von der Fangmaske erfaßt und müssen ihr Leben lassen. Wenn sie so groß wäre wie die Larve der anderen Libellen, so wäre sie noch ein schlimmerer Räuber als diese, denn sie wechselt öfter ihren Platz und weiß ihre Beute geschickt anzuschleichen.

Meist aber hängt sie regungslos zwischen den Faserblättern und lauert auf das, was zu ihr kommt, bis ihre Zeit um ist und sie das Wasser verläßt, ein Riedgrasblatt ersteigt und wartet, bis ihre Haut reißt und aus ihr ein silbern blitzendes, goldgrün funkelndes Jüngferchen wird, das in zierlichem Zitterfluge an dem Teiche entlang flattert, hier und da, wo ein Blattläuschen so lockt, sich niederlassend, oder wo ein winziges Räupchen kriecht, anfliegend, oder einen Gespielen suchend zum Hochzeitsfluge, damit es an den Büschen im Teiche im anderen Jahre wieder silbern blinkt und goldig blitzt.

 

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