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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 46
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Im Röhricht

Gomphus vulgatissimus L.

Hinter dem Galgenberge, der jetzt den Kirchhof trägt, erweitert sich der See zu einer breiten Bucht, die von dichtem Röhricht umschlossen ist.

Am Strande entlang wächst erst Riedgras und Schilf, mit Kalmus, Froschlöffel, Schwertlilie, Igelkolben und Bandgras durchmischt.

Dann beginnt das Kolbenrohr und dahinter das Rohr, und wo das Rohr aufhört, breitet sich die Seerose aus, bis endlich Laichkräuter, von den dicken Pferdebinsen überragt, und Wasserhahnenfuß sich noch gegen Wind und Wellenschlag behaupten.

In der Mitte der Bucht haben die Fischer eine breite Schneise quer durch das Röhricht gehauen, und weil sie täglich hier auf und ab gehen und ihre Kähne laden, kann das Rohr hier nicht hochkommen, und so ist das Wasser frei. Sein Grund ist mit faulenden Rohrstengeln, toten Ästen und Binsenstücken besät, zwischen denen es von Bachflohkrebsen, Köcherwürmern, Egeln und Wasserkäfern wimmelt.

Die vielen Wasserjungfernlarven, die hier leben, Hunderte und Aberhunderte, brauchen sich nach Futter nicht weit umzusehen. Sind sie noch ganz klein, so schwimmen ihnen genug Wasserflöhe und winzige Eintagsfliegenlarven entgegen, und sind sie erwachsen, so haben sie an Flohkrebsen und Jungfischen Fraß in Hülle und Fülle. Faul und träge sitzen sie an dem toten Gezweig, auf den untergetauchten Binsenstücken und Rohrstengeln und warten, was die Bewegung des Wassers ihnen zutreibt.

Sie sind fast alle von derselben Art, nicht so kurz und so plump wie die Larven der blaubäuchigen Jungfer, die auf dem blauen Tone des offenen Standes gleich hinter den letzten Häusern der Stadt leben, und nicht so schlank wie die Larven der Edellibellen, die weiterhin mit den Köpfen nach unten an den Rohrhalmen und an den Blattstielen der Seerosen hängen und auf Beute lauern.

Von allen Größen finden sie sich, ganz kleine und ganz große, die schon Flügelschuppen aufweisen und auf einen Tag warten, so heiß, wie es heute ist. Schon mehrere Tage haben sie nicht mehr fressen mögen, denn sie sind das Larvenleben unter Wasser leid. Ihre Darmkiemen sind eingeschrumpft, Atemlöcher haben sich an ihren Seiten gebildet; sie sind schon mehr Luft- als Wassertiere. An jedem weißlich schimmernden Zweige, der aus dem Wasser hervortaucht, an den Wänden der Kähne, an den Pfählen, an die die Kähne geschlossen sind, an dem Fischkasten, an dem Netze, das zum Trocknen aufgespannt ist, haften sie.

Sie sehen scheußlich aus mit ihren breiten Krötenköpfen, den dünnen Spinnebeinen und dem plumpen, roh gezackten Leibe.

Ob sie, wenn sie sich an eine Beute heranpirschen, langsam kriechen, oder, wenn der Fischer, der seinen Kahn auf das Land zieht, sie stört, jäh dahinschießen, oder, wie heute, wo es sie aus dem Wasser treibt, sich mit eckigen Bewegungen an den Halmen und Stengeln emporhaspeln, immer wirken sie häßlich und unheimlich, und der Fischer, der sie doch schon von Jugend auf kennt und weiß, was es für Wesen sind, schüttelt sie, als er das trockene Netz abnimmt, mit einer Gebärde des Ekels von seiner Hose.

Die Sonne brütet nur so auf der Bucht; sie ist den Libellennymphen gerade recht. Überall wird ein feines Knistern vernehmbar, bei einer nach der anderen reißt die Hülle, und aus ihr taucht ein nasser, klebriger, glotzäugiger Libellenkopf auf. Das war eine große Anstrengung, und eine Weile ruht das sonderbare Doppelwesen. Dann zerrt es Bein auf Bein aus der Scheide, aber die Mühe war zu groß, und schlaff hängt die halbfertige Libelle mit dem Kopf nach unten. Lange hängt sie so; dann richtet sie sich auf, stemmt die Beine gegen die halbleere Hülle und zieht den Hinterleib heraus, aus seiner Spitze einige grüne Tropfen fallen lassend. Schlaff, feucht und kraftlos, mit Flügeln, so weich, daß sie wie nasse Lappen im Winde flattern, hängt sie auf der leeren Hülle.

Aber die Sonne, der Stern der Libellen, trocknet sie rasch ab und flößt ihrem Leib Festigkeit ein. Luft füllt das Röhrenwerk der schlaffen Flügel; es trennen sich die zusammengeklebten Schwingen, richten sich auf, spreizen sich und breiten sich endlich wagerecht aus. Noch aber hängt der Leib haltlos herab, und noch hat der Hals keine Kraft, so daß der dickäugige Kopf bald auf dieser, bald auf jener Seite hängt, und die Beine entbehren auch noch der Sicherheit. Aber nach einigen Stunden hat sich der Leib gestrafft, sind die Beine vollends erhärtet, hat der Kopf Halt bekommen, und mit gespreizten Flügeln und weit von sich gestrecktem Hinterleibe sitzt das Tier da, sich von der Sonne bescheinen lassend.

Endlich wagt es den ersten Flug. Sehr plump fällt er aus, denn zu wenig gefestigt ist noch der Leib, und die Atmung läßt noch zu wünschen übrig. Manch eine fällt auf das Wasser und bleibt so lange hilflos liegen, bis die Flut sie an das Ufer spült und sie sich mühsam an einem Halme heraushaspelt. Andere sinken in das Ried oder auf den Sand und bleiben dort liegen, bis sie sich kräftig genug für einen neuen Flugversuch fühlen. So schön gefärbt wie die alten Libellen sind sie aber noch nicht. Erst, wenn sie einige Tage zwischen dem Röhricht umhergeflattert sind, sticht bei den Männchen das helle Gelb, bei den Weibchen das lichte Grün scharf von der schwarzen Zeichnung ab, und dann erst ist der Flug sicher und selbstbewußt.

Tag für Tag haben die Nymphen hier in der Bucht das Wasser verlassen; überall an den Halmen und Stengeln hängen die leeren, offenen Hüllen, die einen noch braun und fest, andere schon abgebleicht und von dem Winde zerfetzt, immer aber noch mit den leeren Krallenscheiden die Stengel festhaltend und gespenstig mit den roten Augen in den breiten Köpfen in die Sonne starrend. Neben ihnen, über ihnen, unter ihnen, auf ihnen sitzen frisch aus dem Wasser gekrochene Nymphen, haften eben ausgeschlüpfte, noch weiche und weiße, kraftlose Libellen und andere, die schon erstarkten, und noch welche, die sich vom Fluge ausruhen.

Die ganze Bucht ist erfüllt von den schlanken Tieren. Überall knistert und raschelt es, allerorts schwebt und flattert, blitzt und schimmert es. Es ist ein fortwährendes Hin und Her, ein unaufhörliches Auf und Ab von gelben und grünen, schwarzgemusterten Leibern und silbernen Schwingen. Hunger und Liebe jagt die bunten Tiere hin und her. Die Mücken und Fliegen, die über dem Röhricht schweben, müssen zu Tausenden sterben, denn sie sind heißhungrig, die frisch geschlüpften Wasserjungfern, und ihre Verdauung ist rasch. Und liebestoll sind sie; überall hängen die seltsam verknoteten Pärchen, überall fassen die Männchen die Weibchen und schleifen sie hinter sich her, bis sie mit ihnen auf einem Rohrblatte niedersinken und sie ihnen ganz zu Willen werden.

Andere aber sind der Liebe schon satt; die Männchen jagen auf dem Lande, alle Augenblicke sich setzend, und die Weibchen tanzen über die Flut, ab und zu nieder wippend und ihre Eier ablegend. Hier und da treibt schon eins von ihnen halbtot auf dem Wasser oder flattert hilflos im Ufersande; die Ameisen zerren daran herum, der große, bronzefarbige, goldgezierte Raubkäfer, der unter dem Treibholzblock wohnt, braucht nicht lange zu suchen, wenn er in der Dämmerung auf Jagd geht, und die Spitzmäuse haben gut zu leben.

Auch der rotrückige Würger, der in dem Schlehenbusche unter der Friedhofsmauer brütet, und der schwarzstirnige, der in einer der Fichten gebaut hat, und der Raubwürger, der sein Nest in dem hohen Wildbirnbaum hat, der bei dem Teiche im Felde steht, sind sehr zufrieden, daß es so viele Wasserjungfern gibt; fortwährend kommen sie angeflogen und fliegen wieder ab, ganze Büschel von halbreifen Stücken in den Schnäbeln, und überall im Grase liegen Libellenflügel umher.

Außerdem kommt Tag für Tag der Eisvogel, der in der Steilwand des Fließes, das das überflüssige Wasser des Sees weiterführt, seine Nesthöhle hat, in der Bucht zu Besuch; mit hellem Schrei fährt er über das Wasser hin, das seine märchenhaften Farben widerspiegelt, fällt auf dem Rande des Kahnes ein und streicht, den Schnabel voller Libellen, wieder ab, mit den Leibern seine hungrigen Jungen fütternd, während die silbernen Flügel liegenbleiben und schließlich den Boden der Nesthöhle mit einer dicken Schicht bedecken.

Solange die Sonne scheint, geht es den Wasserjungfern gut. Wenn sich aber der Himmel bezieht, der Regen auf den See prasselt und der Sturm das Röhricht peitscht, dann sind böse Tage für sie da. Zu Hunderten und Tausenden werden sie in die Wellen geworfen und an den Strand gespült, und wenn der Sturm abläßt und die Sonne wieder scheint, glitzert die ganze Uferkante von ihren Flügeln, und dazwischen kriechen mit Algenfäden bedeckt und mit Sand beklebt, unbeholfen die Larven umher, die die Schlagwellen auf das Ufer warfen, den Krähen ein willkommener Fraß. Aber auch die Sonne hat ihre Tücken und der klare Tag seine Gefahren. Zwischen dem Ufergestrüpp und den Halmen des Bandgrases haust die böse Kreuzspinne, und jede Libelle, die gegen die klebrigen Fäden des Spinnennetzes anfliegt, bleibt hängen. Nichts helfen ihr die starken Flügel, die kräftigen Beine und das scharfe Gebiß; trotz ihres Flatterns und Zappelns wickelt die Spinne sie ein und saugt ihr bei lebendigem Leibe den Lebenssaft aus.

Aber immer bleiben noch Tausende von Libellen übrig, die um das Röhricht flattern und das Knistern und Rascheln ihrer Schwingen in das Rauschen des Rohres und das Klatschen der Wellen mischen, bis ihre Zeit vorüber ist.

 

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