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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 44
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Am Strande

Libellula depressa L.

Wo die letzten Häuser der Stadt liegen, da ist der Strand kahl. Das Gänsefingerkraut wuchert dort und schmückt den Sand mit goldenen Blumen, Kriechseggen durchflechten ihn mit ihrem zähen Wurzelwerk, und zwischen ihren harten Blättern rennen allerlei kleine hurtige Käfer.

Ein strenger Schwefelwasserstoffgeruch liegt über dem ganzen Strande, denn der Wellenschlag hat dicke Bänke der zerbrechlichen Armleuchtergewächse auf das Ufer geschoben, und nun fault das Wasserkraut, und sein Schwefelgehalt wird frei.

Ganz langsam und sacht fällt der Strand ab, so daß die Kinder fünfzig Fuß in den See waten können, bis zu dem Abhang, wo die gewaltigen, ganz von weißen Blumen bedeckten Rankenmassen des Wasserhahnenfußes auf den Wellen treiben und die Stelle anzeigen, wo der Abgrund beginnt.

Aber die Kinder waten an dieser Stelle nicht gern in den See, sondern viel lieber mehr nach der Stadt zu, weil dort der klare Sand unter dem Wasser steht; hier aber bedeckt ein butterweicher, graublauer Ton den Seegrund, in den die nackten Füße tief einsinken, und werden sie herausgezogen, dann steigen dicke Blasen aus dem Wasser auf, die nach Jauche riechen.

Weil nun die Kinder hier fast nie umherwaten, wird diese Strecke wenig beunruhigt, und da die lange, silbernleuchtende Bank, die der Wasserhahnenfuß bildet, den Wellenschlag abhält, ist das Wasser hier still. Laichkräuter gedeihen hier, und in dichten Polstern wuchern die Armleuchterpflanzen.

Oberhalb dieser Strecke ist die Stelle, wo das Vieh zu trinken pflegt, wenn es von der Weide kommt; der Wellenschlag führt den aufgelösten Dünger weiter und lagert ihn auf der Tonbank ab. Das ist das beste Futter für die Wasserflöhe, und darum wimmelt es zwischen der Bank aus Wasserhahnenfuß und dem Ufer von ihnen, so daß zu gewissen Stunden das ganze Wasser rötlich aussieht, denn nach Millionen und aber Millionen zählt das winzige Getier.

Alles, was Wasserflöhe frißt und im flachen Wasser leben kann, ist in Menge an dieser Stelle vertreten: kleine braune, gelbgefleckte Schwimmkäfer und ihre Larven, Wasserskorpione, Ruderwanzen, Rückenschwimmer und vor allem Weißfischbrut. In ganzen Schwärmen ziehen die jungen Ukeleis, Plötzen, Rotfedern, Brassen, Güstern und Zährten dahin und fressen und nehmen zu, und eingewühlt im Schlamme liegen die jungen Steinbeißer und Gründlinge und saugen mit jedem Atemzuge die hin- und herhüpfenden Zwergkrebschen ein. Vor dem Raubfischen ist die Fischbrut hier sicher, denn der Wasserhahnenfuß schützt sie und der niedrige Wasserstand.

Andere Feinde aber lauern auf sie, unheimliche Wesen, die zwischen dem Gekraut in den Schlamm eingebettet sind und nur den breiten Kopf mit den großen Glotzaugen herausstecken. Fast zollgroß sind sie, häßlich graugrün, plump gebaut, faul und langsam. Regungslos liegen sie da, nur ab und zu den Kopf nach der Richtung drehend, wo ein Schwarm von winzigen Jungfischen auftaucht. Libellenlarven sind es und böse Räuber. So plump sie sind, sie fassen nie fehl; ihre Schlammfarbe macht sie unsichtbar, so daß die Fischbrut arglos über sie hinwegschwimmt. Hunderte von ihnen liegen hier im Schlamme, die kleinsten nach dem Lande zu, wo das Wasser kaum zollhoch ist, denn sie müssen sich vor den größeren Stücken in acht nehmen.

Es ist warm heute, das Wasser ist lau. Die Krebschen steigen in ganzen Wolken vom Seegrunde, schwimmen dem Strande zu und erfüllen das flache Wasser mit rötlichem Gewimmel, gefolgt von großen Scharen von Jungfischen, die Tausende und Tausende von ihnen verschlucken. Unter ihnen lauern dickköpfig und glotzäugig die Wasserjungfernlarven, regungslos, als wären sie Stücke zusammengeballten Schlammes. Ab und zu schleudert eine die Zange hinaus und zieht sie mit einem Krebschen wieder zurück.

Jetzt aber kommt ein Schwarm Fischbrut angeschwommen. Die vielen Hunderte von Larvenköpfen drehen sich ihm zu, doch der Schwarm zieht zu hoch. Ein zweiter kommt heran, mordet unter den Krebschen und schießt wieder in das hohe Wasser hinein, denn der Schatten einer mit klirrendem Rufe dahinjagenden Seeschwalbe verscheuchte ihn. Nun aber naht, dicht über den Schlammgrund hinziehend, ein dritter Schwarm, und alle Libellenlarvenköpfe drehen sich langsam ihm engegen. Hier wird eine Fangmaske hervorgeschleudert, da auch eine, und dort wieder eine, überall, wo der Fischschwarm erscheint, packen die grimmigen Zangen zu, schnellen mit einem Fischchen zwischen den Widerhaken zurück und langsam und bedächtig zerpflücken die scharfgezähnten Kiefer ihre zappelige Beute.

Aber nicht nur den Fischen stellen sie nach; alles, was sie bewältigen können, fällt ihnen zum Opfer, die flinken, langeschwänzten Larven der Eintagsfliegen, der hurtige Bachflohkrebs, der sich an ihnen vorüberschiebt, die Schwimmkäferlarve, die in den Wirkungskreis ihrer schrecklichen Zangen gerät, und der Wurm, der sich über den Schlamm schlängelt. Aber auch ihnen naht das Verderben. Es schiebt sich ein platter Leib heran, so flach wie ein Blatt, mit Schlamm bedeckt, von dünnen Füßen vorangehaspelt. Die eine Larve, die sich eben gehäutet hat und von der Anstrengung ermattet noch nicht Zeit fand, sich wieder einzuwühlen, fühlt sich von den Fangarmen des Wasserskorpions ergriffen. Ein schrecklicher Schmerz durchzuckt sie und macht sie wehrlos, denn der Rüssel des unheimlichen Geschöpfes, der sich ihr zwischen die Leibesringel schob, spritzte ihr den tödlichen Giftsaft ein und lähmte sie. Regungslos, keiner Bewegung fähig, verharrt sie in ihrer Stellung, während der böse Feind ihr die Lebenssäfte aussaugt.

Wenn aber auch der Wasserskorpion und seine noch schrecklicher aussehende Verwandte, die unheimliche, klapperdürre Stabwanze, und der blitzschnelle Rückenschwimmer manche Larve umbringen, es leben Tausende an den flachen Stellen des Sees auf dem blauen Stinkton, und wenn ihre Zeit gekommen ist, kriechen sie scharenweise an das Ufer, halten sich an den silbernen Blättern des Gänsefingerkrautes, an den Ranken des Vogelknöterichs und an den harten Blättern der Sandsegge fest, bis ihnen die Hülle auf der Brust zerreißt und aus der scheußlichen Larve sich die reizende Wasserjungfer entwickelt, mit den silbernen, kupferrot am Grunde gefleckten Flügeln und dem flachgedrückten, wie ein griechisches Kurzschwert geformten, hellblauen Leibe.

Mögen auch lange schon die Lerchen auf den Feldern und um den See gesungen haben, alle Blumen aufgeblüht sein und viele Falter fliegen, erst dann, wenn die Wasserjungfern knisternd über die Ähren des Roggens fliegen, silbern dahinblitzen und beim Umwenden golden aufleuchtend, dann erst ist die wahre Sommerstimmung da.

 

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