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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 43
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Wasserjungfern
Geschichten von Sommerboten und Sonnenkündern

Sommerboten und Sonnenkünder

Alle Vögel sind zurückgekommen, jeder Baum blüht, und die Wiesen starren von Gold; der Wald ist erfüllt von lustigen Liedern und die Luft gesättigt mit fröhlichem Gesumme; es rennt auf den Wegen und krabbelt an den Stämmen, nagt an den Blättern und bohrt im Holze, flattert über den Blumen und flirrt durch die Halme, und doch ist es, als wenn noch etwas fehle.

Da, wo das Wässerlein sich durch die Wiese schlängelt, von Schaumkraut umblüht, von Lichtnelken eingefaßt, von Hahnenfuß begleitet, fährt ein silberner Blitz über die Blumen hin, verschwindet, fährt zurück, beschreibt einen Kreis, senkt sich und steigt empor, bleibt auf dem Fruchtstern der Dotterblume hängen, wirft silberne Strahlen um sich, verlöscht, blitzt wiederum auf, zieht einen goldenen Ring um den Weidenbusch und jagt jetzt dahin, wo ein gleiches Wesen sein Spiel im Sonnenlichte treibt.

Die ersten Libellen sind es; sie fehlten dem Landschaftsbilde noch. Solange sie nicht da sind, vermißt der Mensch sie kaum, und nicht begrüßt er ihr Erscheinen wie das des ersten gelben Schmetterlings. Aber er würde den Sommer nicht so stark empfinden, wären die schlanken Wasserjungfern nicht da; ohne das Funkeln ihrer schmalen Leiber, das Schimmern ihrer knisternden Flügel wäre der Sommer nicht so schön und so lustig.

Sommer ohne Libellen ist kein Sommer; mißlungen und verpfuscht ist er. Die Wasserjungfern leben nur, wenn die Sonne scheint und die Luft warm ist; dann fühlen sie ihre Kraft, zeigen sie ihre Pracht, treiben sie ihr fröhliches Spiel. Wenn aber graue Wolken am Himmel dahinfegen, der Regen strömt und ein hohler Wind heult, verschwunden sind sie dann, die Sonnentiere; matt hängen sie im Laube, kraftlos kleben sie im Grase, unfähig, die Schwingen zu rühren zum frischen Fluge.

Der Mensch ist undankbar; dem Maikäfer, der ihm als Engerling die Saaten zerstört und als Käfer die Blätter der Bäume zerfrißt, dem wandte er seine Aufmerksamkeit zu. Mit Begeisterung wird der erste, der durch den Garten fliegt, begrüßt, die Kinder jubeln, die Eltern lächeln; es ist, als ob Wunder was für ein herrliches Wesen dahinflöge, und es ist doch nur ein dicker, plumper Käfer, der dahinbrummt. Der Mensch ist dumm; seine Augen werden blank und sein Mund breit, sieht er den ersten Schmetterling fliegen; er bedenkt nicht, daß der lichte Falter einst eine düstere Raupe war, die Schaden über Schaden anrichtete.

Die Libelle aber sieht er kaum, und es fällt ihm nicht ein, sie als Sommerboten und Sonnenkünder zu grüßen. Mag ihr Leib auch in Edelerz und Karfunkelgestein gekleidet sein, mögen ihre Flügel auch schimmern, als wären sie aus Tautropfen und Sonnenschein gewebt, ist ihr Flug auch herrlicher als der der Schwalben und vornehmer als der der Falter, er denkt nicht daran, ihr mit bewundernden Augen nachzusehen, und wenn sie sich auch dicht vor ihm niedersetzt, achtlos geht er vorbei, ohne ihren seltsamen Bau zu betrachten und sich ihrer wunderbaren Farben zu freuen.

Sie sind für ihn nicht da, wie die Sonne für die Augen der Kröte und der Büchsenschuß für das Ohr der Fledermaus; sie sind zu schnell für seine Blicke, zu fein und zu leicht, als daß er, der mit den Füßen auf der Erde haftet und nichts begreift als das, was er mit Händen fassen, mit Fingern fühlen kann, Obacht auf sie geben könnte. Vom Maikäfer weiß er, daß der erst ein feister Engerling war, und von dem Schmetterling, daß er als eklige Raupe ein Kohlblatt zerfraß, und deswegen ist er ihnen dankbar und widmet ihnen seine Aufmerksamkeit. Denn man kann doch klug und weise ein langes und breites darüber reden und tiefsinnige Vergleiche von dem Wurm, so an der Erde kriecht, und aus dem doch ein lichter Falter wird, mit dem Leibe und der Seele des Menschen anstellen, und das macht sich in Vers und Prosa ausgezeichnet und ist bei allen Völkern ein beliebtes Thema aller flachen Poeten gewesen.

Wenn aber ein Tier ganz und gar Poesie ist, als ein Wesen sich darstellt, scheinbar völlig unirdischer Art, wie aus Sonnenschein und Wellenfunkel entstanden, schnell wie ein Gedanke und flüchtiger denn ein Traum, dann versagt der Mensch; er weiß nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen; er kann keine gelehrten Gespräche darüber führen, und mit ihrer Verwendung zu symbolischen Vergleichen hapert es erst recht, und so sind sie ihm halb unheimlich, halb gleichgültig, er sieht darüber hinweg, und wenn er ihnen Namen zulegt, dann sind sie dummer Art und aus Verlegenheit, Unwissenheit und Aberglauben entstanden.

Einst, als das deutsche Naturempfinden noch nicht mit asiatisch-romantischer Brühe übergossen war, als wir noch mit klaren Kinderaugen über das blühende Land sahen, da galten die schönen Tiere als Friggas, der Sommergöttin, Vorboten. Vielleicht, daß man ihnen gerade darum Ekelnamen, Überworte gab, denn alles, was unseren Urahnen hold und heilig war, wurde durch den Kot gezerrt und in den Schlamm getreten; aus lichten Göttinnen wurden düstere Hexen, aus lieben Elfen und guten Wichtlein unholde Nachtmare und böse Kobolde, und wo einstmals eine Stätte war, wo die Weidebauern den Überirdischen für ihr Walten dankten, daraus wurde ein Platz, wo der Teufel sein Wesen trieb.

So wurden auch die leiblichen Wasserjungfern zu Teufelsbolzen und Satansnadeln umgedeutet, gleich als ginge Unheil vor ihnen her und folge Leid, wo sie fliegen. Man weiß kaum, daß sie vielerlei Geschmeiß vertilgen, das Mensch und Vieh plagt, und gibt sich nicht die Mühe, sie näher zu betrachten und an ihrer Pracht sich ebenso zu ergötzen wie an der Schönheit der Blumen und an den Farben der Falter. Wenn auch ihre Leiber glühen wie die Morgenröte oder blitzen wie die von Abendrot beschienene Welle, wenn auf ihren Flügeln auch alle Farben spielen, die das Sonnenlicht in sich birgt, des Menschen Augen gehen so gleichgültig über die Sommerbringer und Sonnenboten hin wie über die schwarzen Schnecken auf dem Wege.

Die grauen Krähen, die dem Winter voranfliegen, und die schwarzen Turmschwalben, die hinter dem Frühling herfahren, würdigt er seiner Aufmerksamkeit; den silbernen Sonnenvögeln, die ihm goldene Tage verkünden, schenkt er keinen Blick. Aber würden sie nicht da sein, dann würde er sie doch wohl vermissen, öde würde ihm der Strand erscheinen, langweilig das Röhricht, verlassen die Schilfbucht; der blumenumhegte Wiesenbach dünkte ihm lange nicht so reizvoll und weniger schön der stille Teich, ohne rechtes Leben die sonnige Waldstraße und tot die blühende Heide. Er sieht sie nicht und erblickt sie doch, er hört nicht darauf hin und nimmt sie doch wahr, sein Verstand weiß nichts von ihnen, aber sein Gemüt nimmt doch etwas mit von den silbernen Sonnentieren, den zierlichen Libellen.

Hat er aber Augen im Kopfe, Schönheit zu sehen, so wird er ihnen erst verloren nachblicken, bis ihm die Mannigfaltigkeit ihrer Formen und der Reichtum ihrer Farben zum Bewußtsein kommt; er wird sie unterscheiden lernen, wird die beiden Gruppen trennen, die wilden Flieger und die schüchternen Flatterer, wird Art von Art trennen können, ihre wunderlichen Liebesspiele beobachten und über die Gewandtheit erstaunen, mit der sie in der der Edelfalken und Schwalben, einzig unter den Kerfen, ihre Beute im Fluge haschen; wird ihrem Vorleben nachspüren, das sie, bevor sie am Sonnenlichte sich freuten, auf dem Grunde der Gewässer führten, die wichtige Rolle erkennen, die sie im großen Haushalte der Natur spielen, sie schmerzlich vermissen, ist ihre Zeit um, und sich freuen, weist ihm ein sonniger Maientag die erste Wasserjungfer.

 

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