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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 42
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die Waldschnepfe

Warme, weiche Winde wehten von Süden und weckten den Wald. Am Grenzgraben glühte des Huflattichs Blüte auf, aus dem Vorjahrslaube sprossen die Simsen, Leberblümchen, Scharbockskraut und Windröschen machten den Boden bunt.

Nicht allein ist es mehr Häher und Specht, Bussard und Krähe, die im Walde allein das Wort haben. Die Amsel singt, und der Fink schlägt, Rotkehlchen und Braunelle zwitschern, vom Hornzacken der Eiche ruft der Ringeltauber, und über den kahlen Kronen kichert der Turmfalke.

Gelbe Falter und sammetbraune, mit bunten Augenflecken, taumeln um die grauen Stämme, die Blindschleiche sonnt sich auf weichem Moose, die Eidechse raschelt durch das dürre Gras, und in allen Tümpeln murren die braunen Frösche. Oben in den Kronen halten die Bergfinken, die Rohrdrosseln und die Kramtsvögel Abschiedsversammlung ab.

Wenn die Dämmerung in den Wald fällt, überall die Mäuse rascheln, nur noch eine Amsel singt, das letzte Rotkehlchen verstummt und der Waldkauz sein Höllenglächter erhebt, dann löst sich unter dem Weißdornbusche im hohen Holze klatschend ein schwarzer Schatten aus dem Laube, schwenkt gerade zwischen den Stämmen hindurch, rudert mit hastigen Flügelschlägen am Rande der Blöße hin, steigt über die blühenden Espen, senkt sich bis auf das kahle Birkengebüsch und taucht im Dunkel unter.

Auf der breiten Schneise erscheint er wieder, der nächtliche Vogel. Eben noch war sein Flug hastig und unstet, jetzt wird er eulenhaft langsam und ruhig. Und jetzt erschallt irgendwo ein merkwürdiger, sonderbarer Ton, ein tiefes, weithin hörbares Quarren, dumpf und hohl, und er ist überall zu gleicher Zeit und doch nirgendswo, es scheint, als ob es vom Boden komme, aber es hört sich auch wieder an, als klänge es hoch aus der Luft herab, ein unheimlicher, gespenstischer, unirdischer und dabei doch so warmer, gemütlicher und kosender Ton.

Zwei Schatten zickzacken jetzt über die Büsche dahin. Hastig geht die wilde Jagd hoch über Gipfel und Wipfel, den Fahrweg entlang, in die Schneise hinein, jetzt dicht über die blumige Blöße, nun hoch über die kahlen Äste, ein scharfes, zischendes Geschrille erklingt, gefolgt von dem tiefen, dumpfen, hohlen Quarren, drei Schatten sind es nun, zwei davon stechen sich mit langen Schnäbeln, bis der eine Schatten abschwenkt und im Dickicht versinkt. Die beiden anderen aber jagen noch im gespenstigem Minnespiel über Busch und Baum und fallen schließlich in dem quelligen Grunde ein.

Jäh stiebt die rote Waldmaus, die an einer keimenden Eichel nagte, davon, wie die beiden Schatten in das Moos fallen. Und sie wagt sich nicht wieder aus ihrem Loche, die Maus, denn es erhebt sich jetzt ein lautes Rascheln und ein wildes Rumoren, ein seltsames Pfeifen und ein sonderbares Wispern. Hin und her rennt, tief geduckt, lockend und pfeifend das eine Ding, und hinter ihm her trippelt das andere, den langen Schnabel an die Brust gepreßt, den Hals aufgeblasen, die Flügel gespreizt, die Stoßfedern hoch aufgerichtet und weit gefächert, daß die Silberspitzen der Unterseite leuchten und schimmern, und es pfeift durchdringend, und es zischt schrill, dürre Halme knistern, welkes Laub rauscht, schneller wird das Getrippel, schriller das Gewisper, bis es unter lautem Flügelschlagen endigt.

Auf den quelligen Grund fällt das Licht des Mondes. Zwischen den glitzernden Blättern von Aronstab und Scharbockskraut huschen die beiden Schatten umher, eifrig mit den langen Schnäbeln im nassen Moose umherstochernd, Ab und zu bleibt das eine stehen, bohrt den Schnabel tief in den weichen Grund, versetzt schnell trampelnd den Boden in Erschütterung, schüttelt heftig den dicken Kopf, dann fährt der Schnabel hastig aus der Erde und faßt den Regenwurm, der, geängstigt von der Erschütterung des Bodens, aus seiner Röhre kroch. So treiben es die beiden Vögel die ganze Nacht. Wenn der eine sein Gefieder erhebt und einer anderen quelligen Stelle zustreicht, um dort weiter zu wurmen, so streicht der andere stumm hinterdrein.

Die Dunkelheit zerfließt zu grauer Dämmerung, der Mond verliert sein Licht, und die Blumen tauchen aus dem Dunkel auf, laut flucht der Kauz dem Tag, und die Frösche murren über das Kommen der Sonne; da heben die Schnepfen wieder ihren Minneflug an. Im Zickzack geht es um die Büsche, in geradem Striche die Wege entlang, im Bogen um die Überhälter und im Schwünge unter den Eichenwipfeln am Rande der Rodung her, scharf ertönt wieder das dünne Schrillen, hohl das dumpfe Quarren, und dort, wo der fröhlich knospende Weißdornbusch und die voll begrünte Traubenkirsche ein dichtes Verhau bilden, fällt das Pärchen wieder ein, trippelt im Laube umher, rennt durch die Blumen, wispert und schrillt, zischt und faucht, und mit Federgeraschel und Fittichgeflatter endet das seltsame Minnespiel.

Von der großen Wiese rufen die Kraniche. Die Amsel singt, und der Tauber ruft, die Krähe quarrt, und der Specht trommelt, die Buchestämme lohen rot auf in der Sonne, und wie Smaragden funkelt es am Weißdornbusche. Die Tiere des Tage rühren sich allerorten; es singt und klingt aus jedem Winkel und rispelt und krispelt in allen Grasbüschen. Schon blitzen Fliegen dahin, ein Käfer brummt durch das Gestrüpp, Spitzmäuse jagen sich am Graben. Die beiden nächtlichen Vögel aber sind spurlos verschwunden.

Das Rotkehlchen, das hochbeinig und krummnackig unter den Weißdornbusch schlüpft, um Würmchen und Käferchen zu suchen, fährt zusammen. Das schwarze, runde Ding da, so groß wie eine Heidelbeere und ebenso schlank, bewegte sich plötzlich. Erschreckt flattert das Vögelchen davon. Das runde, schwarze, blanke Ding aber ist verschwunden. Jetzt ist es wieder da, und nun ist es abermals fort. Und jetzt hat es sich verdoppelt, denn die Schnepfe drehte den Kopf und stocherte mit dem Schnabel nach den Federläusen, die sie unter dem Flügel quälen. Sie spreizt den Flügel, legt sich auf die Seite, kratzt sich mit den Zehen, stochert mit dem Schnabel hier und da im Gefieder herum, reckt sich, fächert den Schwanz, faltet ihn zusammen, verdreht den Hals auf seltsame Art, schnurrt und faucht in der warmen Sonne, scharrt sich ihren Lagerplatz etwas bequemer, tut sich wieder nieder und verschmilzt mit dem braunen, von der Sonne bunt gefleckten und von den gelben Grashalmen gemusterten toten Laube so vollständig, daß das Reh, das aufmerksam dorthin äugt, wo es eben noch so laut raschelte, vertraut weiterzieht, weil es nichts Lebendes gewahr wird unter den Zweigen des Dornbusches.

Eine Viertelstunde vergeht. Ein Hase ist vorbeigehoppelt, ein Eichkätzchen kam dahergerannt, noch ein Reh zog vorüber, da stiebt die Amsel, die mit viel Getöse im Laube nach Schnecken suchte, laut schimpfend ab. Aus dem Graben steigt der Fuchs hervor, so langsam, so leise, daß er kein Blatt rührt, keinen Halm knickt. Die schwarze, spitze Nase schnuppert hin und her, die Gehöre spielen nach allen Richtungen, blitzschnell gehen die bernsteingelben Seher umher. Er ist seiner Sache nicht ganz sicher. Deshalb schnürt er ein Stückchen am Graben herunter und prüft schnuppernd die Luft und schnürt wieder zurück und nimmt wieder Witterung. Und dann äugt er unverwandt nach dem Dornbusche. Seine Seher funkeln, die weiße Blume am Ende der buschigen Lunte zuckt leise, aus den schwarzen Lefzen quellen silberne Geschmacksfäden hervor und tropfen auf den Boden. Jetzt macht er sich ganz niedrig, setzt einen Lauf voran, zieht den anderen nach, schiebt den Leib vorwärts, daß das rechte Schulterblatt den Balg straff spannt, die Gehöre legen sich zurück, die Seher schließen sich, und dann macht der Fuchs einen jähen Satz und äugt verdutzt und dumm der Schnepfe nach, die mit quäkendem Angstlaut und lautem Flügelklatschen an der anderen Seite des Dornbusches herausfährt und eilig zwischen den Stämmen fortzickzackt.

Es geht ihr noch öfter so oder ähnlich, der Schnepfe. War es gestern der Fuchs, so ist es heute der Hund. Mit der Nase stand er über ihr und hinter ihm der Förster. »Faß!« rief er, und der Hund sprang ein. Klappernd stand die Schnepfe auf, schlug einen Haken und noch einen, da ging sie hin, und über sie fort pfiffen die Schrote. Am anderen Tag dieselbe Geschichte und am dritten noch einmal. Da wurde es ihr ungemütlich, und als der Abend in den Wald kam, nahm sie sich auf und verließ das ungastliche Holz; so eilig hatte sie es, daß sie nicht daran dachte, ihren Genossen Kunde von ihrem Fluge zu geben, und so gewahrte der Förster, der sich auf Schnepfen angestellt hatte, sie erst, als sie schon an ihm vorüber war, und der Schnappschuß, den er ihr nachwarf, riß nur einen blühenden Espenzweig herunter; der Schnepfe aber tat er kein Leid an.

Die ruderte hastig und ungestüm über die Wiesen, kreiste über einem feuchten Wäldchen, aber als es auch dort blitzte und krachte, strich sie weiter und kam spät in der Nacht in einem großen Walde an. Als sie den im Morgengrauen durchstrich, fand sie, daß er sich gut für sie eigne. Es war ein wilder, wenig durchfortsteter Wald mit viel Unterwuchs, Dorngebüsch, jungen Fichten und wildem Farngestrüpp. An feuchten, quelligen Stellen fehlte es nicht, und die vielen Kuhfladen bewiesen, daß hier noch Weidenvieh ging, daß es also niemals an Regenwürmern, Fliegenmaden und Mistkäfern fehlen würde. So war alles da, was die Schnepfe brauchte, und sie ließ es sich hier gefallen, wurmte sich abends und morgens dick und satt und verschlief den Tag unter dichtem, dürrem Farnkraut, dessen raschelnde Blätter das Nahen jedes Feindes ankündigten, oder unter einem Dornbusche, einer breitästigen Jungfichte oder zwischen Brombeerranken, und Fuchs und Marder, die sie witterten, mußten so abziehen, wie sie gekommen waren.

Im April, als das Unterholz schon dicht begrünt war und der ganze Boden von Blumen prangte, suchte sie sich an einer trockenen, warmen Stelle, an der von der Holzabfuhr viel dürres Gezweig liegen geblieben war und rechts und links die Ranken der Brombeerbüsche Fußangeln legten, die Fuchs und Marder gern vermeiden, eine kleine Bodenvertiefung, die sie ein wenig tiefer scharrte und ein bißchen mit dürren Grasblättern versah. Da saß sie drei Wochen lang auf den vier großen bunten Eiern, die dem faulen Laube so sehr glichen, daß noch nicht einmal der Eichelhäher sie entdeckte. Und sie selber, die Schnepfe, vertraute ihrem waldbodenfarbigen Gefieder so sehr, daß sie, als eines Vormittags der Habicht dicht über ihr aufhakte, ruhig liegen blieb und wartete, bis der Strauchdieb abstrich.

Eines Tages schlüpfte das erste Junge aus; ein nasses, kleines, gestreiftes, wolliges Ding schälte sich aus den Eitrümmern heraus. Sorgsam half sie ihm dabei und nahm es, als es trocken war, unter die Flügel. Bald drängten sich vier solche kleine wollige Dinger an ihre Brust, und als die Schatten der Bäume länger wurden, verließ sie mit ihnen das Nest und führte sie in das Erlenbruch, wo das Gewirr von lebendem und totem Gekraut und die halbfaulen und dürren Zweige den Boden dicht bedeckten. Dort zeigte sie ihnen, wie man die Schnecke aus dem Moose und die Raupe aus dem Laube zieht, sie gab ihnen an, wie man die trockenen Kuhfladen durchbohren muß, um die weißen Fliegenmaden und die schwarzen Käfer zu finden, und brachte es ihnen bei, den Stecher in die Erde zu stecken und ihn zu rütteln und tüchtig dabei mit den Ständern zu trampeln, bis es dem Regenwurm da unten ungemütlich wird und er sich nach oben schlängelt. Dann muß man schnell zufassen, den Kopf nach hinten werfen, den Wurm in die Luft schleudern, den Schnabel öffnen, so daß der Wurm gleich hinten in den Schlund fällt. Aber niemals darf man dabei verpassen, aufmerksam hinter und neben sich zu äugen, denn nicht umsonst hat die Schnepfe ihre Augen so hoch oben am Kopfe und so tief nach dem Nacken hin, und wenn sie wurmt und den Stecher im Erdboden hat, wären nach vorne stehende Augen ganz wertlos für sie, denn ihre Nahrung sucht sie nicht mit den Augen, dafür hat sie die feineren Tastnerven in der weichen Schnabelspitze, die sie, wie eine Zange, unter dem Laube auf- und zuklappen kann.

An einem schönen Nachmittage war die alte Schnepfe in großer Not. Sie hatte schon längere Zeit an dem Knacken und Brechen und an dem Brüllen des Viehes vernommen, daß die Hütejungen näher herantrieben; sie hatte sich nichts Arges dabei gedacht. Mit einem Male hörte sie es aber dicht bei sich brechen und knacken, sie hörte ein lautes, hastiges Hecheln, ein Pfeifen und Rufen, und da stand der Hund dicht bei ihr und ihren Kleinen, und die Hütejungen liefen hinzu, um zu sehen, was es da gäbe. Nun galt es, erst den Hund fortzulocken; die dummen Buben waren nicht so gefährlich. Ungeschickt flatterte sie vor dem Hunde hin, ab und zu laufend, dann wieder emporflatternd und herunterfallend, als hätte sie einen lahmen Flügel. Ängstlich rief sie dabei laut »dak, dak«. Der dumme Köter fiel auch darauf hinein. Er kümmerte sich nicht um die Kleinen und sprang auf die Alte zu. Wenn er dachte, er hätte sie schon, flatterte sie fort, und so lockte sie ihn immer weiter, und die beiden Hütejungen, die mit ihren Peitschen nach ihr schlugen, auch immer weiter, aus dem Erlenbruche heraus durch das hohe Holz, bis vor den Tannenkamp, und da erhob sie sich, strich erst den Fahrweg entlang und langte auf Umwegen bei ihren Kleinen an, die sich tief unter das Gestrüpp gedrückt hatten, eins hier, eins da und die andern wieder anderswo. Als sie diese zusammengelockt hatte, führte sie sie aus dem Erlenbruche in die Fichtendickung, wo sie vor dem Hunde und den Jungen sicher waren.

Als der Sommer auf der Höhe war, konnten die Jungen fliegen, und an dumpfen, lauen Abenden strichen sie über die Blößen und Gestelle und pfiffen und quarrten mit den Alten um die Wette. Das dauerte aber nur eine kurze Zeit, dann verteilten sie sich und strichen nach anderen Wäldern. Die Alte aber blieb in ihrem Brutwalde bis zum Herbste hinein. Da bekam sie Gesellschaft. In einer Nacht langten die ersten Schnepfen aus dem Norden an, und jede Nacht kamen neue, und wenn die einen weiterstrichen, trafen andere ein, und es war die Nacht über ein eifriges Wurmen und Bohren an allen Pfützen und Wegeslachen und überall, wo Untermast im Boden steckte.

Eines Tages, als der Wind scharf wehte, gefiel es der Schnepfe nicht mehr in ihrem Walde, und abends erhob sie sich und strich so weit, wie sie konnte, und das tat sie jede Nacht, bis sie an das große Wasser kam, an dessen Ufer Palmen und Zitronen stehen. Aber auch dort gefiel es ihr nicht; sie sehnte sich nach einem großen Sumpfsee, in dessen Röhricht Elefanten und Nilpferde leben, und an dessen Ufern bunte, kreischende Vögel in den Palmen umherturnen, und so faßte sie Mut und flog des Nachts bis zu der anderen Küste und die nächste Nacht noch weiter, über den gelben Sand, unter dessen trockenen Dornbüschen sie den Tag verlebte, und endlich langte sie an dem großen See an, wo goldgrüne Mistkäfer, so dick wie ein Schnepfenkopf, in der Losung der Elefanten wühlten und der Schlamm von fetten Larven wimmelte.

Das war das große Stelldichein der Waldschnepfen. Da kamen die Deutschen zusammen und die Norweger, die aus Finnland und die vom Ural, die Schnepfen der Tatra und die aus dem Donaulande, und dort lebte man herrlich und in Freuden, bis der Frühling im Norden einzog und jede Schnepfe dahin zurückrief, wo sie aus dem Ei gefallen war.

 


 

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