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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 41
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Bruchwald

Die Kornweihe

Meilenlang zieht sich das Bruch unter der hohen Geest hin, auf der ein dunkler Wald bollwerkt. Einst war es dort überall naß, so daß die Kuhhirten, die vom Frühlinge bis in den Herbst mit ihrem Weidevieh fort blieben, sich hohe Wurten aufwerfen mußten, damit sie in ihren Hütten nicht nasse Füße bekamen.

Damals brütete die Dommel hier noch und der Uhu, der im wildesten Porstgestrüppe zwischen den Wurzelgeschossen einer vom Winde geworfen morschen Erle seinen Horst hatte und seinen Jungen alles zutrug, was es im Bruche gab: den Hasen und das frischgesetzte Kitz, die Eichkatze und das Wiesel, die Birkhenne und die Mutterente, den Brachvogel und die Krähe, die Kreuzotter und die Natter, den Hecht und den Aal. Acht Kranichpaare lebten hier und erfüllten morgens das Bruch mit Fanfarengeschmetter, der Schreiadler jagte Maus und Frosch, und der Wanderfalke schlug die Krähe und die Taube. Nach Hunderten zählten die Goldregenpfeifer des Bruches und nach Tausenden die Bekassinen, und abends klang die ganze Luft von Schwirren und Klingeln der Enten.

Es ist aber anders hier geworden. Die Eisenbahn erschloß das stille Heidland. Der Kreis bewilligte den Kanal, der das Wasser aus dem Bruche dem Flusse zuführte, und wenn die Bauern heute zur Kirche wollen, so brauchen sie nicht mehr mit langen Stiefeln zu Pferde sitzen, damit ihre Strümpfe trocken bleiben, denn quer durch das Bruch führt jetzt eine hohe Straße mit festem Damm aus Findlingen und nicht mehr ein Knüppeldamm, wie früher, der nur im trockenen Sommer nicht unter Wasser stand. Rund um den Rand des Bruches verschwand ein Stück Ödland nach dem anderen; die Bauern rodeten die Porstbüsche, zäunten ein Stück Urland ein, ließen düngen und ihr Vieh dort weiden, halfen mit dem Spaten nach, wo ein Wasserloch war, fuhren Kalk hinauf, legten Abzugsgräben, Stauwerke und Dämme an, und das Bruch entwässerte sich und ward zur Wiese.

Da wurde es dem Uhu unheimlich, und er verschwand. Ihm nach folgte der Schreiadler, und als die alten Kiefern fielen, kam der Wanderfalke nicht wieder, und auch der Kolkrabe horstet irgendwo anders, wo er Ruhe vor dem Menschen hat. Von den acht Kranichpaaren ist noch eins übriggeblieben, der Schwarzstorch läßt sich nur noch selten blicken, die Rohrdommel nur zur Zugzeit, die Blauracken blieben aus, als die alten Eichen fielen, der Wiedehopf nahm ab, von den vielen Goldregenpfeifern bleiben zwei Paare übrig, und die Bekassinen schwärmen nun nicht mehr so dicht wie die Bienen.

An buntem Leben mangelt es trotzdem nicht. Krähen sind reichlich da, bei dem Anbauernhofe brüten Elstern, der Storch kommt jeden Tag zu Besuch, an Enten fehlt es nicht, in den moorigen Wäldern brüten die Waldschnepfen, auf den Wacholderbüschen hält der Raubwürger Wacht, an den Gräben und Flüßchen fischt der Reiher, über die Wiesen schwebt die Mooreule, Stare kommen in Haufen, in dem Walddickicht locken die Dompfaffen, und zahllos ist das Kleinvogelvolk, das die Büsche und Horste und das Röhricht und die Wiesen belebt. Da sind Bruchweißkehlchen und Schwirrfänger, Rohrammern und Pieper, Heidlerche und Goldammer, Meisen von allerlei Arten, Goldhähnchen, Zaunkönig und Laubvogel, Fink und Hänfling, Singdrossel und Amsel, Grasmücke und Kuhstelze, Schwalben und Segler jagen hier, und im Mai läutet überall der Kuckuck. An Fröschen und Mooreidechsen, Mäusen und Kerbtieren aller Art ist Überfluß.

Sind auch die großen Räuber verschwunden, der Räuber zweiter Stärke sind genug da. Der Turmfalke streicht oft bis hierher, von Mäusebussarden und Wespenbussarden brüten mehrere Paare, ein Lerchenfalkenpaar hat sich gehalten, der Sperber ist nicht selten, ab und zu läßt sich der Waldkauz hören, die Waldohreule ist reichlich da, ebenso die Mooreule, und die Rohrweihe, einst häufig hier, blieb in einem Paare. Sie alle zusammen aber geben dem Bruche nicht so viel Reiz wie die Kornweihen. Sie schweben über die grünen Wiesen, wehen vor den dunklen Wäldern her, tauchen über dem fahlen Bruche auf und schwenken sich über das braune Moor. Sie zerreißen den Chorgesang der Kleinvögel mit gellendem Rufe und beleben die Luft mit dem Getaumel ihres Balzspieles.

Der Jagdpächter ist ein verständiger Mann; er läßt sie gewähren. Er weiß, daß sie ihre Kröpfe mit den Eiern von Lerche und Pieper, Ammer und Rohrsänger füllen, daß sie die Jungente schlagen und das Feldhuhngesperre vermindern, er lockt sie, sitzt er bei der Balzjagd im Schirm, oder steht er auf dem Anstand im dichten Wacholderbusch, oft mit dem Mäusepfiff so nahe vor sich, daß er die gelben Augen in dem Eulengesicht erkennen kann, aber es fällt ihm nicht ein, den Drückefinger auf die krumm zu machen. Ist er auch kein kunstverständiger Mann, der klugrechnende Kaufmann hat ein Herz im Leibe und Augen, die sich an allem, was schön und edel ist, erfreuen, und so gönnt er dem letzten Habichtspaare den Fasan, dem Kolkraben den Junghasen und den Weihen das, was sie brauchen, denn es ist genug im Bruche für sie wie für ihn.

Er möchte ihn nicht missen, den bläulichweißen Vogel, der jetzt im stetigen Fluge über die goldrot blühenden Porstbüsche zieht, nun über die Wiesen schaukelt, sich im Kreise dreht, bis auf den Boden schwebt, sich wieder aufnimmt und umwendet, um mit langsamen Fittichschlägen jetzt das Buschwerk am Staugraben zu übersteigen und nun ohne Flügelschlag über das grüne Wiesenland dahinzuschweben und vom brauen Moore sich abzuheben wie eine lichte Erinnerung in einer dunklen Stunde, und der jetzt verschwindet wie ein fallender Stern in der Nacht. Zu viel schöne Erinnerungen an einsame Weidmannsstunden verknüpfen sich dem Manne beim Anblick des gefiederten Räubers, Stunden, in denen er vergaß, daß es ein Hauptbuch gibt und eine Konkurrenz, gegen die er sich wehren muß Tag für Tag. Dicht vor seinem Verstecke her wiegt sich ein bräunliches Weihenweibchen über den Boden hin, so nahe an ihm vorbeiwehend, daß er jeden lichten Federdaun der Schwingen, jede dunkle Federmitte des Bauches erkennen kann. Jetzt wendet es, beschreibt einen Kreis, dreht sich in einer Schraube bis auf das Torfmoospolster, krallt einen Moorfrosch auf und sinkt mit der Beute hinter die Porstbüsche.

Dann kommt von dort, wo es verschwand, ein halblauter Katzenschrei und findet Antwort in einem harten Gemecker aus hoher Luft. Da schwebt das lichte Männchen, zieht weite Kreise, anmutig die Schwingen haltend, wirft sich steil empor und fällt in einer Zickzacklinie dahin, wo das Weibchen harrt, es mit sich in die Höhe nehmend. Dort schwimmen sie beide ohne Flügelschlag, silbern der eine im Frühsonnenschein, golden der andere, zwei Kreise beschreibend, die sich bald schneiden, bald ausschließen, dann und wann meckernd, hell und hart das eine, dumpfer und weicher das andere, bis das Männchen sich wieder in die Tiefe wirft und, in edlem Bogen aufsteigend, abermals hinabfällt, gellend dabei seine Stimme ertönen lassend.

Unbekümmert um das Spiel des Weihenpaares balzt unter ihm ein Birkhahn. Ohne auf sie zu achten, fällt ein Erpel in dem Graben ein und schnattert zwischen dem Gekräut umher. Die Krähe, die sonst selbst den Bussard belästigt, tut so, als gingen sie die beiden nichts an, und ruhig steht in der Wiese der Kiebitz. Die Rohrammer bleibt auf dem Weidenbusche sitzen und singt weiter, auf dem grauen Gebälke des Wehres hüpft der Zaunkönig umher, die Bachstelze trippelt auf dem Damme herum, und die Bekassine lockt unverdrossen weiter. Solange die Sonne hoch und die Luft klar ist, braucht der die Weihe nicht zu fürchten, der helle Augen und flinke Flügel hat, oder rechtzeitig sein Schlupfloch im Damme oder des Porstbusches Gewirr zu erreichen weiß. Und jetzt, wo die Weihen beim wilden, lauten Liebesspiele sind, da weiß jeder Vogel im Bruche, daß sie dann so ungefährlich sind wie die Ammer auf dem Weidenbusche und der Zaunkönig auf dem Balkenwerke.

Wenn aber der Birkhahn sein Abendbalzlied anstimmt, wenn die Mooreule ihren Raubflug beginnt, der Bock aus der Dickung tritt und der Fuchs den Damm entlangschleicht, wenn die Nebel die Porstbüsche umquellen, dann wird aus dem lichten Gaukler der bleiche Mörder. Mit leisem Eulenfluge schwebt er dicht über dem Boden, und seine gelben Augen erspähen das Mäuschen im Grase, den Pieper im Moose, die Lerche im Heidkraute. Die langen, gelben Füße sind blitzschnell, die Zehen todsicher, die Krallen dolchspitz, sie greifen niemals vorbei, und was sie fassen, das halten sie fest. Und alles ist ihnen recht, was da lebt und webt, ganz gleich, ob es Federn oder Haar, Schuppe oder Schild, nackte Haut oder Panzer trägt. Die Lerche auf dem Neste muß sterben, und ihre Eier wandern heil und ganz hinein in den Schlund, zu dem Schwimmkäfer, der auf dem Seerosenblatte zum Fluge die Schwingen reckte, zu der Spitzmaus, die über den Fußsteig huschte, zu der Blindschleiche, die im Moose kroch, zu der Grille, die ihr Liedchen fiedelte. Es ist eine böse Zeit, die Stunde nach dem Verschwinden der Sonne, und erst, wenn der Himmel dunkel und das Bruch hell vom Nebel wird, haben die kleinen Tiere vor der Weihe Frieden.

Wenn aber die Sonne über die Geest steigt und dem dunklen Walde Gold in die Locken streut, für die Birkhähne die stille Stunde und für die Bekassinen die Schlafenszeit kommt, wenn die Krähe quarrend durch den Nebel rudert und der Schwarzspecht sein Höllenlachen loßläßt, die Kraniche ihr Trompetenduett beginnen und der Brachvogel dazu die Flöte spielt und die Mooreule zum letzten Male sich meckernd aus der Höhe wirft, dann ist der bleiche Mordvogel wieder da und langt die Lerche aus der taufeuchten Heide und den Moorfrosch vom nassen Moospolster, knickt den Pieper und würgt die Wühlmaus, bis die Sonne den Nebel verjagt und das Moos mit Diamanten und die Birken mit Smaragden bestreut und aus dem bleichen Mörder wieder den lichten Gaukler macht, der mit weichem Liebesfluge und hartem Schrei dem Bruche wunderbare Reize verleiht. Dann spielen hier über der Wiese und dort an dem Bache und da über dem Porste und drüben vor dem Walde die Paare in der Luft, silbern das Männchen, goldig das Weibchen, und der Mensch, der Augen hat zu sehen, dem lacht das Herz im Leibe, und er weiß, daß den Begriff vom nützlichen und schädlichen Vogel ein Mann erfunden hat, der statt Blut Wasser in den Adern hatte und statt der Augen ein Paar Brillengläser im Gesichte.

Es ist ja unglaublich viel an Kleingetier, das ein Weihenpaar umbringt, und hat es erst für seine Brut zu sorgen, so schleppt es Unmassen von Jungvögeln nach dem struppigen Horste im Wirrwar der Porstbüsche, und den gierhalsigen Jungen speit es im Laufe des Vorsommers Hunderte von Vogeleiern vor. Aber das Bruch wimmelt jahraus, jahrein von Vögeln, obzwar mehr als zwanzig Weihenpaare jeden Tag dort jagen, und die Feldhühner nehmen von Sommer zu Sommer zu.

Die Welt ist so arm geworden an schönem und großem Raubgeflügel, aber immer noch gibt es Gemütskrüppel, denen die Welt noch viel zu bunt ist, und damit sie bald langweilig und öde werde wie sie selber, sagen und schreiben sie unentwegt von der Schädlichkeit der Weihe und finden immer noch Narren, die es ihnen glauben.

Wer aber rotes Blut im Leibe und blanke Augen im Kopfe hat, der gönnt der Weihe die Lerche und die Ammer, das Feldhühnchen und den Junghasen, denn davon gibt es mehr als genug.

 

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